Globale Untersuchung Fast die Hälfte aller Kohlekraftwerke macht Verluste

Sie bilden das Rückgrat der globalen Stromerzeugung, aber für ihre Betreiber werden Kohlekraftwerke zum Risiko: Laut einer Studie schreiben Tausende Meiler rote Zahlen, die bald in die Milliarden gehen könnten - das betrifft auch RWE.

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Strengere Vorschriften gegen Luftverschmutzung, wachsende Kosten für den CO2-Ausstoß und hohe Brennstoffpreise treiben offenbar Tausende Kohlekraftwerke weltweit in die roten Zahlen. Laut einer bislang unveröffentlichten Studie des Londoner Analysehauses Carbon Tracker erwirtschaften 42 Prozent von 6685 untersuchten Meilern bereits jetzt Verluste.

Bis 2040 werde der Anteil der Kraftwerke mit Minuszahlen auf mehr als 70 Prozent steigen, prognostizieren die Autoren - und das sogar bei niedrigeren Brennstoffkosten als heute. Sollten die Staaten der Europäischen Union hingegen im Einklang mit ihren Klimazielen Kohlekraftwerke schließen lassen, könnten sie laut Carbon Tracker Wohlfahrtsverluste in Höhe von 89 Milliarden Dollar vermeiden.

Carbon Tracker wurde 2009 von Finanzanalysten, Fondsmanagern und Energieexperten gegründet und spezialisiert sich auf Auswirkungen des Klimawandels auf die Finanzmärkte. Furore machte der Londoner Thinktank 2015 mit seiner Untersuchung, wonach bis zu zwei Drittel der Öl-, Gas- und Kohlereserven der Erde nicht verbrannt werden dürfen, um gefährliche Ausmaße des Klimawandels zu vermeiden.

Wie die Wirtschaftlichkeit der Meiler berechnet wird

Kohlekraftwerke erzeugen weltweit etwa 37 Prozent des Stroms; in Deutschland liegt der Anteil bei 39 Prozent. Heute aber könnten erneuerbare Energien in der gesamten EU billiger Strom liefern als neue Kohlemeiler, schreiben die Analysten in ihrer neuen Studie. Sie berechnen die Rentabilität der bestehenden Kohlekraftwerke anhand der sogenannten langfristigen marginalen Kosten:

  • also Kosten für Brennstoffe,
  • Emissionsrechte oder CO2-Abgaben,
  • die Anpassung an Umweltvorschriften
  • sowie für den täglichen Betrieb und Erhaltung der Anlagen.

Die Milliardenkosten für den Bau und die Abschreibung der Blöcke fließen nicht in die Kalkulation ein.

Dennoch kommt laut Carbon Tracker der Weiterbetrieb von 35 Prozent aller Kohlekraftwerke weltweit die Unternehmen teurer zu stehen, als wenn sie stattdessen gleich große Kapazitäten mit regenerativen Energietechnologien aufbauen würden.

"Die Kosten für Erneuerbare fallen so stark, dass sie in einigen Weltregionen sogar schon existierende Kohlekraftwerke verdrängen können", sagte Sebastian Ljungwaldh, einer der Studienautoren, dem SPIEGEL. In den USA etwa schaffe es die Kohleindustrie trotz der Unterstützung von Präsident Donald Trump kaum noch, gegen Erneuerbare und Gas zu bestehen - "aus rein wirtschaftlichen Gründen".

Bis zum Jahr 2030 werde der Bau regenerativer Kraftwerke billiger sein als der Betrieb von 96 Prozent aller bestehenden und geplanten Kohlekraftmeiler, prophezeien die Analysten. Sie haben ihren Prognosen die durchschnittlichen regionalen Kohlepreise der Jahre 2014 bis 2017 zugrunde gelegt - also deutlich niedrigere Kosten als heute.

Dass viele Staaten dennoch an der Kohle festhalten und einige sogar neue Meiler bauen lassen, erklärt Analyst Ljungwaldh mit dem Einfluss der Lobby, dem Streben von Politikern nach Erhalt von Arbeitsplätzen, unzureichenden Speichermöglichkeiten sowie bestehender Infrastruktur: etwa Stromnetzen, die auf zentrale Großkraftwerke ausgerichtet seien. Auf Dauer jedoch werde Kohle schlichtweg zu teuer sein.

Deutschlands größter Kohleverstromer RWE erwirtschaftet heute mit der Braunkohle noch Profit. Dies werde sich aber in den nächsten Jahren wegen steigender Emissionskosten ändern, sagt Carbon Tracker voraus. Sollte RWE seine Kraftwerke im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen stilllegen, anstatt sie weiter zu betreiben, könne der Konzern Verluste in Höhe von mehr als acht Milliarden Dollar vermeiden, heißt es in der Studie. Sie erscheint kurz vor dem Start der Weltklimakonferenz am kommenden Montag im polnischen Katowice.

Laut dem Weltklimarat müssen bis 2030 59 Prozent aller Kohlekraftwerke weltweit stillgelegt werden, um den Anstieg der Erderwärmung auf durchschnittlich 1,5 Grad zu begrenzen. Dies scheint heute illusorisch zu sein. Ljungwaldh aber ist überzeugt, dass sich die Energiewende beschleunigen wird. "Unsere Analyse zeigt, dass ein kostengünstiges Stromsystem ohne Kohle nicht etwa eine saubere, grüne Annehmlichkeit ist, sondern ökonomisch unvermeidbar." Ob es die Regierungen auch schon so sehen, wird sich in Katowice zeigen.

insgesamt 237 Beiträge
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dirkcoe 30.11.2018
1. Erstaunliche Zahlen
Sollten diese so zutreffen, dann kommt automatisch die Frage zu den Alternativen. Ich glaube kaum, dass bis 2040 alle Kohlekraftwerke durch erneuerbare Energien zu ersetzen sind.
spon_2999637 30.11.2018
2. Mit anderen Worten....
"Der Kohleausstieg gefährdet Arbeitsplätze" ist gelogen, die sind ohnehin bald großteils weg und die Aussage ist eher "Wir wollen mehr Subventionen!"
Kritischer Geist III 30.11.2018
3. Wie geht denn das?
Beim Hambi hammse uns doch noch erzaehlt ein Kohleausstieg wuerde 30 Milliarden kosten und jetzt kommt der Spiegel und sagt "In ein paar Jahren schreiben die nur noch Rote zahlen" Naja sei es drum, solange die Mafia nicht auf Idee kommt sich vom Steuerzahler retten zu lassen, koennen die von mir aus doch Verluste machen.
holger.becker 30.11.2018
4. Politik muss Hürden abbauen, damit's nicht zu teuer wird
Im Artikel sind vier ernstzunehmende Hürden für die Transition in eine volkswirtschaftlich sinnvolle Energieversorgung genannt. Da muss die Politik ansetzen: 1.) Lobbyismus: Einfach nicht mehr auf die rückwärtsgewandte Kohlelobby hören. 2.) Erhalt von Arbeitsplätzen: Endlich mal begreifen, dass in den Alternativen zukunftsfähige Jobs entstehen. Der Wandel muss von der Politik aktiv gestaltet und organisiert werden. 3.) Speichermöglichkeiten: Ja, das stimmt. Es muss auf fluktuierende Einspeisung und die sog. Dunkelflaute reagiert werden können. Damit das passiert, müssen sinnvolle Rahmenbedingungen für die Investition in und den Betrieb von notwendiger Infrastruktur geschaffen werden. 4.) siehe 3.)
fleischwurstfachvorleger 30.11.2018
5. RWE der Wohltäter
Nein, wer hätte das gedacht, nämlich dass Laschet so daneben liegt. Es kommt natürlich überhaupt nicht in Frage, dass auch nur ein Cent Steuergeld an RWE und Konsorten geht, wenn sie ihre Verlustbringer frühzeitig abschalten und sich aus dem Braunkohleabbau verabschieden. Im Gegenzug fordern wir auch nicht die 8 Milliarden, die sich RWE sparen wird, indem sie ihre Kohlekraftwerke nicht mehr betrieben, auch nicht ein. Die Regierung fordern wir auf, den Fuß von der Bremse zu nehmen, was den Ausbau von erneuerbarer Energie betrifft und massiv in den weiteren Netzausbau zu investieren. Regionale Blockkraftwerke sind besonders zu fördern. Weiterhin sollten die Industrieunternehmen, die heute zur Gänze oder teilweise von der EEG-Umlage befreit sind, stärker an dieser Umlage beteiligt werden, damit die Motivation zur Verschwendung von Energie wegfällt. Politiker sei angeraten, nicht mehr so lange "tote Pferde" zu reiten und Versicherungen, Banken und andere Großkonzerne an der Modernisierung zu hindern, sondern Politik für die Zukunft und zum Nutzen der Bürger dieses Staates zu machen.
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