Energiewende in England Die Briten brauchen keine Kohle

Kohle machte Großbritannien einst zur führenden Industrienation, jetzt heißt es bye-bye: Erstmals seit dem 19. Jahrhundert haben die Briten 24 Stunden keinen Kohlestrom produziert. Die Sache hat nur einen Haken.

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Erstmals seit dem 19. Jahrhundert ist Großbritannien einen Tag lang ganz ohne Kohlestrom ausgekommen. Am Freitag floss nicht eine einzige Kilowattstunde Elektrizität aus Kohlekraftwerken ins nationale Stromnetz, teilte der Übertragungsnetzbetreiber National Grid mit. Erneuerbare Energien, Gas- und Atomkraftwerke deckten den gesamten britischen Bedarf. Damit benötigte das Vereinigte Königreich erstmals seit dem 12. Januar 1882 -als in London das erste Kohlekraftwerk der Welt den Betrieb startete- keine solchen Meiler mehr.

Angesichts niedriger Strompreise und der Konkurrenz durch die anderen Energieträger habe es sich für die Kohlekraftwerksbetreiber schlicht nicht rentiert, ihre riesigen Anlagen aufwendig hochzufahren, sagte ein Sprecher von National Grid zu Spiegel Online. "Dies ist ein symbolischer Tag. Er zeigt, dass sich das Ende der Kohleverstromung in diesem Land nähert."

Die konservativ-liberale Regierung in London hat angekündigt, bis 2025 alle verbliebenen Kohlekraftwerke zu schließen: aus Umweltschutzgründen, vor allem aber, weil die jahrzehntealten Meiler oft nicht mehr wettbewerbsfähig sind. "Sie wären wohl sowieso geschlossen worden", sagt der Ökonom Dieter Helm, Professor für Energiepolitik an der Universität Oxford.

Die Kohle machte Großbritannien im viktorianischen Zeitalter zur führenden Industrienation der Welt. Millionen Kumpel arbeiteten in den Gruben, Tausende verloren ihr Leben. Noch 1990 gewann das Land zwei Drittel seiner Elektrizität aus Kohle, 2013 waren die fossilen Brocken noch die wichtigste Stromquelle. Doch die britische Energiewende geht rasant voran. 2016 hatte der Klimakiller Kohle nur noch 9,2 Prozent Anteil an der Stromerzeugung; in Deutschland indes waren es mehr als 40 Prozent. Und während die letzte britische Grube schon vor anderthalb Jahren dichtgemacht hat, wollen hierzulande Konzerne neue Braunkohle-Tagebaue erschließen. Die Große Koalition hat sich noch immer nicht auf ein Datum für den Kohleausstieg festgelegt.

In Deutschland wird weiter mit Kohle geplant

Den Briten fällt es leicht, ihre Kohlekraftwerke zu schließen: Die jüngste der verbliebenen neun aktiven Anlagen stammt aus dem Jahr 1987. In Deutschland hingegen wurden nach der Jahrtausendwende noch mehrere nagelneue Verfeuerungsanlagen gebaut. Erst im Januar erteilte die Bezirksregierung Münster dem Konzern Uniper die Erlaubnis, den Steinkohlemeiler Datteln IV fertig zu bauen.

"Anders als in Deutschland unterstützt unsere Politik die Kohle nicht mehr", sagt der Oxforder Energieexperte Helm. Im Gegenteil: 2013 führte London einen gesetzlichen Mindestpreis für den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) ein, weil die Zertifikate aus dem EU-Emissionshandel so billig sind. Kraftwerksbetreiber müssen seither mindestens 18 Pfund (rund 21,50 Euro) je Tonne CO2 bezahlen - und obendrauf auch noch die EU-Emissionszertifikate vorweisen. Dadurch wurde es viel teurer, Strom aus der besonders CO2-intensiven Kohleverfeuerung zu erzeugen. Davon profitierten die Betreiber von emissionsärmeren Gaskraftwerken, aber auch Wind- und Solarparks.

Im Gegenzug fördert die britische Regierung seit Jahren den Ausbau von Stromerzeugung aus Erdgas - etwa durch die Unterstützung riesiger Flüssiggasterminals für Importe aus dem Nahen Osten - aber auch die Atomkraft. Unter anderem stellt London dem Stromkonzern EDF und dessen chinesischem Partner auf Jahrzehnte hinaus milliardenschwere Beihilfen für den Bau des neuen Kernkraftwerks Hinkley Point in Aussicht. Ebenso zahlt Großbritannien anders als Deutschland Kraftwerksbetreibern Prämien für die Bereitschaft, auf Abruf einzuspringen, falls etwa Wind- und Solaranlagen zu bestimmten Zeitpunkten nicht genug Strom produzieren (Kapazitätsmarkt).

"Das britische Beispiel zeigt: Die Kohle ist verzichtbar", sagt Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Aber die Briten erkaufen sich das mit mehr Erdgas und hohen Subventionen für Atomenergie." Ein Komplettumbau hin zu erneuerbaren Energien wäre auch "ökonomisch klüger", behauptet Kemfert. Regenerative Techniken würden immer wettbewerbsfähiger - wie gerade der Fall EnBW zeige. Der Baden-Württemberger Stromriese will in der Nordsee einen Offshore-Windpark ganz ohne Subventionen bauen.



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angelobonn 22.04.2017
1. Kemfert populistisch
Wieso wird immer diese unsägliche Frau Kemfert zitiert? Es handelt sich um eine Populistin, die ständig falsche Tatsachen behauptet. So auch in diesem Artikel, indem sie die Wettbewerbsfähigkeit der Offshore-Energie in Deutschland behauptet und dabei die Milliardensubvention für den Netzanschluss unterschlägt.
hohnspiegel 22.04.2017
2. Wer zahlt es
Die Energiebetreibet in Deutschland haben doch durch ihr Lobbyarbeit die Politik ausgehebelt alle Kosten oder Strafzahlungen werden doch auf die Kunden abgewälzt deshalb wird vorhandenes Kraftwerksmaterial eingesetzt bis es abgeschrieben und oder verboten wird. selbst das verschrotten der Atommeiler die die reinsten gelddruckmaschinen sind darf der deutsche Steuerzahler tragen. Stromüberschüsse werden dann auch noch an das Ausland verramscht und wenn man sich seine Stromrechnung ansieht und feststellt dass der Stromkreis mittlerweile bis zu 40 % sonstige steuern und die EEG Umlage enthält Großindustrie davon verschont bleibt dann möchte man sich übergeben
ir² 22.04.2017
3.
EnBW ist ein Staatskonzern und dessen „Verzicht“ auf eine garantierte Einspeisung ist nur eine Mogelpackung! Der Steuerzahler in BW wird alle anfallenden Kosten übernehmen müssen. Kein privater Bieter kann sich so eine Geschäftspolitik erlauben, hier wird mittels Steuergelder auf EEG Umlage „verzichtet“. Es wundert mich schon, dass eine Fachfrau wie C. Kemfert das nicht versteht....
freddygrant 22.04.2017
4. Sag ich doch!
Wir brauchen keine Kohle (mehr) - zumindest nicht zum Verheizen und die Umwelt zu versauen. Man kann nur staunen, dass diese BREXIT-Briten hier mal ein sichtbares Zeichen setzen. Die Briten haben ja genügend andere "Kohle" in ihrem londoner Finanzimperium. Nur scheint dieses in Zukunft - ohne EU - auch nicht mehr so ertzräglich zu sein.
interessierter Laie 22.04.2017
5. Interessant...
Mal ganz abgesehen von der Atomkraft, die natürlich in allererster Linie die Kohle ersetzt, finde ich die Subvention von Gaskraftwerken bemerkenswert. Die können Schwankungen erneuerbarer Quellen kompensieren, da sie sich variabel steuern lassen. Allerdings rechnet sich eine solche Anlage dann nicht mehr, weil sie als Lückenfüller die viel weniger Output erzeugt und so die anteiligen Fixkosten steigen. Deshalb muss sie ebenso gefördert werden. In GB hat man offenbar begriffen, dass man ein stabiles und nachhaltiges Gesamtsystem fördern muss und nicht nur einen Teil davon. In Deutschland laufen hingegen die Kohlemeiler durch und der Überschuss wird billigst exportiert. Für die Umwelt ist das in doppelter Weise schädlich: A) Der CO2-Ausstoß bleibt hoch oder steigt sogar noch an. B) Durch den billigen Exportstrom sinken in den Nachbarländern die Preise. Energie sparen? Wozu!
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