Air Berlin: Hungerlohn im Cockpit

Von Tina Friedrich

Traumberuf Pilot? Das war einmal. Auf Air-Berlin-Flügen werden Cockpitbesatzungen immer häufiger zu extrem niedrigen Gehältern beschäftigt. Manchen Co-Piloten bleibt wenig mehr als das Existenzminimum.

Air-Berlin-Maschinen am Flughafen Tegel: Einige Pilotengehälter reichen kaum zum Leben Zur Großansicht
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Air-Berlin-Maschinen am Flughafen Tegel: Einige Pilotengehälter reichen kaum zum Leben

Gedämpftes Licht, dramatische Musik, ein flauschiger Teppich, der jeden Schritt verschluckt. Air Berlin und Partner Etihad Airways stellen im Berliner Hotel Intercontinental ihr neues gemeinsames Vielfliegerprogramm vor. Modellflugzeuge in den Farben von Air Berlin und Etihad säumen den Weg zur Bühne, dazwischen reichen routiniert strahlende Stewardessen in Uniform Häppchen und Getränke.

Air-Berlin-Geschäftsführer Hartmut Mehdorn und sein Pendant bei Etihad, James Hogan, demonstrieren Zusammenhalt. Da wird es als Erfolg bezeichnet, dass Air Berlin die Anteilsmehrheit an seinem Bonusprogramm an Etihad verkauft. Immerhin 184 Millionen Euro spült der Deal in die Kassen von Air Berlin. Geld, das das Unternehmen dringend braucht, um die nächsten Monate zu überstehen.

Seit zwei Jahren versucht der ehemalige Bahn-Chef Mehdorn bei Air Berlin zu retten, was noch zu retten ist. Die Fluggesellschaft muss dringend Kosten senken, umstrukturieren. Und nicht alle Methoden sind dabei so unbedenklich wie der Verkauf des Meilenprogramms. Mit allerlei Tricks drückt Air Berlin die Gehälter der Piloten und Co-Piloten, die die rot-weißen Maschinen fliegen. Und zwar so weit, dass den Co-Piloten im Extremfall kaum mehr als das Existenzminimum bleibt.

Das Lohndumping läuft vor allem über eine Gesellschaft, an der Air Berlin selbst nicht beteiligt ist, die aber im Liniendienst ausschließlich für Air Berlin fliegt: Die Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW). Sie führt derzeit mit zehn Turboprops - Propellermaschinen für maximal 78 Passagiere - Flüge unter Air-Berlin-Flugnummern durch. Dass es sich bei der LGW um ein eigenes Unternehmen handelt, ist kaum noch sichtbar: Die Lohnbuchhaltung erledigt Air Berlin, auch die Uniformen und die Lackierung der Maschinen entsprechen jenen der Kerngesellschaft.

Vom Einstiegslohn müssen die Piloten den Ausbildungskredit abzahlen

Aus einer internen Tariftabelle, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, geht hervor, wie niedrig die Pilotengehälter bei LGW wirklich sind: Ein LGW-Co-Pilot kommt im ersten Dienstjahr auf ein Bruttojahresgehalt von rund 33.000 Euro. Im zweiten Jahr steigt das Grundgehalt um 15 Prozent, weitere Sprünge folgen jährlich. Im Vergleich dazu liegt das Einstiegsgehalt eines Co-Piloten, der tatsächlich bei der Kerngesellschaft angestellt ist, laut Tarifvertrag bei rund 50.000 Euro.

Netto bleiben dem jungen LGW-Angestellten monatlich rund 1635 Euro. Die Summe sieht auf den ersten Blick nicht nach Dumpinglohn aus. Doch von diesem Geld müssen die Piloten noch ihren Ausbildungskredit abbezahlen, denn der Weg ins Cockpit führt in der Regel über die Pilotenausbildung bei einer Fluglinie. Schülerkostenanteil: 75.000 Euro bei Air Berlin. Ohne wohlhabende Eltern oder dickes Sparbuch können das viele nur mit einem Kredit stemmen. Das Geld gibt es zwar zu niedrigen Zinsen, aber die monatlichen Raten sind hoch. Wenn dann von 1635 Euro rund die Hälfte für die Rückzahlung aufgewendet werden muss, sinkt das Einkommen bisweilen nahe ans Existenzminimum.

"Es ist oft schwierig zu kommunizieren, dass unser Gehalt einfach nicht unsere Arbeitsbedingungen widerspiegelt," sagt ein betroffener Pilot. Der Beruf gilt als anspruchsvoll, sehr gut bezahlt, prestigeträchtig. Ein Traumberuf eben. Traumgehälter gibt es aber nur bei wenigen Fluggesellschaften. "Kein Pilot mit Erfahrung würde jemals für die LGW fliegen," sagt ein anderer frustriert. "In der Branche wird die LGW als Durchlauferhitzer gesehen: Man fängt dort zwar an, versucht aber, so schnell wie möglich wieder wegzukommen." Die Lufthansa zahlt in Deutschland noch am besten, rund 60.000 Euro im ersten Jahr laut Tarifvertrag. Doch auch sie lagert Flüge an Partnerfluglinien aus, die schlechter entlohnen.

Die erzürnten Piloten der Air-Berlin-Gruppe gehen nun auf die Barrikaden. Das Verhalten des Managements sei "mitarbeiterfeindlich" heißt es in einer internen Mitteilung der Personalvertretung der Air-Berlin-Piloten, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Air Berlin habe im Gespräch bestätigt, so der Text, dass "der Arbeitgeber ein Outsourcingprogramm gestartet hat, das wissentlich an den Piloten der airberlin-Classic vorbei bereits angelaufen ist". "airberlin-Classic", so heißt im Branchenjargon die Kerngesellschaft. Air Berlin möchte die Vorwürfe nicht kommentieren. "Wir befinden uns mit allen Interessenvertretungen in engem Austausch und werden diesen auch die Details und vorgesehenen Maßnahmen im Rahmen des Turnaround-Programms 'Turbine 2013' vorstellen, sobald die Einzelheiten konkretisiert sind," sagt ein Sprecher auf Anfrage.

Piloten drohen, das Air-Berlin-Sparprogramm nicht zu unterstützen

Um Kosten einzusparen, so befürchtet es die Belegschaft, verschiebe Air Berlin systematisch Maschinen in Gesellschaften mit geringeren Löhnen. Dazu dient eine weitere Gesellschaft namens Niki. Die österreichische Fluglinie von Niki Lauda ist schon lange Kooperationspartner, seit einem Jahr gehört sie vollständig zur Air- Berlin-Gruppe. Künftig werden fünf Airbusse A319 der Kerngesellschaft für Niki im Einsatz sein, bestätigt Air Berlin, und Niki damit eine reine Airbus-Flotte erhalten. In Pilotenkreisen ist außerdem von sieben Embraer-Jets die Rede, die aus dem Bestand von Niki an die LGW weitergegeben werden sollen. Von Air Berlin ist dazu lediglich zu hören, dass die Jets "weiterhin im Streckennetz der Air Berlin eingesetzt" werden - keine Überraschung, denn im Streckennetz sind ja schließlich alle drei Gesellschaften im Einsatz.

Für die Vermutung spricht, dass LGW per Ausschreibung nach Co-Piloten und Kapitänen für Embraer-Jets sucht. LGW-Piloten haben in der Regel keine Berechtigung zum Fliegen dieser Jets, müssten also auf Kosten des Arbeitgebers umgeschult werden. Billiger ist es, niedrig entlohnte Piloten einzustellen, die die Jet-Berechtigung zum Beispiel bei einer anderen Fluglinie erworben haben. Die Ausschreibung richtet sich auch an Piloten der Air-Berlin-Gruppe. Sie würden dann zu niedrigen LGW-Konditionen bei der Partnergesellschaft angestellt.

Inzwischen sind die Piloten so verärgert, dass sie sogar damit drohen, dem Air- Berlin-Vorstand die Unterstützung seines Sparprogramms gänzlich zu versagen. Das geht aus einer internen Mitteilung der Air-Berlin-Tarifkommission und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit vom 21. Dezember hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Weder sei dass beabsichtigte "Karussell" bei den Flugzeugen "akzeptabel", noch seien "externe Neueinstellungen, egal wo in der Gruppe, hinnehmbar, solange Arbeitsplätze bei Air Berlin bedroht sind," heißt es in dem Schreiben.

Die Passagiere bekommen von den Existenzängsten ihrer Piloten nichts mit. Außer einem kleinen Hinweis beim Einsteigen "operated by LGW" deutet nichts darauf hin, wer den Flug tatsächlich durchführt. Und so merken die wenigsten, dass im Cockpit ihrer Air-Berlin-Maschine vielleicht ein Co-Pilot sitzt, der am Rande des Existenzminimums lebt.

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insgesamt 421 Beiträge
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1. Air Berlin
kanuck45 21.12.2012
Ein weiteres Beispiel dafuer, dass Deutschland ein Hochpreis Land ist mit Niedriglohn Kultur.
2. selbst Schuld
alles_wisser 21.12.2012
Alle Räder stehen still wenn dein starker Arm es will.
3. Tja
chagall1985 21.12.2012
Zitat von sysopTraumberuf Pilot? Das war einmal. Auf Air Berlin-Flügen werden Cockpitbesatzungen immer häufiger zu extrem niedrigen Gehältern beschäftigt. Manchen Kopiloten bleibt wenig mehr als das Existenzminimum. dumpingloehne im cockpit von air berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/dumpingloehne-im-cockpit-von-air-berlin-a-874150.html)
Angebot und Nachfrage! Piloten gibt es wohl wie Sand am Meer! Oder wo bekommen die sonst Leute her die für sowas arbeiten? Und was bekommen dann die Stewardessen?
4. Es muss wohl erst tote geben..
mastermind0 21.12.2012
Bis man merkt, dass die preise für flüge unangemessen niedrig sind.
5. Die Kirche im Dorf lassen
achim1997 21.12.2012
Wer ein normales Studium absolviert, muss dafür auch viel Geld aufwenden (bzw. die Eltern) und fängt viel später an, Geld zu verdienen, als die meisten Piloten. Bafög-Kredite müssen ebenfalls zurückgezahlt werden, und nicht nach dem Studium winken auch nicht automatisch Traumgehälter, sondern oft nur schlecht bezahlte Zeitarbeitsverträge.
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