EuGH-Urteil zu Medikamentenpreisen Weg mit dem Apothekerprivileg!

Das Gesundheitssystem wird teurer, überall wird gespart - in Krankenhäusern, bei Ärzten und Behandlungen. Ein Ort blieb verschont, bis jetzt: die Apotheken. Dabei wären Einsparungen dort sinnvoller als irgendwo sonst.

Kunden in der Apotheke
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Kunden in der Apotheke

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Wie komplex ein Problem auch sein mag - der Volksmund packt es oft geschickt in ein einziges, treffendes Wort. Der Duden hat ein solches sogar übernommen: Apothekerpreis. Die Experten übersetzen es auf Englisch mit "extortionate price" - zu deutsch: "ungeheurer, halsabschneiderischer, erpresserischer Preis". Ja, die Apotheker haben sich mit ihren festgezurrten Medikamentenpreisen kein hohes Ansehen erworben.

Vor allem chronisch Kranke suchen händeringend nach günstigen Alternativen für ihre Medizin. Der Europäische Gerichtshof reißt ihnen nun eine Lücke ins starre deutsche Preissystem. Dies sollte der Anfang vom Ende des deutschen Apothekermonopols werden.

Die Richter haben die deutsche Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente als Verstoß gegen das Unionsrecht gebrandmarkt. Für ausländische Versandapotheken wird es demnach gekippt, sie können daher mit geringeren Preisen angreifen. Die Frage wird nun sein, ob angesichts der Konkurrenz das bisherige Preisregime für hiesige Anbieter erhalten bleiben kann. Deutschlands Apotheker reagieren entsetzt. Sie fordern, der deutsche Gesetzgeber möge den Versandhandel mit Medizin auf Rezept gleich ganz verbieten - und so die Apothekerpreise erhalten.

Von wegen! Genau das Gegenteil ist nötig. Jetzt wird es Zeit, dass die Apotheker in den Wettbewerb entlassen werden. Nur so lässt sich der Spardruck in unserem Gesundheitssystem gerecht auf alle Beteiligten verteilen.

Die Apotheker verweigern sich dem freien Kampf mit Rivalen

Um die steigenden Kosten der Gesundheitsversorgung abzufedern, werden selbst dort wettbewerbliche Strukturen eingezogen, wo sie sich nur schwer herstellen lassen: in Krankenhäusern, bei Ärzten und Krankenkassen. Wettbewerb verlangt vergleichbare Leistungen, die sich voneinander abheben lassen. Das ist gerade dort oft schwer erzielbar - im Gegensatz zum Apothekermarkt.

Das Geschäft mit Arzneimitteln lässt sich weit einfacher den Kräften des Wettbewerbs freigeben. Was die Apotheken und Versender betrifft, ist es ein ganz normaler Handelszweig. Die grundsätzlichen Kosten der Medikamente in Deutschland werden von Pharmafirmen und Gesetzgeber bestimmt, die Händler schlagen ihre gesetzlich festgelegten Preise als Dienstleister nur oben drauf.

Die Apotheker verweigern sich dem freien Kampf mit Rivalen mit dem Argument, sie böten wichtige Beratung. Dabei widerlegen dies viele Tests von Verbraucherschützern, in denen genau diese Leistung als eher schlecht eingeschätzt wird. Wirksamer wäre die Beratung beim Arzt aufgehoben, der besser als jeder andere weiß, welche Medikamente seine Patienten nehmen. Dadurch lassen sich auch hier mögliche negative Wechselwirkungen eher erkennen. Apotheken wären hier als Partner wichtig, doch Konkurrenz schließt dies nicht aus. Der Gesetzgeber kann zudem verlangen, dass sämtliche Anbieter rezeptpflichtiger Medikamente eine Beratung anbieten - auch Internetfirmen, etwa über Hotlines.

Der neue Wettbewerb dürfte die Apotheken sogar verbessern: Sie müssten bald mehr Leistungen anbieten, mit denen sie sich von den günstigen Rivalen absetzen können. Das würde dem Schutz der Gesundheit besser dienen als ein abgeriegelter Markt mit horrenden Preisen.



insgesamt 163 Beiträge
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Seite 1
frummler 19.10.2016
1. lange überfällig
ich habe nie verstanden wieso ich in der onlineapotheke das selbe produkt mehr als die hälfte billiger bekomme bei rabattaktionen bekommt mann stellenweisse sogar das 3 fache fürs selbe geld! das steht in keine verhältniss
stefan.martens.75 19.10.2016
2. Wir hätten es auch eigener Kraft niemals geschafft
Danke an den EuGH! Schornsteinfeger würden mir noch als nächstes einfallen. :-) Solange jeder um seinen Job und sein Einkommen unter globalen Bedingungen kämpfen muss, sind solche Lobbyenklaven nicht zu verstehen oder zu begründen.
poly.kerl 19.10.2016
3. Endlich
Wenn man im deutsch/niederländischen Grenzgebiet wohnt, versteht man sowieso nicht warum in den Niederlanden alle Medikamente billiger sind. Kampf einer Spielart des organisierten Verbrechens ; -)
kalu1512 19.10.2016
4. Parallelwelt
Apotheken leben wie in einer Parallelwelt. De facto handelt es sich ja nur um eine Medikamentenausgabestation. Aber wenn ich die Apothekendichte in meiner Heimatstadt sehe, dann weiß ich,d ass irgendwas grundsätzlich falsch läuft.
thorsten.knauer 19.10.2016
5. Unwissen oder Desinformation
Sehr geehrte Frau Gnirke, leider scheinen Ihnen die Hintergrundinformationen zur Preissetzung von Apotheken zu fehlen oder Sie lassen diese bewusst weg. Es ist jedoch zentral zu verstehen, dass die von Ihnen angeprangerten horrenden "Apothekerpreise" sich faktisch auf 3% vom Umsatz und einer Pauschale von ca. 8 Euro beruhen. Alle weiteren Preisbestandteile sind Steuern sowie Einkaufspreise. Damit scheint es ein lukratives Geschäftsmodell, sich auf hochpreisige (im Sinne des Einkaufspreises, der durch den Großhandel bestimmt wird!) Medikamente zu konzentrieren, die planbar eingenommen werden. Für plötzliche Erkrankungen fehlt Ihnen dann aber vor allem in ländlichen Regionen die Versorgung. Damit fehlen aber künftig nicht nun immer mehr Ärzte, sondern auch Apotheker vor allem in ländlichen Regionen. Natürlich können Sie den Bewohnern raten, in die Großstädte zu ziehen. Nur können sich diese das heute noch leisten?!?
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