Von Stefan Schultz
Sollten in Europa und Asien tatsächlich große Gasfelder erschlossen werden, hätte das weitreichende Folgen - drei Szenarien für die zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts:
1. Gazprom schrumpft, Russlands Wirtschaft stockt
Für den russischen Monopolisten Gazprom wäre eine anhaltende Gasschwemme ein gewaltiges Problem. "Das Geschäftsmodell des Staatskonzerns basiert auf der Annahme, dass die Nachfrage und der Gaspreis beständig steigen", sagt Michail Kortschemkin, Direktor des East-European-Gas-Analysis-Instituts. Während andere Energieriesen ihre operativen Kosten drücken, seien Gazproms Produktionsausgaben von Januar bis September 2009 um 35 Prozent gestiegen.
Auch beim Transport gebe der Konzern zu viel Geld aus. Manche Pipelines seien nur zur Hälfte ausgelastet, trotzdem baue Gazprom derzeit neue Röhren. Die Erschließung neuer Gasfelder in Jamal und Schtokman hat der Konzern bis auf weiteres verschoben. "Geht das so weiter, ist russisches Gas bald nicht mehr wettbewerbsfähig", sagt Kortschemkin.
Ein Wandel in der Konzernstrategie deutet sich bislang nicht an. Gazprom nennt die Erwartungen an unkonventionelles Gas überzogen. Man rechne weiterhin mit einer steigenden Nachfrage in Europa. Kortschemkin hält es allerdings für möglich, dass der Konzern doch noch reagiert. "Gazprom könnte eine Lobbyorganisation gegen Wasserverschmutzung ins Leben rufen, um die unkonventionelle Gasförderung zu bekämpfen."
Ein möglichst weitreichendes Förderverbot wäre auch im Interesse Russlands. Rund 20 Prozent des Staatshaushalts werden aus Gazproms Steuerzahlungen gespeist. Schrumpft der Energieriese, trudelt Russlands Wirtschaft. Sie kann erst wachsen, wenn Europas Gasnachfrage auf Vorkrisenniveau steigt.
2. Die geopolitischen Machtverhältnisse verschieben sich
Wenn es den Rohstoff Gas plötzlich überall gibt, taugt er nicht mehr als geopolitisches Druckmittel. Derzeit kann Russland noch Polen oder der Ukraine mit Lieferstopps drohen, nach dem Gasrausch ginge das nicht mehr. "Es besteht Hoffnung, dass sich der Gashandel deutlich entpolitisiert", sagt Müller-Kirchenbauer von der TU Clausthal.
Der polnische Regierungsberater Maciej Wozniak träumt laut "Capital" bereits davon, dass sein Land zum Gasexporteur aufsteigt. Polen, das seit jeher für seine Unabhängigkeit kämpft, könnte sich aus der Umklammerung des Gasexporteurs Russland befreien.
Doch auch ohne unkonventionelle Gasförderung in Europa dürften sich die Machtverhältnisse im kommenden Jahrzehnt ändern - durch LNG. Je mehr Gas per Schiff um die Welt reist, desto unabhängiger werden Länder ohne eigene Gasvorkommen von ihren regionalen Versorgern.
3. Der Niedergang der Kohleindustrie beschleunigt sich
Den Ölmultis bietet die unkonventionelle Gasförderung Wachstumschancen, für die Kohlekonzerne dagegen ist sie eine Bedrohung. Durch immer neue CO2-Auflagen sind Investitionen in neue Kohlekraftwerke schon jetzt riskant, in Zukunft bietet sich potentiellen Geldgebern eine attraktive Alternative. Eine globale Gasschwemme dürfte den Energiekonsum verändern.
Bislang sei Kohle der einzige Rohstoff gewesen, der fast überall verfügbar ist, sagt Oxford-Professor Stern. Durch LNG und unkonventionelle Förderung ändere sich das. "Europa etwa könnte künftig mehr Strom aus Gas produzieren, ohne sich zu stark von Russland abhängig zu machen."
Ihre CO2-Bilanz könnten die Staaten dadurch kräftig frisieren: Wer Energie aus Gas statt aus Kohle gewinnt, bläst nur etwa halb so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre. Das Einsparpotential ist groß: In Deutschland etwa wird gut die Hälfte aller Elektrizität in Kohlekraftwerken produziert.
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