Europäische Schuldenkrise: Italien wappnet sich gegen das Griechen-Virus

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Die Finanzmärkte blasen zur Hatz auf Italien: Investoren wetten, dass die Regierung in Rom ihren riesigen Schuldenberg nicht abtragen kann. Doch die Spekulanten könnten sich an dem Land die Zähne ausbeißen - es ist wohl eine Nummer zu groß.

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Ministerpräsident Berlusconi (im Juni): Wie schlecht steht es um Italien wirklich?

London - Die Symptome sind vertraut: Die Risikoaufschläge auf italienische Staatsanleihen erreichten am Montag einen neuen Höchststand, die Aktienkurse fielen, die Mailänder Börse schränkte vorsichtshalber die Leerverkäufe ein.

Italien ist ins Visier der internationalen Anleger geraten. Neue Zweifel an der Stabilität der Regierung in Rom und eine grundlegende Skepsis über die Finanzen des Landes verbinden sich zu einer gefährlichen Mischung. Die Staatsschuld ist mit 120 Prozent der Wirtschaftsleistung die zweithöchste der Euro-Zone nach Griechenland.

Doch wie schlecht steht es um Italien wirklich? Die Angriffe der Anleger kommen nicht ganz überraschend. Schon bei der Einführung der Gemeinschaftswährung 2002 galt das Land mit seinem riesigen Schuldenberg als potentielles Problem. Früher oder später mussten die Märkte diese Schwachstelle der Währungszone testen.

Bestrafungen durch die Rating-Agenturen

Die Rating-Agenturen hatten in den vergangenen Monaten erste Warnschüsse abgegeben. Im Mai senkte Standard & Poor's den Ausblick für Italien auf Negativ mit der Begründung, die Regierung verfolge ihre Sparziele nicht eisern genug. Im Juni folgte Moody's mit der Ankündigung, Italiens AA2-Rating zu überprüfen. Als Grund für ihre Skepsis führten die Analysten das schwache Wirtschaftswachstum, die niedrige Produktivität und den starren Arbeitsmarkt an.

Tatsächlich gleicht Italien in diesen Punkten seinen kriselnden mediterranen Nachbarn. Doch es gibt auch gewaltige Unterschiede, welche die derzeitige Alarmstimmung an den Märkten übertrieben erscheinen lassen:

1. Große, diversifizierte Wirtschaft: Italien ist eine der sieben führenden Industrienationen (G7) und Heimat globaler Unternehmen. Es gibt zwar auch viele Olivenbäume, aber das Land ist ein industrielles und kreatives Powerhouse. International erfolgreiche Autobauer, Industriedesigner und Modeschöpfer machen Italien zu einem Exportland.

2. Hohe Sparquote: Das Land wird manchmal als Japan Europas bezeichnet. Die Sparquote ist im europäischen Vergleich recht hoch, viele Italiener legen ihr Geld obendrein in heimischen Staatsanleihen an. 55 Prozent der Staatsschulden sind in italienischer Hand. Das Land hat also eine Kapitalflucht ausländischer Anleger weniger zu fürchten als etwa Irland.

3. Liquider Anleihenmarkt: Der Schuldenberg Italiens ist fast schon legendär, doch das Land hat in der Vergangenheit bewiesen, dass es damit gut leben kann. Der italienische Anleihenmarkt ist nach dem amerikanischen und japanischen der drittgrößte der Welt. So ein großer Markt hat entscheidende Vorteile: Es finden sich immer Investoren, weil sie wissen, dass sie ihre Anleihen leicht wieder loswerden. Italien hatte daher nie Probleme, seine Schulden zu refinanzieren.

Steigende Finanzierungskosten belasten

Selbst die größten Skeptiker erwarten daher nicht, dass Italien bald in Zahlungsschwierigkeiten gerät. Im Vergleich zu Griechenland sind Italiens Staatsschulden von 1900 Milliarden Euro längerfristig finanziert. Bis Ende 2011 werden Papiere in Höhe von 80 Milliarden Euro fällig. Die muss die Regierung ersetzen. Dazu kommen rund 90 Milliarden Euro an kurzfristigen Titeln.

Bislang waren Emissionen kein Problem, doch wachsen die Sorgen über die steigenden Finanzierungskosten des Schuldenbergs: Der Zinssatz auf zehnjährige Anleihen stieg am Montag bereits auf 5,5 Prozent. Ab sieben Prozent wird es kritisch, das zeigt das Beispiel der anderen Euro-Länder. Die Eigendynamik des Markts ist dann nur noch schwer zu stoppen.

Vor allem fragen sich Investoren plötzlich, wie die Regierung in Rom ihren Schuldenberg jemals abtragen will. Das Wirtschaftswachstum ist schwach, im ersten Quartal betrug es gerade 0,1 Prozent, deutlich unter dem Euro-Zonen-Schnitt von 0,8 Prozent. Die Produktivität sinkt, die Bevölkerung altert - keine gute Mischung für einen Aufschwung.

Sparminister Tremonti auf der Abschussliste

Der italienische Finanzminister Giulio Tremonti hat die Gefahr erkannt: Er wirbt für einen strikten Sparkurs, um den Haushalt bis 2014 auszugleichen und mit dem Schuldenabbau beginnen zu können. Tremonti ist jedoch innenpolitisch geschwächt, nachdem er sich vergangene Woche zunächst von einem korrupten Vertrauten distanzieren musste und dann noch Ministerpräsident Silvio Berlusconi öffentlich in einem Interview Änderungen an dem Sparpaket ankündigte.

Investoren fürchten nun, dass der Sparkommissar auf Berlusconis Abschussliste steht. Tremonti selbst wurde kürzlich mit dem Satz zitiert, wenn er falle, falle zunächst Italien und dann der Euro. Damit hat er sich vielleicht etwas zu wichtig genommen. Aber die Nervosität an den Märkten zeigt, was sein Abgang auslösen könnte.

Geriete Italien in die tödliche Spirale von Herabstufungen und Zinserhöhungen, wären die Folgen für die Euro-Zone fatal. Eine neue Bankenkrise wäre wahrscheinlich. Allein deutsche Banken hatten Ende März insgesamt 116 Milliarden Euro nach Italien verliehen. Zum Vergleich: Die Forderungen gegenüber Griechenland beliefen sich nur auf 17 Milliarden Euro.

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1. eine Nr. zu groß
ALG III 11.07.2011
Zitat von sysopDie Finanzmärkte*blasen zur*Hatz auf Italien: Investoren wetten, dass die Regierung in Rom ihren riesigen Schuldenberg nicht abtragen kann. Doch die Spekulanten dürften sich an dem Land die Zähne ausbeißen - es ist schlicht eine Nummer zu groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,773777,00.html
Ja, eine Nummer zu gross, zumal wenn Deutschland auch noch einen Rettungsschirm über Berlusconiland aufspannt.
2. Ob
syramon 11.07.2011
Zitat von sysopDie Finanzmärkte*blasen zur*Hatz auf Italien: Investoren wetten, dass die Regierung in Rom ihren riesigen Schuldenberg nicht abtragen kann. Doch die Spekulanten dürften sich an dem Land die Zähne ausbeißen - es ist schlicht eine Nummer zu groß. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,773777,00.html
die Nummer wirklich zu gross ist, beantworten letztendlich die Verbindlichkeiten, und nicht der politische Wille.
3. o_o
mel80 11.07.2011
""Allein deutsche Banken hatten Ende März insgesamt 116 Milliarden Euro nach Italien verliehen."" 116 Milliarden? Ja sind denn unsere Politiker eigentlich noch zu retten?
4. Italien.
skisma 11.07.2011
Bevor Italien auch noch am Tropf hängt - DEUTSCHLAND raus aus dem Euro! Dazu muss mal konsequent gewählt werden.
5. $$
p13 11.07.2011
Eine Nummer zu groß?? Blödsinn, es gibt kein too big to fail.
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