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Immobilienprojekt "The World": Schlechtes Wetter soll Touristen nach Dubai locken

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"The World" gilt als aberwitziges Immobilienprojekt. Doch seit dem Immobilien-Crash will niemand auf der künstlichen Inselwelt vor Dubai siedeln. Ein Österreicher plant dort jetzt Themenparks: mit Fachwerkhäusern, Bierschenken - samt Schnee und Regen.

Dubai: Retortenwelt mit Retortenwetter Fotos
AP/Nakheel developement

Dubai - Drei lange Jahre ist Josef Kleindienst nicht mehr draußen gewesen auf seiner Insel namens "Deutschland". Der österreichische Immobilienentwickler hat die Krise ausgesessen und über Ideen gebrütet, die Touristenscharen auf "The World" locken sollen, auf dieses Retortenarchipel im Weltkarten-Format vor Dubais Küste. Und jetzt, ist Kleindienst überzeugt, hat er die Lösung gefunden: deutsches Sauwetter.

"Dieses Projekt braucht Sensationen", verkündet der Investor. "Wir werden den Leuten Schnee und Regen bieten. Das ist total einzigartig hier." Bei Außentemperaturen von bis zu 48 Grad will Kleindienst die Einkaufsstraßen seines Inselprojekts "Heart of Europe" auf besondere Weise klimatisieren: mit Kunstschnee und -regen. "Ich habe in Dubai Menschen auf der Straße tanzen sehen, wenn es mal regnet", erzählt der Investor. So solle das auch auf seinen Inseln geschehen.

Sogar in Außenbereichen des "Heart of Europe" will Kleindienst seine Besucher künftig beregnen und beschneien. Das Prinzip dahinter ähnele den herkömmlichen Klimaanlagen, bei der Luft über kaltes Wasser geleitet und dabei abgekühlt werde, sagt der Österreicher. "Technisch ist es kein großer Unterschied, ob man den Leuten im Freien kalte Luft auf den Kopf bläst oder das Wasser in Form von Regen oder Schnee herabfallen lässt." Schon fürs konventionelle Air Conditioning müsse das Wasser fünf bis sechs Grad kalt sein. "Wenn wir es noch ein bisschen weiter herabkühlen, kriegen wir Eis", sagt Kleindienst, "und das kann man zu technischem Schnee schreddern."

Wann und wie oft der Niederschlag fällt, will der Herrscher von Europas Herzen den Vorlieben seiner Gäste anpassen. Und den Wetterbedingungen. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind: Je unangenehmer das echte Wetter ist, umso öfter soll die Anlage für Abkühlung sorgen.

Technische Probleme befürchtet Kleindienst nicht. Für das künstlich schlechte Wetter benötige man nicht mehr Energie als für eine konventionelle Klimaanlage. 850 Millionen Dollar will er nach eigenen Angaben in "Heart of Europe" verbauen und so "Deutschland" und fünf weitere Inseln von "The World" in Themenparks verwandeln, die Frankreich, Italien, Österreich, Spanien und eben die Bundesrepublik darstellen sollen. Anfang des Jahres sind die ersten Maschinen und Arbeiter auf den Inseln gelandet.

Fast wie in den fetten Jahren

Es ist womöglich der letzte Versuch, "The World" zu retten. Dubai hat sich viele spektakuläre Projekte geleistet während des Baubooms Anfang dieses Jahrtausends. Aber keines war ambitionierter als dieses. Milliarden von Dollar ließ sich die staatliche Projektgesellschaft Nakheel die neun mal sieben Kilometer große Weltkarte kosten: 300 künstlich aufgeschüttete Sandflecken im Persischen Golf, die von oben betrachtet die Umrisse der Kontinente formen. Doch kaum war Nakheel fertig, platzte 2009 die Blase. Dubais überhitzte Immobilienmärkte implodierten, Nakheel und das Herrscherhaus Al-Maktoum konnten sich nur dank der Milliardenspritzen des ölreichen Nachbarn Abu Dhabi vor dem Bankrott retten.

Kleindienst kam schon 2003 nach Dubai und machte sich bald als Immobilienmakler einen Namen. Vor allem Luxuswohnungen vermittelte er im großen Stil, bis zu tausend Objekte soll er im Jahr an den Mann gebracht haben. Später beteiligte er sich dann auch an der Entwicklung großer Immobilienprojekte im bauwütigen Emirat. Bis 2008 machte Kleindienst glänzende Geschäfte. Nun will er es erneut wagen. "Die wirtschaftliche Situation hier ermöglicht es heute wieder, Geld mit Immobilienprojekten zu verdienen", sagt der frühere Polizist. Tatsächlich boomt Dubai schon wieder fast wie in den fetten Jahren, die Kurse am lokalen Aktienmarkt haben sich 2013 im Schnitt mehr als verdoppelt. Wirtschaft wie auch die offizielle Einwohnerzahl wuchsen zuletzt jährlich um rund fünf Prozent.

Und so sind die Immobilienpreise in Spitzenlagen schon wieder auf oder über dem Niveau von 2009. Für 2014 erwartet das Dubai Land Department einen weiteren Preisanstieg um bis zu 40 Prozent. Alles scheint jetzt wieder möglich im Wirtschaftswunderland. Da übersehen die Investoren gerne Dubais Gesamt-Schuldenberg von mindestens 85 Milliarden Dollar oder Warnungen vor einer neuen Spekulationsblase.

"Ein bisserl nieseln reicht nicht"

Kleindienst geht ein besonderes Risiko ein. Denn was geschieht, wenn kein anderer Investor nachzieht? Wenn er der Einzige bleibt, der "The World" im großen Stil besiedelt? Die ganze Infrastruktur muss er selbst erschaffen: Brücken, Häfen, Strom-, Wasser-, Abwasseranschluss - all das 20 Bootsminuten vom Festland entfernt. Der Pionierstatus sei das Risiko wert, sagt der Investor: "Wer es richtig macht, bekommt mehr Gäste."

Die Skizzen für "Heart of Europe" zeigen Touristenscharen in einer mit Marmorplatten gepflasterten Fußgängerzone voller Fachwerkfassaden, Spitzgiebeln und einem Türmchen. An den Wänden rankt sich Efeu hoch, und ein "Beer House" ist für die Besucher natürlich auch vorgesehen, obwohl das islamische Dubai jeglichen Alkoholeinfluss außerhalb bestimmter Zonen mit drakonischen Strafen bewehrt. Die Szenerie erinnert an Rothenburg ob der Tauber - nur dass dort unter den von Hängegeranien gekrönten Balkons keine Dattelpalmen wachsen.

Der Clou des neuen "Europa" aber ist die für diese Gegend einmalige Schlechtwettergarantie. "Ein bisserl nieseln reicht nicht", sagt Kleindienst. "Es muss anständig Schnee und Regen geben." Schon 2016 soll die nasse Wunderwelt eröffnen, verspricht der Investor.

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insgesamt 50 Beiträge
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1. optional
Freidenker10 31.01.2014
War selbst schon da, aber mir persönlich reicht eine Woche um mir die ganzen gigantonomischen Bauten anzusehen. Ist ganz witzig da, aber ich würde mir dort nie was kaufen! Wenn die Krarawane weiterzieht, wirds da wie im heutigen Hongkong aussehen...
2. Die Vorlieben der Touristen bedienen
unterbelichtet 31.01.2014
Wenn er Investor es "richtig" machen will, muss er sich ganz sicher den "Vorlieben seiner Gaeste" anpassen. Dazu gehoert im Urlaub natuerlich all die Freizuegigkeit des Konsumierens, ausser Waerme und schoenen Ausblicken ganz sicher angstfreier Konsum von Alkohol und manch andere entbehrte Genuesse, wie ganz sicher auch "ausserehelicher Sex"! Dazu muss Dubai dann "bestimmte Zonen" einrichten, damit die Rechnung des Investors auch aufgeht. Also bitte einen sach- und ortskundigen "business consultant" mit guten Beziehungen zu den Behoerden von Dubai hinzuziehen und diese dann davon ueberzeugen, dass es sich finanziell lohnen wuerde, hier mal wieder Ausnahmen von den strengen Regeln zuzulassen. Guten Geschaeftserfolg dann auch!
3. Das ist...
eventhorizon 31.01.2014
...dekadent.
4. Warum
maiselweisse 31.01.2014
um alles in der Welt soll ich nach Dubai fliegen, dort einen Themenpark besuchen wo es aussieht wie in Deutschland. Und zu allem Überfluss ist das Wetter dann auch noch wie in Deutschland. Die spinnen die Österreicher.
5. Warum soll ich ...
Theoline 31.01.2014
... bei 48° auf einem Stückchen Sand mitten im Meer meinen Urlaub verbringen?!?!? Schlechtes Wetter in Europa - hallo - letztes Jahr hatten wir mehr als 30° in Süddeutschland; wem das nicht reicht dem ist nicht zu helfen;-)
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