Von Stefan Kaiser
Hamburg - Um 15.20 Uhr war die Welt am Donnerstag noch in Ordnung. Der Dax notierte den vierten Tag in Folge im Plus bei rund 5700 Punkten - und nach außen sah es aus, als würde so etwas wie Entspannung an der Börse einkehren.
45 Minuten später notierte der Dax fast vier Prozent tiefer bei 5480 Punkten. Ein Blitz-Absturz, der selbst erfahrene Börsianer verblüffte. Die Deutsche Börse setzte den Handel für zwei Drittel der Dax-Werte aus, um weitere schnelle Verluste zu verhindern.
Was war passiert?
Die Situation erinnerte an den "Flash-Crash" an der New Yorker Wall Street im Mai 2010. Damals hatte der Dow-Jones-Index innerhalb weniger Minuten rund tausend Punkte verloren. Die Ursachen blieben ungeklärt, viele Experten vermuteten aber automatische Computerverkaufsprogramme hinter dem Absturz.
Auch diesmal hatten einige Beobachter schnell wieder die Computer als Schuldige ausgemacht. Auch über den möglichen Tippfehler eines Händlers, den sogenannten Fat Finger, wurde spekuliert. Doch Experten glauben, dass es eher nervöse als dicke Finger waren, die den Dax dieses Mal nach unten geschickt haben.
Das kleinste Gerücht reicht aus
"Der Absturz zeigt, wie hoch die Nervosität im Markt noch immer ist", sagt Petra von Kerssenbrock, Analystin bei der Commerzbank. "Der Finger am Verkaufsknopf sitzt derzeit besonders locker."
Und auch Marktanalyst Tobias Reichert von IG Markets hat eine ähnliche Erklärung: "Die Kapitalmärkte sind nach wie vor von Nervosität geprägt." Alle Anleger schauten auf das Notenbank-Treffen am Freitag und Samstag im amerikanischen Jackson Hole - und keiner wolle von den dort verkündeten Entscheidungen auf dem falschen Fuß erwischt werden.
In solch einer Situation reicht mitunter das kleinste Gerücht, um die Kurse abstürzen zu lassen. So hatte etwa der US-Fernsehsender CNBC berichtet, die Stadt Harrisburg in Pennsylvania könnte zahlungsunfähig sein. Zudem kursierten Meldungen, Deutschland könne sein Verbot für Leerverkäufe weiter verschärfen. "Es gab mehrere Gerüchte", sagt Commerzbank-Expertin Kerssenbrock. "Aber im Grunde reicht keines davon aus, um einen solchen Absturz zu rechtfertigen."
Dass der Tippfehler eines einzelnen Händlers den Mini-Crash ausgelöst hat, hält sie für unwahrscheinlich. "Wenn es nur ein Versehen gewesen wäre, hätten sich die Kurse danach stärker erholen müssen."
Zum Handelsschluss am Donnerstag hatte der Dax zwar einen kleinen Teil seiner Verluste wieder wettgemacht. Am Freitag ging es aber erneut abwärts - zeitweise um mehr als zwei Prozent. "Der Markt folgt der Grundtendenz", sagt Kerssenbrock. Und die weist derzeit nach unten.
mit Material von dpa-AFX
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Weltfinanzkrise | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH