Ein Kommentar von David Böcking
Hamburg - Man muss kein Militarist sein, ja nicht einmal gedient haben, um für die nassforsche Art von Thomas "Tom" Enders eine gewisse Sympathie zu hegen. Der Ex-Fallschirmjäger und Major der Reserve mag klare Ansagen. Eine davon machte Enders schon bevor er vor vier Monaten den Chefposten bei EADS übernahm: Der Einfluss der Großaktionäre Frankreich und Deutschland auf den Luftfahrt- und Rüstungskonzern sollte zurückgedrängt werden.
Enders hatte gute Gründe für diesen Wunsch. Immer wieder wurde EADS in der Vergangenheit durch Machtkämpfe zwischen Deutschen und Franzosen gelähmt. Die zum Teil enormen Lieferverzögerungen bei der Tochter Airbus schienen alle Vorurteile über die Ineffizienz von Unternehmen unter Staatseinfluss zu bestätigen. Dass der neue EADS-Chef die Politik nun in die Schranken weisen wollte, war angesichts dieser Vorgeschichte verständlich.
Doch nun ist Enders' Vorhaben schon kurz nach seinem Amtsantritt gescheitert: EADS
musste seine geplante Fusion mit dem britischen Rüstungskonzern BAE
aufgeben, nachdem Deutschland und Frankreich nicht auf ihre Sonderrollen für das Unternehmen verzichten wollten und sich in diesem Punkt offenbar auch nicht mit Großbritannien einigen konnten.
Das bedeutet auch ein Scheitern von Enders' Verhandlungsstil. Schneidige Auftritte mögen bei der Führung eines Unternehmens funktionieren. Doch sie reichen nicht, um Regierungsvertreter mit einer eigenen Agenda zu überzeugen.
Französische Politiker geben der Wirtschaft ohnehin viel zu gerne selbst Anweisungen - so wie kürzlich Präsident François Hollande, der geplante Entlassungen bei Peugeot als "inakzeptabel" bezeichnete. Dass der französische Staat sich, wie von Enders gefordert, beim neuen Rüstungsriesen mit einer goldenen Aktie begnügen würde, war deshalb unwahrscheinlich.
Bemerkenswert aber ist, dass Enders zu Hause auf noch größeren Widerstand stieß und die Fusion am Ende vor allem hier scheiterte. Deutsche Politiker, besonders der Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung, Peter Hintze (CDU), reagierten zunehmend allergisch auf Enders' selbstbewusste Forderungen.
Das Verhältnis zur deutschen Politik war nicht erst durch den geplanten BAE-Deal gestört. Noch vor seinem Amtsantritt sprach Enders sich für eine Konzentration der EADS-Aktivitäten in Toulouse aus, was in seiner bayerischen Heimat für wütende Reaktionen sorgte. Auch dass er 2011 aus Protest gegen die deutsche Libyen- und Atompolitik aus der CSU austrat, dürfte in den vergangenen Wochen wenig hilfreich gewesen sein.
Enders hätte die Empfindlichkeiten kennen können. Schließlich war er schon einmal EADS-Chef und hat früher im Bundestag und Verteidigungsministerium gearbeitet. Unbedingt hätte er vor seinem überfallartigen Fusionsplan die Rückendeckung in Berlin sichern müssen. Das hat der Major nicht geschafft.
Keine Branche wie jede andere
Rüstung ist keine normale Branche und sollte es auch nicht sein. Die von Enders verfolgte Vision eines ganz normalen Unternehmens wird EADS nicht erreichen, solange Waffen zu den wichtigsten Produkten gehören. Auch andere Länder mischen sich massiv in die Geschäfte von Rüstungsfirmen ein - das zeigen die zum Teil bizarren Kontrollmechanismen, denen sich BAE und EADS in den USA unterwerfen müssen.
Doch in der Argumentation deutscher Politiker spielten Sicherheitsaspekte höchstens eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ging es wie schon immer bei EADS vor allem darum, möglichst viel vom Kuchen abzubekommen. Deutschland forderte umfassende Arbeitsplatz- und Standortgarantien - und brachte dabei offenbar mit seiner Forderung nach einer Konzernzentrale in München das Fass zum Überlaufen.
Bei allem Verständnis für das Bemühen um deutsche Arbeitsplätze ist beachtlich, wie weit die Begehrlichkeiten der deutschen Seite gingen. Luftfahrtkoordinator Hintze hatte schon vor der geplanten Fusion in einem Brief an Enders gefordert, nicht weniger als die obersten fünf EADS-Gremien gleichmäßig mit Deutschen und Franzosen zu besetzen. Schwer vorstellbar, dass ein Unionspolitiker eine ähnlich weitreichende Forderung für Frauen in Führungspositionen erhebt.
Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) verlangte gar, bei einer Fusion mit BAE dürften die deutschen Kapazitäten bei EADS "nicht beschnitten, sondern müssen weiter gestärkt werden", und auch die Konzernzentralen müssten "gleichberechtigt zwischen den beteiligten Ländern verteilt sein". Es war derselbe Philipp Rösler, der kurz zuvor noch im Fall der Schlecker-Pleite jegliche staatliche Intervention abgelehnt und um Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte des Marktes geworben hatte. Doch offenbar gelten auch für Liberale andere Überzeugungen, wenn bei einem Unternehmen der Staat mit an Bord ist.
Das immerhin ist Thomas Enders mit seinem forschen Vorgehen gelungen: Er hat gezeigt, wie sehr die Politik bei EADS noch immer hineinregiert - und dass der wirtschaftliche Erfolg dabei schnell zum Randaspekt wird.
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