Ehec-Entschädigung Gebeutelte Bauern pokern um EU-Millionen

Die Situation der deutschen Gemüsebauern ist absurd: Mit teuren Tests beweisen sie, dass ihre Produkte Ehec-frei sind. Trotzdem bleiben sie auf der Ware sitzen und müssen sie dann auch noch teuer vernichten. Jetzt hoffen die Landwirte auf Hilfen der EU - das Wettrechnen um Entschädigungen hat begonnen.

Mitarbeiter einer Gemüsefirma in Werder: Wer zahlt für die Ehec-Folgen?
dapd

Mitarbeiter einer Gemüsefirma in Werder: Wer zahlt für die Ehec-Folgen?

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Hamburg - Es ist ein Vergleich mit der ganz großen Katastrophe: Durch die Ehec-Epidemie seien die Gemüsebaubetriebe in Deutschland in die schwerste Krise seit Tschernobyl geraten, sagt der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Gerd Sonnleitner. Soll heißen: Finanzielle Hilfe für die Bauern muss her. Und zwar sofort.

Doch was können die Landwirte überhaupt einfordern? Wie hoch sind ihre Verluste? Ihnen gehen durch die Vernichtung von überschüssiger Ernte Umsätze verloren, zugleich müssen sie aber in der Hoffnung auf ein Ende der Krise weiterproduzieren und überschüssiges Gemüse vernichten. Und welche Folgen das Ehec-Desaster für die Preisentwicklung bei Gemüse hat, ist noch gar nicht abzusehen.

Die EU-Kommission hat bereits ein Angebot gemacht: Sie will die betroffenen Gemüsebauern mit mindestens 150 Millionen Euro entschädigen. Nach einem Sondertreffen am Dienstag kündigte EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Ciolos an, noch einmal zu rechnen, so dass diese Summe letztlich noch höher ausfallen könnte. Für die am meisten betroffenen Produkte, die von Ende Mai bis Ende Juni vom Markt zurückgenommen werden, sollen die geschädigten Landwirte knapp ein Drittel von dem, was sie in einem guten Jahr eigentlich verdient hätten, zurückbekommen.

Viel zu wenig, hieß es aus Frankreich und Spanien. Die Bauern müssten zu 100 Prozent entschädigt werden. Die EU-Agrarminister wollen, dass die Kommission bis kommende Woche mehr Geld anbietet. Doch die Landwirte in Europa dürften auf einem Großteil ihrer Verluste sitzenbleiben. Der europäische Bauernverband bezifferte die Verluste der Bauern pro Woche auf

  • 200 Millionen Euro in Spanien,
  • 100 Millionen Euro in Italien,
  • 50 Millionen Euro in den Niederlanden
  • und jeweils 30 Millionen Euro in Deutschland und Frankreich.

Bisher ist kein Ende der Absatzkrise in Sicht.

Erlöse für Gemüsebauern sind um die Hälfte eingebrochen

Allein für die deutschen Gemüseproduzenten bezifferte der Bauernverband die Umsatzverluste seit Beginn der Ehec-Krise auf etwa 65 Millionen Euro. Etwa zehn Millionen Euro Umsatz täglich machten die deutschen Gemüsebauern vor der Krise, schätzt der Lobbyverband. Infolge der Ehec-Epidemie seien die Erlöse um 40 bis 50 Prozent eingebrochen.

Wollte man die finanziellen Folgen für die Landwirte exakt beziffern, müsste man genau herausrechnen, welche Einbußen auf die Ehec-Krise zurückgehen, sagen Agrarökonomen. Produktionskosten etwa fallen ohnehin an. Doch nun müssen die Landwirte auch noch die Vernichtung ihrer Produkte zahlen und Ehec-Tests durchführen. Nach Angaben des Pharmaunternehmens Merck kosten 25 ihrer Schnelltests 500 Euro. Besonders ärgerlich für die Landwirte: Sie weisen durch Tests nach, dass ihre Produkte Ehec-frei sind - und bleiben dennoch darauf sitzen.

Am schnellsten können die Produzenten ihre Einbußen überschlagen, indem sie den Wert der Waren angeben, die sie nicht loswerden. Um genau zu berechnen, inwiefern Verkaufs- und Preiseinbrüche auf Ehec zurückgehen, müssten Ökonomen die Daten mit früheren Saisons vergleichen. Und sie müssten den genauen Tag des Krisenbeginns festlegen. Eine komplizierte Rechnung. Doch die Landwirte wollen schnell Geld, ihre Verluste steigen von Tag zu Tag.

Ein weiteres Problem: Produkte und damit auch Produzenten sind unterschiedlich stark betroffen. Bei Salatgurken etwa brach der Verkauf drastisch ein (siehe Grafik), sagt Hans-Christoph Behr von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI). Nachdem explizit vor dem Verzehr von Gurken gewarnt wurde, ging die Zahl der Käufer um 70 Prozent zurück. Bei Salaten lag der Rückgang bei 60 Prozent, bei Tomaten bei 47 Prozent - siehe Grafik:

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Ehec und kein Ende: Die Gurke als Sinnbild der Krise
Bei Paprika und Erdbeeren gingen die Einkäufe um ein Drittel zurück. Selbst Kochgemüse wie Brokkoli und Kohlrabi fand weniger Absatz. "Ich vermute da einen Zusammenhang mit der Ehec-Krise", sagt Marktexperte Behr. Doch für die betroffenen Landwirte dürfte der Nachweis schwierig werden.

Der Bauernverband fordert, dass Hilfen schnell und unbürokratisch an die Landwirte kommen. Auf hohe Rücklagen könnten Betriebe nicht zurückgreifen, sagt Andreas Brinker von der Gartenbauzentrale Papenburg. Der Absatzorganisation gehören 25 Gurkenbetriebe und ein Tomatenbetrieb an. Rücklagen seien in Vorinvestitionen für Säen, Düngen, Bewässern und Heizen geflossen, sagt Vertriebsleiter Brinker. "Jetzt müsste wieder Geld durch Verkäufe reinkommen. Aber es kommt nicht."

Bei Gurkenbetrieben sei der Umsatz vergangene Woche um 98 Prozent eingebrochen. Laut den AMI-Marktexperten liegt der Durchschnittspreis für eine Gurke ab Erzeuger bei etwa 25 Cent. 1000 Tonnen Gurken mussten die Produzenten der GBZ Papenburg bisher wegwerfen, den Schaden beziffert Brinker auf mindestens eine Million Euro. "Ein Betrieb verliert wöchentlich 120.000 Euro durch die Krise", sagt er. Damit die Landwirte eine Chance auf Entschädigung haben, müssen sie ihren Schaden dokumentieren und von einer Amtsperson, etwa einem Gemeindemitarbeiter, bescheinigen lassen.

Die Landwirte wünschen sich mehr als Geld

Klar ist: Bei Entschädigungsverhandlungen wird gepokert. Die Erzeuger wollen möglichst einen Großteil ihrer Verluste abdecken. So fordert die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse, dass etwa pro Gurke der Durchschnittspreis der vergangenen Jahre ersetzt wird. Plus die entgangenen Vermarktungsgebühren für die Erzeugerorganisationen. Der von der Schuldenkrise gebeutelten EU aber geht es darum, die finanziellen Folgen der Ehec-Krise für die Bauern auf ein erträgliches Maß einzudämmen.

Der Deutsche Bauernverband nannte das 150-Millionen-Angebot der EU-Kommission einen "Schritt in die richtige Richtung". Noch wichtiger ist den Landwirten aber, dass endlich die Quelle für die Ehec-Infektionen gefunden wird - damit endlich wieder Gemüse gegessen wird.

insgesamt 52 Beiträge
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LibertyOnly 07.06.2011
1. NEIN zur Solidarität.
Die bekommen schon genug Subventionen. Außerdem das ist eben Unternehmensrisiko. Dieser Verteilungswahn muss enden.
metbaer 07.06.2011
2. ...
EU-Hilfen hin oder her... der Ruf ist erstmal ruiniert, der lässt sich auch nicht mit Geld schnell wiederherstellen. Und Live-Schaltungen zu den dann unschuldigen Höfen und Sonderberichte, Pressekonferenzen und Eilmeldungen, sollte das 'böse Gemüse und die bösen Sprossen' doch unschuldig sein, wird es nicht geben. Dann wird nur schnell zusammengepackt und zum nächsten Ort gerannt, wo es 'aktuelle Entwicklungen' gibt. Was Politik und Medien die letzten Wochen betreiben, grenzt schon fast an Rufmord. Aufklärung, um die 'Seuche' (auch wenn ich das Wort zu übertrieben finde) einzudämmen ist eins, aber Politik und Medien haben in ihrem Wahn, der 'schnellste' zu sein, restlos überreagiert.
Dr. Sorglos 07.06.2011
3. Ich zahle alles!
Für Unternehmensbereiche, die in Lobbys - sprich organisierter Korruption - gut aufgestellt sind, gibt es offenbar den Begriff des unternehmerischen Risikos nicht mehr. Wieder einmal heißt es also: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Kommunismus für Reiche und Kannibalkapitalismus für das Fußvolk. Danke, IM Erika.
sagmalwasdazu 07.06.2011
4. Aufhören mit dem Gejammer !
Viele der Produkte landen eh wieder auf dem Teller ! Tomaten ..als Ketchup oder Tomatenmark ...auf Pizzen oder als Tomaten in Dosen . Das Entsorgungsszenario ist ein fake ! Gurken eher nicht , aber Zucchini ebenfalls und dergleichen mehr ! Jammern auf hohem Niveau ! Das Gemüse war sowiso total überteuert ! Paprika für 4,99 Euro und mehr !! Aufhören zu Jammern ! Die haben genug verdient !
Rübezahl 07.06.2011
5. Der Spargel ist es .
Sind es nicht die Tomaten und Sprossen,dann ist es sicherlich der Spargel :-)
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