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Existenzgründung: Frauenwirtschaft mit Wohlfühlfaktor

Von Katharina Pauli

Deutschlands Wirtschaft braucht sie dringend - doch zu wenige Frauen machen sich selbständig und zu viele geben auf. Ein neues Gründerzentrum in Hamburg will das nun ändern: Es gibt günstige Büros, Kita-Plätze und viele Gleichgesinnte für die gemeinsame Problemlösung.

Fotostrecke: So funktioniert das Gründerzentrum für Frauen Fotos
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Hamburg - Es ist der Tag der Entscheidungen: Wer darf Teil der Gemeinschaft werden? Wie WG-Bewohner besprechen die Mieterinnen die vier Bewerbungen, wiegen die Vor- und Nachteile der einzelnen Kandidatinnen ab - von ihrer Motivation über ihre Erfahrung bis zum persönlichen Eindruck. Schließlich geht es um etwas Großes, das Projekt, an dessen Erfolg die Zukunft aller Beteiligten hängt.

Die Kandidatinnen haben sich für einen Büroplatz im "Interkulturellen Frauenwirtschaftszentrum" im Hamburger Stadtteil St. Pauli beworben. Der Name klingt zwar ziemlich sperrig, dahinter verbirgt sich aber ein durchaus vielversprechendes Konzept. Denn hier bekommen Unternehmerinnen in der Gründungsphase neben Büroräumen auch Tipps und warme Worte von Gleichgesinnten.

Das Prinzip ähnelt den Coworkingspaces, die in immer mehr Großstädten boomen. Im Hamburger Frauenwirtschaftszentrum mieten Existenzgründerinnen Büros für rund 15 Euro pro Quadratmeter - Konferenzraum, Kopierer und Teeküche inklusive. Die Kündigungsfristen sind kurz, und eine Kita im Haus nimmt bevorzugt die Kinder der Mieterinnen auf. Drei Jahre wird das im Mai gestartete Projekt finanziell aus dem Europäischen Sozialfonds unterstützt, danach soll sich das Haus aus der Miete der Unternehmerinnen selbst tragen.

Kinderbetreuung wichtig

Studien zeigen, dass rund ein Drittel aller Gründer in Deutschland weiblich sind, statistisch gesehen aber mehr Frauen beim Schritt in die Selbständigkeit aufgeben als Männer. Das Modell des Frauenwirtschaftszentrums dockt deshalb genau an den Punkten an, an denen Gründerinnen besonders oft scheitern:

  • Frauen brauchen in der Regel eine Kinderbetreuung, denn sie müssen sich oft um Beruf und Familie gleichzeitig kümmern.
  • Gründerinnen wollen weg vom Prinzip "Küchentisch gleich Arbeitsplatz". Je weniger ihr Büro dem Zuhause ähnelt und je weniger Formalitäten zu erledigen sind, desto eher verspüren sie Antrieb.
  • Frauen sind meistens kommunikativer als Männer, sie wollen sich untereinander (informell) beraten und nicht den großen Platzhirsch geben. Da sie in der Startphase meist vorsichtiger sind als Männer und viele Fragen haben, geben sie sich untereinander den Rückhalt, den der Partner nicht immer geben kann oder will.

Das Gemeinschaftsgefühl, die Gewissheit, dass die Frau im Nachbarbüro die gleichen Erfahrungen macht, nimmt dem Einstieg in den neuen beruflichen Lebensabschnitt das Brisante. Das Frauenwirtschaftszentrum ist eine Art Kokon, der Schutz gegen die Widrigkeiten der Selbständigkeit bietet. Zumindest so lange, bis das Geschäft der Gründerinnen so gut läuft, dass sie in größere Räume umziehen.

Der "Spirit" - so nennt Jessika Distelmeyer das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen den Frauen. Distelmeyer, die Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte organisiert, sitzt in einem gemütlichen Korbsessel, neben ihr köchelt ein Kännchen Tee, eine Steinlampe taucht den Raum in gemütliches Licht. Keine grelle Deckenlampe, kein brummender Kopierer beherrscht ihr Büro.

Migrationshintergrund bevorzugt

"Es geht hier um etwas Neues", sagt sie. "Räume, die von Frauen gestaltet und gefüllt werden, sind einfach anders." Viele Frauen, die hierhin kommen, sind in ihren Dreißigern oder Vierzigern, haben keine Lust mehr auf ihren bisherigen Job als Lehrerin oder Paketbotin und spüren den Wunsch nach Veränderung. Hier machen sie sich beispielsweise als Beraterin oder Heilpraktikerin selbständig.

"Wir sagen ganz bewusst: Jetzt machen wir das, was uns am Herzen liegt", sagt Distelmeyer. Die Gesellschaft ein klein wenig verändern und sich bei der Arbeit treu bleiben ist den Frauen wichtiger als das große Geld. "Identifikation" ist da ein Schlüsselbegriff, den die meisten als Antrieb nennen. Endlich das tun, was glücklich macht.

Doch die Gefahr, mit der Entscheidung zur Eigenständigkeit tief zu fallen, ist groß - finanziell, persönlich und auch psychisch. Das belegen Beispiele von Gründerinnen, die scheiterten: Sie gaben auf, weil sie die Sicherheit im Angestelltendasein zurücksehnten.

Um dem entgegenzuwirken, wollen sich die Frauen gegenseitig vom Ausstieg aus dem Ausstieg abhalten: Jede hilft jeder, das gilt bei fast allem. Hat eine der Mieterinnen Fragen zur Steuererklärung, weiß zwei Büros daneben eine Anwältin die Antwort. Bei der Suche nach geeigneten Seminarräumen für eine Veranstaltung hilft die Kollegin im Büro eine Etage tiefer. Auch sonst ist die Atmosphäre locker: Die Bürotüren sind meistens offen, draußen ist immer etwas los.

Das Hamburger Frauenwirtschaftszentrum hat zudem das Prädikat "Interkulturell". Bewerben sich zwei Frauen mit gleichen Voraussetzungen auf einen Büroraum, wird diejenige mit Migrationshintergrund bevorzugt. Denn diese Frauen haben es oft außergewöhnlich schwer bei der Jobsuche. Deshalb ist die Selbständigkeit für sie besonders attraktiv.

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1. ...
intergrund 04.09.2011
Zitat von sysopDeutschlands Wirtschaft braucht sie dringend - doch zu wenige Frauen machen sich selbständig und zu viele geben auf. Ein neues Gründerzentrum in Hamburg will das nun ändern: Es gibt günstige Büros, Kita-Plätze und viele Gleichgesinnte für die gemeinsame Problemlösung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,781284,00.html
Ich, weiblich, Freiberuflerin, kriege gleich die Krise. Warum, in drei Gottes Namen werden hier Frauen als Kindergartenkinder dargestellt? Der Artikel glingt so, als gäbe es nicht seit vielen Jahrzehten Anwältinnen, Ärztinnen, Hebammen, was weiß ich, die sich die Selbständigkeit zugetraut haben? Ich will natürlich auch nicht leugnen, daß vieles im Artikel stimmt, sicher ist es schön, wenn die Kinderbetreuung klappt (und das tut`s nicht immer), wenn man gute Kontakte zum Nachbarbüro hat, etc. Aber der Eindruck, der den Text erweckt, als bräuchten Frauen diese Frühförderung um sich überhaupt was zuzutrauen, und daß die nun so ganz anders als ihre männlichen Kollegen ticken ("mit Wohlfühlfaktor")ist einfach nur ärgerlich.
2. Danke
G2c 04.09.2011
Zitat von intergrundIch, weiblich, Freiberuflerin, kriege gleich die Krise. Warum, in drei Gottes Namen werden hier Frauen als Kindergartenkinder dargestellt? Der Artikel glingt so, als gäbe es nicht seit vielen Jahrzehten Anwältinnen, Ärztinnen, Hebammen, was weiß ich, die sich die Selbständigkeit zugetraut haben? Ich will natürlich auch nicht leugnen, daß vieles im Artikel stimmt, sicher ist es schön, wenn die Kinderbetreuung klappt (und das tut`s nicht immer), wenn man gute Kontakte zum Nachbarbüro hat, etc. Aber der Eindruck, der den Text erweckt, als bräuchten Frauen diese Frühförderung um sich überhaupt was zuzutrauen, und daß die nun so ganz anders als ihre männlichen Kollegen ticken ("mit Wohlfühlfaktor")ist einfach nur ärgerlich.
für diesen Beitrag. Mit "100" gefühlten Jahren als Selbständiger kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diejenigen, welche langfristig als Sieger aus diesem Experiment hervorgehen, ohnehin den Weg in die Selbständigkeit gefunden hätten - ob Weiblein oder Männlein.
3. ...
Puffel, 04.09.2011
"Deutschlands Wirtschaft braucht sie dringend - doch zu wenige Frauen machen sich selbständig" Kann mir jemand erklären, warum Deutschlands Wirtschaft ausgerechnet sie dringend braucht? Also nicht nur irgendwen, sondern Frauen. Was soll hier insinuiert werden? Frauenförderung ist Diskriminierung.
4. ...
intergrund 04.09.2011
Zitat von Puffel"Deutschlands Wirtschaft braucht sie dringend - doch zu wenige Frauen machen sich selbständig" Kann mir jemand erklären, warum Deutschlands Wirtschaft ausgerechnet sie dringend braucht? Also nicht nur irgendwen, sondern Frauen. Was soll hier insinuiert werden? Frauenförderung ist Diskriminierung.
Nun ja: Behindertenwerkstätte sind auch nicht Diskriminierung :-) Die Frage ist auch nicht, ob Deutschlands Wirtschaft die Frauen braucht, s. Fachkräftemangel & Co. Die Frage ist eher, ob Frauen diese spezielle Förderung wirklich brauchen - ich denke ja nicht, s. oben - oder man das Geld hätte auch sinnvoller ausgeben können. Meinetwegen durchaus in Förderung von kleinen Startups oder sicher auch für mehr Kita-Plätze. Das brauchen aber nicht nur die Frauen.
5. ...
Datensatz 04.09.2011
Zitat von Puffel"Deutschlands Wirtschaft braucht sie dringend - doch zu wenige Frauen machen sich selbständig" Kann mir jemand erklären, warum Deutschlands Wirtschaft ausgerechnet sie dringend braucht? Also nicht nur irgendwen, sondern Frauen. Was soll hier insinuiert werden? Frauenförderung ist Diskriminierung.
Quote. Reicht das nicht als Antwort? Muss aber. Die Veranstaltung kriegt übrigens EU-Subventionen. http://preview.tinyurl.com/3gt5b8b
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