Hype um Elektroroller Deutschland rüstet sich für den E-Scooter-Boom

Start-ups machen sich bereit für die Zulassung von E-Scootern in Deutschland. In Berlin träumen Unternehmen und Investoren vom ganz großen Geld. Doch der Markt steckt voller Risiken.

E-Scooter von Tier
Tier Mobility

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Vereinzelt flitzen sie in Deutschland schon auf Rad- oder Gehwegen, manchmal auch auf der Straße: E-Scooter, Tretroller mit Elektroantrieb. Doch ihren Durchbruch werden sie erst im kommenden Jahr erleben. Dann fällt das Verbot für die kleinen Elektroflitzer im Straßenverkehr.

Auf den dann einsetzenden Boom wollen mehrere Start-ups aufspringen. Genau wie bei Leihfahrrädern, die im vergangenen Sommer in manchen deutschen Städten die Innenstädte überschwemmten, sollen die E-Scooter im Sharing-Modell die persönliche Mobilität im Stadtleben erhöhen.

Derzeit bereiten sich Start-ups wie Tier oder GoFlash auf den Markteinstieg vor. Das Berliner Unternehmen Tier hatte sich erst vor wenigen Wochen in einer ersten Finanzierungsrunde 25 Millionen Euro gesichert. Der mögliche Wettbewerber GoFlash soll mehreren Insidern zufolge sogar 50 Millionen Euro einsammeln.

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Roller-Sharing: Elektrischer Hype aus den USA

Mit dem Geld wollen die Start-ups den Wettbewerbern Lime und Bird aus den USA Paroli bieten. "Das ist ein typischer Venture Case. Da wird es einzelne Gewinner geben, aber auch viele, die es nicht schaffen", sagt Gunnar Froh, dessen Start-up Wunder Mobility die Software hinter den Sharing-Apps und seit Kurzem auch Roller verkauft.

Das Prinzip klingt gut, die Roller seien klein und umweltfreundlich und auf kurzen Strecken Auto und Taxi überlegen, sagen die Befürworter. Sie argumentieren zudem, dass die Nutzer anders als beim Fahrrad während der Fahrt nicht ins Schwitzen kämen - ideal für Geschäftstermine. "Große Teile der Bevölkerung sind für Motorroller-Sharing nicht erreichbar, für die elektrischen Kickscooter aber schon, da hier die Hemmschwelle niedriger ist", sagt Froh.

Lime und Bird machen sich breit

Weltweit gehören die E-Scooter in einigen Städten bereits zum Straßenbild. Los ging es in San Francisco, dann wurden weitere US-Metropolen wie Washington oder Salt Lake City von US-Start-ups wie Bird und Lime mit den Rollern ausgestattet. Beide Unternehmen sind inzwischen nach Europa expandiert und bieten ihren Service auch in Paris an. Die Roller sind auch in Brüssel, Antwerpen, Wien und Zürich erhältlich. Auch in der israelischen Stadt Tel Aviv können Nutzer die Geräte ausleihen.

Bezahlt wird der Dienst per App. Für das Entsperren wird eine Gebühr erhoben und zusätzlich die Nutzungsdauer in Rechnung gestellt. Zehn Minuten kosten so rund 2,50 Euro. Die Roller werden abends von Leiharbeitern eingesammelt, wieder aufgeladen und am Morgen an ausgewiesenen Plätzen wieder abgestellt.

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Mikromobilität: Treten war gestern

Doch nicht jedem Stadtbewohner sind die E-Scooter willkommen: In San Francisco, wo Lime und Bird gestartet sind, kam es schnell zum Chaos. Nutzer ließen die E-Scooter achtlos stehen und versperrten damit Gehwege und Zugänge. Viele Roller wurden daraufhin Ziel von Vandalismus, sie wurden zerstört, beschmiert, in Mülleimer gesteckt oder in der San Francisco Bay versenkt.

Ähnlich erging es vielen Leihfahrrädern im vergangenen Sommer in Deutschland, die von asiatischen Firmen wie Obike aus Singapur aufgestellt worden waren. Nach der Pleite des Unternehmens musste München beispielsweise Tausende Leihräder verschrotten.

"Die elektrischen Kickscooter werden ein emotionales Thema, da sie überall rumstehen werden, das kann dann auch zu Chaos führen", sagt Start-up-Gründer Froh. In San Francisco verbot die Stadtverwaltung schließlich die unregulierte Aufstellung der Roller und gab zwei Unternehmen die Lizenz für einen Feldversuch.

GoFlash will die Welt erobern

Die deutschen Start-ups Tier und GoFlash müssen sich gegen die Konkurrenz aus den USA wehren. Bird und Lime haben in mehreren Finanzierungsrunden inzwischen jeweils mehr als eine halbe Milliarde Dollar eingesammelt. Aus den bisherigen Kapitalspritzen der Investoren lässt sich der Wert der Unternehmen hochrechnen. Bird wird eigenen Angaben zufolge mit rund zwei Milliarden Dollar bewertet, während Lime es auf mehr als eine Milliarde Dollar bringt.

In Deutschland macht sich das von Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski mitgegründete GoFlash gerade für den Betrieb startklar. Zur angeblichen Finanzierungsrunde über 50 Millionen Euro wollte er sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht äußern: "Spekulationen über Finanzierung kommentieren wir nicht", teilte er mit. Gadowski hat mit GoFlash Großes vor: "Wir zielen auf den Weltmarkt und nicht nur auf Europa", sagte er. "Unsere Vision ist es, einen unabhängigen europäischen Weltmarktführer zu bauen."

Wackliges Geschäftsmodell

Besonders viel Geld lässt sich mit dem Verleih von Rollern bisher nicht verdienen. Das Geschäftsmodell ist wacklig. "Der Betrieb des Rollers kostet drei bis vier Euro am Tag, der Roller selbst 300 bis 400 Euro, bei einem Umsatz von 25 Euro pro Roller und Tag", sagt Froh, der neben der Software auch die Geräte vertreibt. "Die Anschaffung der Kickscooter macht rund 20 Prozent des Umsatzes aus, die Wartung dagegen 30 bis 40 Prozent." Hinzu kommt eine kurze Lebensdauer. Die liege im Sharingbetrieb bei drei Monaten, sagt Froh. "Danach landen sie auf dem Müll."

Die eigentliche Attraktivität des Geschäftsmodells liegt laut Froh woanders: "Apps für Tretroller-Sharing werden sehr häufig und für kurze Wege genutzt, deshalb landen sie oft auf dem Homescreen von Smartphones". Dahin streben alle App-Anbieter. "Deshalb sind sie für Investoren attraktiv, da sie später andere Anbieter gegen Bezahlung in ihre App lassen können, die dann ebenfalls indirekt auf dem Homescreen landen", sagt Froh.

Wie stark der Rollerboom nach Deutschland schwappt, wird stark von den Verkehrsregeln für die Geräte abhängen, erklärt Kersten Heineke, Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey: "Es braucht klare Regeln, wo Parkplätze und Fahrspuren geschaffen werden - auch um die Sicherheit der 'Rider' zu gewährleisten." Die Bundesregierung arbeitet an einer Verordnung, doch erst im Frühjahr dürften die Bestimmungen in Kraft treten.

Strenge Regulierung erwartet

  • Erste Regelungen zeichnen sich bereits jetzt ab: So sollen die Roller mit Geschwindigkeiten von bis zu 20 Kilometern pro Stunde auf Fahrradwegen fahren dürfen.
  • Fehlt ein Radweg, müssten sie auf die Straße ausweichen. Auf Gehwegen dürfen sie nicht fahren, geht aus dem Verordnungsentwurf hervor.
  • Ferner sind offenbar zwei voneinander unabhängige Bremsen und eine "helltönende Glocke" Pflicht.
  • Einen Helm muss der Fahrer nicht tragen, jedoch ist eine Versicherungsplakette vorgeschrieben - ähnlich wie bei Mofas.
  • Nutzer müssen mindestens 15 Jahre alt sein und eine Fahrerlaubnis besitzen.

"Deutschland wird die mit Abstand strengste Regulierung weltweit bekommen", erwartet der Chef des Hamburger Tretrollerherstellers Urban Electrics, Florian Walberg. Deshalb dürften viele international agierende Anbieter zunächst einen Bogen um die Bundesrepublik machen. Es sei zu aufwendig, das System und die Roller für Deutschland anzupassen, sagt Walberg.

"Tretroller werden in Deutschland ein Riesending sein", sagt Walberg dennoch. Auch, weil deutsche Start-ups wie GoFlash und Tier in die Lücke stoßen könnten. Hersteller wie Urban Electrics bekämen den Boom besonders stark zu spüren, sagt Walberg. "Wir werden von Anfragen geradezu erschlagen."

Nachdem sich die Nachfrage lange in überschaubarem Rahmen gehalten habe, sei das Interesse plötzlich rasant angestiegen. Bisher arbeitet Walberg mit den Schweizer Bundesbahnen (SBB) zusammen, die Roller stehen beispielsweise am Bahnhof in Basel. "Alle suchen die Goldader, wir verkaufen die Schaufeln."

Erfolg ist fraglich

Viel wird auch davon abhängen, wie die Stadtverwaltungen in Deutschland mit dem Thema umgehen. Manchem Bürgermeister graut es schon jetzt angesichts der Vorstellung, dass die Roller Parks vermüllen und Gehwege blockieren - und dafür internationale Anbieter ohne greifbaren Ansprechpartner verantwortlich sind.

"Die Verwaltungen in den deutschen Städten sind nicht doof", sagt Walberg. "Sie werden das Geschäft regulieren." Denkbar sind Lizenzen, die Anbietern das Verleihgeschäft für einen begrenzten Zeitraum mit einer begrenzten Zahl von Rollern ermöglichen.

Selbst wenn in Deutschland ein regulierter Betrieb gewährleistet wird, ist der Erfolg des E-Scooter-Sharing nicht ausgemacht. In den USA und auch in Europa kam es bereits zu ersten Todesfällen bei Nutzern. Wenn die Geräte auch hierzulande achtlos mitten auf Wegen abgestellt werden oder die Nutzer mit Geschwindigkeiten von 20 Stundenkilometern über Gehwege rasen, kann die Akzeptanz schnell schwinden.


Zusammengefasst: Noch haben E-Scooter keine Straßenzulassung. Das dürfte sich im kommenden Jahr ändern. Dann wollen mehrere Start-ups auch in Deutschland mit einem Sharing-Angebot an den Markt gehen. Die Unternehmen haben bereits viel Geld bei Investoren eingesammelt. Doch der Erfolg ist fraglich - dem E-Scooter-Sharing könnte ein ähnliches Schicksal drohen wie vielen Anbietern von Leihfahrrädern.

insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
Regenwaldemar 17.11.2018
1. Elektroschrott-Roller
Diese Dinger bringen der Umwelt gar nichts. Nach wenigen Wochen landen die Teile als Elektroschrott auf dem Müll...was soll das? Wieder irgendein Hype der Wegwerfgesellschaft, der als angeblicher Beitrag zum Umweltschutz verkauft wird. Eine solide Benzin-Vespa (4-Takt) kann man mindestens 10-15 Jahre nutzen...
albrechtflieger 17.11.2018
2. Man kann
Einen e-scooter ja auch besitzen. Also regulär kaufen, benutzen, in der heimischen Garage abstellen. Mit bestimmten Auflagen, (Sitz, Lenkstange) ist das heute schon möglich, auch in Deutschland. Man braucht ein Versicherungskennzeichen und bei den Versionen mit 20km/h keinen Helm. Ist also nicht wirklich was neues. Besitze selbst 2 solcher Geräte und darf damit legal auf die Strasse.
tempus fugit 17.11.2018
3. Logo, war höchste Zeit....
...aber DE hinkt immer hinterher... An der Cote d'Azur flitzen die Dinger auf der STRASSE am 30 km/h mit Ruckelschwellen vorbei.. Und so mancher Diesler mit Fahrverbot fährt jetzt/dann bis in die Peripherie, holt das Teil aus'm Kofferraum und rollert elektrisch zum Ziel, ohne zu schwitzen und ein simpler Regenschutz reicht aus. Viel Verkehr wegen Parkplatzsuche und Kosten für Parkplätze und ggfls. noch Knöllchen drauf wegen Überziehen. Nicht so gut für Autoverkäufer, für Werkstätten und für die Petroindustrie, gerade im Stop&Go-Verkehr wird der meiste Dreck erzeugt.
Erwinthal 17.11.2018
4. Umweltfreundlich?
Lebensdauer von 3 Monaten im Sharingbetrieb - hört sich nicht sehr umweltfreundlich an.
memphian 17.11.2018
5. Nicht nur im Westen
Schlecht recherchiert. Die Bird Roller sind nicht nur im Westen, sondern fas überall in den USA. Sehr zu meinem Leid, denn die Roller werden auch überall abgestellt.
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