Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ende der Sanktionen: Diese Branchen hoffen auf große Deals mit Teheran

Börse in Teheran: "Zehn Milliarden Euro Exportvolumen durchaus realistisch" Zur Großansicht
REUTERS

Börse in Teheran: "Zehn Milliarden Euro Exportvolumen durchaus realistisch"

Nach dem Ende der Sanktionen gegen Iran wittern vor allem deutsche Unternehmen dort ein Milliardengeschäft. Doch einige Probleme trüben die Goldgräberstimmung.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Meldung versetzte viele Iraner in Jubelstimmung: Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigte am Samstagabend, dass Teheran sein Atomprogramm massiv zurückgefahren hat. Damit sind die Voraussetzungen erfüllt, dass die USA und die EU die Strafmaßnahmen gegen Teheran aufheben, die rund ein Jahrzehnt galten. Iran kann an den Weltmarkt zurückkehren.

Doch nicht nur Teheran verspricht sich jetzt einen immensen Aufschwung.

Vor allem Unternehmen aus Deutschland haben große Hoffnungen darauf, vom Ende der Sanktionen zu profitieren:

  • Die Flugzeugindustrie preschte bereits vor: Nach Angaben von Irans Transportminister Abbas Achundi orderte das Land inzwischen 114 Airbus-Maschinen.

  • Eine schnelle Wiederbelebung der Kontakte sei jetzt nötig, betonte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. "Dann ist für deutsche Unternehmen mittelfristig ein Geschäftsvolumen von fünf Milliarden Euro drin; langfristig sind zehn Milliarden Euro Exportvolumen durchaus realistisch."

  • Besonders die Maschinenbauer haben sich in Stellung gebracht. "Es gilt, die Chancen in Iran zu nutzen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, Thilo Brodtmann. Die Mitgliedsunternehmen würden bereits seit Monaten auf die Zeit nach dem Ende der Sanktionen vorbereitet.

  • Auch die Logistikbranche hat großes Interesse. "Es gibt so etwas wie Goldgräberstimmung", sagte Schenker-Manager Michael Dietmar zum Jahreswechsel. "Iran ist für uns ein hochinteressanter Markt."

  • Hoffnungsträger könnte auch die Landwirtschaft sein. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) kündigte auf der Grünen Woche in Berlin den Aufbau direkter Geschäftsbeziehungen mit Teheran an; er sieht ebenfalls ein neues Kapitel im Verhältnis.

  • Außer den klassischen Produkten gibt es in Iran inzwischen auch eine wachsende Nachfrage nach erneuerbarer Energie - vor allem Windkraft ist laut deutsch-iranischer Handelskammer gefragt.

  • Die Automobilbranche steht ebenfalls in den Startlöchern. Bei VW ist aus Unternehmenskreisen zu hören, dass der Konzern mit von der Partie sein will, wenn westliche Hersteller ihre Autos wieder in Iran verkaufen dürfen. Die VW-Tochter Audi sieht in dem islamischen Schwellenstaat sogar "wachsendes Potenzial für Premiummarken". Auch Daimler und BMW planen, wieder in Iran aktiv zu werden.

Doch gleichzeitig äußern alle deutschen Autohersteller auch Bedenken. Eine Daimler-Sprecherin betonte, das Unternehmen habe bisher weder einen autorisierten Importeur noch ein Händlernetz in Iran und übe daher aktuell keine Geschäftstätigkeit im Markt aus. Audi beobachte die politische Entwicklung. Auch bei BMW hieß es: "Ein zukünftiger Einstieg in den iranischen Markt hängt sowohl von den politischen als auch von den wirtschaftlichen Entwicklungen ab."

Denn um die Geschäfte in Gang zu bringen, gibt es noch einige Hürden zu überwinden:

  • Überschatten könnte den Aufschwung vor allem der Einbruch der Ölpreise. Stürzt der Preis für das "schwarze Gold" weiter ab, so fürchten viele, könnten ein geschröpfter Staatshaushalt und eine schwächere Nachfrage in Iran auch auf die Exporte dorthin durchschlagen. "Die Aufhebung der Sanktionen kommt für den Ölmarkt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt", sagt Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg. Sein Kollege Heiko Peters von der Deutschen Bank spricht von einem "extrem schwierigen Umfeld". Und der Chef des Mineralölwirtschaftsverbands, Christian Küchen, mahnte bereits im August: "Die Entwicklung in Iran bleibt die große Frage."

  • Zudem müssen Probleme bei der Abwicklung des Zahlungsverkehrs überwunden werden. Die iranischen Geldinstitute sind noch vom internationalen Zahlungsverkehrssystem Swift abgekoppelt - ohne Swift, mit dem Banken grenzüberschreitende Überweisungen abwickeln, läuft nichts. Bis alle wichtigen Banken in das System integriert sind, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

  • Entscheidend aus deutscher Sicht ist außerdem eine sichere Finanzierung. Nötig seien Zusagen, dass Kreditinstitute nicht in den USA belangt werden, wenn sie Iran-Geschäfte begleiten, sagte DIHK-Mann Treier. Wie teuer Ärger mit den USA werden kann, erlebte die Commerzbank. Sie musste für einen Vergleich 1,45 Milliarden Dollar hinblättern, um ein Geldwäscheverfahren beizulegen. "Sanktionen, die Banken betreffen, müssen aufgehoben werden", fordert daher der deutsche Bankenverband.

Iran war einst zweitwichtigster Exportmarkt Deutschlands

Fest steht: Der Nachholbedarf Irans ist enorm. Das grüne Licht der Atomenergiebehörde IAEA vom Samstagabend in Wien öffnet eine Ökonomie mit 80 Millionen Menschen. Insgesamt überwiegt deshalb die Zuversicht. "Iran hat ausreichende Rücklagen und ist solvent. Ersatzinvestitionen sind angesichts veralteter Anlagen dringend erforderlich", meint der Sprecher des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), André Schwarz.

Der BGA prognostiziert einen Anstieg des Ausfuhrvolumens von 2,4 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf bis zu zehn Milliarden Euro in den nächsten vier bis fünf Jahren. "Wir rechnen uns erhebliche Chancen aus."

In den Siebzigerjahren lag Iran laut DIHK für die deutsche Wirtschaft als zweitwichtigster Exportmarkt außerhalb Europas hinter den USA. Dann schrumpfte die Bedeutung stetig: 2005 vor den Sanktionen habe Iran Waren im Wert von 4,4 Milliarden Euro aus Deutschland importiert, 2014 seien es weniger als 2,4 Milliarden gewesen. Jetzt soll es wieder aufwärts gehen.

Kursabstürze an den Börsen

Für die Börsen am Golf ging es am Sonntag stattdessen gleich steil bergab. Weil sich der weltweite Ölpreisverfall durch das Atomabkommen noch verstärken wird, brachen die Kurse ein.

Die saudi-arabische Börse in Riad verlor 5,44 Prozent, zwischenzeitlich lag das Minus gar bei sieben Prozent. Die Papiere aus der Ölindustrie gaben um 5,13 Prozent nach. In Katar, dem zweitgrößten Handelsplatz am Golf, drehten die Kurse bis zum Mittag mit 5,6 Prozent in den roten Bereich. In Dubai landeten die Kurse auf ihrem niedrigsten Stand seit drei Jahren. In Kuwait rutschte der Index unter die 5000-Punkte-Marke auf ein Zwölfjahrestief.


Zusammengefasst: Die deutsche Wirtschaft verspricht sich milliardenschwere Geschäfte mit Iran. Vor allem Maschinenbauer und Autohersteller machen sich Hoffnungen. Doch der Einbruch der Ölpreise, Probleme bei der Abwicklung des Zahlungsverkehrs sowie unsichere Finanzierungsgrundlagen könnten die Entwicklung der Märkte in Iran ausbremsen.

cst/dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Israel sagt es ist ein Fehler
michlmeik 17.01.2016
Doch die westliche Welt will nur Geschäfte machen.
2. Und wer alles?
dieteroffergeld 17.01.2016
Wohl auch wieder Rüstungsfirmen, deren Produkte dann via Iran in anderen Ländern bei bedürftigen Kriegstreibern landen. Aus dem Ländle der Schaffer und Sparer war doch ein gewisser Herr Nils S. (SPD) als Führer einer Wirtschaftsdelegation(Oberndorfer Manager) in Teheran. Was die da wohl so alles besprochen und wohl auch verabredet haben? Die Firmen, die Spielzeuge oder Hygieneartikel vertreiben, werden vermutlich nicht ihre Repräsentanten losgeschickt haben.
3. es ist sehr interessant
franz von list 17.01.2016
denn die sich ändernde politische Lage und die damit steigen Exporte.... neues Problem sind nun aber die Saudis, die genau verhindern wollen, das Iran entsprechen als Wirtschaftsmacht erstarkt . Die Situation wird genau brisant bleiben wie bisher. Die Welt wird sich in dem Moment völlig verändern wenn der Mensch für seine Kulturen kein Öl mehr braucht.
4. Was schert schon Moral
hans.lotz 17.01.2016
Radikaler Kapitalismus hat Witterung von dicken Geschäften mit Iran aufgenommen. Mögen manche Waffenlieferanten daran ersticken.
5. direkte Anwort an michlmeik
ch3_94 17.01.2016
Die derzeitige israelische Regierung ist so verrannt in ihrem Freund-Feind denken, dass einem das israelische Volk leid tut. Es wird hoechste Zeit, dass Irael ueber seinen Schatten spring und auf einen wirklichen Frieden zusteuert, das heisst aber, einen unaabhaengigen palaestinensichen Staat. Ich bin fest davon ueberzeugt, dass sich danach vieles relativiert in der gesamten Region.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 79,476 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia


Republik Iran
Land
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
REUTERS
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
REUTERS
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).
Chronik
Aufstieg von Mohammed Resa
AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.
Ajatollah Chomeini und die islamische Revolution
Getty Images
1978 mobilisieren Liberale und Konservative, Säkulare und Religiöse, Linke und Rechte Massenproteste gegen den Schah. Zur Leitfigur des Protests wird Ajatollah Chomeini. Den landesweiten Streiks und Massendemonstrationen in Teheran schließen sich Hunderttausende an. Armee und Polizei gehen teilweise brutal gegen die Demonstranten vor. Dennoch enden die Proteste mit dem Sturz des Schahs am 16. Januar 1979. Nach Chomeinis Rückkehr aus dem Exil in Frankreich, wohin er 1978 gedrängt worden war, spricht sich die Bevölkerung in einem Referendum für die Islamische Republik aus, deren oberster Führer der Großajatollah selbst wird.

Die Außenpolitik Chomeinis wendet sich vor allem gegen die USA und Israel. Am 4. November 1979 besetzen islamische Kräfte die amerikanische Botschaft und nehmen mehr als 50 Geiseln, die erst nach 444 Tagen wieder freikommen. Chomeini billigt die Aktion. Die Beziehungen zu den USA erreichen ihren Tiefpunkt. Unterstützt von den USA überfällt der Nachbarstaat Irak am 22. September 1980 Iran. In dem folgenden acht Jahre langen Krieg zwischen den beiden Ländern sterben etwa eine Million Menschen.
Phase der Islamisierung
REUTERS
Im Laufe des Kriegs treibt die Regierung die Islamisierung des Landes voran. Für Frauen gilt eine strenge Kleiderordnung, in öffentlichen Verkehrsmitteln die Geschlechtertrennung. Chomeini lässt linksgerichtete politische Häftlinge ermorden, vor allem Anhänger der Volksmudschahidin, die noch während der Revolution auf Seiten Chomeinis standen.

1989 stirbt der religiöse Führer. Der Expertenrat, ein Gremium aus höchsten religiösen Sachverständigen, ernennt Ajatollah Ali Chamenei zum Nachfolger. In den Folgejahren hat Iran stark unter zunehmender Korruption zu leiden. Die Liberalisierung der Wirtschaft bleibt weitgehend wirkungslos. Bereits 1995 verhängen die USA erste wirtschaftliche Sanktionen, weil Iran nach US-Auffassung den internationalen Terrorismus unterstützt.
Vom Reformer Chatami zum Hardliner Ahmadinedschad
AFP
Der als liberaler Geistlicher geltende Mohammed Chatami gewinnt 1997 die Präsidentschaftswahl. Seine innenpolitischen Reformbemühungen geraten allerdings ins Stocken, da er versucht, zu viele politische Lager zusammenzubringen, und die nach wie vor einflussreichen konservativen Hardliner erheblichen Widerstand leisten. Im Juni 2005 erobert der frühere Bürgermeister Teherans und konservative Hardliner Mahmud Ahmadinedschad das Amt des Präsidenten. Außenpolitisch sorgt er vor allem durch Vorantreiben eines Atomprogramms und harsche verbale Angriffe gegen Israel für Ärger. Infolge seiner Wiederwahl als Präsident im Sommer 2009 kam es wegen Unregelmäßigkeiten zu wochenlangen Massenprotesten, die teils brutal niedergeschlagen wurden. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet, Hunderte Menschen verhaftet.
Entspannung gegenüber dem Westen
Bei der neuerlichen Präsidentenwahl im Sommer 2013 durfte Ahmadinedschad nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten. Es siegte der als gemäßigt geltende Kandidat Hassan Rohani, der seitdem mildere Töne nach außen anstimmt. Der Westen und Iran einigen sich im November auf einen "Gemeinsamen Aktionsplan" im Streit um das iranische Atomprogramm.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: