Energiewende Industrie drückt sich vor Stromnetzkosten

Immer mehr deutsche Industriebetriebe koppeln sich von den Kosten der Energiewende ab. Nicht nur bei der Ökostromumlage steigt die Zahl der Unternehmen, die sich aus der gemeinsamen Finanzierung herausziehen - auch bei den Netzentgelten sparen sie 2013 doppelt so viel wie bisher.

Strommasten in Schwaben: Die Kosten für die Netze werden verteilt
DPA

Strommasten in Schwaben: Die Kosten für die Netze werden verteilt


Berlin/Düsseldorf - Die deutsche Industrie wird im kommenden Jahr mal wieder einen Rekord aufstellen - diesmal geht es allerdings nicht um Produktion oder Exporte, sondern um die Ausnahmen bei den Stromnetzkosten.

Mehr als 805 Millionen Euro werden die Unternehmen im kommenden Jahr voraussichtlich sparen - fast doppelt so viel wie im laufenden Jahr. Das geht aus einer gemeinsamen Erklärung der vier Netzbetreiber Amprion, Tennet, 50Hertz und Transnet BW hervor. Die Betreiber müssen bis Ende Oktober ihre Kalkulation für die Netzentgeltbefreiungen des Folgejahrs vorlegen. Im laufenden Jahr beträgt die Entlastung laut Bundesnetzagentur rund 440 Millionen Euro.

Die Netzgebühren sollen den Betrieb und Ausbau der Stromnetze finanzieren. Die Sonderregelung zur Entlastung energieintensiver Unternehmen war rückwirkend Anfang 2011 in Kraft getreten. Demnach kann sich jedes Unternehmen, das mindestens zehn Gigawattstunden Strom pro Jahr verbraucht und mindestens 7000 Stunden pro Jahr die volle Leistung abnimmt, von den Entgelten befreien lassen. Diese Ausfälle und weitere Rabatte bei den Netzkosten werden auf private Haushalte und kleinere Unternehmen umgelegt.

Die Befreiung ist politisch umstritten. Es laufen zahlreiche Klagen dagegen. Unter anderem verhandelt an diesem Mittwoch das Oberlandesgericht Düsseldorf in zwei Eilverfahren über die Vereinbarkeit mit europäischem Recht. Nach Auffassung der Kläger ist die Befreiung eine unerlaubte Beihilfe für die Industrie. Das Netzentgelt ist ein wichtiger Bestandteil des Strompreises: Laut Bundesnetzagentur macht es rund ein Fünftel davon aus.

Neben den Netzentgelten werden energieintensive Betriebe auch bei der Ökostromumlage ausgenommen. Auch hier gibt es erhebliche Vorwürfe, weil die Ausnahmen die Umlage für normale Verbraucher verteuern. Im kommenden Jahr soll sie um 47 Prozent auf 5,277 Cent je Kilowattstunde steigen. Für einen Durchschnittshaushalt mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden erhöhen sich damit die Zusatzkosten von 125 auf knapp 185 Euro.

Höhere Netzentgelte würden den Strom für die Endverbraucher zusätzlich verteuern. Berichten zufolge müsste ein Durchschnittshaushalt 2013 rund 30 Euro mehr zahlen.

stk/dpa/AFP

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
UluKay 23.10.2012
1.
Sowas nennt man laut unserer Bundeskanzlerin marktkonforme Demokratie. Ansomsten könnte ich kotzen wie ungerecht dieses Land wird...
j.vantast 23.10.2012
2. Bald 100% Profit
Bald hat die Industrie es geschafft. Investitionen, Steuererhöhungen, laufende Kosten, alles zahlt der Kunde und der Profit steigt auf 100%. Der Steuerzahler zahlt für die Infrastruktur, die den Konzernen zum Profit verhilft. Das ist ungefähr so, als wenn ich von meinem Arbeitgeber verlange dass er meinen kompletten Lebensunterhalt zahlt, damit ich zur Arbeit erscheine. Wenn ich immer höre dass die Industrie da von teuren Entwicklungskosten spricht muss ich lachen. Wer zahlt denn die Entwicklung? Da werden selbst milliardenschwere Unternehmen noch subventioniert. Und beim Strompreis kann munter das Monopol weiter betrieben werden. Wettbewerb? Nur weil man bei Vergleichsportalen ein paar Euro sparen kann, so kann man noch lange nicht von einem echten Wettbewerb sprechen. Wie beim Sprit teilen sich eine Hand voll Grosskonzerne den Markt. Ach ja, und Absprachen gibt es selbstverständlich keine. Zumindest offiziell, denn die Blödnasen von der Kartellbehörde sind auch nicht sonderlich daran interessiert da was aufzudecken. Kommt doch mit jedem Euro den irgendwas teurer wird auch mehr Mehrwertsteuer rein.
Deify 23.10.2012
3.
Wenn die Unternehmen die Umlage voll tragen müssten, würden sie sie am Ende doch auf die Verbraucher abwälzen, wir bezahlen also so oder so alles allein. Wie immer. Wenn zum Ausgleich wenigstens auch z. B. günstigere Beschaffungskosten an die Verbraucher weitergegeben würden... Am Rande: Der kleinste Posten auf der Rechnung ist der für den Strom, das meiste sind Steuern, Umlagen und ganz besonders die Gebühren für die Netzbetreiber.
unfassbaralles 23.10.2012
4. Erbitte Liste
mit allen Firmen, welche sich befreien ließen oder dies beantragt haben, danke spon.
breakthedawn 23.10.2012
5. Die Parlamente
sind nur so von Mafiosi und Terroristen durchseucht.
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