Urteil in Formel-1-Affäre: Gribkowskys späte Reue

Aus München berichtet manager-magazin.de-Redakteurin Cornelia Knust

Es war ein Wirtschaftsprozess, doch Gerhard Gribkowsky wird verurteilt wie ein Schwerverbrecher. Weil er Schmiergeld von Formel-1-Boss Ecclestone annahm, muss der Ex-Vorstand der BayernLB achteinhalb Jahre hinter Gitter. Seine Verteidiger meinen: Jetzt muss auch Ecclestone angeklagt werden.

Ex-Bankmanager Gribkowsky: "Relativ wurscht, wie die Welt von Ecclestone tickt" Zur Großansicht
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Ex-Bankmanager Gribkowsky: "Relativ wurscht, wie die Welt von Ecclestone tickt"

München - Der Angeklagte hatte das letzte Wort. Er, der acht Monate geschwiegen und vergangene Woche überraschend ein Geständnis abgelegt hatte, sagte am Ende der Plädoyers: "Es ist mir relativ wurscht, wie die Welt von Ecclestone tickt. Am Ende habe ich 'ja' gesagt, und dazu muss ich stehen". Der Vorsitzende Richter Peter Noll nannte diese Worte in der Urteilsbegründung "mannhaft".

"Ja gesagt" hatte Gerhard Gribkowsky, ehemaliger Vorstand der BayernLB, in den Jahren 2005 bis 2007 zu Bestechungsgeldern in Höhe von 44 Millionen Dollar. Formel-1-Chef Bernie Ecclestone und die ihm nahe stehende Bambino-Stiftung zahlten Gribkowsky diese Summe, damit er die Anteile der Bank an der Formel-1 entsprechend Ecclestones Vorstellungen verkaufte.

Damit habe er seine Pflichten als Vorstand verletzt, sich der Bestechlichkeit in Tateinheit mit Untreue schuldig gemacht und überdies in zwei Veranlagungsjahren hintereinander Steuern von fast 15 Millionen Euro hinterzogen. Der Bank sei durch die an Ecclestone gezahlte Provision ein Schaden von umgerechnet 32 Millionen Euro entstanden, weshalb Gribkowskys Vermögen noch drei Jahre eingefroren bleibe, um der BayernLB oder gegebenenfalls dem Fiskus den Schaden zu ersetzen.

Zu diesem Urteil kam heute die Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht München I, wo Gribkowsky seit Oktober 2011 der Prozess gemacht wird. Die Kammer blieb damit unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft von zehn Jahren und sechs Monaten und weit unter einem theoretischen Strafmaß von 15 Jahren, aber auch über der vergangene Woche von Noll zugesagten Mindeststrafe von sieben Jahren und zehn Monaten.

Gribkowsky nahm das Urteil gefasst entgegen, seine Mutter und weitere anwesende Angehörige brachen in Tränen aus. Pflichtverteidiger Daniel Amelung sagte nach der Urteilsverkündung, der Prozess sei noch nicht zu Ende. Da gebe es noch viele Möglichkeiten. Auf einen Revisionsantrag wollte er sich nicht festlegen.

Angst vor Bernie Ecclestone?

Verteidiger Amelung kritisierte schon während seines Plädoyers, dass sein Mandant allein auf der Anklagebank saß. Die Münchner Staatsanwaltschaft habe "Angst vor Herrn Ecclestone, seiner Position, seinem Vermögen", deshalb warte sie ab mit einer Anklageerhebung.

Nachdem die Richter Gribkowsky jetzt wegen Bestechlichkeit verurteilt hätten, könne die Staatsanwaltschaft den Bestecher ohne festen Wohnsitz in München ja wohl nicht weiter unverfolgt lassen, sagte Amelung nach der Sitzung. Die Staatsanwaltschaft München bestätigte nur, dass gegen Ecclestone ermittelt wird.

Staatsanwalt Christoph Rodler sagte heute in seinem Plädoyer, Ecclestone sei eben nicht Opfer einer Erpressung durch Gribkowsky, wie er es in seiner Zeugenaussage dargestellt hatte, sondern Mittäter einer Bestechung. Der Staatsanwalt, der selbst nicht mit den Ermittlungen gegen Ecclestone befasst ist, schränkte aber gleich ein: "Wie immer das rechtlich zu bewerten ist."

Diese rechtliche Bewertung könnte vielleicht auch deshalb schwierig sein, weil in Gribkowskys Prozess nicht einmal die Kammer endgültig überzeugt ist, dass der Banker als Amtsträger zu sehen ist und Ecclestone damit quasi einen deutschen Beamten bestochen hätte. Die Amtsträger-Eigenschaft sei eine Rechtsfrage, sagte Noll; vielleicht wolle sich ja der Bundesgerichtshof damit beschäftigen. In seiner Urteilsbegründung stützte er sich auf das Landesbankgesetz und weitere Indizien.

Die insbesondere von Ecclestone über die Presse verbreitete Sichtweise, Gribkowsky habe ein taktisches Geständnis abgelegt, um ein geringeres Strafmaß zu erreichen, teilte die Kammer nicht.

"Weg zurück in die Rechtsgemeinschaft"

Noll bewertete das Geständnis als "nicht nur taktisch", vielmehr als "offen und ehrlich", als "Weg zurück in die Rechtsgemeinschaft". Strafmindernd hätten weitere Punkte gewirkt: der große Einsatz Gribkowskys für seine Bank, die in Österreich gezahlten Körperschaftsteuern von acht Millionen Euro, auch seine gesundheitlichen Probleme (offenbar steht eine weitere Herz-OP an) und die Tatsache, dass er sich im Dezember 2010 der Staatsanwaltschaft München "quasi gestellt" habe. Andererseits habe Gribkowsky ein hohes Maß an krimineller Energie gezeigt und ein planvolles Vorgehen über mehrere Jahre, in denen er jederzeit hätte umkehren können.

Das Bild eines persönlichen Dilemmas oder einer tragischen Verstrickung, das die Verteidigung gezeichnet hatte, wies Noll zurück. Außerdem seien die Summen, um die es hier gehe, riesig. Dass in der Formel-1 andere Währungen gälten, wie die Verteidigung immer wieder vorgebracht hatte, beeindruckte Noll nicht: "Je höher die Summe, desto größer das Unrecht."

Außerdem habe Gribkowsky bisher nichts unternommen, um den Schaden wiedergutzumachen, im Gegenteil. Dieses Verhalten könne auch einer vorzeitigen Entlassung aus der Haft entgegenstehen, warnte Noll.

Der Richter betonte, in diesem Verfahren habe die Kammer über Gribkowsky zu urteilen, sonst über gar nichts. Er verteidigte auch die Staatsanwaltschaft gegenüber der Kritik der Verteidigung, wen sie anzuklagen habe oder nicht.

Dennoch sagte auch der Vorsitzende Richter deutlich, dass Ecclestone die treibende Kraft gewesen sei. Mit seinem Charme, seiner Raffinesse, seiner wirtschaftlichen Potenz und seiner langen Erfahrung habe er Gribkowsky "ins Verbrechen geführt".

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