Energiepolitik Der Preis der Zukunft

Wie teuer wird der geplante Ausbau der erneuerbaren Energien? Die Bundesregierung hat das Ziel ausgegeben, Deutschland auf grüne Energie umzustellen - verbunden mit erheblichen Kosten für Verbraucher und Volkswirtschaft insgesamt. Mehrere schwarz-gelbe Politiker sind überzeugt: Die Anstrengungen seien gewaltig, aber lohnend.

Energielandschaft Morbach: Drei Mal so viel Strom wie verbraucht wird
dapd

Energielandschaft Morbach: Drei Mal so viel Strom wie verbraucht wird

Von Christian Schwägerl


Hamburg - Der Plan der Regierung ist extrem ehrgeizig: Bis zur Jahrhundertmitte soll der Anteil von Wind, Sonne, Biomasse und Erdwärme am deutschen Energieverbrauch sukzessive auf 50 Prozent steigen, auf dem Strommarkt soll die Ökoquote sogar 80 Prozent betragen. "Die Kosten sind zwar erheblich", sagt Juliane Rumpf (CDU), Umweltministerin von Schleswig-Holstein. Aber kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien Volkswirtschaft und Verbraucher wirklich zu teuer, wie viele fürchten? Rumpf widerspricht: Die Rechnungen, die Ökoskeptiker in diesen Tagen aufstellen, könnten ihrer Ansicht nach in die Irre führen.

Ein Streitpunkt sind die Investitionen in neue Netze, Kraftwerke und Speicher, die mit dem Ausbau der regenerativen Energien nötig werden. CDU-Politiker Michael Fuchs zum Beispiel warnt in diesem Bereich vor zu hohen Kosten. Doch seine Parteikollegin Rumpf widerspricht: "Da ohnehin bis 2050 unser gesamtes Stromerzeugungssystem komplett erneuert werden muss, sollten nur die Mehrkosten gegenüber den Systemen, die die Klimaziele nicht erreichen würden, betrachtet werden - und diese sind überschaubar," sagt sie. Insbesondere beim Wind nähere man sich "langsam den Kosten anderer Erzeugungsanlagen an".

Planung für die Zeit ohne Öl

Tatsächlich schreitet der technische Fortschritt bei den Umwelttechnologien rasant voran, und mit der zunehmenden Massenproduktion sinken die Kosten. Schon bald sei mit einer Kostenersparnis "wie im Elektronikbereich" zu rechnen, sagt Rumpf. "Eine ehrliche Kostenbilanz beim Einsatz erneuerbarer Energien rechnet die Kosten für unterlassenen Klimaschutz und die steigenden Kosten für konventionelle Energieträger mit ein", sagt Rumpf.

Ihr Kieler Kabinettskollege, Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU), schließt sich dieser Warnung an. Bis 2050 werde Erdöl längst erschöpft sein, sagt er. Darauf müsse man sich einstellen. Würde man die Zielwerte 80 Prozent Ökostrom und 50 Prozent Öko-Primärenergie zu heutigen Kosten umsetzen, "dann würden wir einen heftigen Aufschrei in der Bevölkerung erleben und die Wirtschaft abwürgen", warnt de Jager. Doch dazu werde es gar nicht kommen: "Ich bin überzeugt, dass 30 bis 40 Jahre Wettbewerb die Kosten je Kilowattstunde bei den erneuerbaren Energien so weit einpendeln werden, dass sie 2050 mit den dann noch erforderlichen konventionellen Energien gewiss konkurrieren können. Wenn sie nicht sogar schon billiger sein werden."

De Jager setzt auf eine Industrialisierung der Öko-Energien: Wenn einmal Windräder in automatisierten Prozessen erzeugt werden statt wie heute nahezu in Handarbeit, werden die Kosten sinken. Gleiches lässt sich für andere erneuerbare Energieträger annehmen.

Energiekonzept der Bundesregierung "alternativlos"

Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP), bezeichnet das Energiekonzept der Bundesregierung sogar als "alternativlos". Nach 30 Jahren Debatte weise die Bundesregierung endlich den Weg ins Zeitalter der regenerativen Energien. "Wir müssen aber alle jetzt angedachten Maßnahmen unter das Primat Wirtschaftlichkeit und Effizienz stellen", sagt Zeil. Nur so könne die Bezahlbarkeit neben einer sicheren und klimafreundlichen Energieversorgung gewährleistet werden. Denn noch längst sind nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die kostengünstigsten Wege der CO2-Vermeidung zu wählen. Photovoltaik etwa ist besonders teuer, viele Effizienzmaßnahmen werfen dagegen vom ersten Moment an durch wegfallende Energiekosten eine erhebliche Rendite ab.

Die Umweltministerin von Baden-Württemberg, Tanja Gönner (CDU), sagt, die Energiewende werde es "zunächst nicht zum Nulltarif geben". Die Ziele seien aber auch von den Kosten her "realistisch". Längerfristig rechneten sich die jetzt notwendigen Investitionen. Es werde sich auszahlen, auf moderne Umwelttechnologien zu setzen, wenn, wie zu erwarten, die Kosten für die fossilen Energien mit dem weltweit wachsenden Energiehunger weiter steigen. Schon heute verdient Deutschland nach Zahlen der Bundesregierung acht Prozent seines Bruttosozialprodukts mit Umwelttechnologien. Der deutsche Weltmarktanteil an den Technologien für erneuerbaren Energien liegt laut Umweltministerium bei rund dreißig Prozent.

Größtes Potential in der Erforschung neuer und effizienterer Technologien

Das vielleicht größte Potential, Kosten des Öko-Umbaus zu minimieren, liegt in der Erforschung neuer und effizienterer Technologien, hebt Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hervor: "Die Anstrengung ist ohne Alternative und zu schaffen, sie ist aber gewaltig", sagt sie. Die Experten etwa des Karlsruher Instituts für Technologie und der Fraunhofer- und Helmholtz-Institute sagen, die Forschungsbasis in Deutschland könne die entsprechenden Projekte anführen.

Auch an der CDU-Basis stößt der populäre Vorwurf, der geplante Ausbau der erneuerbaren Energien sei zu teuer, auf Widerspruch. Gregor Eibes, Bürgermeister der Hunsrück-Gemeinde Morbach, ist schon auf dem besten Weg dazu, Gewerbe, Industrie und Haushalte seines Gebiets vollständig mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Für die CDU hat er bei der letzten Kommunalwahl 42 Prozent geholt. Die "Energielandschaft Morbach" erzeugt schon mehr als drei Mal so viel Strom aus erneuerbaren Quellen, als die 4000 Haushalte der Gemeinde verbrauchen. "Nun wollen wir mit einem Dutzend Windanlagen der neuesten Generation auch den Bedarf unserer Unternehmen decken", sagt Eibes. Darunter ist ein Großbetrieb mit einem Verbrauch von 140 Millionen Kilowattstunden. Ziel ist es, die wirtschaftlich starke Gemeinde mit erneuerbarem Strom und später auch mit Wärme aus erneuerbaren Quellen zu versorgen. "Die neuen Windkraftwerke sind so effizient, dass wir beim Strompreis bei 6,5 bis 7 Cent liegen und damit unter den gesetzlichen Vergütungssätzen für erneuerbaren Strom", sagt Eibes. Das sei auch für den örtlichen Großbetrieb lukrativ.

Als nächstes will Eibes die noch größere Herausforderung annehmen, den Wärmebedarf regenerativ zu decken. Für Raumwärme werden in Deutschland mehr als 40 Prozent der Gesamtenergie aufgewendet, deutlich mehr als für Strom. Noch im Herbst will Eibes einen Grundsatzbeschluss herbeiführen, dass die Gemeinde ein kommunales Nahwärmenetz aufbaut und dazu neun Kilometer Wärmeleitungen für heißen Dampf verlegt, gespeist aus der Abwärme von Holzschnitzeln. "Wir können auf fünf Jahre Raumwärme zu einem Fixpreis garantieren, der einem Ölpreis von 63 Cent pro Liter entspricht", sagt Eibes. Der Ölpreis liege derzeit bei rund 68 Cent, "da sind wir schon wettbewerbsfähig". 120 Privathaushalte und zehn Firmen will der Bürgermeister im ersten Schritt so versorgen, mit Resten aus der regional sehr starken Forstwirtschaft.

Allerdings werfen nun die Berliner Beschlüsse einen Schatten auch bis nach Morbach: "Wenn nun die Laufzeiten der Kernkraftwerke um durchschnittliche zwölf Jahre verlängert werden, fürchte ich, dass wir den Boom der erneuerbaren Energien nicht fortsetzen können", sagt er. Es bestehe die Gefahr, dass die Deutschen sich, statt in Effizienz und Öko-Energien zu investieren, darauf ausruhen, dass ja noch genug Atomstrom da sei.

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Mo2 23.09.2010
1. Vergesslichkeit
Was bei der Berechnung von Kohle-, Öl- und Atomkosten regelmäßig und gewollt unter den Tisch fällt, sind die langfristigen Kosten, die durch Beseitigung, Vermeidung oder Verminderung von Umweltschäden entstehen. So kommt es dann zur Mär vom billigen Atomstrom etc.
semper fi, 23.09.2010
2. -
Zitat von sysopIst der geplante Ausbau der erneuerbaren Energien zu teuer? Industrielobbyisten warnen tatsächlich davor. Doch prominente Politiker aus CDU, CSU und FDP widersprechen: Langfristig seien Sonne, Wind und Biomasse sogar günstiger als Kohle, Öl*und Atom. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,718964,00.html
Natürlich, *laaaaangfristig*! Langfristig sind wir alle tot. Und zwischendurch sind wir pleite, weil - dank des EEG - einige Leute Millionen anhäufen, die von den Stromverbrauchern bezahlt werden müsse. Laaaaangfristig - nicht zu fassen.
Klo, 23.09.2010
3. ...
Zitat von semper fiNatürlich, *laaaaangfristig*! Langfristig sind wir alle tot. Und zwischendurch sind wir pleite, weil - dank des EEG - einige Leute Millionen anhäufen, die von den Stromverbrauchern bezahlt werden müsse. Laaaaangfristig - nicht zu fassen.
Es steht außer Frage, das Atomstrom der teuerste Strom aller Zeiten ist. Die Kilowattstunden aus Atomkraftwerken werden noch in zig tausenden von Jahren für unsere Nachfahren, so es denn welche gibt, enorme Kosten verursachen. Dafür werden wir und vor allem die Atomprotagonisten eines Tages verflucht werden.
joachim_60, 23.09.2010
4. Herrje,
Zitat von KloEs steht außer Frage, das Atomstrom der teuerste Strom aller Zeiten ist. Die Kilowattstunden aus Atomkraftwerken werden noch in zig tausenden von Jahren für unsere Nachfahren, so es denn welche gibt, enorme Kosten verursachen. Dafür werden wir und vor allem die Atomprotagonisten eines Tages verflucht werden.
welche Kosten denn? Das Zeug wird halt irgendwo gelagert und gut ist.
semper fi, 23.09.2010
5. -
Zitat von KloEs steht außer Frage, das Atomstrom der teuerste Strom aller Zeiten ist. Die Kilowattstunden aus Atomkraftwerken werden noch in zig tausenden von Jahren für unsere Nachfahren, so es denn welche gibt, enorme Kosten verursachen. Dafür werden wir und vor allem die Atomprotagonisten eines Tages verflucht werden.
In fernen Zukunft - möglicherweise. Das wird aber durch kostengünstigen Strom in der Gegenwart mehr als aufgewogen.
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