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Rechtliche Bedenken: EU-Juristen stellen Finanzsteuer in Frage

Bankenhochhäuser in Frankfurt am Main: Steuer nicht mit EU-Vertrag vereinbar? Zur Großansicht
dpa

Bankenhochhäuser in Frankfurt am Main: Steuer nicht mit EU-Vertrag vereinbar?

Die Finanztransaktionsteuer verstößt möglicherweise gegen EU-Recht. Diese Bedenken hat nun der juristische Dienst der EU geäußert. Bei der Bankenlobby sorgt das Gutachten für gute Laune.

London - Die Finanztransaktionsteuer scheitert möglicherweise an rechtlichen Hürden. Der juristische Dienst der Europäischen Union meldete Zweifel an der Rechtmäßigkeit an, wie aus einem Gutachten hervorgeht, über das die "Financial Times" und Reuters berichten. Die Steuer sei nicht mit dem EU-Vertrag vereinbar und würde wohl den Wettbewerb in der EU verzerren. Politisch wurde die Steuer bereits deutlich abgespeckt, mit der die Banken an den Kosten der Finanzkrise beteiligt werden sollen.

Die Verhandlungen über die Ausgestaltung der maßgeblich von Deutschland und Frankreich vorangetriebenen Steuer sollen im Herbst beginnen. In der EU hatte sich erst nach langem Tauziehen eine Gruppe von elf Ländern zusammengefunden, die auf dem Wege der verstärkten Zusammenarbeit die Abgabe einführen wollen. Großbritannien mit dem wichtigsten EU-Finanzplatz London ist nicht dabei.

Geklärt werden muss unter anderem, ob neben Aktien und Derivaten auch Devisentransaktionen belastet werden sollen. Das Rechtsgutachten nährt allerdings Zweifel, ob die Steuer überhaupt kommen wird. In dem 14-seitigen Papier heißt es, die Steuer könnte gegen internationales Recht verstoßen. So wird erwogen, sie auf jedes Papier zu erheben, das in einem der elf EU-Länder begeben wurde. Das würde im Ergebnis bedeuten, dass die Steuer auch anfallen würde, wenn die Papiere an anderen Börsen, etwa in den USA, den Besitzer wechseln. In dem Fall müssten die USA die Steuer einziehen und weiterreichen.

Dem Gutachten zufolge würde die Steuer außerdem den Wettbewerb in der EU behindern, da sie nur in einigen EU-Ländern gelten würde. Wegen der vielen Probleme hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in seinem Entwurf für den Bundeshaushalt 2014 keine Einnahmen aus ihr veranschlagt. Dem bisherigen Plan zufolge sollen Aktiengeschäfte mit einem Satz von 0,1 Prozent besteuert werden, Derivate mit 0,01 Prozent. Im Raum stehen Einnahmen von bis zu 35 Milliarden Euro im Jahr für die elf Länder.

Bundesregierung will an Steuer festhalten

In der Finanzbranche, deren Lobbyisten seit Monaten gegen die Steuer kämpfen, sorgte das Gutachten für gute Laune. "Wir sind von Anfang an gegen diese unsinnige Steuer eingetreten und begrüßen es insofern, wenn wir für unsere rechtlichen Argumente jetzt offenbar Rückendeckung erhalten", sagte ein Sprecher des Bundesverbands Öffentlicher Banken (VÖB), der unter anderem die Landesbanken vertritt. Sie hatten befürchtet, dass durch die Steuer die Wertpapierleihegeschäfte getroffen würden, mit denen die Institute Geld innerhalb der öffentlich-rechtlichen Bankengruppe hin- und herschieben.

Die Bundesregierung hält trotz der Bedenken an der Finanztransaktionsteuer fest. "Die Bundesregierung setzt sich aus gutem Grund für eine baldige Einführung der FTT ein", sagte eine Sprecherin des Finanzministeriums am Dienstag in Berlin. "Daran hat sich nichts geändert", ergänzte sie. "Die juristischen Bedenken müssen jetzt so schnell wie möglich geklärt und ausgeräumt werden", forderte sie.

cte/Reuters

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1. Gesetze ändern
doppelpost123 10.09.2013
Zitat von sysopdpaDie Finanztransaktionssteuer verstößt möglicherweise gegen EU-Recht. Diese Bedenken hat nun der juristische Dienst der EU geäußert. Bei der Bankenlobby sorgt das Gutachten für gute Laune. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/eu-juristen-stellen-boersensteuer-in-frage-a-921446.html
Dann sollen die Politiker eben mit einer Mehrheit das Gesetz ändern. Dazu sind sie doch da, oder sind wir schon wieder in einer Zeit angekommen, in der Gesetze zur Knechtung der Gesellschaft und dem Profit Einzelner geschrieben werden...
2. Selbstbedienung geht weiter
Yogial 10.09.2013
Da haben die Lobbyisten ja ganze Arbeit geleistet und genügend Bakschisch über den Tresen gereicht. Sicher ist sicher. Also werden weiterhin die Steuerzahler für die Casinobesucher der Zocker in Geiselhaft genommen. Langsam kommen sogar mir Zweifel an dem "Projekt Europa".
3.
Berliner42 10.09.2013
Aktien mit 0,1% aber Derivate nr mit 0,01%. Alleine daran merkt man, daß die Begründung von wegen Finanzkrise nur vorgeschoben ist. Die wurde schließlich durch Derivate ausgelöst, nicht durch Aktien. Supertoll auch, daß Staatsanleihen ganz davon ausgenommen sein sollen. Dabei haben Staatsanleihen die Finanzkrise der Staaten ausgelöst. Also, alles nur Lügen und Schwindel. Aber der Durchschnittsdeutsche kapiert die Thematik sowieso nicht. Der hört nur "Banken" und findet dann jede Steuer super. Auch, wenn er sie am Ende selber zahlt.
4. Nun gut
mystyhax 10.09.2013
Sehr wahrscheinlich wurde das Gutachten von externen Beratungsgesellschaften (=Bank) geschrieben. Sind halt Profis. Von denen kommen dann auch zur nächsten Abstimmung die passende Gesetzesvorlage. Einfach praktisch! Die Welt ist schön. Herrlich.
5. dann nennen wirs
ambulans 10.09.2013
eben einfach "marktzugangsgebühr" für jeden teilnehmer hier in europa und für jeden anderen, der mit einem in europa ansässigen geschäftlich tätig werden will - am besten auch noch nach größenordnung (wert/umsatz), art der transaktion, etc. gestaffelt. wer in einem derart hochgradig integrierten wirtschaftsraum wie europa geschäftlich agieren möchte, muss sich an die regeln hier auch halten - ansonsten: die welt ist groß!
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Vor- und Nachteile der Finanzsteuer
Transaktionsteuer? Aktivitätsteuer? Zwei Konzepte werden diskutiert - ihre Vor- und Nachteile.
Transaktionsteuer: Vorteile
Der Staat könnte an den Finanzmärkten Geld abschöpfen. Wird die Steuer auf die gesamte Risikosumme erhoben, macht sie Spekulationen, die auf kurzfristige Kapitalumschichtungen ausgelegt sind, unattraktiver. Wird ein Wertpapier zum Beispiel einmal pro Jahr verkauft, beträgt die Steuer 0,2 Prozent. Wechselt das Papier einmal im Monat den Besitzer, würde für den Kapitalbetrag eine Steuer von 2,4 Prozent fällig. Wird der Betrag einmal wöchentlich transferiert, beträgt die Belastung schon 10,4 Prozent.
Transaktionsteuer: Nachteile
Firmen, die sich durch schnelles Umschichten von Anlagen gegen Währungsrisiken absichern, würden für umsichtiges Risikomanagement plötzlich bestraft.

Banken und andere Institute könnten die Kosten für die Finanztransaktionsteuer auf ihre Kunden abwälzen. Höhere Zinsen für Kreditnehmer sowie niedrigere Renditen für Sparer und Anleger wären die Folge. Das aber würde Investitionen, den privaten Konsum - und damit das Wirtschaftswachstum dämpfen.

Die Intransparenz an den Märkten wird tendenziell erhöht. Werden Geschäfte auf den regulären Finanzmärkten besteuert, könnten Händler vermehrt auf alternative Handelsplattformen wie Turquoise oder Chi-X ausweichen. Hier hat der Staat jedoch keinen Zugriff.
Aktivitätsteuer: Vorteile
Die Finanzaktivitätssteuer wäre wesentlich punktgenauer, da sie nur Gewinne und Gehaltszahlungen von Bankern besteuert.
Aktivitätsteuer: Nachteile
Die Einnahmen stünden vermutlich in keinem Verhältnis zum Kontrollaufwand, der nötig wäre, um die Abgabe einzutreiben. In den Finanzhäusern würden vermutlich Mittel und Wege gesucht, wie Gewinne aus Spekulationen in der Bilanz an anderer Stelle ausgewiesen werden könnten.
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