Hamburg - Sie soll ein Gegengewicht zu den drei marktbeherrschenden US-Agenturen werden: Die erste europäische Ratingagentur steht offenbar kurz vor dem Start. Die Unternehmensberatung Roland Berger teilte am Donnerstag mit, es seien jetzt genug Zusagen von europäischen Banken und Versicherungen für eine Beteiligung vorhanden: Die "global tätige Ratingagentur europäischen Ursprungs steht kurz vor der Gründung".
Um die Verträge mit den Investoren abzuschließen, würden nun eine Stiftung und eine operative Gesellschaft als unabhängige Einheiten ins Leben gerufen. Staatliche Beteiligungen seien nicht vorgesehen. Markus Krall, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Roland Berger, lege sein Amt im Mai nieder und werde Gründungs-Chef der neuen Ratingagentur.
Bis Anfang Juni soll sowohl die Gründung der Agentur als auch der Stiftung abgeschlossen sein, die künftig die Finanzierung der Kapitalmarktrichter sicher stellen soll. Spätestens dann sollen Agentur und Unternehmensberatung auch wieder völlig unabhängig voneinander agieren. Lediglich Berger Aufsichtsratschef Schwenker soll in den Beirat der Ratingagentur einziehen.
Voraussichtlich nächstes Jahr könne die Ratingagentur dann starten und die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Ländern bewerten, sagte eine Berger-Sprecherin in München.
Derzeit beherrschen die drei Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch den Markt und verdienen mit ihren Benotungen Geld. Ihnen wird vorgeworfen, die Finanzkrise 2008 durch zu gute Noten für Ramschpapiere mitverursacht zu haben. Europäische Politiker werfen den US-Ratingagenturen außerdem vor, mit ihrer Herabstufung hoch verschuldeter Euro-Staaten die Euro-Krise verschärft zu haben. Bundesregierung und EU-Kommission hatten das Berger-Projekt begrüßt.
130 Millionen zusammen - 300 Millionen werden benötigt
Vor einigen Tagen hatte es in Berichten allerdings noch geheißen, das Projekt stehe auf der Kippe, weil sich nicht genügend Investoren fänden. Eine Berger-Sprecherin hatte daraufhin eingeräumt, es gebe bisher "keine konkreten Zusagen für angemessene finanzielle Beiträge". Man werde das Projekt aber weiter verfolgen.
Das Projekt bleibt ambitioniert: Als Startkapital für die europäische Agentur hatte Krall etwa 300 Millionen Euro angepeilt. Im Moment habe er rund 130 Millionen zusammen, sagte Berger-Sprecherin Claudia Russo. Ab Mai werde er sich aber ganz und gar um die neue Ratingagentur kümmern und mit weiteren Investoren sprechen. Angepeilt sei, dass die nicht gewinnorientierte Stiftung und die operative Gesellschaft im Herbst stehen.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte zuletzt Hoffnungen auf eine neue Rating-Agentur gedämpft. "Eine vom Staat gegründete Rating-Agentur, oder auch von der Europäischen Kommission, wird sich niemals in dem harten Wettbewerb mit den erfolgreichen Rating-Agenturen durchsetzen", sagte der CDU-Politiker. Auch ein Stiftungsmodell könne er sich nicht vorstellen. Geld aus der deutschen Staatskasse werde es für eine solche Einrichtung "ganz sicher nicht" geben, "jedenfalls von dieser Bundesregierung nicht", sagte Schäuble.
Die Bertelsmann-Stiftung hat kürzlich ebenfalls ein Konzept für eine neue internationale Ratingagentur vorgelegt. Sie soll von einem Fonds im Volumen von ebenfalls 300 Millionen Euro finanziert werden, an dem sich auch Regierungen beteiligen können. Die Bertelsmann-Agentur würde nur die Bonität von Ländern bewerten, nicht von Unternehmen.
lgr/dpa
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