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27. Oktober 2011, 13:50 Uhr

Euro-Gipfel

Jetzt müssen die Banken bluten

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Europas Geldkonzernen stehen harte Zeiten bevor: Beim Krisengipfel haben die Euro-Staaten den Banken einen Schuldenerlass für Griechenland und strengere Kapitalvorschriften verordnet. Für einige Institute könnte das richtig teuer werden, andere kommen glimpflich davon. Ein Überblick.

Hamburg - Das Statement des Internationalen Bankenverbandes IIF klang gefasst: "Wir begrüßen die Ankündigung der Euro-Gruppe, dass sie Europa stabilisieren, das europäische Bankensystem stärken und Griechenlands Reformanstrengungen unterstützen will", verkündete Geschäftsführer Charles Dallara am Donnerstagmorgen.

In den Stunden zuvor hatten sich Europas Staatenlenker auf ein neues Rettungspaket für Griechenland verständigt. Für die Bankenvertreter war die Nacht nicht gerade angenehm verlaufen. Dem Vernehmen nach sollen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy sie mehr oder weniger gezwungen haben, "freiwillig" auf 50 Prozent ihrer Forderungen an Griechenland zu verzichten. "Wir haben nur ein einziges Angebot gemacht und gesagt, dass es unser letztes Angebot ist", sagte die Kanzlerin.

Das, was dabei herauskam, ist für die Banken und Versicherungen deutlich härter als der zahme Beschluss des letzten Krisengipfels im Juli. Damals hatten die Euro-Staaten den Finanzkonzernen nur einen eher symbolischen Beitrag zur Lösung der Griechenland-Krise abgerungen.

Sie sollten auf 21 Prozent ihrer Forderungen an das Land verzichten - allerdings ging es damals nicht um den Nominalwert der Anleihen, sondern um den sogenannten Gegenwartswert. Die Finanzbranche musste also nicht 21 Prozent dessen abschreiben, was sie Griechenland geliehen hatte. Die Prozentzahl bezog sich vielmehr auf einen anderen Wert - nämlich das, was die Institute zum aktuellen Zeitpunkt an Rückzahlung plus Zinsen von den Anleihen erwarteten. Das Opfer wäre am Ende deutlich kleiner gewesen, als es die reine Zahl vermuten ließ.

Jetzt sollen die Banken wirklich auf 50 Prozent des verliehenen Geldes verzichten. Das entspricht in etwa dem Wert, zu dem die griechischen Anleihen derzeit auf dem Markt gehandelt werden - wenn sie überhaupt jemand kaufen will. Insgesamt sollen 100 Milliarden Euro zusammenkommen. Der griechische Gesamtschuldenstand soll so von derzeit 160 Prozent auf 120 Prozent im Jahr 2020 sinken. Griechenland wäre damit in etwa auf dem heutigen Niveau Italiens angekommen.

Experten sprechen von "vernünftigem Kompromiss"

Die Anleger an den Börsen hatten offenbar erwartet, dass es für die Banken sogar noch schlimmer ausgehen könnte. Die Kurse von Finanzaktien schossen am Donnerstag in ganz Europa nach oben. Papiere der Deutschen Bank gewannen zeitweise mehr als elf Prozent, Aktien der französischen BNP Paribas lagen sogar mit gut 14 Prozent im Plus. Und selbst die Aktionäre der National Bank of Greece konnten sich über einen Kurssprung von zehn Prozent freuen.

Das könnte damit zusammenhängen, dass sich die Banken ihren Verzicht durch frisches Staatsgeld versüßen lassen. Im Tausch gegen ihre alten, unsicheren Griechen-Anleihen sollen sie neue Papiere bekommen, die mit Mitteln des Euro-Rettungsfonds (EFSF) abgesichert werden. Dafür stehen insgesamt 30 Milliarden Euro bereit.

"Das ist ein vernünftiger Kompromiss", sagt Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanz-Zentrums. Andere Experten sind skeptischer. "Der Schuldenschnitt von 50 Prozent für Griechenland ist eher an der unteren Grenze", meint Janwillem Acket, Chefvolkswirt bei der Bank Julius Bär. "Wir haben eher für 70 Prozent plädiert."

Außer dem griechischen Schuldenschnitt droht Europas Banken noch weiteres Ungemach: Damit sie die europäische Staatsschuldenkrise besser überstehen, wollen die EU-Staaten ihnen deutlich härtere Kapitalregeln vorschreiben als bisher. Bis Mitte 2012 müssen sie ihre Kernkapitalquote auf mindestens neun Prozent erhöhen.

Das sogenannte harte Kernkapital umfasst eigene Aktien und einbehaltene Gewinne. Die Quote bezieht sich auf das Verhältnis dieses Eigenkapitals zu den risikogewichteten Aktiva, also Wertpapieranlagen und vergebene Kredite. Die Banken können die Quote erhöhen, indem sie sich entweder mehr Kapital beschaffen oder ihre Kredite und Anlagen zurückfahren.

Um die Quote zu erreichen, brauchen die Institute laut Berechnungen der europäischen Bankenaufsicht EBA insgesamt 106 Milliarden Euro. Um zu klären, wie viel eine einzelne Bank braucht, hat die Behörde auch die bisherigen Wertminderungen anderer europäischer Staatsanleihen von Ländern wie Portugal, Irland, Italien und Spanien berücksichtigt.

Die Doppelbelastung aus griechischem Schuldenschnitt und verschärften Kapitalvorschriften trifft die Finanzhäuser in den verschiedenen Ländern unterschiedlich hart. Ein Überblick.

Griechenlands Banken brauchen Europas Hilfe

Die griechischen Geldhäuser dürfte es am härtesten treffen. Sie halten laut Zahlen der griechischen Zentralbank Staatsanleihen ihres Heimatlandes im Volumen von mehr als 50 Milliarden Euro. Und anders als etwa die deutschen Institute haben sie nur einen sehr geringen Teil davon abgeschrieben. Die größte Bank des Landes, die National Bank of Greece, hat den Wert ihrer ursprünglich mehr als 13 Milliarden Euro umfassenden Griechenland-Anleihen gerade einmal um 1,7 Milliarden Euro nach unten korrigiert. Das wird nicht ausreichen.

Die großen griechischen Banken können den Schuldenschnitt nicht allein verkraften. Sie brauchen dringend Hilfe. Die europäische Bankenaufsicht EBA hat ausgerechnet, dass die Institute insgesamt 30 Milliarden Euro benötigen, wenn sie ihre Staatsanleihen auf deren Marktwert abschreiben und sich für die Schuldenkrise wappnen müssen.

Private Investoren werden sich dafür kaum finden lassen. Wer will schon frisches Geld in eine Bank stecken, die de facto pleite ist? Auch der griechische Staat wird für die Rekapitalisierung wohl nicht aufkommen können - schließlich ist er selbst auf fremde Hilfe angewiesen. Das Kapital wird wohl aus dem Rettungsfonds EFSF kommen müssen. Im Gegenzug könnte sich der Fonds dafür Aktien der Institute sichern.

Deutschland kommt glimpflich davon

Die Konsequenzen für die deutschen Institute fallen deutlich harmloser aus. Sie sollen ihr Kapital zwar bis Mitte 2012 um insgesamt 5,2 Milliarden Euro aufstocken. Mit Ausnahme der ohnehin verstaatlichten Hypo Real Estate brauchen sie dafür aber wohl kein neues Geld vom Staat.

Das größte Geldhaus des Landes, die Deutsche Bank, hat den Wert seiner Griechenland-Anleihen bereits um mehr als 50 Prozent abgeschrieben und setzt ihn nun mit insgesamt 900 Millionen Euro an. Durch den Schuldenschnitt drohen der Bank also keine weiteren Verluste. Frisches Kapital wird sie dennoch benötigen, um auch mögliche Verluste bei irischen, portugiesischen, italienischen und spanischen Anleihen abzufedern und bis Mitte 2012 auf die neu vorgeschriebene Kernkapitalquote von neun Prozent zu kommen.

Konzernchef Josef Ackermann hat bereits angekündigt, dass die Bank dies aus eigener Kraft erreichen will. Dazu könnte sie zum Beispiel neue Aktien ausgeben oder einen Teil ihrer Gewinne einbehalten.

Etwas härter dürfte es die Commerzbank treffen. Sie hat ihre Griechenland-Anleihen bisher nur etwa so weit abgeschrieben, wie es beim letzten Gipfel im Juli vereinbart worden war, also um gut 21 Prozent. Damit stehen die Papiere, die überwiegend bei der kriselnden Immobilien- und Staatsfinanzierungstochter Eurohypo liegen, noch mit 2,2 Milliarden Euro in der Bilanz. Im zu Ende gehenden dritten Quartal wird die Bank deshalb noch mehr Geld abschreiben müssen.

Unter dem Strich droht ihr deshalb zwar ein Quartalsverlust, neue staatliche Hilfe will sie trotzdem nicht in Anspruch nehmen. Er werde beim Rettungsfonds Soffin "nicht noch mal nachfragen", sagte Commerzbank-Chef Martin Blessing am Mittwochabend. Die nötigen knapp drei Milliarden Euro, die das Institut nach eigenen Angaben braucht, um die neuen Kapitalvorgaben der Bankenaufsicht zu erfüllen, will es sich zum Beispiel über den Verkauf von Unternehmensteilen oder einbehaltene Gewinne besorgen.

Weitere große Griechenland-Gläubiger sind die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die DZ Bank, das Dachinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken. Auch die NordLB könnte frisches Kapital brauchen. Alle Institute dürften den griechischen Schuldenschnitt und die neuen Kapitalvorschriften aber ohne Staatshilfe stemmen.

Schwierig wird es dagegen bei der Hypo Real Estate. Das ohnehin bereits verstaatlichte Institut hatte ursprünglich die meisten Griechenland-Anleihen aller deutschen Banken. Mittlerweile sind die Papiere in die staatliche Bad Bank mit dem Namen FMS Wertmanagement ausgelagert. 8,8 Milliarden Euro stehen immer noch in den Büchern der FMS. Sollte sie durch einen Schuldenschnitt Griechenlands Verluste einfahren, muss der staatliche Rettungsfonds Soffin diese Verluste ausgleichen. Das Geld käme also vom deutschen Steuerzahler.

Frankreich will ohne Staatshilfe auskommen

Die französischen Institute sind vergleichsweise stark vom geplanten griechischen Schuldenschnitt betroffen, weil sie erstens hohe Bestände griechischer Anleihen halten und diese zweitens noch nicht auf die jeweiligen Marktwerte abgeschrieben haben.

Laut der europäischen Bankenaufsicht brauchen die französischen Banken 8,8 Milliarden Euro frisches Kapital, das sie sich aber wohl nicht beim Staat besorgen wollen. Die Institute bräuchten wahrscheinlich kein Staatsgeld, sagte der französische Finanzminister François Baroin dem Radiosender RTL. Die Geldhäuser könnten die höheren Kapitalanforderungen wahrscheinlich durch einbehaltene Dividenden und Boni-Kürzungen erfüllen.

Im Fokus steht vor allem die Großbank BNP Paribas . Sie hat nicht nur das größte Paket an Griechenland-Anleihen in ihren Bilanzen, sondern auch die mit Abstand meisten italienischen Staatspapiere. Deshalb wird sie wohl besonders viel frisches Geld brauchen, um die neuen Kapitalanforderungen zu erfüllen. Weitere Kandidaten sind die Société Générale und Crédit Agricole, die beide griechische Tochtergesellschaften haben.

Hoher Bedarf in Spanien und Italien

Frisches Kapital brauchen nach Ansicht der EBA außer den griechischen Banken vor allem Institute aus Spanien und Italien. Das liegt weniger an den vergleichsweise niedrigen Beständen an Griechenland-Anleihen, sondern vielmehr an den vielen Staatspapieren ihrer Heimatländer, die im Zuge der Euro-Krise ebenfalls an Wert verloren haben.

Für Spanien hat die Aufsichtsbehörde eine Summe von 26 Milliarden Euro veranschlagt. Im Visier stehen unter anderem die beiden größten Banken des Landes, Banco Santander und BBVA , die wohl frisches Kapital benötigen. Die spanische Wirtschaftsministerin Elena Salgado betonte jedoch, alle Institute seien stark genug, die Rekapitalisierung allein meistern zu können. Staatliche Hilfen seien dazu nicht erforderlich.

Ob das auch für Italien gilt, ist noch offen. Laut EBA brauchen die italienischen Banken bis Mitte nächsten Jahres knapp 15 Milliarden Euro frisches Geld. Im Mittelpunkt dürfte die größte Bank des Landes, Unicredit stehen. Sie ist zwar nur gering in Griechenland investiert, hatte aber zuletzt italienische Staatspapiere im Volumen von 38 Milliarden Euro in ihren Büchern.

Mit Material von Reuters und dpad

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