Energiemarkt: EU-Kommission rügt Frankreichs Strompreis-Diktat

Bis 2014 sollen Strom und Gas in Europa eigentlich grenzenlos fließen. Doch von diesem Ziel ist die Gemeinschaft laut dem deutschen EU-Kommissar Oettinger noch weit entfernt. Vor allem in Frankreich behindere der große Staatseinfluss den Wettbewerb - zu Lasten der Verbraucher.

Strommast in Bayern: In Deutschland herrscht bereits Wettbewerb auf dem Markt Zur Großansicht
dpa

Strommast in Bayern: In Deutschland herrscht bereits Wettbewerb auf dem Markt

Hamburg - Der deutsche Energiekommissar Günther Oettinger knöpft sich Frankreich vor. Laut einem Bericht der "Financial Times Deutschland" will die EU-Kommission an diesem Donnerstag eine Analyse zum Fortschritt des Energie-Binnenmarkts veröffentlichen. Das ernüchternde Fazit: Viele Mitgliedstaaten der EU behindern immer noch den freien Handel mit Strom und Gas und lassen den Verbrauchern zu wenig Freiheit bei der Wahl ihrer Anbieter.

Nach derzeitigem Stand werde das von den Staats- und Regierungschefs festgelegte Ziel, den Binnenmarkt bis 2014 zu verwirklichen, nicht erreicht, heißt es in der Analyse. Ohne umfassende Veränderungen im Energiemarkt drohten "ein weniger zuverlässiges und teureres Energiesystem, sinkende Wettbewerbsfähigkeit und sinkender Wohlstand".

Oettingers Behörde rügt laut dem Zeitungsbericht vor allem die deutschen Nachbarn Frankreich und Polen. In Frankreich dürften die schon sehr hohen Anteile des staatlich dominierten Versorgers EDF nicht weiter steigen, mahnt die Kommission. EDF hatte beim Stromgroßhandel 2011 einen Anteil von 91 Prozent, 5,5 Prozent entfielen auf GDF Suez Chart zeigen und drei Prozent auf den französischen Ableger von E.on Chart zeigen.

Verbraucher könnten 13 Milliarden Euro durch Anbieterwechsel sparen

Deutschland wird dagegen bescheinigt, einen "relativ gut entwickelten Markt" zu haben. Hierzulande verantworten die vier größten Produzenten weniger als die Hälfte der Stromproduktion und zwei Drittel des Handels. In Frankreich werde nicht nur der Strompreis für die Endverbraucher staatlich festgelegt, selbst die meisten großen Industriekunden könnten ihre Preise anders als die deutsche Konkurrenz nicht frei verhandeln.

Als erste Konsequenz fordere die Kommission von den Franzosen, wenigstens den Betrieb der Wasserkraftwerke öffentlich auszuschreiben. In Polen und anderen Ländern werde außerdem der freie Wechsel zwischen Anbietern erschwert oder sei sogar ganz unmöglich.

In Deutschland wechseln rund drei Millionen Haushalte jährlich den Stromversorger. "Schon heute könnten die Verbraucher in der EU 13 Milliarden Euro sparen, wenn sie in den für sie günstigsten Tarif wechseln würden", so die Kommission. Laut der Zeitung will sie staatlich festgesetzte Tarife künftig nur für sozial schwache Familien zulassen.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, will Oettinger auch die bisherigen Fördersysteme der nationalen Regierungen für einzelne Energieträger harmonisieren. Damit könnte auch das deutsche Ökostrom-Fördergesetz EEG in Gefahr geraten, das in den vergangenen Jahren für einen Boom des grünen Stroms - aber auch für steigende Strompreise gesorgt hatte.

stk/dpa-AFX

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1. ...
nick115 13.11.2012
@SPON: Wie viel muss den ein durchschnittlicher französischer Haushalt im Vergleich zu einem deutschen Haushalt für Strom zahlen? Das ein Lobbyist wie Öttinger für mehr Einfluss der Oligarchen eintritt ist klar, unklar sind aber Ihre Angaben. Ist der Staat wirklich teurer? bitte mehr Fakten!
2. Zu Lasten der Verbraucher ist es nur,
ReneMeinhardt 13.11.2012
wenn Strom wie bei uns an der Börse gehandelt wird, sozusagen als Spekulationsware. Pfui!
3. Google sagt stimmt nicht:
derjansel 13.11.2012
Durchschnittliche Strompreise in Deutschland, Frankreich und Europa (http://www.umweltbewusst-heizen.de/Strom/Strompreis/Europa/Strompreis-Europa.html) Google sagt, das in Frankreich in etwa halb soviel für Strom bezahlt wird, wie bei uns? Wie passt es dann zusammen, wenn dort angeblich der Markt total verheerend für den Verbraucher sein soll?
4. Oettinger, na ja...
jj2005 13.11.2012
Zitat von sysopAls erste Konsequenz fordere die Kommission von den Franzosen, wenigstens den Betrieb der Wasserkraftwerke öffentlich auszuschreiben.
Die kleinen kommunalen Wasserkraftwerke auszuschalten hilft natuerlich gegen die Uebermacht von EDF. Bravo, Oettinger, weiter so!
5. Strompreis-Diktat
inhabitant001 13.11.2012
Ja, durch den Wettbewerb ist Deutschlands Strompreis nur noch *DOPPELT* so hoch wie in Frankreich! Das böse, böse "Strompreis-Diktat" in Frankreich muß dringend fallen, damit auch Frankreichs Bürger die segensreiche Wirkung des Wettbewerbs erfahren.
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Grafik: Geplante Stromtrassen für Energiewende Zur Großansicht
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Grafik: Geplante Stromtrassen für Energiewende

EEG-Umlage
Was ist die EEG-Umlage?
Die EEG-Umlage ist das zentrale Förderinstrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wind-, Solar- und Biogasanlagen können am Markt noch nicht mit Kohle- und Atomkraftwerken konkurrieren. Damit sie trotzdem rentabel sind, wird solchen Kraftwerken der Strom zu einem fixen Preis abgenommen. Dieser liegt deutlich über dem Preis an der Strombörse EEX. Die Differenz von Börsenpreis und fixem Abnahmepreis zahlen die Verbraucher über ihre Stromrechnung.
Warum steigt die EEG-Umlage?
Das hat zwei Gründe. Erstens, weil die absolute Menge des Ökostroms steigt. Durch die Energiewende gehen eine große Menge neuer Ökostromanlagen ans Netz. Zweitens steigt die EEG-Umlage auch relativ. Das hat paradoxerweise mit sinkenden Strompreisen zu tun. Die erneuerbaren Energien erhöhen das Stromangebot in Zeiten großer Nachfrage und senken dadurch den Strompreis an der Börse. Wenn aber der Strompreis sinkt, dann steigt die Differenz zwischen dem tatsächlichen Strompreis und dem fixen Abnahmepreis, den Betreiber von Ökostromanlagen garantiert bekommen - und die Verbraucher per EEG-Umlage ausgleichen müssen.
Zahlen alle Verbraucher die EEG-Umlage?
Im Prinzip ja. Allerdings werden ausgerechnet die größten Stromfresser der Nation entlastet. Sie genießen den Schutz der sogenannten besonderen Ausgleichsregel des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Laut dieser zahlen Firmen die volle EEG-Umlage nur für die ersten eine Million Kilowattstunden Strom, die sie verbrauchen. Für jede weitere Kilowattstunde zahlen sie nur noch zehn Prozent der EEG-Umlage, ab einem Verbrauch von zehn Millionen Kilowattstunden ist es nur noch ein Prozent, ab einem Verbrauch von 100 Millionen Kilowattstunden sind es noch 0,05 Cent. Beispiel: Die Trimet Aluminium AG verbraucht bei voller Auslastung 4,6 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr*. Die Aluminiumhütte muss also nur für rund 0,02 Prozent ihres Gesamtverbrauchs die volle EEG-Umlage zahlen.