Erdgas aus Deutschland Schatzsuche im Schiefer

Erdgas aus Schiefergestein ist die große Hoffnung der Industrie: Bisher wurde die unkonventionelle Energiequelle nur in den USA erschlossen - jetzt suchen Firmen auch in Deutschland nach dem Rohstoff. Die Energiemacht Russland könnte an Bedeutung verlieren.

AP

Von Julia Kimmerle


Berlin - Welche Schätze der Boden von Niedersachsen birgt, davon haben die Leute in dem kleinen Ort Niedernwöhren eine klare Vorstellung. "Getreide, das wird viel angebaut", sagt Walter Hartmann von der Gemeindeverwaltung. Als vor einiger Zeit der amerikanische Energiekonzern Exxon Chart zeigen anfragte, ob er unter den Äckern des Ortes nach Erdgas suchen dürfe, war man deshalb überrascht.

An die Vorstellung, auf ungehobenen Bodenschätzen zu sitzen, hat man sich aber mittlerweile gewöhnt. Die Gemeinde versichert, man stehe "der Sache positiv gegenüber". Bei Exxon selbst ist man mit Prognosen vorsichtig: "Bis die Ergebnisse der Probebohrung vorliegen, kann es noch ein halbes Jahr dauern", sagt der deutsche Unternehmenssprecher Norbert Stahlhut.

Andernorts ist der Enthusiasmus größer. Zu verlockend ist der Gedanke an unentdeckte Erdgasvorkommen mitten in Europa. Unkonventionelles Erdgas, genannt Tight Gas oder Shale Gas, liegt dort, wo man bisher nicht unbedingt nennenswerte Energiereserven vermutete: in Schweden, rund um Wien, im Norden Polens - und eben in Niedersachsen.

In den USA hat der Abbau von unkonventionellem Erdgas bereits in großem Stil begonnen und den Energiemarkt so umgekrempelt, dass der Rohstoffexperte und Pulitzerpreisgewinner Daniel Yergin von einer "American Gas Revolution" spricht. BP-Chef Tony Hayward bezeichnete die neuen Erdgasvorkommen gar als "game changer" - sie könnten die Machtverhältnisse in der Branche grundlegend ändern.

Die USA haben Russland als Gasmacht Nummer eins abgelöst

Und tatsächlich sind die Zahlen in den USA beeindruckend: Noch vor zwanzig Jahren machte Erdgas aus unkonventionellen Vorkommen nur einen Bruchteil der gesamten amerikanischen Gasproduktion aus. Heute sind es bereits 40 Prozent, der größte Teil stammt aus Schiefergas.

Lange Zeit waren die unkonventionellen Erdgasvorkommen uninteressant - zu wenig Geld ließ sich mit ihnen verdienen. Im Gegensatz zu konventionellen Vorkommen befindet sich das Gas nämlich nicht in großen Blasen, sondern kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein. Effizient wurde der Abbau erst durch technische Neuerungen: Steuerbare Bohrer erlauben es, nicht nur von oben nach unten, sondern auch horizontal ins Gestein vorzudringen. So kann die gashaltige Gesteinsschicht auch über eine Strecke von mehreren Kilometern durchbohrt werden. Damit das Gas entweicht, wird das Gestein anschließend mit Hilfe von Wasser, Chemikalien und Quarzkügelchen aufgespalten.

Die neugewonnene Möglichkeit, Gasreserven kostengünstig abzubauen, hat einen dramatischen Effekt auf Amerikas Rolle als Energielieferant: Mittlerweile haben die USA Russland als größten Erdgasproduzenten der Welt abgelöst. Und die Reserven reichen noch viele Jahre: Das amerikanische Potential Gas Committee, das seit über vierzig Jahren die heimischen Gasreserven schätzt, hob wegen der unkonventionellen Vorkommen seine bisherigen Zahlen um 35 Prozent auf 58.800 Milliarden Kubikmeter Erdgas an. Noch nie hatte die Behörde ihre Zahlen so weit nach oben korrigiert.

"Es gibt auch in Europa interessante Gebiete"

Jetzt arbeiten Energiekonzerne daran, die amerikanische Erfolgsgeschichte auch in anderen Ländern zu wiederholen. "Dass Shale Gas in den USA besonders erfolgreich gefördert werden kann, hängt natürlich mit der Geologie zusammen. Das heißt aber nicht, dass es an anderer Stelle keine genauso guten Vorkommen gibt", sagt Hans-Martin Schulz vom Geoforschungszentrum in Potsdam. Und so wird derzeit in Südafrika gesucht, in China, Australien, Kanada. Und in Europa. "Hier ist zwar alles in kleinere geologische Einheiten gegliedert als in Amerika. Trotzdem gibt es auch in Europa interessante Gebiete", erklärt der Geologe.

Zusammen mit Brian Horsfield leitet Schulz den Forschungsverbund Gas Shales in Europe (GASH). Dort arbeiten er und seine Kollegen gemeinsam mit anderen europäischen Forschungsinstituten daran, die europäischen Schiefergasvorkommen zu erfassen und zu bewerten. "Die Forschung steht hier in Europa noch ganz am Anfang", sagt Hans-Martin Schulz.

Trotzdem hat die Industrie bereits großes Interesse an dem Projekt: Acht Sponsoren hat GASH bereits, darunter Exxon, Total Chart zeigen und Statoil Chart zeigen. Im Rahmen des Projekts werden neue Bohrungen durchgeführt, alle bisher verfügbaren Daten ausgewertet und in Modellen umgesetzt. GASH trägt die Informationen zusammen und bereitet sie so auf, dass die Unternehmen mit größerer Sicherheit wissen, wo sich die Suche lohnt. Einfach drauflosbohren wollen die Firmen schließlich nicht: Bis zu 20 Millionen Euro kostet eine Probebohrung.

Polen hat schon 44 Lizenzen vergeben

Einen besonderen Run erlebt derzeit Polen. Exxon, ConocoPhillips Chart zeigen und zuletzt auch Chevron Chart zeigen sicherten sich das Recht, in dem Land nach unkonventionellen Ressourcen zu suchen. Kleinere Unternehmen waren noch schneller: Das amerikanische Unternehmen BNK Petroleum begann schon vor zwei Jahren, sich in Europa nach unkonventionellen Quellen umzusehen. "Wir sind davon überzeugt, dass Schiefergas auch in Europa funktioniert", sagt BNK-Chef Wolf Regener. "Auf jeden Fall haben wir den großen Vorteil, die Ersten gewesen zu sein."

Noch in diesem Jahr will BNK mit den Bohrungen beginnen. Werden die Unternehmen fündig, würde das auch Polens Politiker glücklich machen, denn das unkonventionelle Gas könnte die Abhängigkeit von russischem Erdgas verringern. "Polen baut gerade alle Möglichkeiten der Erdgasversorgung aus. Dazu gehört auch der Abbau der eigenen unkonventionellen Vorkommen", sagt Mikhail Korchemkin, der Leiter der Beratungsfirma East European Gas Analysis. "Das polnische Umweltministerium hat dafür in jüngster Zeit 44 Lizenzen vergeben."

Der große Verlierer könnte Russland sein, schätzt Korchemkin. Dabei hält er die europäische Gasrevolution gar nicht für den Hauptgrund. Vielmehr werde der Bau neuer Leitungen wie der Ostsee-Pipeline Gas aus Russland verteuern, während importiertes Gas aus den USA immer günstiger wird. Transportiert wird es in Flüssigform mit Tankern über den Atlantik.

Das Erdgas aus Deutschland wird den Weltmarkt deshalb nicht durcheinanderbringen. Entsprechend gelassen gibt man sich in Niedernwöhren. Von der Probebohrung ist schon fast nichts mehr zu sehen, nur die braune Ackerfläche. Bis man weiß, ob darunter vielleicht ein Schatz liegt, lassen die Einheimischen Gras drüber wachsen. Und Getreide.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, der Rohstoffexperte Daniel Yergin sei ein "Nobelpreisträger". Korrekt ist hingegen, dass Yergin 1992 den Pulitzerpreis gewonnen hat - für sein Buch "Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 219 Beiträge
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gurkengezwack 09.04.2010
1.
Zitat von sysopErdgas ist extrem wichtig für die deutsche Energieversorgung. Aber welche Zukunft hat der Rohstoff? Ist die Abhängigkeit von Russland zu groß?
Was ist das für eine Frage: "Welche Zukunft hat das Erdgas?" Wie die Hexen im Mittelalter - es wird BRENNEN. Gruß g.
frank_lloyd_right 09.04.2010
2. Erdgas hat eine schlechte Zukunft.
Ich bin überzeugt, man wir es zur Gänze verbrennen !
stanis laus 12.04.2010
3. Uraltkamelle
Mit dieser Kamelle wollten schon die Nazis die Holzvergaserautos befeuern. Im Schwäbischen haben die 44/45 ein Ölschiefervorkommen unter grauseligen Umständen von KZ-Häftlingen abbauen lassen. Mit in jeder Weise katastrophalen Ergebnissen. Ein gutes Archiv sollte solche Informationen eigentlich liefern.....
darkmaan 12.04.2010
4.
Sie meinen bestimmt den Abbau in Dotternhausen bei Balingen, aber was hat das mit diesem Thema hier zu tun?
Methusalixchen 12.04.2010
5. Der Dotternhausener ...
Zitat von darkmaanSie meinen bestimmt den Abbau in Dotternhausen bei Balingen, aber was hat das mit diesem Thema hier zu tun?
... Ölschiefer wird noch heute abgebaut und im Zementwerk als Roh- und Brennstoff genutzt.
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