EuGH-Urteil: Gerichtshof kippt Saatgut-Monopol der Konzerne

Bauern dürfen Saatgut künftig selbst verkaufen - auch wenn es amtlich nicht zugelassen ist. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden und damit die Macht der großen Agrarkonzerne gebrochen. Landwirte jubeln: "Ein unglaublicher Sieg für Bauern und Verbraucher."

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Rapsfeld: Bauern dürfen selbst Saatgut vermarkten

Luxemburg - Europas Bauern dürfen selbst Saatgut aus alten, amtlich nicht zugelassenen Pflanzensorten herstellen und vermarkten. Die umstrittene EU-Richtlinie verbiete dies nicht, entschied nun der Europäische Gerichtshof (EuGH). Das Urteil hat eine große Bedeutung für Verbraucher, Landwirte und Agrarindustrie.

Denn künftig dürfen Bauern ihre alten Gemüse- oder Getreidesorten auch dann anbauen, wenn industrielle Saatguthersteller sie nicht mehr anbieten. In Deutschland machte vor Jahren der Fall der Kartoffelsorte Linda Schlagzeilen. Diese wurde vom Hersteller aus dem Saatgutregister genommen, weil die Firma verhindern wollte, dass die Landwirte die Sorte lizenzfrei nutzen. Bauern und Verbraucher beschwerten sich über das Verschwinden der beliebten Sorte. Mit dem Urteil des EuGH wäre ein solcher Fall künftig nicht mehr möglich. Denn jeder Bauer kann nun die gewünschte Sorte anbauen und vertreiben.

"Das Urteil ist ein fast unglaublicher Sieg für Landwirte, die Artenvielfalt und den Verbraucher", sagte Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf SPIEGEL ONLINE. Er ist Chef der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und ehemaliger Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Vor Jahren habe er der Kommission eine Ausnahme abgerungen, wonach kleine Anbieter von Nutzsaatgut von der Anmeldepflicht befreit sind. Diese Ausnahme habe der EuGH nun zur Regel gemacht. "Das ist ein großer Erfolg im Kampf David gegen Goliath", so Graefe zu Baringdorf.

67 Prozent des weltweiten Saatguts werden von Konzernen wie Bayer, Monsanto und Syngenta kontrolliert. Da die Zulassung aufwendig und teuer ist, können sich dies meist nur große Unternehmen leisten. Kleine Firmen tun sich schwer. Im Ausgangsfall war ein bäuerliches Netzwerk, die Initiative Kokopelli, von einem industriellen Hersteller auf 50.000 Euro Schadensersatz verklagt worden, weil die Bauern mit amtlich nicht zugelassenem Saatgut handelten. Nach der Saatgutrichtlinie der Europäischen Union müssten im Normalfall alle Sorten, die in den Handel kommen, in einem teuren Verfahren zugelassen und in einem amtlichen Register eingetragen werden.

Bäuerliche Saatgut-Netzwerke wie die Initiative Kokopelli erfüllen diese Voraussetzungen für die Zulassung ihrer alten Sorten zwar nicht. Doch der Verkauf dieser Sorten werde von der umstrittenen Richtlinie nicht ausgeschlossen, heißt es im Urteil.

cte/AFP/dpa

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insgesamt 119 Beiträge
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1. Europa
nobby_l 12.07.2012
Zitat von sysopDPABauern dürfen Saatgut künftig selbst verkaufen - auch wenn es amtlich nicht zugelassen ist. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden und damit die Macht der großen Agrarkonzerne gebrochen. Landwirte jubeln: "Ein unglaublicher Sieg für Bauern und Verbraucher." http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,844019,00.html
Manchmal tut Europa auch gut. Das ist wirklich ein guter Tag gegen die ausufernde Macht der Konzerne.
2. Danke EuGH
SPONU 12.07.2012
Zweiflern empfehle ich mal den Dokumentarfilm "Food Inc." bezgl. der unverschämten Praktiken von Monsanto bei Saatgut.
3.
cemi 12.07.2012
Zitat von nobby_lManchmal tut Europa auch gut. Das ist wirklich ein guter Tag gegen die ausufernde Macht der Konzerne.
Hab ich auch gedacht. Man blickt zwar nicht wirklich hinter die Zusammenhänge, aber ich staune immer mal wieder über solche Entscheidungen aus dem stark Lobby-gesteuerten Brüssel. Es fällt auf, dass immer wieder auch gute Maßnahmen von dort kommen. Muss ja auch mal gesagt sein, in Zeiten der permanten Europa-Kritik.
4. Endlich mal ...
stefanaugsburg 12.07.2012
Super, genau so muss es sein, endlich mal was Positives von der EU, ich hab schon gar nicht mehr daran geglaubt ! Hallelujah .....
5.
karl puttnik 12.07.2012
Zitat von nobby_lManchmal tut Europa auch gut. Das ist wirklich ein guter Tag gegen die ausufernde Macht der Konzerne.
Schön wär's, wenn sich solche Tage in Zukunft häufen würden. Ich nähme dafür sogar den einen oder anderen zusätzlichen Aprilwetter-Hochsommertag inkauf ... ;-)
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