EuropaBio Gentechnik-Verband blamiert sich mit Pannen-PR

Die meisten Deutschen lehnen Genfood ab, andere Länder Europas sind ebenfalls skeptisch. Der PR-Verband EuropaBio wollte das ändern -  und mit Stars wie dem Popsänger Bob Geldof für die eigene Sache trommeln. Peinlich ist nur: Die vermeintlichen Gen-Promis wissen gar nichts von ihrem Engagement.

Genmais: Die Befürworter stützen sich auf zweifelhafte Heilslehren
AP

Genmais: Die Befürworter stützen sich auf zweifelhafte Heilslehren


Hamburg - Um die Skepsis der Europäer gegenüber Genfood aufzuweichen, hat sich die Gentechikbranche etwas Neues ausgedacht: Honorige "Pro-Gentechnik-Botschafter", darunter der Musiker Bob Geldof und der französische Politiker Claude Allègre, sollten ab November in Werbekampagnen die Vorzüge der Gentechnik anpreisen. Es sollten Artikel in ihrem Namen und Interviews arrangiert werden - und kommenden Mai sollte das Ganze abgerundet werden mit einem Treffen und guten Essen mit hohen EU-Funktionären in Brüssel.

Dies jedenfalls sieht ein "streng vertrauliches" Papier von EuropaBio vor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Anders als der Name des Verbandes vermuten lässt, geht es dieser PR-Truppe jedoch nicht um biologische Produkte, sondern darum, der Gentechnologie in Europa zum Durchbruch zu verhelfen. Zu ihren Mitgliedern zählen Konzerne wie Monsanto und Bayer.

Das Problem für EuropaBio: Bekannte Personen, die in dem Papier als "interessiert" an dem Genfood-Botschafter-Job genannt werden, bestreiten den Kontakt mit der Organisation. Bob Geldof etwa sagte dem "Guardian", er kenne EuropaBio nicht und habe keine Erinnerung daran, je gefragt worden zu sein, ob er Gentechnikbotschafter werden wolle. Ein Sprecher von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan, den das Papier ebenfalls aufführt, meinte: "Herr Annan ist kein Botschafter für EuropaBio und hat keine Absicht, den Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen zu fördern."

Ein Sprecher von EuropaBio bestätigte nur, dass man mit solchen Prominenten "diskutiert" habe, die sich in der Vergangenheit positiv zu Gentechnik geäußert hätten. EuropaBio, die sich für diese Kampagne noch einer weiteren Agentur bediente, versucht seit Jahren, die Gentechnikskeptiker in Europa zu spalten.

Dafür werden fast immer dieselben Heilslehren ins Feld geführt: Mit Gentechnik könne Ernährungssicherheit erreicht und Hunger bekämpft werden. Europas Zurückhaltung, so das Papier, sei verantwortlich dafür, dass dieser technologischen Innovation in der Dritten Welt noch nicht der Durchbruch gelungen sei.

Unabhängige Studien, auch solche der Welternährungsorganisation FAO, sehen die vermeintlichen Erfolge von genetisch veränderten Pflanzen lange nicht so euphorisch: Der bisherige Beitrag zur Hungerlinderung gilt als äußerst bescheiden. Zudem, so die Wissenschaftler, seien im Prinzip genug Rohstoffe vorhanden, um neun Milliarden Menschen zu versorgen, es herrsche allerdings ein Verteilungsproblem.

In einem Video zur neuen Gentech-Kampagne zeigt EuropaBio die Welt im Jahr 2050. Zu sehen ist ein Gentechnikparadies. Hunger scheint ein Problem von gestern und die Gentechnikgegner von damals sind endlich bekehrt.



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insgesamt 71 Beiträge
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SteffoD 21.10.2011
1. Faktor 1000 daneben?
"Zudem, so die Wissenschaftler, seien im Prinzip genug Rohstoffe vorhanden, um neun Millionen Menschen zu versorgen." 9 Millionen wären ziemlich wenig...
_stordyr_ 21.10.2011
2. pff
dass die begriffe butterberg, milchsee usw. ein verteilungsproblem nahelegen, is wohl klar oder? Dieser lobbygruppe geht es natürlich um vorherrschaft für ihre "patentierten" organismen. Wie der afrikansiche Farmer von einem lizenzgeschützten Maiskolben profitieren soll bzw. wer diese Lizenzgebühr bezahlen soll, is den Leuten vermutlich auch egal, hauptsache, jemand zahlt die dividende ;) Das kann man sogar total losgelöst davon betrachten, ob man Genfood als verträglich oder nicht ansieht.
stefan1904 21.10.2011
3. Heuchlerisch
Das von multinationalen Konzernen vertriebene und patentierte gentechnisch veränderte Saatgut ist nur einmal keimfähig. Außerdem dürfen keine Vorräte davon beiseite gehalten werden dürfen für die Aussaat im nächsten Jahr. In manchen Ländern (Brasilien, Indien) wurde (mit Mitwirkung der jeweiligen Regierungen) genmanipuliertes Saatgut so massiv propagiert, dass arme Bauern sich mit dem obligatorischen Kauf von Saatgut zu Tausenden zugrunde gerichtet haben. Sieht so Hungerbekämpfung aus?
Bundeskanzler20XX 21.10.2011
4. Gentechnik, ja bitte.
Natürlich ist die Gentechnik gefährlich, vor allem wenn man keine Ahnung von dem Bereich hat und glaubt was man in Filmen sieht. Aber ohne die Gefahr von wild mitierenden Genpflanzen zu schüren, ohne die Gentechnik werden wir ein Problem weiterhin haben und ein viel größeres wird uns schon sehr bald überrollen. Der einsatz von Pestizieden könnte mit hilfe von Gentechnik abgeschafft werden. Das wäre sehr gut für die Umwelt und für uns. Und ohne Gentechnik und einer damit verbundenen Ertragssteigerung trotz Klimawandel werden wir in naher Zukunft ein Welternährungsproblem bekommen. Nachem nun auch anscheinend ein Impfstoff gegen Malaria gefunden wurde werden speziell in Afrika nach mehr menschen überleben um dann zu verhungern. Sollten wir dann noch den HI-Virus besiegen dann wird es besonders in Afrika ganz schnell eine große Katastrophe geben. Also selbst bei den größten bedenken sollte man der Gentechnik nach meiner Meinung offen gegenüberstehen und auch mal in die Zukunft schauen.
_stordyr_ 21.10.2011
5. bla
Zitat von stefan1904Das von multinationalen Konzernen vertriebene und patentierte gentechnisch veränderte Saatgut ist nur einmal keimfähig. Außerdem dürfen keine Vorräte davon beiseite gehalten werden dürfen für die Aussaat im nächsten Jahr. In manchen Ländern (Brasilien, Indien) wurde (mit Mitwirkung der jeweiligen Regierungen) genmanipuliertes Saatgut so massiv propagiert, dass arme Bauern sich mit dem obligatorischen Kauf von Saatgut zu Tausenden zugrunde gerichtet haben. Sieht so Hungerbekämpfung aus?
Das war ne rhetorische frage oder? :)
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