EZB senkt Zins auf Null Volles Risiko

Ist das Mario Draghis letzte Schlacht? Der EZB-Chef überschüttet die Banken mit Geld zum Nullzins - und legt noch was drauf, wenn sie es endlich verleihen. Das klingt nach einer Verzweiflungstat.

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Die Tragweite der Entscheidung war Mario Draghi kaum anzumerken. Mit seinem typischen Spitzbubenlächeln verkündete der EZB-Präsident am Donnerstag ein Paket, das die klassische Finanzwelt auf den Kopf stellt. Das eherne ökonomische Gesetz, dass Zinsen erhält, wer anderen Geld leiht, ist weitgehend gekippt - mit allen Konsequenzen.

Die Erwartungen an Draghi waren hoch. Er müsse "die alte Magie wieder herstellen", hatte noch am Mittwoch ein Finanzanalyst auf dem Finanzsender Bloomberg TV gefordert. Schließlich sei Draghi das Wichtigste, was Europa noch zu bieten habe.

Der Mann dürfte nicht enttäuscht worden sein. Das Paket, das Draghi am Donnerstag verkündete, geht weit über das hinaus, was die meisten Beobachter erwartet hatten:

  • Der Leitzins, zu dem sich Banken kurzfristig Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) leihen können, wurde überraschend gesenkt - von bisher 0,05 auf nun 0,00 Prozent (siehe Grafik). Ein kleiner Schritt nur, aber ein symbolisch wichtiger. Denn die Finanzinstitute bekommen jetzt offiziell Geld zum Nulltarif - und zwar so viel, wie sie wollen.

  • Damit nicht genug: Auch langfristige Kredite können sich die Banken künftig für lau bei der EZB abholen. Im Juni soll das erste Programm starten, indem die Notenbank Vierjahresdarlehen vergibt. Wie viel Geld sich jede Bank dabei leihen kann, wird davon abhängig gemacht, wie viele Kredite sie selbst an Unternehmen und Verbraucher vergibt. Erreicht sie bei der Kreditvergabe eine bestimmte Schwelle, sinkt der Zinssatz für das von der EZB erhaltene Darlehen unter Null. Das heißt: Die Bank bekommt zusätzlich zum Kredit noch Geld geschenkt. Insgesamt sollen vier solcher Langfristprogramme laufen. Das letzte endet im März 2021.

  • Auch umgekehrt gilt mittlerweile der Minuszins. Wenn eine Bank überschüssiges Geld bei der EZB parkt, muss sie dafür als Strafe Negativzinsen zahlen. Das gilt schon seit Mitte 2014. Nun wurde der sogenannte Einlagensatz aber noch einmal gesenkt - von -0,3 auf -0,4 (siehe Grafik).

  • Zu guter Letzt wird auch das Anleihekaufprogramm der EZB massiv ausgeweitet. Bisher kauft die Notenbank Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro pro Monat am Markt auf - vor allem Staatsanleihen. Ab April erhöht sich die Summe auf monatlich 80 Milliarden Euro. Bis Ende März 2017 will die EZB so Anleihen im Volumen von gut 1,7 Billionen Euro aufkaufen. Und damit es auch noch genug Papiere auf dem Markt gibt, die die Notenbank kaufen kann, weitet sie das Programm auf Anleihen von Unternehmen aus. Sie kauft also Schulden von privaten Firmen - ein massiver Eingriff in das Wirtschaftsgeschehen.

Mit den Maßnahmen wollen Draghi und seine Kollegen die Banken dazu bringen, mehr Kredite zu vergeben. Dann, so die Hoffnung der Notenbanker, werde auch das Wirtschaftswachstum wieder anziehen und die Preise werden wieder steigen.

Und genau das ist das erklärte Ziel der Notenbanker: Sie wollen eine Deflation verhindern, in der Preise und Löhne dauerhaft sinken und die Wirtschaft lähmen. Deshalb haben sie sich eine Marke von "knapp unter zwei Prozent" als Ziel gesetzt: So stark sollen die Verbraucherpreise jedes Jahr steigen - nicht mehr, aber auch nicht viel weniger, um nicht in die Nähe sinkender Preise zu geraten.

Genau das ist aber das Problem: In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat die EZB dieses Ziel nicht einmal mehr annähernd erreicht. Zwischendurch sanken die Preise sogar. Im Februar etwa lagen sie 0,2 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor - für die EZB ein absolutes Alarmzeichen und offenbar ein Grund, nun umso entschlossener zu handeln.

Umstritten ist allerdings, wie weit die Maßnahmen der EZB überhaupt dabei helfen können, die Kreditvergabe anzuregen - und ob sie im Verhältnis zu ihrer Wirkung nicht zu viele und zu starke Nebenwirkungen mit sich bringen.

"Die Maßnahmen der EZB werden immer verzweifelter, aber nicht besser", meint etwa Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management and Technology (ESMT). "Es drängt sich zunehmend der Eindruck auf, dass die EZB sich mit ihren Maßnahmen verhebt." Sie greife zu "immer größeren Kalibern statt einzugestehen, dass die Grenzen der Geldpolitik erreicht sind".

Tatsächlich gibt es mehrere Kritikpunkte, die gegen Draghis Programm sprechen:

  • So ist zum einen fraglich, ob es wirklich am Preis des Geldes liegt, wenn viele Unternehmen nicht genügend Kredite aufnehmen, um zu investieren. Oder ob es nicht vielmehr an der hohen Unsicherheit über die Lage der Weltwirtschaft und den hohen Schulden liegt, die nicht nur die Staaten, sondern auch Unternehmen und Verbraucher in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten angehäuft haben.

  • Manche Experten sehen zudem gerade in den Strafzinsen für Banken ein katastrophales Instrument, weil es die ohnehin schwachen Banken der Eurozone noch weiter schwäche. Denn um die Kosten für die Strafzinsen zu tragen, haben die Banken nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie holen es sich über höhere Gebühren von ihren Kunden, oder sie knappsen das Geld von ihren ohnehin niedrigen Gewinnmargen ab. Beides hilft der Wirtschaft kaum weiter.

  • Hinzu kommen die verheerenden Nebenwirkungen des Billiggelds auf die Finanzmärkte. Jeder Sparer dürfte bereits gemerkt haben, dass er für sein Geld praktisch keine Zinsen mehr bekommt. Sollte dieser Zustand von Dauer sein, wird auch die Altersvorsorge in Form von Lebens- und Rentenversicherungen dramatisch dahinschmelzen.

  • Dagegen profitieren die Aktien- und Immobilienmärkte. Dorthin fließt das billige Geld, das Draghi und seine Kollegen in die Welt pumpen - und dort steigen auch die Preise, und zwar kräftig. Laut dem Flossbach von Storch Research Institute legten die sogenannten Vermögenspreise allein im vergangenen Jahr um knapp acht Prozent zu. Experten warnen bereits seit Längerem davor, dass die EZB durch ihre Zinspolitik die Preise verzerre - und damit gewaltige Spekulationsblasen aufpumpe. Wenn diese Blasen platzen, könnte die Welt in eine neue, schwere Finanzkrise taumeln.

9. Mai 2010

Die EZB – damals war noch Jean-Claude Trichet Chef der Zentralbank – beschließt den Kauf von Staatsanleihen von Krisenstaaten auf dem Sekundärmarkt – konkret beginnend mit von Anleihen Griechenlands, Irlands und Portugals. In den Wochen zuvor hatten diese Staaten neue Schulden nur zu zunehmend höheren Zinsen aufnehmen können. Die EZB will diesen Trend mit dem Anleihekaufprogramm SMP (Securities Markets Programme) stoppen. Bereits einen Tag später startet die EZB mit dem Ankauf. -

4. und 7. August 2011

Die EZB kündigt weitere Ankäufe von Staatsanleihen im Rahmen des SMP auf dem Sekundärmarkt an. Kurz darauf beschließt die Zentralbank die Ausweitung der Ankäufe auf Staatsanleihen Italiens und Spaniens, die in den Wochen zuvor ebenfalls zunehmend höhere Zinsen für neue Schulden hinnehmen mussten. -

1. November 2011

Mario Draghi löst den Franzosen Jean-Claude Trichet an der Spitze der EZB ab. Auf seiner ersten Pressekonferenz in dieser Funktion zwei Tage später betont der Italiener: „Wir werden von niemandem gedrängt, wir sind unabhängig.“ -

9. November 2011

Eine Woche nach Draghis Amtsantritt senkt der EZB-Rat den Leitzins von 1,5 auf 1,25 Prozent. -

14. Dezember 2011

Nur einen Monat später folgt der nächste Zinsschritt: auf ein Prozent. -

11. Juli 2012

Die Eurokrise hat sich in den Wochen zuvor zugespitzt: Italien legt miserable Haushaltszahlen vor, die Risikoaufschläge auf seine Staatsanleihen steigen bedrohlich. Die EZB senkt den Zins erneut, auf 0,75 Prozent. -

26. Juli 2012

„…and believe me it will be enough” – In einer Rede verspricht Mario Draghi alles zu tun, um den Euro zu retten. Und tut damit mehr für die Euro-Rettung als die meisten Gipfelnächte in Brüssel. -

6. September 2012

Draghi kündigt ein potentiell unbegrenztes Anleihekaufprogramm für Schuldtitel der Euro-Krisenländer an (OMT). Das Instrument muss nie eingesetzt werden, schon die Androhung bringt die Wende in der Eurokrise. -

8. Mai 2013

Unternehmen in Südeuropas Krisenstaaten kommen immer schwerer an Kredite, was die Konjunktur dort hemmt. Von einer „Kreditklemme“ ist die Rede. Der Leitzins sinkt auf 0,5 Prozent. -

13. November 2013

Trotz Rekordniedrigzinsen liegt die Inflation weit unter der Zwei-Prozent-Zielmarke von zwei Prozent. Um sie anzuheizen, senkt die EZB ihren Leitzins auf 0,25 Prozent. -

5. Juni 2014

Der Leitzins sinkt auf 0,15 Prozent. Außerdem wird der Einlagensatz, zu dem Banken kurzfristig Geld bei der Notenbank parken können, erstmals in den negativen Bereich gedrückt. -

10. September 2014

Der Leitzins sinkt auf 0,05 Prozent, für längere Zeit zum letzten Mal. -

22. Januar 2015

Die EZB kündigt an, jeden Monat Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro zu kaufen, größtenteils Staatsanleihen. Sie reagiert damit auf die ins Negative gerutschte Inflation. -

10. März 2016

Die EZB senkt den Leitzins auf null Prozent und weitet die Anleihenkäufe quantitativ und qualitativ aus. Fortan sollen jeden Monat für 80 statt bislang für 60 Milliarden Euro Anleihen gekauft werden. Auch Unternehmensanleihen will die Zentralbank künftig kaufen. Der Grund: Die Inflation liegt unter null Prozent. -

Zusammengefasst: Die Europäische Zentralbank (EZB) und ihr Chef Mario Draghi haben fast alle Experten überrascht: Das Programm, mit dem sich Draghi gegen die Gefahr fallender Preise stellt, ist deutlich größer und radikaler als gedacht. Faktisch schafft die EZB den Zins damit weitgehend ab - zumindest vorübergehend. Ob diese Politik hilft, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass sie viele Risiken birgt.

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insgesamt 302 Beiträge
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Seite 1
Pinin 10.03.2016
1. Verzweiflung? Nein. Nur ...
... die Anweisung von der Wall Street.
aufmerksamer Leser 10.03.2016
2. Gut gemacht, Herr Draghi!
Gut gemacht, Herr Draghi! Immer weiter so, mit dieser Schlinger-Chaos-Politik! Wir habe doch sonst zu wenig Probleme in Europa. Wenigstens haben nun in drei Bundesländern europakritische Parteien noch mehr Zulauf. Vielleicht nicht ganz unberechtigt.
sebastian.teichert 10.03.2016
3. Welch eine Idee! -.-
Hat der gute Herr Dragi noch nicht verstanden, dass man Geld nur einmal ausgeben kann??? Und wer nichts hat, kann schon mal gar nichts ausgeben! Was hilft es jetzt Geld zu leihen? In 3-4 Jahren haben wir das gleiche Problem. Nur das die Verschuldung noch höher ist! Dazu bläst er eine Immobilienblase auf, die in dem Ausmaß noch nicht da war! Schwachkopf!
serum_user 10.03.2016
4. was werden die Banken machen?
Ich würde alles Geld nehmen und in Gold und Land investiert und dann den Knall abwarten.
bobrecht 10.03.2016
5. Erinnert an die Titanic.
Das Orchstere spielte bis sie sank ...
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