Einzelhandel Abschied von der Gratis-Plastiktüte verzögert sich

Der Einzelhandel will ab April keine Plastiktüten mehr kostenlos herausgeben. Doch bisher fehlt die Unterschrift des Umweltministeriums - der Stichtag als flächendeckender Termin wird wohl kaum zu halten sein.

Von Ann-Kathrin Terfurth

Passanten mit Einkaufstüten (Archivbild)
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Passanten mit Einkaufstüten (Archivbild)


Wer Klamotten shoppen geht, muss ab April für die Plastiktasche zahlen - mit dieser Ankündigung sorgte der Handelsverband Deutschland (HDE) kürzlich für Aufsehen. In einer freiwilligen Vereinbarung wollten sich die Mitglieder dazu verpflichten, keine kostenlosen Plastiktüten mehr über die Ladentheke zu geben. Laut Angaben des HDE wären so 60 Prozent aller Plastiktüten von einer Abgabe betroffen.

Doch der Stichtag 1. April als flächendeckender Einführungstermin für kostenpflichtige Tüten wird wohl kaum zu halten sein. "Unser Vorschlag liegt nun beim Bundesumweltministerium, wir warten auf eine Rückmeldung", sagte Kai Falk, Geschäftsführer des HDE. Doch das Ministerium lasse mit einer Antwort auf sich warten.

"Unser Ziel ist es, dass die Anzahl von Plastiktüten deutlich runtergeht, daher haben wir noch mit weiteren Verbänden gesprochen als dem HDE", sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. Eine Reihe von Handelsverbänden hätte sich nun zu der Selbstverpflichtung des HDE geäußert. Deshalb sei es noch nicht zu einer Unterzeichnung gekommen. "Derzeit erörtern wir das weitere Vorgehen." Der 1. April sei ohnehin nie als Starttermin genannt worden. Insofern sei das Ministerium nicht an diesen einen Tag gebunden.

Beim HDE zeigt man sich enttäuscht. "Wir hoffen immer noch, dass wir zügig Rückmeldung vom Umweltministerium erhalten", sagte Geschäftsführer Falk.

Schon jetzt haben einige Einzelhändler darauf verzichtet, die Kunststofftüten kostenlos an ihre Kunden herauszugeben. Im März vergangenen Jahres verabschiedete sich die Drogeriekette dm von der Gratis-Tüte. Im Oktober schloss sich der Textildiscounter Kik an. Weitere Geschäfte folgten.

Hintergrund ist eine Verordnung der EU-Kommission, die vorsieht, dass alle Mitgliedstaaten den Pro-Kopf-Verbrauch von Kunststofftüten reduzieren müssen: Bis 2019 auf 90 Tüten und bis 2025 auf 40. Das erste Ziel hat Deutschland schon ohne Vereinbarung erreicht. Hierzulande verbraucht jeder Konsument durchschnittlich 71 Tüten im Jahr. Damit liegt Deutschland deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 198 Tüten. Um jedoch langfristig den Verbrauch weiter zu senken, ist eine Regelung notwendig. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bevorzugt zwar eine freiwillige Lösung, sagte aber kürzlich auch: "Eine Selbstverpflichtung um jeden Preis wird es mit mir nicht geben. Eine ordnungsrechtliche Regelung halte ich mir deswegen nach wie vor offen."

Auch Umweltschützern geht die freiwillige Selbstverpflichtung des HDE nicht weit genug. "Wir wollen eine Regelung, die alle Einwegtüten beinhaltet, also auch Papiertüten und jegliche Plastiktüten, unabhängig von ihrer Dicke", sagte Katharina Istel, Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). Die Expertin befürchtet, dass viele Geschäfte nun auf Papiertüten umsteigen. Schon jetzt sei dieser Schritt bei einigen Textilgeschäften beobachtbar. "Doch Papiertüten sind nicht automatisch umweltfreundlicher. Damit die Tüten reißfest genug sind, wird normalerweise kein Altpapier, sondern Frischfaser genutzt - selbst, wenn die Tüten braun sind. Das bedeutet auch eine große Umweltbelastung", gibt die Expertin zu bedenken.

Der HDE setzt seine Priorität auf die Vermeidung von Plastiktüten. "Im ersten Schritt wollen wir der EU-Verordnung entgegenkommen und die Zahl von Plastiktüten reduzieren. Der Handel braucht immer noch eine Serviceverpackung für den Kunden. Daher können Papiertüten nicht ausgeschlossen werden", so Falk.

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