S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Die Logik des Bank-Run

Ökonomen lieben das Gleichgewicht, auf das sich alles einpendelt. Deshalb verstehen sie die Euro-Krise nicht. Denn hier geht es um Chaostheorie. Um sich selbst verstärkende Prozesse, die sogar Deutschland erfassen könnten. Die Rating-Agentur Moody's hat recht mit ihrer Gelben Karte.

Eine Kolumne von


Ein zentraler Gedanke in der Ökonomie ist die Idee des einen Gleichgewichts. Auch wenn Angebot und Nachfrage nicht zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht stehen, dann pendeln sie sich zumindest darauf ein.

Ökonomen kennen zwar auch das theoretische Konzept vielfacher Gleichgewichte: Abhängig von den Rahmenbedingungen können Märkte an ganz unterschiedlichen Punkten ins Gleichgewicht kommen. Zum Beispiel bei stagnierender Wirtschaft und hoher Arbeitslosigkeit - oder bei Vollbeschäftigung und kräftigem Wachstum. Doch mit der Idee vielfacher Gleichgewichte können Ökonomen nicht gut arbeiten. Sie ist eher was für Physiker, Fußnoten und Exzentriker.

Um die Ereignisse zu verstehen, die in diesen Tagen in Spanien stattfinden, kommt man um das Konzept vielfacher Gleichgewichte allerdings ebenso wenig herum wie um einige Anleihen bei der physikalischen Chaostheorie. In Spanien sind die Marktzinsen von über 7,6 Prozent für Zehnjahres-Anleihen anders nicht zu erklären. Dieser Zinssatz könnte auch sechs Prozent betragen oder vier Prozent oder zehn Prozent. In Großbritannien liegt er bei unter zwei Prozent - obwohl das Land einen ähnlichen Schuldenstand aufweist wie Spanien und eine ähnliche Immobilienblase und einen ähnlich verkorksten Finanzsektor.

Natürlich hat Spanien als Mitgliedstaat einer Währungsunion weniger Freiheitsgrade als Großbritannien, wo die Bank of England im Zweifel immer genug Geld drucken kann, um dem Staat aus der Patsche zu helfen. Aber das allein kann einen derart gewaltigen Zinsunterschied nicht erklären. Denn auch das Euro-Land Belgien erfreut sich viel geringerer Zinsen als Spanien, obwohl der Schuldenstand in Belgien bei 100 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt liegt (in Spanien dürften es 2012 knapp 80 Prozent sein) und das belgische Finanzsystem ähnlich angeschlagen ist wie das spanische. Warum also Spanien - aber nicht Belgien?

Was wir in Spanien erleben, ist das Paradebeispiel eines sich selbst verstärkenden Prozesses, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Aufgrund schlechter Nachrichten steigen die Zinsen. Das beeinträchtigt Spaniens Solvenz - die Fähigkeit, Schulden zu bedienen. Die Marktteilnehmer sehen das ebenfalls so und verlangen noch höhere Zinsen, um sich gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls abzusichern. Die höheren Zinsen verstärken die Zweifel an Spaniens Solvenz weiter. Es kommt zu einem Teufelskreis.

Gäbe es nur einen einzigen Marktteilnehmer, würde das nicht passieren. Ein einzelner Investor würde den Teufelskreis erkennen und durchbrechen. Denn indem er höhere Zinsen von Spanien fordert, verschlimmert er die Situation, gegen die er sich eigentlich absichern will. Bei mehreren Investoren funktioniert das nicht mehr. Sie können nicht gemeinsam Zurückhaltung üben, da sie sich nicht koordinieren. Im Gegenteil: Viele dieser Investoren, etwa die Hedgefonds, stehen in direkter Konkurrenz zueinander.

Ist Deutschland eigentlich solvent?

Die Dynamik einer Schuldenkrise hat einige Parallelen mit einem Run auf eine Bank. Von außen betrachtet ist ein Bank-Run irrational. Es ist aber nicht irrational, an einem Bank-Run teilzunehmen, wenn er einmal begonnen hat. Wer dabei nicht mitmacht, riskiert, sein Erspartes zu verlieren. Der Unterschied zwischen Spanien und Belgien besteht allein darin, dass das Äquivalent eines spanischen Banken-Runs begonnen hat, eines belgischen jedoch (noch) nicht.

Nach diesem Muster ist auch die Griechenland-Krise eskaliert, die mit immer größerer Wahrscheinlichkeit in einem Austritt aus dem Euro enden wird. Je mehr man Athen zum Sparen zwang, desto höher wurden die griechischen Schulden, was zu noch brutaleren Sparrunden zwang. Wenn Länder erst in einem solchen Teufelskreis stecken, dann gibt es kein Entrinnen.

Und jetzt stellen Sie sich einmal die Frage, die sich in dieser Woche auch die Rating-Agentur Moody's gestellt hat: Ist Deutschland eigentlich solvent? Deutschland hat einen momentan noch höheren Schuldenstand als Spanien und einen ebenfalls stark unterkapitalisierten Bankensektor - ein unterschwelliges Problem, das durch die gute Konjunktur der vergangenen Jahre überdeckt wurde. Warum liegen dann in Deutschland die Zehnjahreszinsen bei nur etwas über einem Prozent?

Die Auslöser der Spanien-Krise war eine Immobilienblase

Bei einem Prozent Zinsen ist Deutschland natürlich solvent. Auch Spanien wäre es. Selbst Griechenland. Japan ist mit einem Schuldenstand von über 200 Prozent solvent, weil die Zinsen dort so niedrig sind. Hätte Deutschland spanische Zinsen, dann wäre auch Deutschlands Solvenz zweifelhaft.

Ein Physiker würde hier von einem dynamischen System sprechen, das zum Teil chaotische Züge aufweist. Prozesse, die durch irgendeinen Auslöser angestoßen wurden, schaukeln sich gegenseitig auf. Es gibt nicht mehr das bei Ökonomen so beliebte eine Gleichgewicht, an dem diese Prozesse automatisch zum Stillstand kommen.

Auslöser der Griechenland-Krise war ein zu hohes Defizit. In Spanien war es eine Immobilienblase, die das Bankensystem belastete. So schwerwiegend diese Schocks auch sein mögen: Es war überhaupt nicht zwingend, dass daraus eine für den gesamten Euro-Raum lebensbedrohlichen Krise werden musste. Dazu ist es erst durch die Politik gekommen. In Spanien war es die Unfähigkeit wechselnder Regierungen, die Banken zur Abschreibung ihrer faulen Kredite zu zwingen und die Banken rechtzeitig zu rekapitalisieren.

Chaos setzt in einem dynamischen System ein, wenn ein bestimmter Schwellenpunkt überschritten ist. Dieser Punkt ist nicht unbedingt vorher bekannt. Spanien hat ihn wohl überschritten. Ob Italien ihn ebenfalls überschritten hat, ist schwer zu sagen. In jedem Fall ist Italien nicht mehr weit von diesem Punkt entfernt. Wenn Italien erst einmal dort ist, dann wird man nach Frankreich schauen. Und nach Belgien. Und von dort aus Richtung Osten, nach Deutschland. Moody's hat diesen Blick bereits gewagt.

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insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
jberner 25.07.2012
1. Was lernt uns das?
Zitat von sysopÖkonomen lieben das Gleichgewicht, auf das sich alles einpendelt. Deshalb verstehen sie die Euro-Krise nicht. Denn hier geht es um Chaostheorie. Um sich selbst verstärkende Prozesse, die sogar Deutschland erfassen könnten. Die Rating-Agentur Moody's hat recht mit ihrer Gelben Karte. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,846290,00.html
Teilnehmen am Bank-Run, bevor es zu spät ist.
vollhans 25.07.2012
2. Klar
, denn das System beruht auf Einschaetzungen und nicht auf Tatsachen.
Why-not? 25.07.2012
3. Warum fallen dann die Aktien nicht?
Tja man fragt sich dann allerdings, wenn das alles so schwarz aussieht, warum fallen dann die deutschen Aktienmärkte nicht stärker? Die paar wenigen Prozente die die Märkte jetzt gefallen sind, lassen darauf schließen, dass die großen Marktteilnehmer (di die Kurse bewegen) Informationen haben, die ganz und gar nicht so schwarz sind, wie der der Autor es uns glauben machen will. Die Nacht ist am dunkelsten wenn die Morgendämmerung kurz bevorsteht. Also ich denke eher über kaufen als verkaufen nach.
ip- 25.07.2012
4. Und dann?
Zitat von jbernerTeilnehmen am Bank-Run, bevor es zu spät ist.
Und wohin dann mit dem Geld?
hefe21 25.07.2012
5. Rating mal, wer zum messen kommt
Die Ratingagenturen haben in Tatunion mit "Banken" wie Goldman Sachs mit fahrlässigen, ja kriminellen, Testaten zum Aufbau dieser Geldmengen-, also Schuldenblase, beigetragen. Um davon abzulenken, wird nun mit derselben Inferiorität das Spiel mit umgekehrten Vorzeichen gespielt. Schröder und Blair sind diesen "Aliens in Businesssuits" dummgrinsend nachgelaufen. Wer hat uns (Europa)verraten? Sozialdemokraten! Und niemand wird angeklagt. Aufsicht und Justiz wissen um ihre Mitschuld, sind aber wohl gerade deshalb handlungsunfähig. Und über die tumbe Jubelpersermentalität der Wirtschaftspresse in den teuer erkauften "Boomjahren" wird auch noch zu sprechen sein. Siehe z.B. die ewige Zitierung des US-Klamaukmagazins Forbes, in dem der Schlecker Toni noch vor kurzem ein ganz reicher Mann war.
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