Berechnung des "Economist" Putins Politik kostet Investoren eine Billion Dollar

Russische Aktien sind bei Anlegern derzeit noch unbeliebter als Unternehmensanteile aus dem Iran oder Argentinien. Das liegt auch an der Ukraine-Krise - vor allem aber an der katastrophalen Wirtschaftspolitik des Kreml.

Moskauer Börse: Enttäuschende Bewertung
AFP

Moskauer Börse: Enttäuschende Bewertung


In welchem Land würden Sie derzeit am ehesten Ihr Geld anlegen: Russland, Iran, Argentinien oder Simbabwe?

"Oh Gott, in keinem davon", dürfte eine ziemlich naheliegende Antwort lauten.

Mit einem Blick auf die Börsenstatistik in den jeweiligen Ländern fällt die Antwort differenzierter aus, wie die britische Zeitschrift "Economist" errechnet hat. Russland ist demnach am unbeliebtesten bei Investoren, dicht gefolgt von Iran und Argentinien. Simbabwe (wir erinnern uns: kleptokratisches Regime, frisch überwundene Hyperinflation) erweist sich im Vergleich dazu als Anlegers Liebling.

Für seine Kalkulation hat sich der "Economist" das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der börsennotierten Unternehmen in den jeweiligen Ländern angeschaut. Die Ziffer besagt, das Wievielfache des jeweiligen Jahresgewinns Investoren bereit sind, für die Aktien eines Unternehmens zu bezahlen. Je höher die Kennzahl liegt, desto mehr Zuversicht haben Investoren in die künftige wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens. Beziehungsweise in die Volkswirtschaft eines Landes, wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis aller börsennotierten Unternehmen anschaut.

Einst ein BRIC, jetzt ein DOG

Das ernüchternde Ergebnis dieser Betrachtung: Russische Aktien werden laut "Economist"-Berechnung mit einem KGV von 5,2 gehandelt. Der ebenfalls von Handelssanktionen betroffene Iran liegt bei 5,6. Argentinien steht kurz vor dem erneuten Staatsbankrott - und bei einem KGV von 6,1. Zimbabwe hingegen konnte sich 2012 aus dieser Todeszone befreien, das KGV der dortigen Unternehmen liegt nur noch knapp unter dem Durchschnitt der Schwellenländer ("Emerging Markets") von 12,5.

Auch Russland zählte einst zur Riege dieser Staaten mit angeblich hervorragenden Wachstums- und Zukunftsaussichten. Die Investmentbank Goldman Sachs sah in Russland neben Brasilien, Indien und China sogar eine von vier künftigen Wirtschaftsweltmächten ("BRIC"). Doch Putins Politik hat das gründlich geändert. Der Gesamtwert aller börsennotierten russischen Unternehmen beträgt laut "Economist" nur noch 735 Milliarden US-Dollar. Würden die russischen Aktien hingegen ebenso hoch bewertet wie die der übrigen Emerging Markets, also mit einem durchschnittlichen KGV von 12,5, dann betrüge diese Marktkapitalisierung 1,77 Billionen Dollar. Macht eine Differenz von gut einer Billionen Dollar oder rund 750 Milliarden Euro.

Putin bei Anlegern unbeliebter als Mugabe

Leicht überspitzt schlussfolgert der "Economist": Eine Billion Dollar, das ist die Summe, die Russland-Investoren entgeht, weil Wladimir Putin mit seiner Politik die Zukunft des Landes ruiniert. Mit typisch britischem Humor hat sich das Blatt sogar einen griffigen Namen für diesen Bewertungsabstand zwischen russischen Aktien und dem Durchschnitt der Schwellenländer ausgedacht: "DOG", den "Discount for Obnoxious Government", also den Bewertungsabschlag für unbeliebte Regierungen. Und der fällt bei Präsident Putin derzeit höher aus als bei seinen KollegInnen Hassan Rohani (Iran), Cristina Kirchner (Argentinien) und Robert Mugabe (Simbabwe).

Klar ist allerdings auch: Putins mieser DOG-Wert hat nur zum Teil etwas mit seiner aggressiven Politik gegenüber der Ukraine zu tun. Bereits vor der umstrittenen Annexion der Krim machten Investoren einen großen Bogen um den russischen Aktienmarkt. Immer wieder genannte Gründe für die Skepsis sind:

  • Die fehlende Rechtsstaatlichkeit, die zur Angst vor der willkürlichen Enteignung von Unternehmen führt.
  • Die verbreitete Korruption, die es schwierig macht, in Russland auf saubere Weise Geschäfte zu betreiben.
  • Eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die die Modernisierung der Wirtschaft zentral vom Kreml aus zu steuern versucht, anstatt sie dem Markt zu überlassen.
  • Was wiederum dazu führt, dass sich an der einseitigen Abhängigkeit Russlands von der Rohstoff-Förderung und -Verarbeitung auf absehbare Zeit nichts ändern wird.
  • Und schließlich die niedrige Geburtenrate von 1,6 Geburten pro Frau, gepaart mit einer niedrigen Lebenserwartung von lediglich 70 Jahren (bei Männern sind es sogar nur 64 Jahre, alle Zahlen Stand 2012). Der dadurch absehbare Bevölkerungsrückgang wird das Wirtschaftswachstum in Russland langfristig weiter dämpfen.
  • Und schließlich die Angst vor Handelssanktionen des Westens, die sowohl den Zugang zu westlichem Kapital erschweren könnten als auch den Zugang für russische Unternehmen zu westlichen Exportmärkten.

An all diesen Punkten könnte kluge Politik etwas verändern. Doch die Kreml-Führung stürzt sich lieber in außenpolitische Abenteuer. Mit der Folge, dass der gesamte russische Aktienmarkt derzeit weniger wert ist als der addierte Börsenwert von Apple und Microsoft.

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
meinlieber 27.07.2014
1. Jetzt Investieren
Antizyklisch, ist bekanntlich die beste Anlegeform!:)
clausbremen 27.07.2014
2. Noch eindeutiger ...
... lässt sich eine auf allen Feldern völlig verfehlte Politik nicht identifizieren. Der (Börsen-)Markt ist (meist) objektiv. Solange Putin Armbanduhren sammelt, für deren jeweiligen Gegenwert eine russische Rentnerin etliche Jahrhunderte ihre kärgliche Rente ansparen müsste, solange wird es mit Russland nichts.
fabio 27.07.2014
3. Noch ein
offen ausgeprochener Sanktionsgrund? Den Heuschrecken entgeht ein möglicher Gewinn von einer Billion Dollar? Ein Glück,dass der nicht vor einem Schiedsgericht in Washington eingeklagt werden kann. Im Übrigen hält sich mein Mitleid mit diesen "Investoren" angelsächsischer Prägung in sehr engen Grenzen.
123456789abc 27.07.2014
4. wer zahlt einen, wenn man so ein Auftragswerk schreibt??
Russland ist mehr als Putin, und war es immer. Viel Argentinier sind unter den Gründern von Google? Wieviel AntiVirus Firmen aus Simbabwe weltweit bekannt? Dort ist Russland Potential, und im Gegensatz zu den USA werden die klugen Köpfe nicht nur aus China/Indien abgeschöpft. Wer natürlich Russlands Potential auf den Verkauf seiner Bodenschätze reduziert, mag jetzt langsam Angst um seine Investitionen dort bekommen... wenn es hart auf hart geht, wird Putin wohl kaum Rücksicht auf westliche Beteiligungen an sibirischen Ölfeldern nehmen.
david_hume 27.07.2014
5. ich träume immer noch
von einer Partnerschaft USA -Europa-Russland. Aber solange Russland sich revisionistisch isoliert und den gesamten Westen als verkommen und dekadent ansieht ( so Dugin), wird das nichts.
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