Einkommensdebatte: Amerika verhöhnt die armen Reichen

Von , New York

Wall-Street-Banken haben ihren Mitarbeitern die Millionen-Boni gekürzt. Ein Betroffener klagte jetzt öffentlich über sein hartes Los - und machte sich damit landesweit zum Gespött. Denn das Lamento kommt zu einer Zeit, in der so viele US-Familien in Armut leben wie zuletzt vor zwanzig Jahren.

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AFP

Die Banken der Wall Street müssen sparen. Deshalb kürzen sie die Bonuszahlungen für 2011 teils heftig: Goldman Sachs und Barclays Capital strichen ihren Mitarbeitern 25 Prozent, Morgan Stanley deckelt die Sonderzahlungen bei 125.000 Dollar. Der gesamte Pool schrumpft laut dem New Yorker Rechnungsprüfer Thomas DiNapoli auf 19,7 Milliarden Dollar, das sind 14 Prozent weniger als im Vorjahr.

Nun kommt Andrew Schiff ins Spiel. Der Manager einer Investmentfirma hat es geschafft, an einem Tag zum Gespött der USA zu werden. Was war passiert? Auf dem Rückweg von einer Konferenz in Palm Springs blieb Schiff im typisch kalifornischen Mega-Verkehr stecken. Schließlich fuhr er rechts ran und stieg fluchend aus seinem Auto: Er fühle sich auf diesem Highway "wie eine Ratte gefangen".

Blöd war nur: Ein Reporter vom Wirtschaftsdienst Bloomberg schrieb alles mit. Dem gab Schiff, Marketingdirektor bei Euro Pacific Capital, gerade ein Telefoninterview. In dem Interview ging es um Wall-Street-Boni, um die hohen Lebenshaltungskosten in New York City und um sonstige Sorgen der Reichen.

Schiffs Wut über den Stau verschmolz mit der Wut über seinen geringeren Bonus - und die Schleusen des Selbstmitleids öffneten sich weit. Am Ende sagte er dem Reporter in seinem Rausch so manches, was er seither wohl bitter bereut.

Dass er mit seinem Grundgehalt von 350.000 Dollar nicht weit komme. Dass er seine Kinder damit nicht wie geplant auf die Privatschule schicken könnte. Dass er auf "engen" 111 Quadratmetern hausen müsse. Dass er sich das neue Haus für 1,5 Millionen Dollar jetzt kaum mehr leisten könne. All das kulminierte in einem dramatischen Stoßseufzer: "Ich kann mir nicht vorstellen, was ich jetzt machen soll."

Und damit brach die Hölle los.

Über Nacht wurde Schiff - der Bruder des bekannten Investmentbankers Peter Schiff, der Euro Pacific Capital leitet - zum Buhmann der US-Einkommensschere. Zum verachtenswerten Posterboy, wie er seither selbst einsieht, "für alles, was korrupt und heimtückisch ist auf der Welt". Obwohl er selbst ja gar kein Banker ist, sondern "nur" Marketingmann (für eine Bank).

"Das arme Leben der Reichen", lästerte die Kolumnistin Jen Doll vom "Atlantic". "Lasst die Geigen heulen", sekundierte der Kabelsender MSNBC. New Yorks Top-Klatschblog Gawker machte sich über Schiffs "grausige Geschichte von Billig-Lachs" ebenso lustig wie der Wall-Street-Blog Dealbreaker ("schwer zu verdauen") und der Kulturblog Gothamist: "Die unerzählte Geschichte der von der Rezession am schwersten Getroffenen." Schiff wurde zum Kurzzeit-Star auf Twitter ("Bonus-Entzug") und auf einigen obskuren Blogs sogar zum Hassobjekt: "Drecksack Andrew Schiff."

Dabei hatte er doch nur ausgesprochen, was viele hier denken: Auch die Wohlhabenden leiden dieser Tage. "Es ist schwer, Geld zu haben", erläuterte Doll - eher ironisch - und illustrierte das mit einer lasziv auf einem Samtsofa drapierten Blondine im Cocktailkleid.

Schiffs Jammern auf hohem Niveau - sein Gehalt reduziert sich, wie er lamentiert, nach Steuern und Krankenversicherung auf "weniger als 200.000 Dollar" - hat einen Nerv getroffen. Der US-Präsidentschaftswahlkampf steht ganz im Zeichen des Klassenkampfes zwischen den armen "99 Prozent", für die sich die Occupy-Bewegung berufen fühlt, und den reichen "ein Prozent", die zum Symbol der Finanzexzesse geworden sind. Selbst die Republikaner, sonst geschlossen auf Seiten der Wall Street, zanken sich um den Wahlstand ihres Kandidaten Mitt Romney, der kürzlich ganz salopp damit angab, seine Frau fahre "ein paar Cadilllacs".

Mitleid können die Manager nicht erwarten

Dieses Milliarden-Desaster sieht aus der Warte der 99 Prozent freilich anders aus. Einkommen sinken querbeet, das US-Durchschnittsgehalt betrug zuletzt 49.445 Dollar im Jahr - etwa ein Viertel dessen, was Schiff verdient. Die Zahl der notleidenden Amerikaner ist so hoch wie seit fast 20 Jahren nicht mehr, 9,2 Millionen US-Familien leben in Armut. Da fällt Mitleid mit dem gefühlten Trauma der Wall Street schwer.

Und es macht die Lamentos anderer, die Bloomberg-Reporter Max Abelson zitiert, umso grotesker - oder lassen sie zumindest extrem deplaziert erscheinen. Der Investor Michael Sonnenfeld diagnostiziert ein branchenweites Gefühl der Malaise angesicht des reduzierten Lifestyles. "Die Leute, die kein Geld haben, verstehen den Stress nicht", schimpft der Finanzplaner Alan Dlugash. Der Wall-Street-Headhunter Daniel Arbeeny muss mit Coupons einkaufen und sah sich genötigt, seinen Skiurlaub in Aspen leider abzusagen.

In dem Aufschrei über derlei falsches Wehleid geht jedoch unter, dass die meisten New Yorker Andrew Schiff in mindestens einem Punkt recht geben würden: "Das New York, das ich wollte, bleibt außer meiner Reichweite."

In der Tat sind die Lebenshaltungskosten in New York derart abstrus hoch, dass man hier nach Angaben des Centers for an Urban Future 123.322 Dollar im Jahr verdienen muss, "um in die Mittelklasse zu kommen".

Der Lebensstandard, den man in Boston mit einem Jahresgehalt von 35.403 Dollar erreichen kann, in Atlanta mit 26.092 Dollar und in Miami mit 31.124 Dollar, erreicht man in New York erst mit 60.000 Dollar.

Trotzdem ruderte Andrew Schiff jetzt hektisch zurück. Er meldete sich bei ihm freundlich gesinnten Kolumnisten und dem "Wall Street Journal", um klarzustellen, dass er sich nicht beklage, nein. Sondern nur einen Punkt habe "herausheben" wollen - nämlich, dass das Leben in New York teuer sei, für jede Schicht.

"Ich wasche mein Geschirr seit einem Jahrzehnt per Hand", mailte Schiff an Jonathan Capehart von der "Washington Post". "Wie viele Amerikaner können das von sich sagen?" Wahrscheinlich wesentlich mehr, als Schiff sich das vorstellt.

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insgesamt 272 Beiträge
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1. Die...
intenso1 02.03.2012
Zitat von sysopAFPWall-Street-Banken haben ihren Mitarbeitern die Millionen-Boni gekürzt. Ein Betroffener klagte jetzt öffentlich über sein hartes Los - und machte sich damit landesweit zum Gespött. Denn das Lamento kommt zu einer Zeit, in der so viele US-Familien in Armut leben wie zuletzt vor zwanzig Jahren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,818772,00.html
Die Einkommens-Schere klafft aber nicht nur in der USA immer mehr auseinander. Was mich wundert ist, dass nicht erkennen der Gefahr die darin liegt. Es bedarf oft nur eines Funken, einer charismatischen Person um einen Flächenbrand auszulösen. Unruhen gibt es inzwischen in vielen Länder.
2. Ja
MrBrutus 02.03.2012
Zitat von sysopAFPWall-Street-Banken haben ihren Mitarbeitern die Millionen-Boni gekürzt. Ein Betroffener klagte jetzt öffentlich über sein hartes Los - und machte sich damit landesweit zum Gespött. Denn das Lamento kommt zu einer Zeit, in der so viele US-Familien in Armut leben wie zuletzt vor zwanzig Jahren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,818772,00.html
Der Mensch orientiert sich eben immer nach oben, warum wohl musste sich unser Ex-Präs bei seinem Gehalt ständig Kohle pumpen? Um in seinem Umfeld der Unternehmer und Banker mithalten zu können.
3. ...
iman.kant 02.03.2012
Er sollte sich lieber einen Geschirrspüler kaufen! Das schont die Umwelt. Danach kann er sich vielleicht auch ein paar Gedanken über seine Existenz machen.
4. .
frubi 02.03.2012
Zitat von sysopAFPWall-Street-Banken haben ihren Mitarbeitern die Millionen-Boni gekürzt. Ein Betroffener klagte jetzt öffentlich über sein hartes Los - und machte sich damit landesweit zum Gespött. Denn das Lamento kommt zu einer Zeit, in der so viele US-Familien in Armut leben wie zuletzt vor zwanzig Jahren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,818772,00.html
Ich bin auch total fertig. Eben noch lebte ich im Luxus und nun das. Selbst auf meine beiden peruanischen Ureinwohner, die mir Morgens die Kaffeebohnen mit den blosen Händen zermalen haben, muss ich nun verzichten. Hat schon mal jemand seine Currywurst ohne Blattgold essen müssen? Schrecklich. Wie kann man nur so leben. Vor meinen alten Freunden kann ich mich erst recht nicht mehr blicken lassen. Musste ich doch erst vor einer Woche meinen Bentley gegen einen 5er BMW tauschen. Wieso tötet man mich nicht gleich auf der Stelle?
5. das Schiff ist leck geschlagen
spargel_tarzan 02.03.2012
Zitat von sysopAFPWall-Street-Banken haben ihren Mitarbeitern die Millionen-Boni gekürzt. Ein Betroffener klagte jetzt öffentlich über sein hartes Los - und machte sich damit landesweit zum Gespött. Denn das Lamento kommt zu einer Zeit, in der so viele US-Familien in Armut leben wie zuletzt vor zwanzig Jahren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,818772,00.html
und wenn ich mal zeit hab, so nach feierabend, könnte ich mir vorstellen für den armen mann zu sammeln, nicht daß er in armut verfällt und in einer villa für nur 1,25 mio zu wohnen. als händischer tellerwäscher scheint er aber auf einem guten weg zu sein, sein persönliches new-york-ziel doch noch zu erreichen.
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