EuropaBio: Gentechnik-Verband blamiert sich mit Pannen-PR

Von Nils Klawitter

Die meisten Deutschen lehnen Genfood ab, andere Länder Europas sind ebenfalls skeptisch. Der PR-Verband EuropaBio wollte das ändern -  und mit Stars wie dem Popsänger Bob Geldof für die eigene Sache trommeln. Peinlich ist nur: Die vermeintlichen Gen-Promis wissen gar nichts von ihrem Engagement.

Genmais: Die Befürworter stützen sich auf zweifelhafte Heilslehren Zur Großansicht
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Genmais: Die Befürworter stützen sich auf zweifelhafte Heilslehren

Hamburg - Um die Skepsis der Europäer gegenüber Genfood aufzuweichen, hat sich die Gentechikbranche etwas Neues ausgedacht: Honorige "Pro-Gentechnik-Botschafter", darunter der Musiker Bob Geldof und der französische Politiker Claude Allègre, sollten ab November in Werbekampagnen die Vorzüge der Gentechnik anpreisen. Es sollten Artikel in ihrem Namen und Interviews arrangiert werden - und kommenden Mai sollte das Ganze abgerundet werden mit einem Treffen und guten Essen mit hohen EU-Funktionären in Brüssel.

Dies jedenfalls sieht ein "streng vertrauliches" Papier von EuropaBio vor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Anders als der Name des Verbandes vermuten lässt, geht es dieser PR-Truppe jedoch nicht um biologische Produkte, sondern darum, der Gentechnologie in Europa zum Durchbruch zu verhelfen. Zu ihren Mitgliedern zählen Konzerne wie Monsanto und Bayer.

Das Problem für EuropaBio: Bekannte Personen, die in dem Papier als "interessiert" an dem Genfood-Botschafter-Job genannt werden, bestreiten den Kontakt mit der Organisation. Bob Geldof etwa sagte dem "Guardian", er kenne EuropaBio nicht und habe keine Erinnerung daran, je gefragt worden zu sein, ob er Gentechnikbotschafter werden wolle. Ein Sprecher von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan, den das Papier ebenfalls aufführt, meinte: "Herr Annan ist kein Botschafter für EuropaBio und hat keine Absicht, den Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen zu fördern."

Ein Sprecher von EuropaBio bestätigte nur, dass man mit solchen Prominenten "diskutiert" habe, die sich in der Vergangenheit positiv zu Gentechnik geäußert hätten. EuropaBio, die sich für diese Kampagne noch einer weiteren Agentur bediente, versucht seit Jahren, die Gentechnikskeptiker in Europa zu spalten.

Dafür werden fast immer dieselben Heilslehren ins Feld geführt: Mit Gentechnik könne Ernährungssicherheit erreicht und Hunger bekämpft werden. Europas Zurückhaltung, so das Papier, sei verantwortlich dafür, dass dieser technologischen Innovation in der Dritten Welt noch nicht der Durchbruch gelungen sei.

Unabhängige Studien, auch solche der Welternährungsorganisation FAO, sehen die vermeintlichen Erfolge von genetisch veränderten Pflanzen lange nicht so euphorisch: Der bisherige Beitrag zur Hungerlinderung gilt als äußerst bescheiden. Zudem, so die Wissenschaftler, seien im Prinzip genug Rohstoffe vorhanden, um neun Milliarden Menschen zu versorgen, es herrsche allerdings ein Verteilungsproblem.

In einem Video zur neuen Gentech-Kampagne zeigt EuropaBio die Welt im Jahr 2050. Zu sehen ist ein Gentechnikparadies. Hunger scheint ein Problem von gestern und die Gentechnikgegner von damals sind endlich bekehrt.

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Faktor 1000 daneben?
SteffoD 21.10.2011
"Zudem, so die Wissenschaftler, seien im Prinzip genug Rohstoffe vorhanden, um neun Millionen Menschen zu versorgen." 9 Millionen wären ziemlich wenig...
2. pff
_stordyr_ 21.10.2011
dass die begriffe butterberg, milchsee usw. ein verteilungsproblem nahelegen, is wohl klar oder? Dieser lobbygruppe geht es natürlich um vorherrschaft für ihre "patentierten" organismen. Wie der afrikansiche Farmer von einem lizenzgeschützten Maiskolben profitieren soll bzw. wer diese Lizenzgebühr bezahlen soll, is den Leuten vermutlich auch egal, hauptsache, jemand zahlt die dividende ;) Das kann man sogar total losgelöst davon betrachten, ob man Genfood als verträglich oder nicht ansieht.
3. Heuchlerisch
stefan1904 21.10.2011
Das von multinationalen Konzernen vertriebene und patentierte gentechnisch veränderte Saatgut ist nur einmal keimfähig. Außerdem dürfen keine Vorräte davon beiseite gehalten werden dürfen für die Aussaat im nächsten Jahr. In manchen Ländern (Brasilien, Indien) wurde (mit Mitwirkung der jeweiligen Regierungen) genmanipuliertes Saatgut so massiv propagiert, dass arme Bauern sich mit dem obligatorischen Kauf von Saatgut zu Tausenden zugrunde gerichtet haben. Sieht so Hungerbekämpfung aus?
4. Gentechnik, ja bitte.
Bundeskanzler20XX 21.10.2011
Natürlich ist die Gentechnik gefährlich, vor allem wenn man keine Ahnung von dem Bereich hat und glaubt was man in Filmen sieht. Aber ohne die Gefahr von wild mitierenden Genpflanzen zu schüren, ohne die Gentechnik werden wir ein Problem weiterhin haben und ein viel größeres wird uns schon sehr bald überrollen. Der einsatz von Pestizieden könnte mit hilfe von Gentechnik abgeschafft werden. Das wäre sehr gut für die Umwelt und für uns. Und ohne Gentechnik und einer damit verbundenen Ertragssteigerung trotz Klimawandel werden wir in naher Zukunft ein Welternährungsproblem bekommen. Nachem nun auch anscheinend ein Impfstoff gegen Malaria gefunden wurde werden speziell in Afrika nach mehr menschen überleben um dann zu verhungern. Sollten wir dann noch den HI-Virus besiegen dann wird es besonders in Afrika ganz schnell eine große Katastrophe geben. Also selbst bei den größten bedenken sollte man der Gentechnik nach meiner Meinung offen gegenüberstehen und auch mal in die Zukunft schauen.
5. bla
_stordyr_ 21.10.2011
Zitat von stefan1904[..]Sieht so Hungerbekämpfung aus?
Das war ne rhetorische frage oder? :)
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Im Überblick: Die Bestimmungen des Gentechnik-Gesetzes
Anbau
DPA
Der Anbau von Gentech-Pflanzen beschränkt sich in Deutschland zur Zeit auf die Kartoffelsorte "Amflora" des Chemiekonzerns BASF. Das für die Produktion von industriell verwendeter Kartoffelstärke optimierte Nachtschattengewächs wächst in Mecklenburg-Vorpommern auf einem 15-Hektar-Feld. Daneben finden auch 2010 zahlreiche experimentelle Freisetzungen statt: Auf insgesamt 13 Hektar gedeihen gentechnisch veränderte Zuckerrüben, Mais- und Weizenpflanzen, die von Firmen und Universitäten im Freiland getestet werden, aber nicht kommerziell genutzt werden dürfen. Im Jahr 2008 wurde in Deutschland auf rund 3200 Hektar gentechnisch veränderter Mais des US-Saatgutkonzerns Monsanto angebaut (MON810) - 99 Prozent davon in Ostdeutschland. Der Gentech-Anteil an der gesamten Maisanbaufläche lag bei nur 0,15 Prozent. Seit April 2009 ist der MON810-Anbau in Deutschland verboten. Der umstrittene Gen-Mais soll besser vor dem Schädling Maiszünsler geschützt sein.
Gesetze
Über die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen entscheidet zunächst die EU-Kommission. Die endgültige Freigabe in Deutschland liegt beim Bundesministerium für Verbraucherschutz. Sind die Erbgutveränderungen in der neuen Pflanze genetisch stabil und besitzen Vorteile gegenüber bestehenden Sorten, kann das Saatgut zur kommerziellen Nutzung freigegeben werden. Obwohl kleinere Mengen genmanipulierter Pflanzen seit 1998 probeweise angebaut wurden, hat das Bundessortenamt erst 2005 mehrere Variationen der Maissorte MON 810 für den unbegrenzten Anbau zugelassen. Für die Gen-Kartoffel "Amflora" ist dagegen keine Zulassung der deutschen Behörden notwendig, weil sie nur von Vertragspartnern des Konzerns angebaut und nicht auf dem freien Markt gehandelt werden soll.
Reform
Nach monatelangem Streit hat sich die große Koalition im Juli auf neue Regeln zum Anbau von genetische veränderten Organismen (GVO) verständigt. Der Mindestabstand zwischen normalen Feldern und solchen mit genetisch verändertem Saatgut soll auf 150 Meter, beim Öko-Anbau auf 300 Meter festgelegt werden. Zudem sollen die Kriterien zur Kennzeichnung von Lebensmitteln ohne Gentechnik gelockert werden, der genaue Schwellenwert genetischer Verunreinigung ist aber noch strittig. Das Standortregister mit genauen Ortsinformationen über Anbauflächen von Genpflanzen soll entgegen früherer Planung nicht eingeschränkt werden. Auch die Haftung bei genetischer Verunreinigung benachbarter Anbauflächen soll unverändert bleiben: Wer Genpflanzen sät, muss im Schadensfall unabhängig vom Verschulden haften, wenn kein Verursacher gefunden wird. Die Haftung greift jedoch erst bei einem Anteil genveränderter Stoffe von mehr als 0,9 Prozent.
Kritik
Kritiker der Gesetzreform bemängeln, dass die Abstandsregelungen zwischen normalen und gentechnisch veränderten Anbauflächen im Einvernehmen zwischen Bauern außer Kraft gesetzt werden können. Selbst Erntemaschinen und Verarbeitungsanlagen könnten demnach gemeinsam benutzt werden, wenn beide Nachbarn einverstanden sind. Zudem halten Umweltverbände und Teile der Opposition die Abstände von 150 bzw. 300 Meter für zu gering, um eine Weiterverbreitung der Genpflanzen zu verhindern. Sollte der kontrollierte Anbau des manipulierten Saatguts scheitern, sah das bisherige Gesetz außerdem einen Stopp der kommerziellen Nutzung vor. Diese Regelung ist in dem neuen Gesetzentwurf nicht mehr enthalten.

Fotostrecke
Maßgeschneidertes Leben: Bakterium erschaffen
Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.

Hintergrund
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Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die f?r die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.
Hintergrund: Vom Gen zum Mem
Replikatoren
Unter einem Replikator versteht man eine sich selbst vervielfältigende Informationseinheit. Der Träger der Information kann ein Molekül sein. Evolutionsbiologen vermuten, dass RNA-Moleküle möglicherweise die ersten sich selbst kopierenden Moleküle waren. Durch zufällige Kopierfehler - Mutationen - entstanden verschiedene Varianten des ersten Replikators, die miteinander um Platz und Ressourcen konkurrierten. Damit begann die Evolution des irdischen Lebens. Vom Einzeller zu vielzelligen Organismen entstanden immer komplexere Überlebensmaschinerien der Replikatoren.
Gene
Als Gen bezeichnet man einen Abschnitt auf dem DNA-Strang, aus dem eine funktionsfähige RNA entstehen kann, die meist wiederum in ein Protein übersetzt wird. Nach der Theorie des egoistischen Gens, die der Evolutionsbiologe Richard Dawkins 1976 erstmals formulierte, sind sie die Abkömmlinge der ersten Replikatoren und die Einheiten der Evolution.
Meme
Sich selbst replizierende Information muss nicht an Moleküle gekoppelt sein. Nach Ansicht von Memetikern können sich genau wie Gene auch Wörter, Ideen, Lieder, Gedanken verbreiten - und zwar in menschlichen Gehirnen. Vervielfältigt werden sie durch Unterhaltungen, Bücher, Videos, Musik oder durch das Internet. Gerät ein Mem in Vergessenheit, ist es ausgestorben.