Ausrüster Erreà Isländische Trikots sind knapp

Nicht mehr als 20.000 Trikots hat der Ausrüster Islands Erreà produziert. Zu wenig, wie sich jetzt herausstellt. Die italienische Familienfirma kommt jetzt auf Augenhöhe mit Puma.

AFP

Von manager-magazin.de-Redakteur


Das Siegtor von einem Mann namens Sigthorsson - das blaue Trikot mit dem Namen des Mannes, der England aus der EM schoss, wäre für etliche Fußballfans in Europa jetzt das Objekt der Begierde.

Viel Glück damit. Denn nicht nur die Isländer sind als absolute Underdogs in dem Turnier angetreten, auch ihr Ausrüster Erreà ist neu auf der großen Bühne. Sportartikelmarktführer Nike macht annähernd 500-mal so viel Umsatz wie die Familienfirma aus San Polo di Torrile, einem Vorort von Parma im norditalienischen Textilrevier.

"Die Island-Trikots sind ausverkauft", sagt Sportmarketing-Berater Peter Rohlmann. "Nach unserer Schätzung wurden nicht mehr als 20.000 überhaupt produziert." Und die seien allein schon durch die Präsenz der isländischen Fans in den französischen Stadien oder den heimischen Public-Viewing-Plätzen alle zu sehen. Jetzt könnte Erreà ein Vielfaches verkaufen, weil die Island-Begeisterung weit über den kleinen Heimatmarkt hinausreicht.

"Aber in der Stückzahl nachzuliefern ist quasi unmöglich, selbst wenn sie in Tag- und Nachtschicht produzieren." Dieses Problem hätten selbst die Top-Hersteller in ähnlicher Situation. Rohlmann erinnert an die EM 2004, als Adidas den Bedarf an Hemden des unerwarteten Europameisters Griechenland nicht erfüllen konnte und stattdessen einfache T-Shirts nachdruckte.

Plötzlich auf Augenhöhe mit Puma

Erreà dürfte erst recht Kapazitätsprobleme bekommen, selbst wenn die branchenüblichen langen Lieferwege aus Fernost nicht nötig sein sollten. Laut Homepage ist die Firma "stolz darauf, dass alle Produkte noch bei uns im Unternehmen konzipiert, entwickelt und hergestellt werden".

Der große Gewinner im Sponsoren-Wettbewerb ist Erreà aber auch ohne den ganz großen Trikotabsatz. Schon die bisherige weltweite TV-Präsenz bedeutet einen zweistelligen Millionenbetrag als Werbeäquivalenzwert, und jetzt kommt mindestens noch das Viertelfinale hinzu. Plötzlich ist der Kleinbetrieb mit 600 Beschäftigten und 60 Millionen Euro Umsatz auf Augenhöhe mit Italien-Sponsor Puma Chart zeigen, als letzter Herausforderer der Marktführer Adidas Chart zeigen und Nike Chart zeigen mit noch jeweils drei Teams.

Island ist die einzige von Erreà ausgerüstete Nationalmannschaft, die es jemals in einen großen Fußballwettbewerb geschafft hat. Auch auf Vereinsebene hat das Unternehmen abseits von Rugby und Volleyball wenig hochkarätige Deals vorzuweisen.

In der Serie A ist Erreà mit Atalanta Bergamo und künftig dem Aufsteiger Delfino Pescara vertreten, vereinzelte Erstligisten mit der Doppelraute auf der Brust finden sich auch in Polen, Portugal und den Niederlanden - aus der englischen Premier League hat sich Norwich City gerade wieder verabschiedet.

Von der Lega Nazionale Dilettanti zur Hollywood-Geschichte

Ansonsten bleibt vor allem ein Vertrag mit der italienischen Amateurliga, die auf Italienisch Lega Nazionale Dilettanti heißt, aber sicher nicht alle 1,3 Millionen Dilettanten-Spieler in Erreà-Trikots auflaufen lässt - und mit dem Lokalmatador Parma Calcio. Der Verein arbeitet sich jedoch gerade nach der zweiten großen Pleite infolge von Betrugsskandalen wieder neu gegründet aus der vierten Liga hoch.

Diese Partnerschaft "vereint geschäftliche Aspekte mit Herzblut und Emotionen", heißt es dazu bei der 1988 gegründeten Firma, die in der Hand von Ex-Fußballer Angelo Gandolfi und seinem Sohn Roberto ist (der Name wird aus der italienischen Ausschreibung der Inititalen R und A gebildet). Als Gründungsmotiv wird die "Leidenschaft der Familie Gandolfi für den Fußball und den Sport im Allgemeinen" genannt.

Der Island-Deal passt genau in dieses Image - mit dem Unterschied, dass er nun mit Erfolg belohnt wird. Laut Rohlmann war die 2002 begonnene Zusammenarbeit "aus der Not geboren", weil der isländische Fußballverband KSI damals gar keinen Ausrüster fand. Ein Land mit nur 300.000 Einwohnern und 100 Fußballprofis aus den Niederungen der Fifa-Weltrangliste, wer sollte an diesem Markt Interesse haben?

Sylvester Stallone und Pelé als Vorbild für das Trikot-Design

"Erreà fand sich bereit, obwohl dieses Sponsoring sich nicht refinanzieren kann." Als die Isländer 2014 der WM-Qualifikation nahekamen, erwiderten sie die Treue. Überlegungen, den mittlerweile auf einen mittleren sechsstelligen Euro-Betrag dotierten Vertrag gegen einen professionelleren Sponsor auszutauschen, wurden fallen gelassen. "Sehr bodenständig, sehr authentisch, sehr partnerschaftlich" sieht der PR-Experte beide Seiten - "das sind ja die Geschichten, die den Fußball so beliebt machen und Sympathien wecken".

Mit minimalem Aufwand inszeniert Erreà den Auftritt der Isländer in sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #breaktheice. Auch das Design der Island-Trikots wirkt eigenwillig genug für einen Underdog, mit zweifarbigem Kragen und einem Längsstreifen auf der linken Seite.

Die britische "Daily Mail" sieht den Hollywood-Film "Escape to Victory" (Flucht oder Sieg) von 1981 als Vorbild. Darin kämpften unter anderem Sylvester Stallone und Pelé als Fußball-Team von Weltkriegs-Gefangenen um die Freiheit - und gewannen gegen eine deutsche Nazi-Übermacht in Paris.

Für Erreà könnte sich der Image-Gewinn auszahlen, indem neue Partner sich für den Sponsor öffnen. Island allerdings, meint Marketing-Experte Rohlmann, "wird sich künftig sicher nicht mehr mit einem Werbewert unter einer Million Euro abspeisen lassen". Immer noch weit entfernt von den Dimensionen der Adidas-DFB-Allianz - aber Erreà aus San Polo di Torrile könnte dann doch an seine Grenzen stoßen.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
siebke 29.06.2016
1. Ja;ja
....es gibt sie noch, nicht mehr viele, die Märchen, die Geschichten schreiben...
digiwalker 29.06.2016
2. Erreà
Ist im Sport besonders bekannt im Bereich Volleyball, wo es unter anderem ca. 20 Nationalteams ausrüstet...
kasam 29.06.2016
3. Diese Trikots sind mir lieber
als das abgefakte Sponsoring von Ad....und Pu..... So profitieren auch die kleineren Firmen von diesem Sport-Zirkus und ist noch ehrlicher dabei.....
H-Vollmilch 29.06.2016
4. England ist der underdog!
Wieso wird England immernoch als "großer" Fussballteilnehmer bezeichnet? England hat seit Jahrzehnten keinen nenneswerten Erfolg mehr gehabt!
MatthiasPetersbach 29.06.2016
5.
Zitat von kasamals das abgefakte Sponsoring von Ad....und Pu..... So profitieren auch die kleineren Firmen von diesem Sport-Zirkus und ist noch ehrlicher dabei.....
Interessanterweise sind die Trikots aus Italien nicht teurer als die aus Sklavenarbeit. Das deutsche Trikot von Adidas kostet in der Herstellung (Material, ARBEIT, Transport) gerade mal 7,50 Euro. Der Rest geht an mitverdienende Minderleister. Ich hoffe, in Italien siehts ein wenig besser aus für den, der die eigentliche Arbeit macht.
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