Erklärung für den Dax-Crash: "Der Finger am Verkaufsknopf sitzt locker"

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200 Punkte minus binnen weniger Minuten: War der Computerhandel schuld am plötzlichen Dax-Absturz vom Donnerstag? Experten glauben nicht an die Theorie des maschinengelenkten Crashs - sie vermuten hinter dem Einbruch eher menschliche Schwächen.

Dax-Verlauf am Donnerstag: Rätselhafter Einbruch am Nachmittag Zur Großansicht
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Dax-Verlauf am Donnerstag: Rätselhafter Einbruch am Nachmittag

Hamburg - Um 15.20 Uhr war die Welt am Donnerstag noch in Ordnung. Der Dax notierte den vierten Tag in Folge im Plus bei rund 5700 Punkten - und nach außen sah es aus, als würde so etwas wie Entspannung an der Börse einkehren.

45 Minuten später notierte der Dax fast vier Prozent tiefer bei 5480 Punkten. Ein Blitz-Absturz, der selbst erfahrene Börsianer verblüffte. Die Deutsche Börse setzte den Handel für zwei Drittel der Dax-Werte aus, um weitere schnelle Verluste zu verhindern.

Was war passiert?

Die Situation erinnerte an den "Flash-Crash" an der New Yorker Wall Street im Mai 2010. Damals hatte der Dow-Jones-Index innerhalb weniger Minuten rund tausend Punkte verloren. Die Ursachen blieben ungeklärt, viele Experten vermuteten aber automatische Computerverkaufsprogramme hinter dem Absturz.

Auch diesmal hatten einige Beobachter schnell wieder die Computer als Schuldige ausgemacht. Auch über den möglichen Tippfehler eines Händlers, den sogenannten Fat Finger, wurde spekuliert. Doch Experten glauben, dass es eher nervöse als dicke Finger waren, die den Dax dieses Mal nach unten geschickt haben.

Das kleinste Gerücht reicht aus

"Der Absturz zeigt, wie hoch die Nervosität im Markt noch immer ist", sagt Petra von Kerssenbrock, Analystin bei der Commerzbank. "Der Finger am Verkaufsknopf sitzt derzeit besonders locker."

Und auch Marktanalyst Tobias Reichert von IG Markets hat eine ähnliche Erklärung: "Die Kapitalmärkte sind nach wie vor von Nervosität geprägt." Alle Anleger schauten auf das Notenbank-Treffen am Freitag und Samstag im amerikanischen Jackson Hole - und keiner wolle von den dort verkündeten Entscheidungen auf dem falschen Fuß erwischt werden.

In solch einer Situation reicht mitunter das kleinste Gerücht, um die Kurse abstürzen zu lassen. So hatte etwa der US-Fernsehsender CNBC berichtet, die Stadt Harrisburg in Pennsylvania könnte zahlungsunfähig sein. Zudem kursierten Meldungen, Deutschland könne sein Verbot für Leerverkäufe weiter verschärfen. "Es gab mehrere Gerüchte", sagt Commerzbank-Expertin Kerssenbrock. "Aber im Grunde reicht keines davon aus, um einen solchen Absturz zu rechtfertigen."

Dass der Tippfehler eines einzelnen Händlers den Mini-Crash ausgelöst hat, hält sie für unwahrscheinlich. "Wenn es nur ein Versehen gewesen wäre, hätten sich die Kurse danach stärker erholen müssen."

Zum Handelsschluss am Donnerstag hatte der Dax zwar einen kleinen Teil seiner Verluste wieder wettgemacht. Am Freitag ging es aber erneut abwärts - zeitweise um mehr als zwei Prozent. "Der Markt folgt der Grundtendenz", sagt Kerssenbrock. Und die weist derzeit nach unten.

mit Material von dpa-AFX

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Das ist
systemmirror 26.08.2011
kein Finger am Verkaufsknopf, das ist die Software, die automatisch auf die Kurse reagiert. das wissen auch die Börsianer, die diesen Mist ja haben wollen und wenns mal abwärts geht am Jammern sind. Vielleicht müßten mal wieder einige mehr ihr Hirn einschalten und ganz einfach forern diese Dinger abzuschalten und wieder manuell zu arbeiten.
2. ...
Berliner-030 26.08.2011
Zitat von systemmirrorkein Finger am Verkaufsknopf, das ist die Software, die automatisch auf die Kurse reagiert. das wissen auch die Börsianer, die diesen Mist ja haben wollen und wenns mal abwärts geht am Jammern sind. Vielleicht müßten mal wieder einige mehr ihr Hirn einschalten und ganz einfach forern diese Dinger abzuschalten und wieder manuell zu arbeiten.
Ob Software oder nicht - das wurde ganz gezielt ausgelöst um die breite Masse (die long war) abzukassieren. Das waren die "Big Boys"! Und wenn man sich danach die lustigen Erklärungsversuche durchlesen muss, kann man wirklich nur noch lachen.
3. Dieser Meinung ...
zephyroz 26.08.2011
... kann ich nur zustimmen. Leider verkommt die Börse aktuell irgendwie zur Zockerbude. Die realen Daten der Unternehmen haben nur noch selten Bezug zum Kurs. Viele kerngesunde und prosperierende Unternehmen sind krass falsch bewertet. Ich habe kein Patentrezept: Aber wenn man die Börse zurückführen würde auf ihren eigentlichen Zweck und den Finanzern die Spielzeuge verbieten würde, dann wäre schon viel gewonnen. Man muß sich immer nur vor Augen halten, daß die Finanzer keinen volkswirtschaftlichen Nutzen haben und keinen Mehrwert erzeugen, wenn sie mit Geld Geld machen.
4. Dax-Crash?
sichreid 26.08.2011
Dabei wollte uns doch Spiegel gestern noch sagen, daß alles Supi ist und die Aktien wieder in die Höhe schießen und deshalb der lange vorhergesagte Goldpreissturz endlich eintritt. Endlich, weil die Vorhersage ja schon seit Jahren läuft und man sich bei Spiegel wohl selbst schon blöd vorkommt, wenn man es wiederkaut.
5. oder doch Libyen?
carlosowas 26.08.2011
Es wird nie soviel gelogen wie während eines Krieges. Es könnte doch sein, dass wir von den Politikern und vor allem den Medien über den Krieg in Lybien falsch informiert werden, dass also gar noch nichts ist mit dem Sieg der Rebellen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass so Leute, wie sie uns zur Zeit auf Fotos prräsentiert werden, ohne Stahlhelm, ohne Magazine, mit Turnschuhen und V-Zeichen sich da durchsetzen. Die Börse mit ihrem feinen Riecher und realeren Informationen hat das halt schon durchschaut und jetzt springen einige Übervorsichtige aus ihren Beständen raus.
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