Enders' Umbaupläne Deutsche EADS-Mitarbeiter zittern um ihre Jobs

Beamte raus, Rendite rauf: Statt auf Staatsnähe und Rüstungsgeschäfte setzt EADS-Chef Thomas Enders auf Airbus-Jets und satte Gewinne. Die deutschen Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze.

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AFP

Hamburg - Mit seiner bislang schwersten Niederlage hielt sich der frühere Fallschirmjäger Thomas Enders nicht lange auf: Kurz nachdem die von ihm geplante Fusion mit dem britischen Rüstungskonzern BAE vor einem Jahr am Widerstand von Deutschland und Frankreich scheiterte, machte sich der EADS-Chef an einen Umbau der anderen Art.

Alles fing damit an, dass Enders eine Umverteilung von Aktien und Stimmrechten verkündete, die die Mitsprache der Regierungen deutlich reduzierte. Kurz darauf ließ er mitteilen, die Umsatzrendite des Konzerns solle bis 2015 auf zehn Prozent mehr als verdoppelt werden. Im Sommer schließlich gab Enders bekannt, dass der Gesamtkonzern künftig nach der Luftfahrtsparte Airbus heißt und die Rüstungstochter Cassidian mit der Raumfahrtsparte Astrium sowie dem militärischen Teil von Airbus zusammengelegt wird.

Seitdem hat Enders in Interviews wiederholt harte Kürzungen angekündigt. Offiziell sollen diese erst Anfang Dezember bekanntgegeben werden, doch schon jetzt scheuchen Spekulationen die Belegschaft auf. Laut Nachrichtenagentur dpa könnte in der neuen Rüstungs- und Raumfahrtsparte jede fünfte Stelle wegfallen, insgesamt 8000 Jobs wären damit betroffen, vor allem wohl in der Verwaltung.

"Es gibt noch keine Entscheidung und noch keine Zahl", heißt es bei EADS lediglich. Doch die Beschäftigten wollen sich nicht länger gedulden. Ebenso wie Zulieferer fürchten sie, die verschärfte Gangart könne einseitig zu Lasten deutscher Standorte gehen. Für den 28. November hat die IG Metall einen bundesweiten Aktionstag angekündigt. "Wir wollen, dass die Politik sich mehr einmischt", sagte Konzernbetriebsratschef Rüdiger Lütjen SPIEGEL ONLINE.

Mehr Politik also für einen Konzern, der lange Jahre unter dem Hineinregieren von deutschen und französischen Politikern litt. Bislang wurde EADS fast so paritätisch geführt wie ein deutscher Rundfunkbeirat. Nun müsse mit der "nationalen Erbsenzählerei" endlich Schluss sein, forderte Enders kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung". Nach Ansicht von Sebastian Hein, Luftfahrt-Analyst beim Bankhaus Lampe, könnten die Reibereien deutlich zunehmen: "EADS wird stärker wie ein normales Unternehmen handeln. Dazu gehört, Standorte mehr in Konkurrenz treten zu lassen."

Das dürfte gerade in Deutschland auf Widerstand stoßen. Hier besteht die Sorge, mit Rüstung und Raumfahrt eine Art Resterampe des Unternehmens zu erhalten, während die Zukunftsmusik in der Airbus-Zentrale in Toulouse spielt, wohin Enders auch den Sitz des Gesamtkonzerns verlegt hat. Von seinem ursprünglichen Plan eines Gleichgewichts zwischen militärischem und zivilem Geschäft hat sich der EADS-Boss verabschiedet, das zeigt auch die Umbenennung in Airbus.

Der Staat ist kein sicherer Partner mehr

Aktuelle Zahlen sprechen für den Schwenk. In den ersten neun Monaten des Jahres verzeichnete der zivile Teil von Airbus ein Gewinnplus vor Zinsen und Steuern von 85 Prozent. Die künftig fusionierten Teile Astrium und Cassidian kamen dagegen auf acht und sechs Prozent. Airbus Military schaffte lediglich eine schwarze Null, ebenso wie bei Cassidian waren dort die Aufträge rückläufig.

"Früher hatte man Bedenken bei der zivilen Luftfahrt, weil sie zu zyklisch war, das Geschäft mit dem Staat war dagegen sehr stabil", sagt Analyst Hein. "Doch die Welt hat sich gewaltig gewandelt." Heute werden staatliche Budgets für Rüstung und Raumfahrt angesichts der schwächelnden Wirtschaftslage knapper. In der Luftfahrt dagegen scheint es vor allem dank des Wachstums in Schwellenländern vorerst keine Grenze nach oben zu geben.

Bei den Anlegern kommt die neue Strategie gut an, in den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Kurs von EADS Chart zeigen mehr als verdoppelt. Doch bei Airbus klagen Mitarbeiter über wachsende Arbeitsbelastung - möglicherweise ein Vorgeschmack auf die Zukunft. "Es könnte sein, dass das Margenziel bei Rüstung und Raumfahrt gesenkt und dafür bei Airbus erhöht wird", sagt Hein.

Spürbar wird der wachsende Druck schon jetzt bei den Zulieferern: Anfang September kündigte ein EADS-Einkaufsmanager an, dass künftig nur noch Firmen mit einem Umsatz von mindestens 100 Millionen Euro direkt an den Konzern liefern dürfen. Angesichts der wachsenden Zahl von Bestellungen wächst bei Airbus die Sorge, dass kleinere Unternehmen beim Produktionstempo nicht mithalten können. Tatsächlich sind laut einer Studie der Unternehmensberatung H&Z deutsche wie französische Zulieferer "gleichermaßen schlecht" auf das zunehmend globalisierte Geschäft vorbereitet. Nur jeder zehnte Betrieb erfülle derzeit die Erwartungen seiner Kunden.

"Enders soll sich um seine Rendite kümmern, nicht wir"

Doch bei den Zulieferern stoßen die neuen Vorgaben auf Widerstand. "Was bringt eine Firma, die 100 Millionen Umsatz macht und auf dem Zahnfleisch geht?", fragt Uwe Gröning, Vorsitzender des norddeutschen Zuliefererverbandes Hanse-Aerospace. Der Druck von Airbus werde eins zu eins an kleinere Zulieferer am Ende der Lieferkette weitergegeben.

"Enders soll sich um seine Rendite kümmern, aber nicht wir", sagt Gröning. Der Unternehmer kritisiert auch, dass die Konkurrenz in Frankreich mit deutlich mehr Subventionen gepäppelt werde. Alleine in Toulouse und Umgebung gebe es jährlich 170 Millionen für Förderung und Qualifizierung der Zulieferer: "Das suchen Sie mal hier!"

EADS-Betriebsratschef Lütjen verweist ebenfalls auf großzügige Abschreibungsmöglichkeiten für Forschungsausgaben in Großbritannien und Frankreich. "Das sind alles Standortvorteile gegenüber der deutschen Förderpolitik." Auch als Betriebsratschef aller europäischen Standorte will Lütjen das von Konzernboss Enders kritisierte Denken in nationalstaatlichen Grenzen nicht ganz aufgeben. "Wenn eine Regierung Gelder gibt, muss in ihrem Land auch Wertschöpfung stattfinden."

Sobald die neue Bundesregierung steht, fordert Lütjen, solle sie eine Konferenz mit allen Beteiligten des deutschen Luftfahrtsektors einberufen. Klingt so, als hätte Thomas Enders noch eine Weile mit den ungeliebten Erbsenzählern zu tun.



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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
kdshp 21.11.2013
1.
Zitat von sysopAFPBeamte raus, Rendite rauf: Statt auf Staatsnähe und Rüstungsgeschäfte setzt EADS-Chef Thomas Enders auf Airbus-Jets und satte Gewinne. Die deutschen Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eads-arbeitnehmer-fuerchten-konzernumbau-von-tom-enders-a-934500.html
Tja das hat "man" davon wenn zu hohe löhne gefordert werden. Im ausland sind fachkräfte und studierte eben viel billiger zu bekommen. Warum sollte ein unternehmen in deutschland bis zum doppelten zahlen wenns das gleiche im ausland für die hälte zu bekommen ist?
rbn 21.11.2013
2. wie bei allen deutsch-französischen Vorhaben
Zitat von sysopAFPBeamte raus, Rendite rauf: Statt auf Staatsnähe und Rüstungsgeschäfte setzt EADS-Chef Thomas Enders auf Airbus-Jets und satte Gewinne. Die deutschen Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eads-arbeitnehmer-fuerchten-konzernumbau-von-tom-enders-a-934500.html
werden letzten Endes die Franzosen alles besitzen. Ganz einfach deshalb, weil sie unter Führung ihrer Regierung wie ein Mann zusammenstehen.
drake2tausend 21.11.2013
3. Rendite von 10% !?
Das betrachte ich als pervers viel. Und ab in die nächste Nullrunde für die Arbeiter...
Mac_Beth 21.11.2013
4. Keine Macht dem Titel!
Tja, das ist doch genau das was viele Leute immer forderten. Gefährdung von Arbeitsplätzen bei rückläufigen Zahlen in der militärischen Industrie. Sagen sie den Arbeitnehmern, welche jetzt um ihren Job bangen, wie glücklich sie doch sein können und ein reines Gewissen ohne Probleme die Familie ernährt.
knowu76 21.11.2013
5. Bei Verlagerung ins Ausland
würde ich entweder hohe Einfuhrzölle oder ein Verkaufsverbot empfehlen. Gleiches gilt auch bei Automobilherstellern und anderen Gewerben die versuchen mit Androhungen auf Produktionsverlagerungen Staat und Mitarbeiter zu erpressen
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