Chaos bei Lufthansa-Tochter Flugausfälle verzehnfacht - was läuft schief bei Eurowings?

Seit Jahresbeginn musste Eurowings 2600 Flüge streichen, die Beschwerden häufen sich. Bei der Lufthansa-Tochter liegt einiges im Argen - vor allem drei Probleme müssen gelöst werden.

Eurowings-Flotte
Eurowings

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Verpasste Termine, vergeudete Urlaubstage - die Eurowings-Passagiere sind frustriert über massenhafte Flugausfälle, und die Reisebüros sind ratlos. Mehr als hundert Agenturen und Portale machten in der vergangenen Woche ihrem Unmut über die Lufthansa-Tochter Luft: Auch sie könnten die Unzufriedenheit der Fluggäste nicht länger ausgleichen, schrieben sie in einem gemeinsamen Brief an Eurowings, wie das Branchenmagazin "Touristik Aktuell" berichtete.

Einiges scheint nicht rundzulaufen bei der Fluggesellschaft. Verschärft haben sich die Probleme bei der Billigtochter der Lufthansa spätestens seit der Teilübernahme der insolventen Air Berlin Ende 2017. Immerhin kommt die Kritik langsam an im Konzern. Per E-Mail entschuldigte sich Eurowings-Chef Thorsten Dirks vergangene Woche bei den Kunden: "Wir haben nicht immer die Qualität erbracht, die Sie von uns erwarten und wie wir sie auch von uns selbst fordern", schrieb er. Die Aktionäre straften das Unternehmen bereits ab, seit Jahresanfang befindet sich das Papier der Konzernmutter Lufthansa Chart zeigen auf Abwärtskurs.

Was läuft schief bei Eurowings? Das Unternehmen strebt nach Eigenaussage das "größte Wachstum in der Geschichte des deutschen Luftverkehrs" an. Hat es sich übernommen?

Eurowings sei heillos überfordert mit seinen Großprojekten, sagen Branchenkenner. Keine andere deutsche Fluggesellschaft stelle innerhalb so kurzer Zeit derart viele Flugzeuge in den Dienst - für 70.000 zusätzliche Flüge und mehr als acht Millionen neue Passagiere. Bereits in der ersten Jahreshälfte erhöhte das Unternehmen seine Flüge von 40.000 im Vorjahreszeitraum auf mehr als 100.000 - offensichtlich jedoch unter Einbuße der Zuverlässigkeit. Laut der Entschädigungs-Plattform "EU Claim" stiegen die Ausfälle um mehr als das Zehnfache auf 2600. Eurowings selbst nennt mehr als 1500 Annullierungen - allerdings für einen etwas kürzeren Zeitraum.

"Wie dreidimensionales Schach"

Nach Ansicht des Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt krankt es bei Eurowings an drei Stellen:

  • ein zu ambitionierter Ausbau der Flotte,
  • der schlechte Zustand der übernommenen Air-Berlin-Maschinen,
  • Personalchaos durch unterschiedliche Verträge.

Das Tagesgeschäft der Fluggesellschaft - eine abflugbereite Maschine und eine vollständige Crew pünktlich am richtigen Ort bereitzustellen - sei für Eurowings momentan "wie dreidimensionales Schach", analysiert Großbongardt.

Nach der Übergabe der Air-Berlin-Maschinen im Frühjahr kam laut Eurowings-Manager Oliver Wagner die böse Überraschung. Die Abnutzung der Flugzeuge sei höher und der Zustand insgesamt schlechter gewesen als für das Alter der Maschinen üblich, sagte er am vergangenen Donnerstag bei einem Branchentreffen.

Schuld an dem überraschenden Zustand ist wohl die schlechte Wartung durch die Vorbesitzer. Flugexperte Großbongardt hält es für wahrscheinlich, dass die Berliner aufgrund der klammen Finanzlage an Investitionen sparten, die zwar nicht nötig waren, um die nächste Starterlaubnis zu erhalten - wohl aber, um langfristig einen guten Zustand der Maschinen zu halten.

Auf Nachfrage sagt eine Eurowings-Sprecherin, die Flugzeuge seien in einwandfreiem Zustand. Lediglich die technische Dokumentation der bisherigen Wartungen sei unvollständig - was auch an Fluggesellschaften liegen könne, die die Maschinen noch vor Air Berlin besessen haben. So oder so - ohne die einwandfrei dokumentierte Wartung und alle eventuell anstehenden Nachbesserungen erlaubt das Luftfahrt-Bundesamt keinen Start. Das bringt den Zeitplan von Eurowings durcheinander - und den ihrer Fluggäste.

Mit Tyrolean von Brüssel nach Hamburg - vielleicht

Mit der Flotte muss auch die Besatzung wachsen. Allerdings resultierte aus den zahlreichen Zukäufen und Teilintegrationen der vergangenen Jahre ein vertragliches Durcheinander, das der Fluggesellschaft nun zum Verhängnis wird. Germanwings, Brussels Airlines oder Sun Express - die Liste der Fluggesellschaften, die ebenfalls zum Mutterkonzern Lufthansa gehören und Verbindungen für Eurowings übernehmen, ist lang. "Letztendlich kann es passieren, dass Sie mit Tyrolean von Brüssel nach Hamburg fliegen, weil die Zuordnung von Crews und Maschinen vertraglich so vertrackt ist", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Oder eben, dass ein Flug ganz ausfällt.

"Natürlich hat ein ehemaliger Lufthansa-Pilot, der vor Jahren unter Zusicherung bestimmter Privilegien zur Eurowings wechselte, ganz andere Konditionen als ein ehemaliger Air-Berlin-Mitarbeiter, der sich vor wenigen Monaten dort beworben hat", sagt Großbongardt. Die Verträge der Mitarbeiter mit verschiedenen Tochterunternehmen führten dazu, dass Bordpersonal oftmals nicht so flexibel eingesetzt werden könne, wie der Flugplan es erfordere.

Das Vertragschaos aufzulösen, dürfte schwierig werden für Eurowings - zumindest aber zu lange dauern, um die akute Unzufriedenheit bis zum Beginn der Hauptreisezeit im Sommer in den Griff zu bekommen. Denn nicht nur die Harmonisierung, auch das Durchsetzen niedriger Kostenniveaus ist nötig, will Eurowings nicht nur kurzfristig sein Personal mobilisieren, sondern auch mittelfristig wettbewerbsfähig bleiben. "Eurowings muss intern den geringsten gemeinsamen Nenner zur Harmonisierung anstreben", sagt Ulrich Schulte-Strathaus, Direktor der Beratung Aviation Strategy und ehemaliger Generalsekretär der Vereinigung Europäischer Fluggesellschaften.

Auf welchen Nenner sich Mitarbeiter der verschiedenen Gesellschaften einigen könnten, ist allerdings alles andere als klar. Bisherige Gespräche zwischen Fluggesellschaften und Gewerkschaften wie der Pilotenvereinigung Cockpit zeigen, wie unberechenbar die Verhandlungen mitunter vonstatten gehen - und dass Fluggesellschaften mit Streiks rechnen müssen, was die Ausfall-Statistik noch einmal in eine unerwünschte Richtung leiten würde.

Der Kostendruck, der vor allem durch Billigstanbieter wie Ryanair ausgeübt wurde, könnte sich allerdings bald geringfügig relativieren - Ryanair selbst führt aktuell zum ersten Mal Tarifverhandlungen mit Gewerkschaften, um seine Crewmitglieder halten zu können.

"Auch der Himmel stößt manchmal an seine Grenzen"

Angesichts der aktuellen Überforderung beim Einhalten der Flugpläne offenbart sich, unter welchem Druck Eurowings seine Expansion vorantreibt. Der Konzern selbst spricht von einer laufenden Übergangsphase, die organisatorisch wie operativ ein Kraftakt sei, für den es "keine Blaupause" gebe. Ein langsameres Tempo wäre wohl nicht nur den geschädigten Passagieren, sondern auch einigen Mitarbeitern lieber. Will die Fluggesellschaft im Billigflug-Segment bestehen - und das ist innerhalb des Portfolios der Lufthansa-Gruppe ihre Aufgabe - hat sie jedoch keine andere Wahl, als schnell zu wachsen, und zwar über Deutschland hinaus. Zu aggressiv treiben Konkurrenten wie Ryanair, Wizzair oder Easyjet ihre Expansion seit der Liberalisierung des europäischen Luftraumes voran. Und einzig Größenvorteile ermöglichen im Billigflug-Segment wettbewerbsfähige Kostenstrukturen, da Flugzeug- und Personalkosten weitestgehend fix sind.

Ob Eurowings langfristig in der Lage sein wird, mit einer Niedrigkostenstrategie mitzuhalten, ist nicht klar - und dürfte auch vom Erfolg interner Tarifverhandlungen abhängen. Schulte-Strathaus sieht die aktuellen Ausfälle als Symptom eines strategischen Dilemmas: "Entweder setzt Eurowings auf die Kostenführerschaft, dann werden sich kurzfristig einige Qualitätsprobleme nicht vermeiden lassen. Oder das Unternehmen bessert bei der Qualität nach, was sich allerdings mittelfristig auf die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Ultraniedrigkosten-Fluggesellschaften niederschlagen dürfte."

Sollten sich die Ausfälle und Verspätungen fortsetzen, dürfte das Expansionsvorhaben jedenfalls enttäuschte Passagiere in die Maschinen der Konkurrenz treiben.

"Auch der Himmel stößt manchmal an seine Grenzen", titelte Eurowings nun eine Anzeige, die in überregionalen Tageszeitungen erschien. Gemeinsam mit der Konzernmutter Lufthansa und Deutschlands größten Flughäfen entschuldigte sich das Unternehmen in wolkenweißer Schrift auf himmelblauem Grund für die "Unregelmäßigkeiten" der letzten Wochen. Allerdings gibt das Unternehmen in seiner Kommunikationsoffensive gleich zu: Das Problem lösen können werde es so schnell nicht. Auch im Sommer werde es weiterhin zu Verspätungen und Ausfällen kommen.

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
mpigerl 26.06.2018
1. Schuster bleib bei deinen Leisten....
Man kann als Netzwerkairline ein oder zwei Hubs betreiben, guten Service bieten und dafür etwas mehr Kohle verlangen. Das ist das was Lufthansa kann. Oder man kann als LCC die Passagiere als lästiges Stückgut ansehen, die am besten nur so oft wie möglich zahlen sollen. Am Besten immer Minibeträge und dazu hat man eine einheitliche Flotte und am Besten lauter Scheinselbstständige, die Nahe am Mindestlohn arbeiten. Dies kann die LH aber nicht, also sollte sie auch die Finger davon lassen.
mustrumridcully 26.06.2018
2. Alte Maschinen...
Eurowings hat uralte Lufthansa Maschinen, aus der 320er Flotte, übernommen. Die haben zum Teil weit über 20 Jahre auf dem Buckel. Diese haben bei Lufthansa schon Probleme gemacht und tun es jetzt bei Eurowings (ehemals Germanwings). Gerade die Vorfälle mit kontaminierter Kabinenluft, durch undichte Seals der Triebwerke häufen sich. Crews und Gäste werden mit Nervengiften vergiftet und nicht darüber informiert, mit katastrophalen Spätfolgen. (https://www.austrianwings.info/2018/01/mehrere-verletzte-besatzungsmitglieder-nach-fume-event-auf-a320-von-eurowings/). Der Kostendruck ist immens, die Wartungsintervalle wurden gestreckt. Die Herstellervorgaben zur Wartung der Triebwerke werden oft nicht eingehalten. Ich würde keinen Fuß in die Flugzeuge setzen.
OlLö 26.06.2018
3. Ein Wahnsinn
Auch ich war kürzlich betroffen. 5 Min vor dem Abflug gestrichen. Und nun laufe ich seit Monaten der Entschädigung hinterher. Hotline: 30 min Wartezeit, Rückmeldungen per Mail nach ca 5-6 Wochen mit seltsamen, falschen Aussagen, um die Entschädigung abzulehnen. Die Politik hat sich damals dafür eingesetzt, dass LH den EW Zuschlag bekommt - herzlichen Glückwunsch.
ersatzaccount 26.06.2018
4.
Hinzu kommt der unterirdische Kundenservice. Lange Warteschleifen bei der Hotline, schlecht geschultes Personal, unterschiedliche Aussagen je nachdem wer wo ans Telefon geht, etc. Wer EW fliegt sollte über Lufthansa buchen, der Service dort ist zwar auch mies aber man wird schneller auf einen LH Flug umgebucht
hub58 26.06.2018
5. Nichts wird geschehen....
Ich habe mich selten so geärgert wie über die Firma Eurowings. Zuerst wurde mein Flug umgebucht mit ganz anderen Zeiten. Mein Stornierungswunsch wurde dann 10 Minuten vor Abflug entsprochen nachdem ich am Schalter meinen Koffer aufgeben wollte. Die Mitarbeiterin am Schalter wurde rot vor Peinlichkeit. Die Kommunikation mit den Kunden ist eine Katastrophe, das Manangement versagt komplett. Dieser Artikel zeigt in aller Öffentlichkeit die Missstände bei Eurowings. Ich weiß, daß nichts passieren wird, lediglich kommt die nächste Pleite mit Verlust von vielen Arbeitsplätzen und entlassenen Managern mit hohen Abfindungen. Es ist eine Katastrophe was Eurowings da macht.
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