Euro-Krise: Banken horten Rekordsumme in Angstkasse der EZB

Die Europäische Zentralbank flutet die Märkte mit Geld - doch das kommt postwendend zurück: Statt Firmen neuen Kredit zu geben, bunkern die Privatinstitute lieber hohe Summen bei der EZB. Die "Angstkasse" der Notenbank ist auf 777 Milliarden Euro angeschwollen.

EZB-Logo in Frankfurt: Angstkasse füllt sich Zur Großansicht
dapd

EZB-Logo in Frankfurt: Angstkasse füllt sich

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Geldschleusen zum zweiten Mal geöffnet - doch sie kann die Märkte womöglich nur bedingt beruhigen. Ein Großteil ihrer Finanzspritze scheint umgehend wieder an sie zurückzufließen.

Das zeigen die eintägigen Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB. Sie sind am Freitag drastisch gestiegen: um mehr als 300 Milliarden Euro. Das teilte die Notenbank in Frankfurt mit. Die Summe entspricht ungefähr der Geldmenge, die die Notenbank am Mittwoch in den Markt gepumpt hatte; netto flossen den Banken rund 314 Milliarden Euro zu, brutto sogar mehr als eine halbe Billion. Insgesamt stiegen die Einlagen bei der EZB auf den Rekordwert von 776,9 Milliarden Euro.

Das Ein-Tages-Konto der EZB galt lange als sogenannte Angstkasse, als Indikator für das Misstrauen der Banken. Wenn die Geldhäuser ihre Milliarden lieber sicher, aber zu niedrigen Zinsen bei der EZB bunkern, als sie in lukrativere Kredite an andere Banken oder Unternehmen zu stecken, dann gilt das als Signal dafür, dass sie der wirtschaftlichen Lage misstrauen.

Bankvolkswirte streiten jedoch darüber, wie aussagekräftig dieser Indikator wirklich ist. Es sei einfach zu viel Geld im Markt, als dass man die Stimmung allein daran festmachen könnte, sagen Experten. Seit dem Dezember haben sich Geschäftsbanken insgesamt mehr als eine Billion Euro bei der EZB geliehen.

Fest steht: Seit dem Ausbruch der Euro-Krise sind die Einlagen immer stärker gestiegen. 2007 galt schon ein einstelliger Milliardenbetrag als ungewöhnlich. Mit der Eskalation der Finanzkrise im Herbst 2008 und im Zuge der Euro-Schuldenkrise legten die Einlagen allmählich zu.

Händler bezeichneten den Anstieg als wenig überraschend. "Der reine Liquiditätsbedarf der Banken ist inzwischen übererfüllt", sagte ein Geldmarkthändler. "Das Problem ist, dass das Geld nicht von A nach B kommt. Es hakt an der Umverteilung."

Ziel der EZB-Geldspritze ist es, eine "Kreditklemme" in der Euro-Zone zu verhindern. Sie will Banken dazu anregen, Unternehmen und anderen Instituten wieder mehr Geld zu leihen - und so Investitionen zu ermöglichen, die wiederum die Wirtschaft ankurbeln.

ssu/dpa-AFX/Reuters

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Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise

Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.