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13. Juni 2012, 06:34 Uhr

EM-Fanartikel

Sause auf Europas größtem Schwarzmarkt

Aus Odessa berichtet André Eichhofer

Die Fußball-EM in der Ukraine beflügelt die Geschäfte auf Europas größtem Schwarzmarkt: Auf dem "7 km" in Odessa verscherbeln Händler Kopien von Fanartikeln. Die Uefa ist machtlos - denn die Verkäufer haben einflussreiche Verbündete.

Die Waren, die Tayo Abraham an diesem Tag verkaufen will, haben die gleiche Route genommen wie der Nigerianer. Sie kommen über das Schwarze Meer. Fünf Jahre ist es her, dass der heute 28-Jährige seine Frau in der afrikanischen Heimat zurückließ und sich aufmachte in das ferne und verheißungsvolle Europa. Er strandete an dessen äußerstem Rand.

Abraham hockt auf staubigem Grund zwischen den Containerschluchten des vermutlich größten Freiluftmarkts in Europa. "7 km" heißt das riesige Areal sieben Kilometer vor den Toren der ukrainischen Schwarzmeerstadt Odessa. Auf einer Fläche, so groß wie 110 Fußballfelder, erstreckt sich ein Labyrinth aus Schiffscontainern, in dem sich Käufer und Händler verirren könnten, wären die Containerblöcke nicht je nach Sektor blau, grün oder orange. 200.000 Kunden zieht die Stadt aus Stahlblech täglich an; sie sorgen für geschätzte 20 Millionen Euro Umsatz - Tag für Tag. Mit angeblich 60.000 Arbeitsplätzen brüstet sich die Marktverwaltung - und verweist gern auf die Bedeutung des Markts für die Wirtschaft der Region.

Dabei ist der "7 km" vor allem eins: ein Drehkreuz für Produktpiraten und Schmuggler. Er gilt als größter Schwarzmarkt auf dem europäischen Kontinent. Von hier aus schleusen Markenfälscher nachgemachte Schuhe von Adidas Richtung Westen, und 15-Euro-Imitate von Louis-Vuitton-Täschchen, die sonst hunderte Euro kosten.

Tayo Abraham zieht aus einer der Kisten ein paar Sportschuhe hervor. Mit ihren drei Streifen sehen sie aus wie von Adidas. "In Wahrheit stammen sie aber aus China oder der Türkei", sagt Abraham. 120 Griwna kostet bei ihm das Paar, umgerechnet 12 Euro. Auch Schuhe mit dem markanten Krokodil der Marke Lacoste hat er im Angebot, für 15 Euro.

Die Nachfrage ist groß. Abraham mietet zwei aufeinander gestapelte orangefarbene Container auf dem "7 km". Unten hat er mit Regalen und einem zerbrochenen Spiegel einen improvisierten Schuhsalon für die Laufkundschaft eingerichtet. Oben lagern Kisten für die Großkunden, die in Odessa Massenware kaufen, um sie über die Grenze nach Europa zu verschieben.

Polizei und örtliche Verwaltung decken das Treiben

Die Europameisterschaft beschert den Händlern vom "7 km" zusätzlichen Umsatz. Abraham fischt einen Karton Badelatschen aus seinem Container. Zwei Blüten in den Nationalfarben Polens und der Ukraine zieren sie, dazu ein Ball und der Schriftzug "Uefa Euro 2012". "Die verkauf ich kistenweise", sagt Abraham - genauso wie die Filzhüte mit EM-Logo und die Plüschmaskottchen des Turniers, Slavek und Slavko, an denen der US-Konzern Warner Bros. die Rechte hält.

Der Uefa, die sich zum ersten Mal mit einem Turnier nach Osteuropa gewagt hatte, schmälert das die sonst so üppigen Merchandising-Einnahmen. "Wir wissen nicht, wie viele Fälschungen auf dem Markt sind", sagt Thibaut Potdevin, Vertriebsmanager bei der Uefa. "Deshalb können wir den Schaden schlecht einschätzen."

Im Kampf gegen die Schwarzhändler im Osten Europas hat die Uefa wenig Chancen. Zwar erließ die Ukraine vor der EM ein Gesetz, um das Markenzeichen des Fußballverbands zu schützen. Schwarzmärkte wie der in Odessa aber haben einflussreiche Verbündete. Polizei und örtliche Verwaltung decken das Treiben. Marktdirektor Anatolij Berladin war früher selbst Vizechef der Miliz. Oleg Kolesnikow, einer der Hintermänner des Riesenbasars, sitzt in Odessas Stadtrat. "Bisher hat es niemand geschafft, unsere Geschäfte zu stören", sagt er.

Es hat bislang aber noch kaum jemand ernsthaft versucht. In Odessa ist es ein offenes Geheimnis, dass es ukrainische Behörden selbst sind, die Markenfälschungen aus der Türkei und China durch die Kontrollen im Hafen der Schwarzmeer-Stadt schleusen. Abraham berichtet, der Großhändler, der ihm seine Waren liefert, schmiere die Hafenaufsicht. "Es ist klar, dass der Zoll am Schmuggel mitverdient", sagt ein Mitarbeiter von Warner Bros., der seinen Namen nicht nennen will.

Hochburg der Schmuggler

Wenn Zwischenhändler bei Abraham kistenweise Sportschuhe oder EM-Latschen kaufen, dann weiß er, wohin sie verfrachtet werden. Schleuser bringen die Waren über die grüne Grenze in kaum 80 Kilometer von Odessa entfernte Transnistrien. Der Landstrich zwischen Moldawien und der Ukraine ist international nicht anerkannt und gilt als Hochburg der Schmuggler. Von dort aus gelangen die Produktimitate über Moldawien nach Rumänien - und damit in die EU.

300 Dollar kassiert die Marktverwaltung pro Container im Monat, ein Laden kostet 1000 Dollar. Doch selbst für viele Kleinhändler lohnt sich das Geschäft: Der Nigerianer Tayo Abraham verdient rund 1200 Dollar im Monat, dreimal mehr als der Durchschnitt in Odessa.

Von Schwarzhandel und Produktpiraterie will Marktdirektor Berladin freilich nichts wissen. "Bei uns geht alles mit rechten Dingen zu", beteuert er. Er könne aber unmöglich allen 14.000 Verkäufern auf die Finger schauen.

"Auf dem '7 km'", heißt es in einem Schlager, "findest du dein Glück. Hier kannst du so viel kaufen, dass dein Kopf sich dreht." Tag für Tag drängen sich Autos auf den 10.000 Parkplätzen vor der Containerstadt.

Etwas weiter steht eine Filiale von Epicentr, einer Baumarktkette, die das EM-Turnier sponsert und dafür die offiziellen Uefa-Fanartikel verkaufen darf. An Parkplätzen herrscht auch vor dem Baumarkt kein Mangel - doch sie alle stehen leer.

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