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Energiewende: Altmeiler-Stopp kostet Stromriesen eine halbe Milliarde Euro

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Die schwarz-gelbe Atomwende wird für Deutschlands Stromkonzerne teuer: Die Regierung will sieben Altmeiler vorübergehend abschalten - ob sie je wieder ans Netz gehen, ist offen. Den Konzernen drohen allein bis zum Sommer Umsatzeinbußen von mehr als 500 Millionen Euro.

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DPA

Anti-Atomkraft-Demo: Teure Politikwende

Berlin - Die Bundesregierung zieht erste Konsequenzen aus dem schweren Atomunfall in Japan. Erst hat Angela Merkel verkündet, die AKW-Laufzeitverlängerung für drei Monate auszusetzen - jetzt will die Kanzlerin die sieben ältesten Kernkraftwerke vorerst ganz abschalten.

Die ersten Reaktoren gehen diese Woche vom Netz. Der E.on-Meiler Isar I soll noch am Dienstagabend runtergefahren werden, das RWE-Kraftwerk Biblis A am Freitag. Biblis B ist ohnehin gerade in Revision, das AKW Brunsbüttel, das Vattenfall und E.on gemeinsam betreiben, ist ebenfalls nicht am Netz. Das EnBW-Kraftwerk Neckarwestheim I wird demnächst komplett stillgelegt - seine Betriebserlaubnis wäre ohne die Laufzeitverlängerung ohnehin bereits erloschen.

Zum EnBW-Kraftwerk Philippsburg I und zum E.on-Meiler Unterweser gibt es noch keine Informationen. Abgeschaltet ist zudem das Pannen-AKW Krümmel (Betriebsstart 1983), das von Vattenfall und E.on gemeinsam betrieben wird.

Experten in den zuständigen Ministerien gehen von aufwendigen Sicherheitschecks aus - und davon, dass tatsächlich alle sieben Reaktoren fast die vollen drei Monate vom Netz genommen werden.

Für die Atomkonzerne bedeutet der dreimonatige Notstopp gewaltige Einbußen. Das geht aus einer Blitzanalyse hervor, die Wolfgang Pfaffenberger von der Jacobs University Bremen für SPIEGEL ONLINE erstellt hat. Der Atomexperte hat errechnet, welche durchschnittlichen Jahresumsätze die Energiekonzerne mit ihren Meilern machen:

Kraftwerk Leistung in MW Produktion in TWh
Biblis A 1167 8,1
Neckarwestheim 1 785 5,4
Biblis B 1240 8,6
Brunsbüttel 771 0,0 (nicht am Netz)
Isar 1 878 6,1
Unterweser 1345 9,3
Philippsburg 1 890 6,1
Gesamt 7076 43,6
Jahresumsatz gesamt in Mio. € 2310
Quelle: Energiekonzerne, Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz; Berechnungen: Wolfgang Pfaffenberger. Ausgegangen wird von einer Jahresproduktion von 6900 Volllaststunden und dem Grundlastpreis vom 15.3.11 (53 Millionen Euro pro Terawattstunde).
Die Schätzungen sind eher konservativ angelegt. Pfaffenberger geht davon aus, dass die Kraftwerke mit 6900 Jahresvolllaststunden laufen. Jahresvolllaststunden sind eine idealtypische Größe; sie geben an, wie viele Stunden ein Atommeiler mit voller Kraft laufen müsste, um seine Jahresenergieproduktion zu erreichen.

Derzeit laufen Deutschlands Meiler mit bis zu 8000 Jahresvolllaststunden - Pfaffenberger hat mit deutlich weniger gerechnet, um Stillstände der Stromproduktion, etwa durch Wartung, abzubilden. Tatsächlich wird die aktuelle Lage des Kraftwerksparks dadurch recht gut dargestellt. Denn der setzt sich nach Angaben der Fachzeitschrift für die Strom- und Wärmeerzeugung "VGB PowerTech" derzeit wie folgt zusammen:

  • Neckarwestheim I ist am Netz und war erst kürzlich in Revision, so dass ein weiterer Stillstand bis Juni eigentlich nicht geplant war.
  • Philippsburg I ist am Netz, hätte allerdings im April oder Mai in Revision gehen können.
  • Isar I ist am Netz, eine Revision war bis Sommer nicht geplant.
  • Biblis A ist am Netz und hätte erst im Herbst wieder in Revision gemusst.
  • Biblis B ist nicht am Netz, das Kraftwerk wird planmäßig der 26. Revision unterzogen. Diese hätte noch bis April gedauert.
  • Unterweser ist am Netz und hätte erst im Spätsommer in Revision gemusst.
  • Brunsbüttel ist nicht am Netz.
  • Krümmel, das Pfaffenberger in seinen Berechnungen nicht berücksichtigt, ist seit langem nicht am Netz.

Die angenommenen Jahresvolllaststunden hat Pfaffenberger mit der Leistung der AKW multipliziert. Daraus ergibt sich die Stromproduktion. Um herauszufinden, wie viel Umsatz ein AKW macht, hat Pfaffenberger die Stromproduktion mit dem aktuellen Grundlastpreis für Strom multipliziert - dieser lag am 15. März bei durchschnittlich 5,3 Cent pro Kilowattstunde.

Insgesamt kommt Pfaffenberger auf Umsatzeinbußen von rund 2,3 Milliarden Euro pro Jahr. Auf drei Monate gerechnet fielen in den sieben Altmeilern demnach Umsatzeinbußen von 575 Millionen Euro an.

Gleichzeitig bleiben die Unternehmen in den betreffenden drei Monaten auf ihren Betriebskosten sitzen. Diese sind fast immer gleich hoch - egal, ob ein AKW läuft oder nicht. Denn die Kosten für den Rohstoff Uran sind - anders als bei Gas- oder Kohlekraftwerken - vernachlässigbar. Ins Gewicht fallen vor allem Fixkosten, zum Beispiel für Personal.

Das heißt: Die Unternehmen sparen durch den Betriebsstopp ihrer Kraftwerke kaum Geld. Der Verlust, den sie erleiden, entspricht in etwa den Umsatzeinbußen.

"Es wäre gerade jetzt lukrativ, Strom zu verkaufen"

Schwerer einzuschätzen sind andere Faktoren. So ist nicht absehbar, wie sich der Strompreis in den kommenden Wochen entwickelt. Tendenziell dürften Kohle- und Gaskraftwerke etwas mehr Strom produzieren, was zu einer Verteuerung der CO2-Zertifikate führen könnte - was den Strompreis nach oben treiben würde. Auch ist noch unklar, welche Kosten den Unternehmen während des Moratoriums durch die Brennelementesteuer entstehen.

Zum Teil können die Kraftwerksbetreiber die anfallenden Verluste in den sieben AKW damit verrechnen, dass ohnehin anfallende Revisionen vorgezogen werden. Doch günstig ist das für die Unternehmen nicht. "Aktuell zieht die Stromnachfrage wegen der starken Konjunktur an. Es wäre gerade jetzt lukrativ, Strom zu verkaufen. Auch könnten die Verluste kaum dadurch kompensiert werden, dass andere Kraftwerke hochgefahren werden und mehr Strom produzieren. "Die meisten Kraftwerke laufen ohnehin volle Pulle."

Komplett-Abschaltung würde Umsatzverluste in Milliardenhöhe verursachen

Ob die acht Altreaktoren nach dem Ende des Moratoriums wieder ans Netz gehen, ließ Merkel offen. Ebenso wenig ist bekannt, ob die Laufzeitverlängerung gekippt wird. Sicher ist: Würde die Bundesregierung auch nach Ablauf der Drei-Monatsfrist hart bleiben und die sieben Altmeiler komplett abschalten, würden die Kosten für die Stilllegung in die Milliarden gehen. Hinzu kämen Umsatzverluste in Milliardenhöhe, denn die Altreaktoren haben noch ein erhebliches Produktionspotential.

Dieses lässt sich errechnen, indem man die Reststrommengen berücksichtigt, die den einzelnen Reaktoren - unabhängig von der im vergangenen Jahr beschlossenen schwarz-gelben Laufzeitverlängerung - noch zur Verfügung stehen. Denn diese hätten den Meilern auch nach dem rot-grünen Atomausstieg noch zugestanden. Die verbleibenden Reststrommengen haben ein Umsatzpotential von rund 2,3 Milliarden Euro.

Kraftwerk Reststrom 1. Januar 2011 Reststrom aktuell*
Biblis A 4305 3332
Biblis B (in Revision) 4961 7490
Neckarwestheim I 188 0
Brunsbüttel (nicht am Netz) 10999 10999
Isar 1 3585 2276
Unterweser 13572 11344
Philippsburg 1 9869 8518
Gesamt 43959
 
Umsatzpotential in Mio. € 2329
Quellen: Bundesamt für Strahlenschutz, VGB. * Eigene Berechnungen (Reststrom 1. Januar 2011 minus [Jahreswert 2010 geteilt durch 12 mal 2,5 Monate]). Die Tabelle gibt die Reststrommengen ohne die im vergangenen Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung wieder.
Hinzu kämen Gewinne, auf welche die Konzerne eigentlich hoffen durften. Denn durch die Laufzeitverlängerung hätten die Altreaktoren eigentlich neue Reststrommengen hinzubekommen. Diese würden ebenfalls wegfallen. In Gegensatz zu den von Rot-Grün zugeteilten Reststrommengen wären dies allerdings streng genommen keine Verluste - sondern nicht realisierte Zusatzgewinne, die von Schwarz-Gelb in Aussicht gestellt worden waren.

Wie groß die Verluste, die nach dem Moratorium entstehen, tatsächlich sind, ist noch unklar. Zum aktuellen Zeitpunkt ist nicht gesagt, dass alle sieben Altreaktoren wirklich dauerhaft vom Netz müssen. Auch ist unklar, ob die Energiekonzerne die Reststrommengen der Meiler, die sie stillegen müssten, auf modernere Anlagen übertragen dürften. Der aktuellen Gesetzeslage zufolge ist dies möglich.

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1. ...
Rainer Unsinn 16.03.2011
Och die armen Energiekonzerne in Deutschland. Wo die doch so wenig Geld verdienen. Schaumer uns mal an was die Kosten sein werden die auf Japan zukommen wenn das dort wirklich außer Kontrolle gerät wie es im Moment aussieht. Dagegen ist das was die deutsche Energiewirtschaft verliert nicht mal Peanuts.
2. Dumm
outdoor 16.03.2011
Die meisten hier aufgeführten Meiler sind im Volksbesitz keine Konzerne sondern es kostet unser Geld. Bitte Regierung führt eine direkte Abgabe ein das jeder Mensch direkt merkt was das kostet. Den Schadensersatz an die Energieriesen gar nicht eingeschlossen. Wer sich jetzt noch über kaputte Straßen beschwert ist einfach dumm.
3. ---
olleolaf 16.03.2011
Diese Kleinigkeit wird vom Steuerzahler beglichen.
4. 0,5 Mrd € = "gewaltige Summe" ?
naphthalin 16.03.2011
Ob der Betrag so stimmt? (Also, nicht: "stimmt so..." - obwohl...Konzernportokasse...). - Egal, ob 0.5, 5 oder 50 Mrd: Es trifft schon die Richtigen. @Großmann&friends: Jegliches Wehklagen bitte in den (doch wenigstens?) schall-sicheren Meilern und unter Tage (Asse, Gorleben...) abhalten: euer "Freund, das Atom (http://carta.info/39015/unser-freund-das-atom/)" hört gerne zu. Aber verschont uns Lebende mit eurem Totengesang. Auch mit Schalmeienklängen. Sonst gibts mindestens nix zu Weihnachten. Oder vorher was mit der Rute. Eventuell -beware!- "gewaltig", und zwar buchstäblich, und nicht nur auf die 'vier Buchstaben'. Nee, also wirklich @Profiteure: Eure Sorgen möchte man haben. Wie? Was? "...Standort, Versorgungssicherheit, Zukunfts...äh... Brückentech..." ... ... ... ... ... ... ... ... R.I.P.
5. ...
h_grabowski 16.03.2011
Naja, da haben die Stromanbieter dann wenigstens die Begründung für die nächsten 10 Strompreiserhöhungen ohne nach irgendwelchen Ausflüchten suchen zu müssen.
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