EU-Strafe Stahl-Kartell muss halbe Milliarde Euro zahlen

18 Jahre lang haben sie Preise abgesprochen und Märkte aufgeteilt - nun müssen mehrere Stahlkonzerne Strafe zahlen: Die EU-Kommission hat sie zu einem Bußgeld von insgesamt 518 Millionen Euro verdonnert. Die Hälfte der Summe entfällt auf Branchenführer ArcelorMittal.

Stahlwerk von ArcelorMittal (in Eisenhüttenstadt): Der Konzern will das Bußgeld prüfen
DPA

Stahlwerk von ArcelorMittal (in Eisenhüttenstadt): Der Konzern will das Bußgeld prüfen


Brüssel - Die Sache, um die es geht, klingt so gar nicht aufregend: Die Rede ist von Spannstahl, der beim Bau verwendet wird, um Beton für Bodenplatten, Balkone oder Brücken vorzuspannen. Umso dramatischer ist eine Mitteilung der EU-Kommission von diesem Mittwoch: Die oberste europäische Behörde verdonnert mehrere große Stahlkonzerne wegen verbotener Preisabsprachen zu einem Bußgeld von 518 Millionen Euro. Allein auf ArcelorMittal Chart zeigen, den weltgrößten Stahlhersteller, entfallen 276 Millionen Euro.

Insgesamt haben 17 Hersteller von Spannstahl mindestens 18 Jahre lang Preise abgesprochen und Märkte aufgeteilt. Die illegalen Absprachen beträfen die Märkte in fast allen EU-Ländern, erklärte die Kommission. Aus Deutschland machten DWK/Saarstahl und WDI/Pampus bei dem Kartell mit, das sich "Club Europa" nannte.

EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia zeigte sich erstaunt darüber, wie so viele Firmen so lange der gesamten europäischen Bauindustrie schaden konnten. "Diese Unternehmen sind fast so aufgetreten wie in einer Planwirtschaft", sagte der spanische Kommissar.

550 Treffen in Hotels

Obwohl Saarstahl bei dem Kartell mitmachte, ging der Konzern straffrei aus, weil er die Wettbewerbshüter 2002 über die Preisabsprachen informiert hatte. Ein Saarstahl-Sprecher sagte, betroffen sei die Tochter DWK Drahtwerk Köln. Die Geschäftsführung von DWK habe von der Kronzeugenregelung Gebrauch gemacht und vollständig mit der Kommission zusammengearbeitet.

Die Westfälische Drahtindustrie (WDI) wurde mit einer Geldbuße von 56 Millionen Euro bestraft. Von dem Unternehmen war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Der österreichische Konzern Voestalpine muss 22 Millionen Euro Bußgeld zahlen. Auch Unternehmen aus Italien, Spanien, Portugal und den Niederlanden hätten sich an den rechtswidrigen Geschäftspraktiken beteiligt. Die deutschen Branchenführer ThyssenKrupp Chart zeigen und Salzgitter Chart zeigen waren nicht beteiligt. Sie stellen auch keinen Spannstahl her.

Die Kommission ermittelt seit 2002 gegen die Stahlhersteller. Den Untersuchungen zufolge trafen sich die Manager der Firmen mehr als 550-mal am Rande offizieller Branchenveranstaltungen in Hotels überall in Europa. Sie sprachen Lieferquoten und Preise ab, teilten Abnehmer untereinander auf und tauschten sensible Geschäftsinformationen aus.

Wiederholungstäter werden besonders hart bestraft

Die Kommission kann Geldbußen in Höhe von bis zu zehn Prozent des Umsatzes verhängen. ArcelorMittal und einige andere Hersteller erhielten einen Strafnachlass, weil sie kooperierten oder wie Saarstahl die Kronzeugenregelung in Anspruch nahmen. ArcelorMittal kündigte an, die Entscheidung zu prüfen.

Die Geldbußen gegen ArcelorMittal Fontaine und ArcelorMittal Wire France setzte die Kommission dagegen um 60 Prozent herauf, weil die Unternehmen als Wiederholungstäter eingestuft wurden. Sie hatten bereits bei früheren Stahl-Kartellen mitgemacht.

13 Kartellsünder beantragten eine Ermäßigung der Geldbuße wegen drohender Zahlungsunfähigkeit. Doch die Kommission erkannte das nur in drei Fällen an.

Insgesamt haben die Wettbewerbshüter in diesem Jahr bereits Kartellstrafen über fast 1,5 Milliarden Euro verhängt. Der höchste Bußgeldbescheid ging vor zwei Jahren mit 1,38 Milliarden Euro an Hersteller von Autoglas.

Preisabsprachen zum Schaden von Konkurrenten oder Verbrauchern sind in der EU verboten. Erst in der vergangenen Woche hatte die EU-Kommission ein "Badezimmer-Kartell" aus 17 Firmen mit Geldbußen über insgesamt 622 Millionen Euro bestraft.

wal/Reuters/dpa

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
lowmanruchti 30.06.2010
1. 18 jahre lang
werden preise abgesprochen. kann sich ja jeder vorstellen, welchen mehrgewinn sich die vereine dadurch erschlichen haben! die "strafen" sind der reinste witz, da abschreckung so absolut nicht stattfindet. denn unter´m strich kommt man so mit absprechen immer besser weg, auch wenn man alle paar jahre mal erwischt wird. strafen erhöhen und dafür sorgen, dass verantwortliche manager in den knast wandern!
Baracke Osama, 30.06.2010
2. --
Zitat von lowmanruchtiwerden preise abgesprochen. kann sich ja jeder vorstellen, welchen mehrgewinn sich die vereine dadurch erschlichen haben! die "strafen" sind der reinste witz, da abschreckung so absolut nicht stattfindet. denn unter´m strich kommt man so mit absprechen immer besser weg, auch wenn man alle paar jahre mal erwischt wird. strafen erhöhen und dafür sorgen, dass verantwortliche manager in den knast wandern!
Strafen werden in Kauf genommen und in der strategischen Ausrichtung des Unternehmens eingeplant. Leider siehts es in anderen Branchen nicht anders aus. Das ist die freie Marktwirtschaft.
mimas1789 30.06.2010
3. Nur Geldstrafe?
Geht da keiner in den Knast bei dieser Schadenssumme? Ist das Recht käuflich?
Thomas Kossatz 30.06.2010
4. Käuflichkeit
Zitat von mimas1789Geht da keiner in den Knast bei dieser Schadenssumme? Ist das Recht käuflich?
Schreien Sie doch nicht so rum, wenn sie keine Ahnung haben: Seit wann ist eine Behörde (!) für Strafverfahren zuständig? Ihnen fehlen elementare Grundkenntnisse des Rechtstaates. Mögliche Straftaten nach dem Korruptionsbekämpfungsgesetz werden getrennt und ZUSÄTZLICH verfolgt. Nicht das Recht ist käuflich, aber Bücher über Recht - damit man nicht blind rumpolemisiert.
Thomas Kossatz 30.06.2010
5. Furor
Zitat von Baracke OsamaStrafen werden in Kauf genommen und in der strategischen Ausrichtung des Unternehmens eingeplant. Leider siehts es in anderen Branchen nicht anders aus. Das ist die freie Marktwirtschaft.
Nee, das ist Ihr Klein-Erna-Denken. Den Handelnden drohen nämlich Haftstrafen bis zu 5 Jahren. Und Kartelle sind nach der Definition genau das Gegenteil von Marktwirtschaft, die sich durch Wettbewerb auszeichnet - der hier ausgeschaltet wurde. Klingt eher nach antikapitalistischen Links-Furor als nach ernsthafter Auseinandersetzung.
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