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Umstrittene Billionenspritze: Draghi enttäuscht seine Jünger

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REUTERS

EZB-Chef Draghi: Es wird einsamer

Gegen alle Kritik weitet EZB-Chef Draghi die umstrittenen Anleihekäufe aus. Bis zum Frühjahr 2017 will er 1,5 Billionen Euro in die Märkte pumpen. Doch die Anleger hatten sich noch mehr Billiggeld erhofft.

Fast trotzig sitzt Mario Draghi im Pressesaal des glänzend-neuen EZB-Gebäudes. Der Präsident der Europäischen Zentralbank ist in die Defensive geraten. Er muss sich und seine Politik verteidigen. Und er tut dies im Vorwärtsgang.

"Wir machen mehr, weil es wirkt", sagt Draghi, "nicht, weil es gescheitert ist." Die Rede ist vom größten Gelddruckprogramm in der Geschichte der Europäischen Zentralbank. Schon zu Jahresbeginn hatte Draghi angekündigt, in ganz großem Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere am Finanzmarkt anzukaufen. 60 Milliarden Euro pro Monat, 1,14 Billionen Euro bis Ende September 2016 - so war der ursprüngliche Plan.

Doch nun legt Draghi noch einmal nach: Er verkündet nicht nur eine Verschärfung des Strafzinses für Banken, die ihr Geld bei der EZB parken. Auch das Anleihekaufprogramm soll verlängert werden und nun bis mindestens Ende März 2017 laufen. Wenn nötig auch länger, sagt Drahi.

Das bedeutet, dass die EZB noch einmal mindestens 360 Milliarden Euro mehr ins System pumpt. Und damit es für so viel Geld noch genügend Papiere zu kaufen gibt, dürfen die EZB und die nationalen Notenbanken nun sogar Anleihen von Bundesländern und Kommunen erwerben.

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Erklär-Comic: Warum die EZB massenhaft Staatsanleihen kauft
Das viele Geld soll die Zinsen drücken, die Unternehmen und Verbraucher für Kredite bezahlen, und auf diesem Wege die Wirtschaft in Schwung bringen. Am Ende, so die Hoffnung, werden dann auch die Preise wieder stärker steigen. Denn das ist das erklärte Ziel der EZB: Sie will die Inflationsrate wieder dorthin bewegen, wo sie sie am liebsten hat - knapp unter zwei Prozent. Für eine wachsende Wirtschaft ist das optimal. Derzeit aber liegt die Teuerungsrate in der Eurozone bei gerade mal 0,1 Prozent, und auch das Wirtschaftswachstum lahmt.

Draghi will das mit seiner Politik ändern. Doch ob die Billiggeldkur überhaupt wirkt, ist höchst umstritten. Bisher jedenfalls zeigen die Zahlen allenfalls eine ganz leichte Besserung. Draghi selbst gibt sich frei von jedem Zweifel. Die Maßnahmen wirkten, sie seien nur noch nicht effektiv genug, sagt er. "Wir müssen mehr tun."

Andere Experten glauben nicht darin, dass diese Viel-hilft-viel-Politik funktioniert. "Weder in der Medizin noch in der Geldpolitik ist dies ein probates Mittel", sagt Jan Holthusen, Zins- und Anleihenspezialist bei der DZ Bank.

Die Deutsche Bundesbank, seit jeher auf Konfrontationskurs zu Draghi, lässt mittlerweile keine Gelegenheit aus, um gegen die Politik der EZB zu wettern. "Je länger die extrem lockere Geldpolitik andauert, umso weniger wirkt sie und umso mehr Risiken und Nebenwirkungen kommen ins Spiel", warnte kürzlich Bundesbankpräsident Jens Weidmann auf einer hochrangig besetzen Bankentagung in Frankfurt - und bekam für seine Kritik noch ein bisschen mehr Applaus als früher.

"Teile der Kapitalmärkte sind komplett leergekauft"

Die Stimmung in der Finanzwelt hat sich gedreht - und zwar zuungunsten von Draghi. Noch vor einem Jahr war er als Retter der Währungsunion gefeiert worden. Seine Worte allein reichten aus, um auf dem Höhepunkt der Eurokrise die Spekulationen gegen Länder wie Italien oder Spanien zu stoppen.

Doch mittlerweile sind die Zweifel an den Worten des Meisters größer geworden. Selbst im EZB-Rat, dem Entscheidungsgremium der Notenbank, hat er längst nicht mehr nur Bundesbankvertreter Weidmann gegen sich. Auch andere Notenbanker in dem 25-köpfigen Gremium haben sich vom Kurs des Präsidenten distanziert.

Hinzu kommt heftiger Gegenwind aus der Finanzbranche, die zunehmend unter den niedrigen Zinsen leidet. "Die erhofften Wirkungen des billigen Geldes sind bislang weitgehend ausgeblieben, dafür werden die Nebenwirkungen immer gravierender", sagt Nikolaus von Bomhard, Chef des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. Durch die Programme der EZB seien Teile der Kapitalmärkte weitgehend leergekauft, "die Preisbildung ist vom tatsächlichen Risiko entkoppelt", schimpft Bomhard. "Gleichzeitig wird die Altersvorsorge vieler Menschen massiv entwertet."

Ein Problem scheint auch, dass Draghis Medizin nur noch wirkt, wenn sie in immer höheren Dosen verabreicht wird. Die Dosis, die der Italiener den Märkten an diesem Donnerstag genehmigte, war offenbar zu gering. Draghis Jünger hatten mehr erwartet - etwa eine Aufstockung der monatlichen Anleihekäufe. Vor lauter Enttäuschung stießen die Investoren ihre Aktien ab - wenige Minuten nachdem Draghi mit seiner Rede begonnen hatte, stürzte der Deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen um mehr als 3,5 Prozent ins Minus.

Offenbar kann Draghi den Erwartungen, die er selbst geweckt hat, nicht mehr gerecht werden. Womöglich fehlt ihm mittlerweile auch intern die Gefolgschaft für noch größere Schritte. In den kommenden Monaten dürfte es jedenfalls auch nach Meinung von Experten schwer für die EZB werden, die Märkte noch zu begeistern. "Egal, was sie tut", sagt DZ-Banker Holthusen, "sie kann fast nur noch enttäuschen."

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1. Es darf nicht sein was
tommit 03.12.2015
nicht sein darf.. wir haben keine Werkzeuge mehr für solche Fälle... Die Erfindung beginnt den Erfinder zu töten...
2. Austeritätspolitik
chefchen1 03.12.2015
Mit der parallelen Austeritätspolitik wird sich kein Wachstum einstellen. Die Geldmassen Draghis gelangen z.Z. weder über Konsum noch Investition in den Wirtschaftskreislauf sondern landen in Spekulationen.
3. Draghis Plazebos
kayakclc 03.12.2015
Draghis Plazebos werden nie wirken. Warum Euro Notenbanker meinen, den gleichen Fehler der japanischen Zentralbank wiederholen zu müssen, ist schleierhaft. Anscheindend fehlt es an der Lernwilligkeit. Draghi steht natürlich auf verlorenen Posten, weil sich die eigentlich Verantwortlichen für die Staatsschuldenkrise und das mangelned Wirtschaftwachstum, die 19 Euro Regierungen einfach nicht bewegen wollen. Die EU ist Regelwerken erstarrt und die nationalregierungen haben als Angst vor ihren eigene Wählern nicht den Mut, das richtige zu tun, weil es erst einmal richtig weht tut. Medizin ist eben erst einmal sehr bitter. Das Wahlvolk will aber nur Bonbons luschen, und bekommt daher Draghi Plazebos. Reich werden nur die Bankaktienbesitzer. Wir wissen, das Draghi Geld landet nie in der Realwirtschaft sondern dient alleine zur Bankenrefinanzierung. Die FED hat das ja auch vorgemacht.
4. ich frage ja nur
Rotauge 03.12.2015
ist Draghi krank im Kopf,mir kommt das so vor,denn das kann mal nicht gut gehen.
5. Vertrauen ist die Lösung
stefan.p1 03.12.2015
und weil viele Europäer kein Vertrauen in die Wirtschaftspolitik der Damen und Herren haben, angesichts des Nord - Südgefälle, Zweifel am Bestand des Euros und der ganzen EU berechtigt sind, sowie die katastrophalen Außen und Immigrationspolitik der Euroländer-der Neid und Haß untereinander -all das schafft kein Vertrauen im Euroraum und deshalb kein günstiges Konsum-Klima. Dazu der künstlich tief gehaltene Preis für Rohstoffe (politisch von den USA gewollt um Rußland und Venezuela zu schaden.)Alles keine guten Voraussetzung für gesteigerte Nachfrage -und wo keine Nachfrage , da auch keine Inflation.
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