Frankfurt am Main - Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen kriselnder Euro-Staaten eine "Droge" für die Finanzmärkte genannt. Kaum hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, diese "Droge" versprochen, feiern die Börsen auch schon ihren Rausch.
Die Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung dauerte erst wenige Minuten, dann zogen die Kurse in Frankfurt am Main, Paris, London, Madrid und Mailand an. Die Finanzmärkte begrüßten die versprochene Hilfe der EZB für krisengeplagte Euro-Länder mit einem wahren Kursfeuerwerk.
Der Dax
ging steil nach oben und schloss mit einem Plus von 2,9 Prozent - nur 30 Punkte unter dem bisherigen Jahreshoch im März. Der französische CAC 40
kletterte sogar um mehr als drei Prozent, ebenso wie der EuroStoxx 50
, der Londoner Leitindex FTSE 100
schloss 2,1 Prozent höher. Besonders erleichtert reagierten die Anleger in den hochverschuldeten Euro-Ländern Spanien und Italien: Die entsprechenden Indizes kletterten in Madrid um 4,9 Prozent, in Mailand um 4,3 Prozent.
Auch die Wall Street in New York reagierte mit steigenden Kursen. Der Dow Jones
verbesserte sich um 1,9 Prozent auf 13.291 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 legte zwei Prozent auf 1432 Zähler zu - der höchste Stand seit mehr als vier Jahren. Der Index der Technologiebörse Nasdaq erhöhte sich um 2,2 Prozent auf 3135 Punkte. Die in Krisenzeiten sonst gesuchten Bundesanleihen wurden dagegen verkauft. Gefragt waren auch spanische und italienische Anleihen. Am Rohstoffmarkt verteuerten sich Öl und Gold
.
Um das Funktionieren der einheitlichen Geldpolitik der Notenbank in allen 17 Euro-Ländern zu garantieren, werde die EZB unter bestimmten Bedingungen an den Finanzmärkten unbegrenzt Staatsanleihen von Mitgliedsländern der Währungsunion kaufen, sagte Draghi.
"Märkte haben bekommen, was sie wollen"
"Die Märkte freuen sich, dass sie das bekommen haben, was sie wollten", sagte ein Volkswirt an der Frankfurter Börse. Das nun möglich gewordene, koordinierte Vorgehen von EZB und Regierungen sei dazu geeignet, die Märkte für längere Zeit zu beruhigen. Die Regierungen betroffener Länder wie Spanien müssten sich nun dazu durchringen, das Angebot der EZB anzunehmen und Reformen unter den Rettungsschirmen ESM und EFSF einzuleiten. "Jetzt hängt es von der Politik und nicht von der EZB ab, das Angebot anzunehmen."
Besondere Beachtung fand an den Märkten die Beteuerung Draghis, dass die Anleihekäufe notfalls in unbegrenztem Umfang stattfinden würden. "'Unbegrenzt' war das Zauberwort", sagte ein Aktienhändler. Hätte die EZB Grenzen bezüglich des Umfangs oder der Zinshöhen aufgezeigt, dann "wäre dagegen wieder spekuliert worden. Das Wort 'unbegrenzt' ist von der EZB als Zeichen der Stärke gewählt worden."
Der Euro profitierte dagegen wenig und notierte mit knapp über 1,26 Dollar in Euro
nur leicht über dem Niveau vom Vortag. Analysten zufolge hatten Devisenanleger das Anleihekaufprogramm der EZB schon eingepreist.
Unmittelbare Wirkung zeigte die Ankündigung der EZB dagegen bei den Risikoaufschlägen für Staatsanleihen der Krisenländer: Besonders bei italienischen, spanischen und portugiesischen Staatsanleihen sorgten die Aussagen von Draghi für Entlastung.
Besonders deutlich war der Renditerückgang bei zehnjährigen spanischen Anleihen. Die Rendite fiel unter die Marke von sechs Prozent. Spanien gilt derzeit als das Land, das möglicherweise als erstes Land von dem neuen Programm profitieren könnte. Auch in Portugal ging die Zehnjahresrendite stark zurück und lag bei knapp über acht Prozent, für Italien fiel die Rendite auf gut fünf Prozent.
nck/Reuters
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Börse | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH