Erdgas statt Atomkraft Sauber, aber teuer

Deutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker hoffen nun auf Gaskraftwerke, mit denen ein idealer Übergang ins Ökozeitalter gelingen könnte - wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen.

Von , Irsching

Umspannungswerk und Schornsteine in Irsching: Flexible Kraftwerke, teurer Strom
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Umspannungswerk und Schornsteine in Irsching: Flexible Kraftwerke, teurer Strom


Schon von weitem sind die drei rot-weiß gestreiften Schornsteine zu sehen, imposant überragen sie das Dorf Irsching. Sie sind das Markenzeichen des örtlichen Erdgaskraftwerks, zieren seine Image-Broschüren. Dabei sind sie gar nicht das Wichtigste in Irsching. Wirklich spannend ist der kleine graue Turm daneben, der nur knapp über die Baumwipfel reicht. Er gehört zum Kraftwerksblock Irsching 4: Dort rotiert die modernste Gasturbine der Welt.

Mit ihren massigen fünf Metern Durchmesser würde die Turbine in keinen U-Bahn-Tunnel passen, mit ihren 440 Tonnen Gewicht wiegt sie mehr als ein Airbus A380. Der Kraftwerksbetreiber E.on nennt sie die "Zukunft des Erdgases".

Im September soll Irsching 4 in Betrieb gehen, der Block wird so effizient sein wie kein anderes Gas- und Dampfkraftwerk. Und doch wird er wohl nur 4000 bis 5000 Stunden im Jahr voll ausgelastet sein - also gerade mal das halbe Jahr. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Braunkohlekraftwerk kommt auf mehr als 6000 Volllaststunden.

Wie kann das sein? Gilt Erdgas nicht als Ressource der Zukunft, als CO2-armer Ersatz für Atomkraftwerke? Sind Gaskraftwerke wegen ihrer Flexibilität nicht der ideale Partner für erneuerbare Energien? Alles richtig. Doch Erdgas ist eben auch eines: extrem teuer.

Importstrom ist oft billiger

Die Internationale Energieagentur (IEA) beziffert die Kosten für eine Megawattstunde Strom aus Erdgas auf rund 40 Euro - der Preis für Kohlestrom liegt bei 18 bis 19 Euro. Zwar fallen bei Kohlekraftwerken höhere Kosten für CO2-Emissionszertifikate an (siehe Kasten links). Das gleicht den Unterschied aber nicht aus. Nur in der Anfangsinvestition sind die modernen Gas- und Dampfkraftwerke (GuD) günstiger: Sie kosten ungefähr halb so viel wie neue Kohlemeiler. Doch das interessiert den Strommarkt nicht. Denn für die Energieabnehmer an der Strombörse zählt nur eine Frage: Woher bekomme ich zu einem bestimmten Zeitpunkt X den billigsten Strom?

Auf dem Kraftwerksgelände in Irsching stehen in Reih und Glied die Umspannungsmasten, sie surren laut vor sich hin: Die Stromspannung wird hier auf 380.000 Volt gebracht, dann in das Hochspannungsnetz eingespeist und so auch in die Nachbarländer exportiert.

Das Gleiche gilt aber auch andersherum: Deutschland kann elektrische Energie importieren, etwa aus slowakischen, tschechischen oder polnischen Kohlekraftwerken. Dieser Strom ist zwar dreckiger, aber auch billiger. Genau dies ist das Problem der deutschen Gaskraftwerke: An vielen Tagen im Jahr können sie mit Importstrom preislich nicht mithalten.

Effizienz zahlt sich auf Dauer aus

Deswegen lohnen sich Gaskraftwerke für die Betreiber meist nur in der Spitzenlast. Das bedeutet: Erst wenn alle anderen günstigen Kraftwerke schon auf Volllast laufen und nicht noch mehr Strom produzieren können, werden die Gasturbinen angeschmissen.

In der Irschinger Steuerzentrale blicken die Techniker auf Computer und auf große Bildschirme, die im Halbkreis an den Wänden hängen. Auf ihnen leuchten Diagramme und Zahlen. Gut sichtbar in der unteren Mitte eines Monitors stehen die Megawatt: Sie zeigen die Leistung der Kraftwerkblöcke 3, 4 und 5 - diese sind noch in Betrieb. Irsching 1 ist stillgelegt, Nummer 2 befindet sich in Kaltreserve und könnte theoretisch mit großem technischen Aufwand wieder fitgemacht werden. Das ist jedoch nicht vorgesehen.

Wenn in der Zentrale das Telefon klingelt, ist meist ein Energieabnehmer am anderen Ende und möchte mehr oder weniger Strom beziehen. Die Techniker gleichen dann die Leistung an. Manchmal passiert das alle halbe Stunde, manchmal ist auch einen ganzen Tag lang Ruhe. Das moderne GuD-Kraftwerk Irsching 5 ist im Schnitt jeden zweiten Tag im Jahr voll ausgelastet, der 1974 gebaute Block 3 kommt gerade einmal auf 30 bis 40 Betriebstage jährlich.

Grund dafür ist sein schlechter Wirkungsgrad: Nur 39 Prozent des verbrannten Erdgases werden in Strom umgewandelt, der Rest verpufft als Wärme. Eine teure Verschwendung des kostbaren Energieträgers. Irsching 5 kommt hingegen auf einen Wirkungsgrad von 59,7 Prozent. Der supermoderne Block Irsching 4 schaffte bei einem Testlauf sogar 60,75 Prozent - Weltrekord. Die höhere Effizienz zahlt sich auf Dauer in Euro und Cent aus.

Gaskraftwerke statt Atomreaktoren

Überall in Deutschland stehen Kraftwerke wie das moderne Serienmodell Irsching 5 und das alte Irsching 3. Obwohl die alten Meiler nicht besonders oft laufen, rentieren sie sich: Sie haben ihre anfänglichen Investitionskosten längst reingeholt und werfen - nach Abzug der Brennstoffkosten - nur noch Gewinn ab. Dafür reichen auch 30 bis 40 Betriebstage im Jahr.

Neubauten hingegen haben einen Nachteil. Sie müssen ihre anfänglichen Kosten in den folgenden Jahren erst noch einspielen. Und das ist nie ganz sicher. "Derzeit sehen wir in Deutschland ein Preisszenario, das den Neubau von Gaskraftwerken nicht rentabel macht", teilt zum Beispiel der Energiekonzern RWE mit. Da helfen auch keine politischen Bekenntnisse zur Gaskraft. Gerade erst hat sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) für Erdgas als Brückentechnologie ins postatomare Zeitalter ausgesprochen.

Doch was bringt dies, wenn sich der Betrieb von Gaskraftwerken für die Firmen nicht lohnt? Dabei hat Erdgas zwei große Vorteile:

  • Erstens ist der Energieträger im Vergleich zu Kohle klimaschonend - bei der Verbrennung wird verhältnismäßig wenig CO2 ausgestoßen.
  • Zweitens lassen sich Gaskraftwerke flexibel hoch- und runterfahren. Damit sind sie eine perfekte Ergänzung zu den unsteten erneuerbaren Energien.

Was das bedeutet, kann man in Irsching sehen: Aus einer Wand im Kraftwerk führen mehrere faustdicke Rohre, durch jedes einzelne strömt Gas, das entzündet wird und die Turbine antreibt. Je nach Strombedarf werden einige Rohre auf- oder zugedreht. Ganz schnell, ganz einfach. Brennende Kohle hingegen kann nicht so flink reguliert werden, ganz zu schweigen von der behäbigen Kernkraft. Deswegen sind GuD-Kraftwerke ideal für den Übergang ins Ökozeitalter: Wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint, können sie schnell reagieren.

Kohle müsste teurer werden

Umweltfreundlich und flexibel ist Erdgas also, doch was müsste getan werden, damit sich die Stromproduktion aus Gas auch rentiert? Einige Wissenschaftler tüfteln an einem Konzept, wie sich moderne Kraftwerke rechnen könnten, ohne dass sie andauernd Strom produzieren und verkaufen müssen. Die Idee: Die Betreiber müssten dafür belohnt werden, dass sie nicht nur Energie liefern, sondern auch Kapazitäten bereitstellen. Ergebnis wäre ein sogenannter "Kapazitätsmarkt": Hier können Energiekonzerne an Ausschreibungen teilnehmen und festgelegte Kraftwerkskapazitäten erwerben. Die Kosten für dieses Konzept müssen dann wahrscheinlich die Stromverbraucher tragen.

Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit: Wenn Erdgas der fossile Brennstoff der Zukunft werden soll, muss er wirtschaftlich attraktiver werden oder sein größter Konkurrent - die Kohle - unattraktiver.

Konkret bedeutet das: Die Kosten für die CO2-Emissionszertifikate müssten in der gesamten EU deutlich steigen. Die größten Kohle-Dreckschleudern wären dann nicht nur schädlich für die Umwelt, sondern auch für den Gewinn des Betreibers. Die emissionsarmen GuD-Kraftwerke hingegen kämen vergleichweise günstig weg. Kohle würde fühlbar teurer, die Gaskosten stiegen nur wenig.

Auch hier wären aber höhere Strompreise die Folge. Umsonst ist die Energiewende eben nicht zu haben.

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insgesamt 1540 Beiträge
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Seite 1
Volker Tuermer 13.07.2011
1. Ökoterrroristen
Zitat von sysopDeutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker*hoffen nun auf Gaskraftwerke,*mit denen*ein idealer Übergang ins Öko-Zeitalter*gelingen könnte -*wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,764426,00.html
Die Kosten wären nicht das Problem wenn die Ökoterroristen die den Atomausstieg verbrochen haben die auch tragen müßten. Aber nein, darunter hat natürlich die Allgemeinheit zu leiden. Es ist immer dasselbe.
timbuktu 13.07.2011
2. Gas ist auch keine dauerhafte Lösung
Warum wird hier in SPON eigendlich nicht über die Pläne im Bereich der Windkraft berichtet: http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/deutschland-vor-dem-windradboom/
gsm900, 13.07.2011
3. Das ist nun keine Überraschung
Zitat von sysopDeutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker*hoffen nun auf Gaskraftwerke,*mit denen*ein idealer Übergang ins Öko-Zeitalter*gelingen könnte -*wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,764426,00.html
die wirtschaftliche Inkompentenz rothgrüner Gutfrauen ist ja erwiesen. Selbst GReenpeace hatte ja dummerweise zugegeben daß Atomstron billiger ist ("Billigstrom ist Atomstrom" Poster)
kalumeth 13.07.2011
4. siedlungsnahe Blockheizkraftwerke
Zitat von sysopDeutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker*hoffen nun auf Gaskraftwerke,*mit denen*ein idealer Übergang ins Öko-Zeitalter*gelingen könnte -*wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,764426,00.html
Gaskraftwerke o h n e Abwärmenutzung in Siedlungsnahe sind eine Sünde! Gerade Gas schreit danach, bei der Verstromung auch die Heizwärme für Haushalte zu liefern. Nur dann sinkt die spezifische CO2-Emission. Also nix für den Großmassstab, eher für vernetzte Stadtwerke oder Privatverbraucher.
Andrew M., 13.07.2011
5. Schon wieder?
Die Strompreise steigen doch seit Jahren. Teilweise hat man auch lesen können, daß es unberechtigt war, da die Konzerne horrende Gewinne gleichzeitig einfuhren. Hoher Gewinn bedeutet gut abgeschröpft, oder? Warum verkauft der SPON uns nun diesen Artikel? In der Art ein Plädoyer für das geschröpfte Volk, in Wahrheit eine Rechtfertigung im Sinne der Lobby. Informiert der SPON das Volk über das was nun kommt und fungiert als Sprachrohr der Ausbeuter oder ist SPON immer noch das Blatt das keines vor den Mund nimmt? (kleiner Scherz, seit 9.11 ist der Spiegel stram auf Ja-Sager Kurs)
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