Von Marc Winkelmann
Vor ein paar Jahren noch zögerten die Kunden. Sie probierten erst mal über ein Sparkonto aus, was die Banken zu bieten haben und lösten ihr Girokonto bei der Stammbank, wenn überhaupt, erst später auf. Das ändert sich gerade, sagt Sylke Schröder von der Ethikbank im ostthüringischen Eisenberg. "Immer mehr Kunden steigen mit einem Girokonto bei uns ein und brechen mit ihrer Hausbank. Das ist ein gutes Zeichen." Auf jedem Antragsformular haben ihre Kunden die Möglichkeit, handschriftlich darzulegen, warum sie zur Ethikbank wechseln. Die meisten nutzen die paar Zeilen, um ihren Frust über die Großbanken loszuwerden.
Schröder hat die Tochter der Volksbank Eisenberg zusammen mit ihrem Chef Klaus Euler vor acht Jahren gegründet. Ihre Politik: kein Geld in Waffenhersteller, Betreiber von Atomkraftwerken oder Unternehmen zu investieren, die Kinderarbeit zulassen. Selbst Staatsanleihen der USA kauft die Bank nicht, weil das Land als einer der größten Umweltverschmutzer der Welt gilt. Dafür bietet sie überschuldeten Menschen ein sogenanntes Mikrokonto an. Wer bei anderen Banken kein Konto mehr bekommt, soll so wieder am Wirtschaftsleben teilnehmen können.
Allerdings gelingt es nicht immer, die eigenen Kriterien zu erfüllen. Bis vor drei Jahren legte die Bank Geld in der Allianz
an. Dann kam heraus, dass die Versicherung über eine Minderheitsbeteiligung, die nicht öffentlich gemacht werden musste, an dem Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungskonzern EADS
beteiligt ist. Ein Insider hatte den Tipp gegeben. Sylke Schröder schickte eine Rundmail an alle Kunden und wartete deren Meinung ab. Dann verkaufte sie alle Wertpapiere der Allianz. "Das Unternehmen hat uns eiskalt belogen", sagt sie.
Grüne Produkte der Großbanken nur "Greenwashing"?
Um 28 Prozent wuchs das Geschäft im vergangenen Jahr, für 2010 erwartet Schröder ein ähnliches Plus. Trotzdem bleibt das Niveau bescheiden. Bei gerade einmal 91 Millionen Euro stand die Bilanzsumme Ende 2009.
"Die ethischen Banken sind eine Antwort auf die Fehler der Großbanken, aber die selbstauferlegten Kriterien beschränken das Geschäft stark", sagt Robert Haßler, Vorstandschef der Ratingagentur Oekom Research. "Das Gros der Kunden ändert sich auch durch die Finanzkrise nicht so schnell und will nach wie vor attraktive Zinsen - und die bekommen sie bei den ethischen Banken nicht immer." Ihr Einfluss sei zwar größer geworden, das System verändern könnten sie aber nicht. Auch Jörg Weber von Ecoreporter.de ist skeptisch. "Banken wie die Deutsche Bank wollen ihre Kunden gar nicht zu sehr auf nachhaltige Finanzprodukte aufmerksam machen. Damit würden sie ihr bisheriges Geschäft nur unnötig infrage stellen." Thomas Jorberg hält die wenigen grünen Produkte der Großbanken für "Greenwashing".
Die jüngste der alternativen Banken, die Noa Bank, versucht einen Spagat. Gründer François Jozic will die Lücke zwischen den Großbanken und den nach strengen Auflagen handelnden Häusern schließen. Eine basisdemokratische Bank schwebt ihm vor, in der die Kunden bestimmen, in welche Firmen ihr Geld fließt. "Region", "Planet", "Leben" und "Kultur" heißen die Sparten, zwischen denen Anleger wählen können, je nach Vorliebe finanziert man Unternehmen aus der eigenen Region, dem ökologischen Sektor, der Gesundheitsbranche oder Kultureinrichtungen.
Kunden sollen über Kreditvergabe abstimmen
Zur Eröffnung Anfang November startete der Belgier Jozic eine PR-Offensive. Die ersten 3000 Kunden hatte er nach eigenen Angaben bereits nach wenigen Wochen gewonnen, innerhalb von drei Jahren sollen es 200.000 werden. Ein ehrgeiziges Ziel. Die GLS Bank zählt, nach 36 Jahren, rund 73.000 Kunden. "Die anderen Banken machen ihr Geschäft sehr gut", sagt Jozic. "Allerdings bewegen sie sich in einer ideologischen Nische, die ich für zu klein halte. Wir stellen uns breiter auf und wollen mehr Kunden ansprechen."
Ob seine Kreditnehmer tatsächlich besonders nachhaltig handeln oder deren Produkte helfen, soziale Missstände zu beheben, ist zweitrangig. "Wir wollen Vermittler sein zwischen unseren Kunden und den Firmen, die finanzielle Mittel brauchen, um wirtschaften zu können", so Jozic.
Per Webseite, Handy und sozialen Netzwerke wie Facebook soll es Kunden später möglich sein, über die Kreditvergabe abzustimmen. "Anfangs werden die Kunden eher passiv sein und sich nicht beteiligen, aber in fünf Jahren gehört das zu unserem Lifestyle." Die für sein Vorhaben nötige Transparenz will er vor allem auf der Webseite der Bank schaffen, auf der er auch bloggt und Fragen beantwortet.
Ethische Banken sind kaum bekannt
Die etablierten Banken haben sich bereits eine hohe Glaubwürdigkeit erarbeitet. Vorurteile gibt es trotzdem. Das Geld sei nicht sicher, zum Beispiel. Davon kann allerdings keine Rede sein, sagt Antje Schneeweiß vom Südwind Institut in Siegburg. "In den letzten zehn Jahren gab es zwei einschneidende Wirtschaftskrisen - und die ethischen Banken haben sie schadlos überstanden."
Wie das geht, muss GLS-Chef Thomas Jorberg in letzter Zeit immer häufiger auch anderen Banken erklären. "Früher dachte man, dass unser Geschäft nur in kleinem Rahmen möglich sei. Heute werden wir anders wahrgenommen." Auch von vermögenden Kunden, die der Bank vor der Krise nicht zutrauten, seriös mit Geld umzugehen. Einige kommen jetzt, um testweise drei Millionen Euro anzulegen. Klappt alles nach ihren Wünschen, überweisen sie etwas später Summen von bis zu 50 Millionen Euro.
Um deutlicher auf sich aufmerksam zu machen, hat die Ethikbank eine Werbekampagne gestartet. "Wann, wenn nicht jetzt, wechseln die Kunden?", sagt Sylke Schröder. Das Problem: Die ethischen Banken sind kaum bekannt in der Bevölkerung. Selbst Georg Schürmann, immerhin seit 20 Jahren Bankmanager, kannte dieses Modell lange nicht.
Jetzt ist der Geschäftsführer von Triodos umso überzeugter von seinem neuen Arbeitgeber. "Aus der momentanen Nische wird ein Segment, ethische Banken werden so bekannt wie Biolebensmittel heute", sagt er. Eine Prognose, wie lange das dauert, will er nicht abgeben. Aber: "Ethische Banken sind absolut krisenfest. Wenn wir eins gelernt haben in der letzten Zeit, dann, dass dieses Modell den anderen überlegen ist."
Der vorliegende Beitrag stammt aus dem Magazin "enorm" (siehe linke Spalte)
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