Interner Bericht zur Ergo-Sexparty: Barkasse mit barbusigen Hostessen

Von David Böcking

Der Stehgeiger ein Schwager des Polizeichefs, die Rechnungen manipuliert: Das Image der Ergo-Versicherung wurde durch einen Sexskandal in Budapest schwer beschädigt. Der Bericht der internen Revisoren bestätigt laut "Handelsblatt", wie hemmungslos es beim Vertreter-Ausflug zuging.

Gellert-Therme in Budapest: hier feierten Ergo-Vertreter 2007 ihre Sexparty Zur Großansicht
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Gellert-Therme in Budapest: hier feierten Ergo-Vertreter 2007 ihre Sexparty

Hamburg - Gelegentlich dürften sie ungläubig den Kopf geschüttelt haben, die Konzernrevisoren der Ergo-Versicherung. Etwa, wenn sie solche Aussagen zu Protokoll nahmen: "Während des Dinners ist der gebuchte Stehgeiger aufgetreten. Dieser ist nach Angaben von A. der Schwager des Budapester Polizeipräsidenten, der wiederum für die Verlängerung der Sperrstunde von 24:00 auf 4:00 Uhr morgens für die Außenveranstaltung im Gellert-Bad zuständig war."

Die Passage ist Teil eines internen Untersuchungsbericht, mit dem Ergo seinen Sexskandal aufarbeitet. Im vergangenen Jahr war bekanntgeworden, dass verdiente Mitarbeiter des Ergo-Vertriebs HMI 2007 zu einer Party mit Prostituierten in eine Budapester Therme geladen wurden. Das "Handelsblatt", das den Skandal öffentlich machte, hat nun auch den Bericht der Revision veröffentlicht, der bereits im Juni 2011 fertiggestellt wurde.

So ehrenwert die Untersuchung sein mag: Die Lektüre des Berichts verstärkt einen Eindruck, der sich schon bei den ersten Meldungen über die Sexparty eingestellt hatte. Bei Ergo passten Wunsch und Wirklichkeit nicht einmal ansatzweise zusammen.

Der Wunsch war eine neue Art von Kuschelkonzern, der mit Slogans wie "Versichern heißt verstehen" seit 2010 um Kunden warb. Die Wirklichkeit waren Vertreter der alten Schule, denen Kuscheln nicht genug war - als Belohnung für viele verkaufte Verträge bekamen sie käuflichen Sex spendiert.

Es gebe im Gellert-Bad Damen, "mit denen man reden müsse" (Hostessen) und solche, "mit denen man nicht reden bräuchte" (Prostituierte), soll der damalige Vertriebschef laut Konzernrevision in einer Ansprache gesagt haben. Und damit alles seine Ordnung hatte, wurde die Arme der Frauen nach jedem Beischlaf mit einem "Frequentierungs-Stempel für die Inanspruchnahme der Prostitutionsdienstleistungen" versehen.

"Was geht denn da ab?"

Zeuge des Geschehens war auch ein prominenter Fernsehkoch: Stefan Marquard war in der Gellert-Therme fürs Catering zuständig, dem Revisionsbericht zufolge gibt es sogar ein Foto von ihm vor Ort. Anwesend war auch der Koch Wolfgang Weigler, der zusammen mit Marquard eine Catering-Agentur betreibt.

Die Köche hätten vorab nichts vom besonderen Charakter der Party geahnt, sagte Weigler SPIEGEL ONLINE. "Am Anfang war das eine ganz normale Veranstaltung." Das habe sich im Verlauf des Abends aber geändert. "Natürlich habe ich mich vor Ort gefragt, was geht denn da ab, und ich war angewidert."

Als Dienstleister sei man schließlich zur Verschwiegenheit verpflichtet, erklärt Weigler, warum er und Marquard ihre Teilnahme bis heute nicht thematisiert haben. "Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich die Veranstaltung nicht gemacht." Im Nachhinein hat Weigler nach eigenen Angaben zumindest eine Konsequenz gezogen: Seine Versicherung von HMI habe er mittlerweile gekündigt. "Das war mir zu blöd."

Teilweise wirken die Schilderungen im Untersuchungsbericht so überzeichnet wie das Drehbuch zu einem Helmut-Dietl-Film. So fuhr zum Beispiel nach "bestätigten Aussagen von sieben Teilnehmern" eine "Barkasse mit barbusigen Hostessen" auf der Donau an einem Schiff vorbei, auf dem die deutschen Vertreter den Abend einläuteten. Die halbnackten Damen hätten ein Schild hochgehalten, auf dem "We love HMI" stand - das Kürzel für die Ergo-Vertriebsorganisation.

"Das Engagement von Prostituierten überschritt ethisch moralische Grenzen", halten die Revisoren in ihrem Bericht fest. Dass die Dienste der Huren sogar als Betriebskosten von der Steuer abgesetzt wurden, sei zwar rechtlich nicht zu beanstanden, dennoch stünden "Ausgaben von Prostitutionsdienstleistungen im krassen Gegensatz zu den Wertvorstellungen des ERGO Konzerns".

20 Fluggäste zu viel berechnet

Doch die Rechnungsprüfer haben auch mehrere "eklatante" Verstöße gegen interne Richtlinien festgestellt. So sei die Sexreise im Gesamtwert von 83.000 Euro nicht ordnungsgemäß ausgeschrieben und dokumentiert worden. Auch wurden einer Budapester Agentur 4176 Euro überwiesen, obwohl diese laut Revision außer einem eigentlich kostenfreien Angebot keinerlei Leistungen erbracht hatte. Schließlich wurden Flugtickets nach Budapest im Wert von 35.674,70 nicht nur doppelt bezahlt, sondern dabei offenbar auch "ca. 20 Personen zu viel in den Flugrechnungen angegeben".

Solch schludriger Umgang mit den Firmenfinanzen hat im Unternehmen offenbar eine lange Tradition. So gaben zwei Zeugen an, sie hätten gehört, dass schon "im Rahmen von Führungsseminaren der HMI am Zürichsee in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Prostituierte eingeflogen worden seien. Die Kosten seien über die Position 'Helikopterrundflüge' abgerechnet worden." In einem anderen Fall sei "auf Veranstaltungen der Konsum von Champagner verschleiert worden, indem mit den Belegausstellern vereinbart wurde, hierfür 600 bis 700 Colaflaschen in Rechnung zu stellen".

Nach der Sexparty von Budapest kam es noch zu mindestens einer weiteren zweifelhaften Vertreterreise. Allerdings soll der frühere Vertriebschef und heutige Ergo-Vorstand Ludger Griese dabei versucht haben, Schlimmeres zu verhindern. Den Gewinnern des vorausgegangenen Wettbewerbs wurde als Alternative zur Reise ein Laptop angeboten - 15 von 17 ließen sich umstimmen.

Im Hummer zum Flughafen

Unter den zwei verbliebenen Vertretern war jedoch dem "Handelsblatt" zufolge Wolfgang Thust. Der einstmals einflussreichste Vertreter der Hamburg Mannheimer, Autor des Buches "Geldmaschine Strukturvertrieb" ist eine schillernde Figur. Auf seiner Homepage präsentiert sich Thust als kerniger Rebell, untermalt wird das von einem offenbar selbstkomponierten Lied mit den Zeilen: "Du bist als Sieger auf die Welt gekommen, als einziges von vielen Millionen Spermien hast du dein Ziel erreicht."

Klar, ein Thust lässt sich nicht mit einem Laptop abspeisen. Der Starverkäufer und ein Kompagnon flogen auf Kosten von Ergo 2008 nach Ibiza. Die Reise kostete knapp 30.000 Euro, erneut ging es ziemlich opulent zu. So fuhren die Herren in einer Hummer-Limousine zum Flughafen, residierten im Fünf-Sterne-Hotel und feierten in einer eigens angemieteten Villa eine "luxuriöse Gartenparty". Sexuelle Ausschweifungen konnten die Revisoren in diesem Fall aber nicht nachweisen. "Auskunftsgemäß waren keine Prostituierten anwesend."

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1. so what ?
iffel1 14.08.2012
Jeder, der einen Vertreter aus einem Strukturvertrieb zu sich einlädt, um über ein Finanzprodukt zu verhandeln, sollte eigentlich wissen, mit wem er es zu tun hat. Das ist doch im Gebrauchtwagenvertrieb nicht anders. Und was ich als Firma besonders "verdienten" Verkäufern als Leckerli gebe, sollte den Kunden egal sein,, eben wenn sie vorher wußten, bei wem sie etwas abschließen wollen. Das ist doch auch kein Einzelfall, selbst Obamas Leibwächter machen solche Veranstaltungen und es würde diesen Berufsstand bei den Damen auch nicht geben, wenn es nicht hunderte von Millionen Kunden gäbe - also wer regt sich da auf ?
2. Wieso "so what"?
GoBenn 14.08.2012
Zitat von iffel1Das ist doch auch kein Einzelfall, selbst Obamas Leibwächter machen solche Veranstaltungen und es würde diesen Berufsstand bei den Damen auch nicht geben, wenn es nicht hunderte von Millionen Kunden gäbe - also wer regt sich da auf ?
Nur weil es in den 70ern noch "normal" war, den Ölwechsel im Wald vorzunehmen, heißt das ja nicht, daß man Dinge nicht verbessern und ändern kann. Und warum es diesen Berufsstand gerade in Osteuropa so häufig und so schön günstig gibt und welche Alternativen nicht - darüber dürfen Sie gerne einmal nachdenken. Ergo: das geht gar nicht.
3. Ergasmus
Oachkatzlschwoaf 14.08.2012
Zitat von sysopDer Stehgeiger ein Schwager des Polizeichefs, die Hostessen barbusig, die Rechnungen ein einziger Scherz: Das "Handelsblatt" hat den Revisionbericht der Ergo-Versicherung zum Sexskandal in Budapest veröffentlicht. Dessen Ergebnis: "Das Engagement von Prostituierten überschritt moralische Grenzen". Ergo: Interner Bericht schildert Details der Sexparty - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,850037,00.html)
Jetzt ist aber mal genug! Die vielen Leute die dort arbeiten (ich meine jetzt nicht jene im Außendienst, oder gar die ganz wenigen in Budapest), wollen ganz gerne ihre Ruhe haben - im Sinne von ewig blöd angequatscht zu werden. Was ist denn diese Sause im Vergleich was die Herrschaften von Olympia oder Fußball "genießen", lächerlich!
4.
wolfi55 14.08.2012
Zitat von iffel1Jeder, der einen Vertreter aus einem Strukturvertrieb zu sich einlädt, um über ein Finanzprodukt zu verhandeln, sollte eigentlich wissen, mit wem er es zu tun hat. Das ist doch im Gebrauchtwagenvertrieb nicht anders. Und was ich als Firma besonders "verdienten" Verkäufern als Leckerli gebe, sollte den Kunden egal sein,, eben wenn sie vorher wußten, bei wem sie etwas abschließen wollen. Das ist doch auch kein Einzelfall, selbst Obamas Leibwächter machen solche Veranstaltungen und es würde diesen Berufsstand bei den Damen auch nicht geben, wenn es nicht hunderte von Millionen Kunden gäbe - also wer regt sich da auf ?
Naja gegen einen Strukki ist ein Gebrauchtwagenverkäufer schon mal als seriös zu bezeichnen. Der muss nämlich weitaus eher haften wie der Strukki.
5. Das älteste Gewerbe muss doch auch leben..
fxe1200 14.08.2012
...natürlich zahlen das letztendlich die Versicherungsnehmer. Aber Merkel und Co. werfen Milliarden den Banken in den Rachen um deren Zockereien auszubügeln, ergo sollte man den Damen auch etwas zukommen lassen. Ergo versichert man sich bei einer Versicherung, bei der das nicht vorkommt, oder zumindest nicht an die Öffentlichkeit gerät. Ergo werden wir alle beschissen.
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