Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Finanzierung der Energiewende: Banker lernen das Klima lieben

Von

Die neuen Klimaziele bedeuten einen billionenschweren Umbau der Weltwirtschaft. Das weckt zunehmend das Interesse von Großinvestoren. Doch was fehlt, sind die richtigen Finanzprodukte.

Windräder vor Amrum: "Da wird ihr Geld hinfließen" Zur Großansicht
REUTERS

Windräder vor Amrum: "Da wird ihr Geld hinfließen"

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es gab Kaffee, Birchermüsli und große Worte: "Das wird die Art verändern, wie sich unser Planet entwickelt", versprach Stuart Gulliver, Chef der größten europäischen Bank HSBC Chart zeigen, während eines Frühstücks beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. Der Menschheit stehe ein ähnlicher Umbruch bevor wie die Einführung der Eisenbahn oder die Digitalisierung.

Er sprach von der Finanzierung der globalen Energiewende. Die ist zwar auf dem Papier beschlossen, seit sich die Weltgemeinschaft Ende 2015 in Paris auf ein neues Klimaabkommen einigte. Doch in der Praxis hat der Umbau der Wirtschaft gerade erst begonnen. Zu seiner Finanzierung sind enorme Summen notwendig - deshalb interessieren sich neuerdings auch Banker wie Gulliver für das Thema. "Es gibt noch schrecklich viel zu tun", sagte er in Davos.

Um welche Summen geht es? Das besprachen Investoren kurz nach dem Klimagipfel bei einer Konferenz in New York, wo sie unter anderem auf Michael Liebreich trafen. Als der Brite 2004 den Informationsdienst New Energy Finance gründete, war die Finanzierung neuer Energien noch ein Nischenthema. Mittlerweile gehört die Firma zur Branchengröße Bloomberg, und Liebreich kann vorweisen, was Anleger mögen: eine Story.

Liebreichs Zahlen zufolge haben sich die Investitionen in saubere Energien in den vergangenen zwölf Jahren verfünffacht und 2015 ein Rekordniveau von 329 Milliarden Dollar erreicht. Dabei wird in Entwicklungsländern inzwischen mehr investiert als in Industriestaaten - obwohl grüne Energie lange als Luxusgut für Wohlhabende galt. Neben dem Bau von Wind- oder Solarkraftanlagen müssten weltweit Stromnetze umgerüstet werden, schwärmte Liebreich seinen Zuhörern vor. "Da wird ihr Geld hinfließen."

SPIEGEL ONLINE

Retten jetzt also ausgerechnet die in den vergangenen Jahren so in Verruf geratenen Finanzmärkte das Klima? Yvo de Boer ist vorsichtig. Zwar sei die Welt derzeit mit Liquidität geflutet, sagte der frühere Uno-Klimachef SPIEGEL ONLINE. "Aber es gibt noch kein ausreichend starkes Geschäftsmodell, um daraus grünes Kapital zu machen."

De Boer trat von seinem Uno-Posten zurück, nachdem der Klimagipfel von Kopenhagen 2009 spektakulär gescheitert war. Heute leitet er das Global Green Growth Institute in Seoul, das Modelle für nachhaltiges Wachstum entwickelt. "Politisch war es eine fantastische Leistung", sagt er über die Einigung von Paris. Doch gebe es eine "sehr große Lücke", zwischen den bisherigen Zusagen und dem Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.

Diese Lücke besteht auch finanziell: Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssten bis 2040 nach Berechnungen von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) insgesamt 5,2 Billionen US-Dollar mehr investiert werden als angesichts der bisherigen Entwicklung zu erwarten ist. "Das Problem ist, dass Erneuerbare Energien zu Beginn große Kapitalinvestitionen erfordern", sagt de Boer. "Solange man nicht weiß, ob es langfristig einen Markt für diese Energie gibt, bedeutet das eine sehr riskante Anlage."

SPIEGEL ONLINE

Selbst Überzeugungstäter werden ihr Geld nicht ohne weiteres los - das erlebten vor Kurzem die Stadtoberen von Kopenhagen. Als Teil der wachsenden Divestment-Bewegung wollten sie ihre Anlagen in fossile Energien möglichst schnell abstoßen. Doch die Hausbanken der Stadt mussten passen: Bislang gebe es nicht genügend eindeutig klimafreundliche Finanzprodukte, um das rund eine Milliarde Dollar schwere Portfolio umzuschichten. "Es gibt in diesem Bereich keinen globalen Standard", sagte Thomas Kjaergaard von der Danske Bank. Offen ist unter anderem, ob Aktien auch dann als grün gelten können, wenn ein Unternehmen einen kleineren Teil seiner Umsätze noch mit fossilen Energien macht.

Ohne ausreichende Alternativen sei Divestment jedoch "ein Tropfen auf den heißen Stein", glaubt de Boer. Sein Institut berät Klimaschützer dabei, wie sie Projekte so gestalten, dass Banken auch Geld hineinstecken. "Leute aus dem Öko-Bereich sind häufig nicht besonders gut darin, die Sprache von Investoren zu sprechen."

Schon heute gibt es Finanzprodukte wie die sogenannten Green Bonds - Anleihen, mit denen klimafreundliche Projekte finanziert werden. Derzeit beträgt ihr Volumen nach Angaben der Ratingagentur Moody's jährlich gut 36 Milliarden Dollar. Das ist eher wenig angesichts von bis zu 582 Milliarden Dollar pro Jahr, die laut der Prognose benötigt werden, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Andererseits leihen sich US-Amerikaner allein für neue Häuser jährlich fast drei Mal so viel Geld. Finanzierbar ist das Umsteuern also durchaus.

SPIEGEL ONLINE

Schon denken die Bloomberg-Experten darüber nach, wie das Kreditvolumen für Klimaprojekte gesteigert werden könnte. Eine Möglichkeit wären Asset Backed Securities (ABS) - Wertpapiere, die mit Kreditforderungen an Klimaprojekte besichert werden. Diese Idee dürfte allerdings manche Alarmglocke schrillen lassen: Schließlich waren es mit Schrotthypotheken gefüllte ABS, welche die US-Finanzkrise auslösten. Und dass Anleger auch bei grünen Projekten genau hinschauen müssen, weiß jeder, der beispielsweise in Genussrechte des Windanlagenfinanzierers Prokon oder Aktien insolventer deutscher Solarunternehmen investiert hat.

Der weltweite Austausch von Daten über Klimaprojekte müsse dringend verbessert werden, forderte denn auch ein Teilnehmer des Bankerfrühstücks in Davos. Noch entscheidender für Investoren ist, ob sich Regierungen dauerhaft den in Paris verabschiedeten Klimazielen verpflichtet fühlen - das glaubt auch der frühere Klimadiplomat Yvo de Boer. "Fragt man Geschäftsleute, was sie am meisten brauchen, um eine grünere Richtung einzuschlagen, lautet die Antwort: stabile Regierungspolitik."


Zusammengefasst: Der Ausstieg aus fossilen Energien wird zunehmend zum Thema für die Finanzmärkte. Zwar wachsen die Investitionen in Erneuerbare Energien deutlich und erreichten nach Berechnungen der Finanzdatenagentur Bloomberg 2015 den Rekordwert von 329 Milliarden US-Dollar. Doch um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, fehlen bis 2040 noch gut fünf Billionen. Außerdem mangelt es bislang an passenden Finanzprodukten, um in großem Stil in Ökoprojekte zu investieren.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 129 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Keine Sorge Herr Böcking
Referendumm 07.03.2016
Das Abzocken ist bereits seit Jahren zugange! Vielen Windkraftanlagen z.B. könnte man schon heute die Namen der Ärzte und Zahnärzte geben, welche diese finanziert haben und welche hoffen, schwere Renditen einfahren zu können. Und die Banken stecken doch schon lange fett drin. Bezahlen darfs natürlich mal wieder der kleine Bürger, der keine zigtausende Euro fürs neue Energien-Monopoly übrig hat.
2. Finanzmarkt
darthmax 07.03.2016
was gibt es Schöneres als staatlich garantierte Renditen. Da es mit den Zinsen und den Spekulationen im Augenblick nicht so gut aussieht, da sogar Negativzinsen anfallen wird das Geld eben in den Wind geblasen.w
3. Das Perpetuum-Mobile-Finanzprodukt - GOIL
nach-mir-die-springflut 07.03.2016
Die EE sind im Nebeneffekt CO2-neutral, mehr nicht. Klimaziele kann man sich stecken, so viele man will, die Frage bleibt, ob der Umbau selbst durch die Banken finanzierbar bleibt? Den Satz "billionenschweren Umbau der Weltwirtschaft" kann man diskutieren. Richtig ist, die Energie-Wende ist billionenschwer. Richtig ist, der Umbau macht etwas mit der Weltwirtschaft. Es gibt aber keine zentrale Weltwirtschaft, daher keinen zentralen Umbau. Das sich zentralisierende Banksystem erweckt den Eindruck, eine riesige Zentralbank könnte mit entsprechenden Finanzprodukten die Investoren hinterm Ofen vorlocken, die das Ganze dann bezahlen. Die EE machen hierbei aber die Reichen reicher, die Armen ärmer. Wem gehört der Wind über Schleswig-Holstein, wem der in der Bretagne, wem die Sonne über Wladiwostok, wem die Wasserkraft in den österreichischen Alpen? Den Banken, oder der einen großen Bank mit Sitz in Antwerpen oder New York oder London? Alleine in dem Landstrich, der sich politisch Deutschland nennt, läuft die Energiewende jetzt schon auf die 3-Billionen-€-Make zu. Was vergessen wird, ist, dass es nicht diese EINE Energiewende gibt, sondern dass es sich um zyklisch sich wiederholende Energie-Wende-n handelt. Diese vielen Anlagen, die die Energie aus den Naturgewalten herausnuckeln, unterliegen jeweils ihren Lebenszyklen. Und wenn ein Lebenszyklus am ihrem Ende angelangt ist, muss die Anlage ausgetauscht werden. In dem Landstrich, der sich politisch Deutschland nennt, geht es da vielleicht um 9.000 bis 11.000 km² Photovoltaik, die alle 30 Jahre ausgetauscht werden müssen. Das sind roundabout 1 km² pro Tag - fortwährend.
4.
syracusa 07.03.2016
Zitat von ReferendummDas Abzocken ist bereits seit Jahren zugange! Vielen Windkraftanlagen z.B. könnte man schon heute die Namen der Ärzte und Zahnärzte geben, welche diese finanziert haben und welche hoffen, schwere Renditen einfahren zu können. Und die Banken stecken doch schon lange fett drin. Bezahlen darfs natürlich mal wieder der kleine Bürger, der keine zigtausende Euro fürs neue Energien-Monopoly übrig hat.
Und Ihr kleiner Bürger hat statt dessen zigtausende Euro für Kohlekraftwerke übrig? Gewöhnen Sie sich daran, dass Sie im Kapitalismus leben. Sogar an den Brötchen, die Sie gerade kauen, verdienen Unternehmer, Investoren und Banken mit.
5.
syracusa 07.03.2016
Zitat von nach-mir-die-springflutDie EE sind im Nebeneffekt CO2-neutral, mehr nicht. Klimaziele kann man sich stecken, so viele man will, die Frage bleibt, ob der Umbau selbst durch die Banken finanzierbar bleibt? Den Satz "billionenschweren Umbau der Weltwirtschaft" kann man diskutieren. Richtig ist, die Energie-Wende ist billionenschwer. Richtig ist, der Umbau macht etwas mit der Weltwirtschaft. Es gibt aber keine zentrale Weltwirtschaft, daher keinen zentralen Umbau. Das sich zentralisierende Banksystem erweckt den Eindruck, eine riesige Zentralbank könnte mit entsprechenden Finanzprodukten die Investoren hinterm Ofen vorlocken, die das Ganze dann bezahlen. Die EE machen hierbei aber die Reichen reicher, die Armen ärmer. Wem gehört der Wind über Schleswig-Holstein, wem der in der Bretagne, wem die Sonne über Wladiwostok, wem die Wasserkraft in den österreichischen Alpen? Den Banken, oder der einen großen Bank mit Sitz in Antwerpen oder New York oder London? Alleine in dem Landstrich, der sich politisch Deutschland nennt, läuft die Energiewende jetzt schon auf die 3-Billionen-€-Make zu. Was vergessen wird, ist, dass es nicht diese EINE Energiewende gibt, sondern dass es sich um zyklisch sich wiederholende Energie-Wende-n handelt. Diese vielen Anlagen, die die Energie aus den Naturgewalten herausnuckeln, unterliegen jeweils ihren Lebenszyklen. Und wenn ein Lebenszyklus am ihrem Ende angelangt ist, muss die Anlage ausgetauscht werden. In dem Landstrich, der sich politisch Deutschland nennt, geht es da vielleicht um 9.000 bis 11.000 km² Photovoltaik, die alle 30 Jahre ausgetauscht werden müssen. Das sind roundabout 1 km² pro Tag - fortwährend.
Wohingegen Kohlekraftwerke unendlich lange laufen? Relevant sind die Gestehungskosten pro kWh. Die sind bei Windkraftanlagen heute gleichauf mit Kohlekraftwerken. Da spielt es keine Rolle, ob ein Kohlekraftwerk länger läuft als eine WKA.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: