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Erdgas statt Atomkraft: Sauber, aber teuer

Von , Irsching

Deutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker hoffen nun auf Gaskraftwerke, mit denen ein idealer Übergang ins Ökozeitalter gelingen könnte - wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen.

Umspannungswerk und Schornsteine in Irsching: Flexible Kraftwerke, teurer Strom Zur Großansicht
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Umspannungswerk und Schornsteine in Irsching: Flexible Kraftwerke, teurer Strom

Schon von weitem sind die drei rot-weiß gestreiften Schornsteine zu sehen, imposant überragen sie das Dorf Irsching. Sie sind das Markenzeichen des örtlichen Erdgaskraftwerks, zieren seine Image-Broschüren. Dabei sind sie gar nicht das Wichtigste in Irsching. Wirklich spannend ist der kleine graue Turm daneben, der nur knapp über die Baumwipfel reicht. Er gehört zum Kraftwerksblock Irsching 4: Dort rotiert die modernste Gasturbine der Welt.

Mit ihren massigen fünf Metern Durchmesser würde die Turbine in keinen U-Bahn-Tunnel passen, mit ihren 440 Tonnen Gewicht wiegt sie mehr als ein Airbus A380. Der Kraftwerksbetreiber E.on nennt sie die "Zukunft des Erdgases".

Im September soll Irsching 4 in Betrieb gehen, der Block wird so effizient sein wie kein anderes Gas- und Dampfkraftwerk. Und doch wird er wohl nur 4000 bis 5000 Stunden im Jahr voll ausgelastet sein - also gerade mal das halbe Jahr. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Braunkohlekraftwerk kommt auf mehr als 6000 Volllaststunden.

Wie kann das sein? Gilt Erdgas nicht als Ressource der Zukunft, als CO2-armer Ersatz für Atomkraftwerke? Sind Gaskraftwerke wegen ihrer Flexibilität nicht der ideale Partner für erneuerbare Energien? Alles richtig. Doch Erdgas ist eben auch eines: extrem teuer.

Importstrom ist oft billiger

Die Internationale Energieagentur (IEA) beziffert die Kosten für eine Megawattstunde Strom aus Erdgas auf rund 40 Euro - der Preis für Kohlestrom liegt bei 18 bis 19 Euro. Zwar fallen bei Kohlekraftwerken höhere Kosten für CO2-Emissionszertifikate an (siehe Kasten links). Das gleicht den Unterschied aber nicht aus. Nur in der Anfangsinvestition sind die modernen Gas- und Dampfkraftwerke (GuD) günstiger: Sie kosten ungefähr halb so viel wie neue Kohlemeiler. Doch das interessiert den Strommarkt nicht. Denn für die Energieabnehmer an der Strombörse zählt nur eine Frage: Woher bekomme ich zu einem bestimmten Zeitpunkt X den billigsten Strom?

Auf dem Kraftwerksgelände in Irsching stehen in Reih und Glied die Umspannungsmasten, sie surren laut vor sich hin: Die Stromspannung wird hier auf 380.000 Volt gebracht, dann in das Hochspannungsnetz eingespeist und so auch in die Nachbarländer exportiert.

Das Gleiche gilt aber auch andersherum: Deutschland kann elektrische Energie importieren, etwa aus slowakischen, tschechischen oder polnischen Kohlekraftwerken. Dieser Strom ist zwar dreckiger, aber auch billiger. Genau dies ist das Problem der deutschen Gaskraftwerke: An vielen Tagen im Jahr können sie mit Importstrom preislich nicht mithalten.

Effizienz zahlt sich auf Dauer aus

Deswegen lohnen sich Gaskraftwerke für die Betreiber meist nur in der Spitzenlast. Das bedeutet: Erst wenn alle anderen günstigen Kraftwerke schon auf Volllast laufen und nicht noch mehr Strom produzieren können, werden die Gasturbinen angeschmissen.

In der Irschinger Steuerzentrale blicken die Techniker auf Computer und auf große Bildschirme, die im Halbkreis an den Wänden hängen. Auf ihnen leuchten Diagramme und Zahlen. Gut sichtbar in der unteren Mitte eines Monitors stehen die Megawatt: Sie zeigen die Leistung der Kraftwerkblöcke 3, 4 und 5 - diese sind noch in Betrieb. Irsching 1 ist stillgelegt, Nummer 2 befindet sich in Kaltreserve und könnte theoretisch mit großem technischen Aufwand wieder fitgemacht werden. Das ist jedoch nicht vorgesehen.

Wenn in der Zentrale das Telefon klingelt, ist meist ein Energieabnehmer am anderen Ende und möchte mehr oder weniger Strom beziehen. Die Techniker gleichen dann die Leistung an. Manchmal passiert das alle halbe Stunde, manchmal ist auch einen ganzen Tag lang Ruhe. Das moderne GuD-Kraftwerk Irsching 5 ist im Schnitt jeden zweiten Tag im Jahr voll ausgelastet, der 1974 gebaute Block 3 kommt gerade einmal auf 30 bis 40 Betriebstage jährlich.

Grund dafür ist sein schlechter Wirkungsgrad: Nur 39 Prozent des verbrannten Erdgases werden in Strom umgewandelt, der Rest verpufft als Wärme. Eine teure Verschwendung des kostbaren Energieträgers. Irsching 5 kommt hingegen auf einen Wirkungsgrad von 59,7 Prozent. Der supermoderne Block Irsching 4 schaffte bei einem Testlauf sogar 60,75 Prozent - Weltrekord. Die höhere Effizienz zahlt sich auf Dauer in Euro und Cent aus.

Gaskraftwerke statt Atomreaktoren

Überall in Deutschland stehen Kraftwerke wie das moderne Serienmodell Irsching 5 und das alte Irsching 3. Obwohl die alten Meiler nicht besonders oft laufen, rentieren sie sich: Sie haben ihre anfänglichen Investitionskosten längst reingeholt und werfen - nach Abzug der Brennstoffkosten - nur noch Gewinn ab. Dafür reichen auch 30 bis 40 Betriebstage im Jahr.

Neubauten hingegen haben einen Nachteil. Sie müssen ihre anfänglichen Kosten in den folgenden Jahren erst noch einspielen. Und das ist nie ganz sicher. "Derzeit sehen wir in Deutschland ein Preisszenario, das den Neubau von Gaskraftwerken nicht rentabel macht", teilt zum Beispiel der Energiekonzern RWE mit. Da helfen auch keine politischen Bekenntnisse zur Gaskraft. Gerade erst hat sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) für Erdgas als Brückentechnologie ins postatomare Zeitalter ausgesprochen.

Doch was bringt dies, wenn sich der Betrieb von Gaskraftwerken für die Firmen nicht lohnt? Dabei hat Erdgas zwei große Vorteile:

  • Erstens ist der Energieträger im Vergleich zu Kohle klimaschonend - bei der Verbrennung wird verhältnismäßig wenig CO2 ausgestoßen.
  • Zweitens lassen sich Gaskraftwerke flexibel hoch- und runterfahren. Damit sind sie eine perfekte Ergänzung zu den unsteten erneuerbaren Energien.

Was das bedeutet, kann man in Irsching sehen: Aus einer Wand im Kraftwerk führen mehrere faustdicke Rohre, durch jedes einzelne strömt Gas, das entzündet wird und die Turbine antreibt. Je nach Strombedarf werden einige Rohre auf- oder zugedreht. Ganz schnell, ganz einfach. Brennende Kohle hingegen kann nicht so flink reguliert werden, ganz zu schweigen von der behäbigen Kernkraft. Deswegen sind GuD-Kraftwerke ideal für den Übergang ins Ökozeitalter: Wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint, können sie schnell reagieren.

Kohle müsste teurer werden

Umweltfreundlich und flexibel ist Erdgas also, doch was müsste getan werden, damit sich die Stromproduktion aus Gas auch rentiert? Einige Wissenschaftler tüfteln an einem Konzept, wie sich moderne Kraftwerke rechnen könnten, ohne dass sie andauernd Strom produzieren und verkaufen müssen. Die Idee: Die Betreiber müssten dafür belohnt werden, dass sie nicht nur Energie liefern, sondern auch Kapazitäten bereitstellen. Ergebnis wäre ein sogenannter "Kapazitätsmarkt": Hier können Energiekonzerne an Ausschreibungen teilnehmen und festgelegte Kraftwerkskapazitäten erwerben. Die Kosten für dieses Konzept müssen dann wahrscheinlich die Stromverbraucher tragen.

Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit: Wenn Erdgas der fossile Brennstoff der Zukunft werden soll, muss er wirtschaftlich attraktiver werden oder sein größter Konkurrent - die Kohle - unattraktiver.

Konkret bedeutet das: Die Kosten für die CO2-Emissionszertifikate müssten in der gesamten EU deutlich steigen. Die größten Kohle-Dreckschleudern wären dann nicht nur schädlich für die Umwelt, sondern auch für den Gewinn des Betreibers. Die emissionsarmen GuD-Kraftwerke hingegen kämen vergleichweise günstig weg. Kohle würde fühlbar teurer, die Gaskosten stiegen nur wenig.

Auch hier wären aber höhere Strompreise die Folge. Umsonst ist die Energiewende eben nicht zu haben.

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insgesamt 1540 Beiträge
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1. Ökoterrroristen
Volker Tuermer 13.07.2011
Zitat von sysopDeutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker*hoffen nun auf Gaskraftwerke,*mit denen*ein idealer Übergang ins Öko-Zeitalter*gelingen könnte -*wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,764426,00.html
Die Kosten wären nicht das Problem wenn die Ökoterroristen die den Atomausstieg verbrochen haben die auch tragen müßten. Aber nein, darunter hat natürlich die Allgemeinheit zu leiden. Es ist immer dasselbe.
2. Gas ist auch keine dauerhafte Lösung
timbuktu 13.07.2011
Warum wird hier in SPON eigendlich nicht über die Pläne im Bereich der Windkraft berichtet: http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/deutschland-vor-dem-windradboom/
3. Das ist nun keine Überraschung
gsm900, 13.07.2011
Zitat von sysopDeutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker*hoffen nun auf Gaskraftwerke,*mit denen*ein idealer Übergang ins Öko-Zeitalter*gelingen könnte -*wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,764426,00.html
die wirtschaftliche Inkompentenz rothgrüner Gutfrauen ist ja erwiesen. Selbst GReenpeace hatte ja dummerweise zugegeben daß Atomstron billiger ist ("Billigstrom ist Atomstrom" Poster)
4. siedlungsnahe Blockheizkraftwerke
kalumeth 13.07.2011
Zitat von sysopDeutschland will raus aus der Atomkraft - doch die erneuerbaren Energien können die Lücke nicht schnell genug schließen. Politiker*hoffen nun auf Gaskraftwerke,*mit denen*ein idealer Übergang ins Öko-Zeitalter*gelingen könnte -*wäre da nicht ein Problem: Die Strompreise müssten steigen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,764426,00.html
Gaskraftwerke o h n e Abwärmenutzung in Siedlungsnahe sind eine Sünde! Gerade Gas schreit danach, bei der Verstromung auch die Heizwärme für Haushalte zu liefern. Nur dann sinkt die spezifische CO2-Emission. Also nix für den Großmassstab, eher für vernetzte Stadtwerke oder Privatverbraucher.
5. Schon wieder?
Andrew M., 13.07.2011
Die Strompreise steigen doch seit Jahren. Teilweise hat man auch lesen können, daß es unberechtigt war, da die Konzerne horrende Gewinne gleichzeitig einfuhren. Hoher Gewinn bedeutet gut abgeschröpft, oder? Warum verkauft der SPON uns nun diesen Artikel? In der Art ein Plädoyer für das geschröpfte Volk, in Wahrheit eine Rechtfertigung im Sinne der Lobby. Informiert der SPON das Volk über das was nun kommt und fungiert als Sprachrohr der Ausbeuter oder ist SPON immer noch das Blatt das keines vor den Mund nimmt? (kleiner Scherz, seit 9.11 ist der Spiegel stram auf Ja-Sager Kurs)
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Energiewende im Praxistest

Fotostrecke
Grafiken: Der deutsche Erdgasmarkt
Weniger CO2 durch Emissionshandel
Kohlendioxid-Reduktion
Die Unterzeichner des Kyoto-Protokolls wollen den Ausstoß von Klimagasen reduzieren. Die Europäische Union etwa hat sich verpflichtet, ihre Gesamtemissionen in den Jahren 2008 bis 2012 gegenüber dem Stand des Jahres 1990 um acht Prozent zu senken. Deutschland will bis 2012 rund 21 Prozent weniger CO2 ausstoßen als noch 1990.

Durchschnittlich wollen die Kyoto-Vertragsstaaten zunächst bis 2012 durchschnittlich 5,2 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als im Durchschnitt des Jahres 1990. Sechs Treibhausgase werden in einem Zusatz zum Protokoll genannt: Kohlendioxid, Methan, halogenierte Fluorkohlenwasserstoffe (HFCs), Perfluorkohlenwasserstoffe (PFCs), Lachgas (Distickstoffmonoxid) und Schwefelhexafluorid.
Verschmutzung nach Ländern
Über den Handel mit Abgasrechten sollen Industrie und Energieerzeuger zu Einsparungen beim Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) gezwungen werden. Dafür wurde EU-weit das European Trading Scheme (ETS) eingeführt. Darin wird auch festgelegt, welche Regierungen wie viele Verschmutzungsrechte verteilen dürfen.

Die nationalen Regierungen teilen Energiesektor und Industrie diese Abgasrechte für jeweils eine Handelsperiode zu. In Deutschland erfolgte dies bislang gratis, künftig wird ein Teil der Zertifikate auch versteigert. Firmen, die mehr CO2 ausstoßen als erlaubt, müssen Strafe zahlen. Verkehr, Haushalte, Gewerbe, Handel und der Dienstleistungssektor müssen an dem System bislang nicht teilnehmen.
Verknappung und Handel
Fehlende Berechtigungen müssen an der Börse gekauft oder der CO2-Ausstoß muss über Modernisierungen entsprechend reduziert werden. Wer viel Treibhausgas einspart, kann mit dem Verkauf von Zertifikaten Geld verdienen.

Die geplanten Zuteilungen werden in Deutschland im sogenannten nationalen Allokationsplan (NAP) zugewiesen. Der erste NAP deckte die Handelsperiode von 2005 bis 2007 ab. Der NAP II läuft von 2008 bis 2012. Pro Jahr werden der Energiewirtschaft und der Industrie Emissionsrechte für 453 Millionen Tonnen CO2 zugestanden.

Kritiker fordern, dass die Zertifikate höchstbietend versteigert und nicht verschenkt werden sollen. Ebenso wird gefordert, weitere Quellen von Klimagasen in das System einzubeziehen, beispielsweise den Flugverkehr.

Fotostrecke
Fotostrecke: Gasförderung rund um die Welt
Energieträger Erdgas
Erdgas ist nach Mineralöl der zweitwichtigste Bestandteil des deutschen Energiemix. Fast jede zweite Wohnung in Deutschland wird nach Angaben des BDEW inzwischen damit beheizt. Insgesamt sind es mehr als 18 Millionen Haushalte - Tendenz steigend. Zudem wird mit Erdgas Strom erzeugt, und umweltfreundliche Autos werden mit Erdgas angetrieben. Die Erdgas-Lagerstätten sind auf wenige Regionen begrenzt - mehr als die Hälfte der globalen Vorkommen befinden sich in den Ländern Russland, Iran und Katar.

Erdgas ist der am wenigsten klimaschädliche aller fossilen Brennstoffe. Bei seiner Verbrennung werden etwa 200 Gramm CO2 pro Kilowattstunde freigesetzt. Dies ist im Vergleich zu Erdöl (270 g/kWh) und Kohle (je nach Qualität 330 bis 400 g/kWh) gering.

Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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