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Streit über deutschen Handelsüberschuss: Warum Deutschland ein Importproblem hat

Ein Gastbeitrag von Marcel Fratzscher und Ferdinand Fichtner

Stahl made in Germany: Viele Ausfuhren, wenige Investitionen Zur Großansicht
DPA

Stahl made in Germany: Viele Ausfuhren, wenige Investitionen

Die Bundesrepublik steht wegen ihrer hohen Exportüberschüsse in der Kritik. Eine Studie des DIW zeigt: Dieses Ungleichgewicht wird 2014 noch weiter wachsen - entgegen allen Prognosen der Bundesregierung. Kern des Problems ist die Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft.

Der deutsche Leistungsbilanzsaldo erhitzt bereits seit längerem die Gemüter. Wegen zu hoher Exportüberschüsse stand Deutschland auch Anfang März wieder in der Kritik. Da stellte die Europäische Kommission die Ergebnisse einer detaillierten Analyse vor. In dieser Analyse stellt die Brüsseler Behörde fest, dass der deutsche Leistungsbilanzsaldo jedes gesunde Niveau überschreitet und verlangt von der deutschen Bundesregierung nun Vorschläge, wie sie mit dieser Situation umgehen möchte.

Diese Kritik ist im Kern richtig: Im Jahr 2013 lag der deutsche Leistungsbilanzüberschuss bei 7,3 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt und damit deutlich über dem Grenzwert der Kommission von sechs Prozent. Die neue Konjunkturprognose des DIW Berlin sagt für 2014 sogar einen Überschuss von fast acht Prozent voraus.

Der von der deutschen Bundesregierung in ihrem Jahreswirtschaftsbericht noch vor wenigen Wochen für dieses Jahr prognostizierte Rückgang auf unter sieben Prozent ist jedenfalls kaum zu erreichen. Zumal bereits Ende 2013 der Saldo bei über acht Prozent lag. Der internationale Druck auf Deutschland dürfte daher weiter steigen.

Die Deutschen verdienen auf ihre hohen Vermögen im Ausland

Was sind die Gründe für den weiteren Anstieg der Exportüberschüsse? Zum einen liegt dieser an der positiven Exportnachfrage, denn vor allem deutsche Unternehmen dürften von der Erholung der Weltwirtschaft in den kommenden Jahren profitieren. Zum anderen ist jedoch vor allem die nur moderate Entwicklung der Importe dafür verantwortlich (Abbildung 1). Selbst wenn man unterstellt, dass die deutschen Importe 2014 vergleichsweise stark wachsen, ist nicht damit zu rechnen, dass der Leistungsbilanzsaldo in diesem Jahr - ja selbst über die kommenden fünf Jahre - unter die Sieben-Prozent-Marke sinkt (Abbildung 2). Getrieben wird der Leistungsbilanzüberschuss auch dadurch, dass die deutschen Exportpreise stärker steigen dürften als die Importpreise, die wesentlich durch die voraussichtlich rückläufigen Ölpreise geprägt sind. Außerdem erzielen die Deutschen mehr und mehr Erträge aus ihre hohen Vermögen im Ausland; das treibt den Leistungsbilanzsaldo zusätzlich in die Höhe.

Hierzulande stößt die Kritik an den deutschen Leistungsbilanz- und Exportüberschüssen auf Unverständnis und Verärgerung: Als - gefühlt - wirtschaftspolitischen Musterknaben in Europa scheint vielen Menschen die Einmischung der Europäischen Kommission unangemessen. Reflexhaft wird der Vorwurf erhoben, die Brüsseler Behörde wolle die deutschen Ausfuhren begrenzen und gehe mit planwirtschaftlichen Methoden gegen die deutsche Exportstärke vor.

Das ist blanker Unsinn. Zum einen: Die Bundesregierung selbst war eine der treibenden Kräfte hinter der Etablierung der sogenannten "Macroeconomic Imbalance Procedure", im Rahmen derer die Kommission die wirtschaftliche Stabilität der Mitgliedsländer der Europäischen Union unter die Lupe nimmt. Wir können nicht darüber klagen, dass sich andere Länder den gemeinsamen Regeln nicht unterwerfen wollen, wenn wir gleichzeitig für uns eine Ausnahme in Anspruch zu nehmen versuchen.

Die deutsche Volkswirtschaft bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück

Und zum zweiten: Nicht die Exporte stehen im Mittelpunkt der Kritik der Kommission und unzähliger Wissenschaftler und Analysten weltweit. Das Problem, das in dem hohen Außenhandelsüberschuss zum Ausdruck kommt, sind die deutschen Importe, die seit der Jahrtausendwende nur kläglich gewachsen sind. Freilich, Importieren an sich kein Selbstzweck - auch die schwachen Importe sind vielmehr Folge eines tiefer liegenden Ungleichgewichts: Gemessen an der Wirtschaftsleistung wird in Deutschland ausgesprochen wenig investiert und konsumiert.

Hier verbirgt sich denn auch das eigentliche Problem. Die deutsche Volkswirtschaft bleibt seit über einem Jahrzehnt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Sowohl der Aufbau eines zukunftsfähigen Kapitalstocks im Inland als auch der private Verbrauch entwickeln sich zögerlich. Anstatt das als Exportweltmeister verdiente Geld wieder auszugeben, legen wir es nämlich lieber im Ausland an: Pro Kopf waren das allein im Jahr 2013 durchschnittlich etwa 2500 Euro - vom Säugling bis zum Greis.

Nun mag man einwenden, dass eine alternde Bevölkerung gut daran tut, für die Zukunft vorzusorgen. Kapitalanlagen im Ausland sind aber eine ziemlich unsichere Angelegenheit: Deutschland hat mit seinen Kapitalanlagen im Ausland riesige Verluste eingefahren; seit 1999 über 400 Milliarden Euro. Vor allem in der Finanzkrise ist ein großer Teil des deutschen Auslandsvermögens vernichtet worden.

Eine viel bessere Vorsorge für die Zukunft wäre es, wenn wir in eine zweckmäßige Infrastruktur, Bildung oder Maschinen investieren würden. Zu Recht fordert die Europäische Kommission ein, dass die Bundesregierung eine Rückführung des Leistungsbilanzüberschusses vorantreibt. Nicht durch eine Schwächung der Exporte, sondern mit besseren Rahmenbedingungen und Anreizen für Investitionen in Deutschland. Deutschland sollte die Vorschläge ernst nehmen, im eigenen wie im europäischen Interesse.

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Ferdinand Fichtner leitet die Abteilung Konjunkturpolitik am DIW.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Investitionen in Infrarstruktur?
auweia 12.03.2014
Zitat von sysopDPADie Bundesrepublik steht wegen ihrer hohen Exportüberschüsse in der Kritik. Eine Studie des DIW zeigt: Dieses Ungleichgewicht wird 2014 noch weiter wachsen - entgegen allen Prognosen der Bundesregierung. Kern des Problems ist die Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/export-deutsche-ueberschuesse-sind-laut-diw-studie-noch-groesser-a-957919.html
Wäre ja nicht schlecht, aber die Erlöse fallen doch mehrheitlich bei Privatleuten und Firmen an. Bauen DIE Strassen?
2. Geht am Thema vorbei!
Margot 357 12.03.2014
Letztes Jahr war der Exportüberschuss 200 Milliarden, das sind Schuldscheine in Target 2 Konten. Alleine GR hat da 100 Milliarden ausstehend. Bin gespannt wie D. die einmal eintreiben will. Realistisch betrachtet hätte Deutschland die Produkte offiziell verschenken können, aber dann würden die Bürger aufwachen. Für die AL + Export Statistik und Firmen wunderbar und Merkel steht gut da: Die EU ist gut, gut für Deutschland.
3. Energiesubventionen
syracusa 12.03.2014
Zitat von sysopDPADie Bundesrepublik steht wegen ihrer hohen Exportüberschüsse in der Kritik. Eine Studie des DIW zeigt: Dieses Ungleichgewicht wird 2014 noch weiter wachsen - entgegen allen Prognosen der Bundesregierung. Kern des Problems ist die Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/export-deutsche-ueberschuesse-sind-laut-diw-studie-noch-groesser-a-957919.html
Warum eigentlich braucht Deutschland eine eigene Aluminiumproduktion? Wir müssen sowohl das Bauxit als auch die zu seiner Vergüttung nötige Energie importieren, und gewähren den Produzenten darüber hinaus auch noch hohe Subventionen dadurch, dass wir sie von der EEG-Abgabe befreien. Das ist doch gleich mehrfacher Unsinn, der paradigmatisch aufzeigt, wo's bei uns falsch läuft. Warum lassen wir das Aluminium nicht von denen produzieren, die die Rohstoffe und/oder die Energie dazu haben? Erst dadurch, dass wir dann von denen das Aluminium kaufen, ermöglichen wir denen doch, dass sie die Rechnungen für unsere Industriegüter bezahlen können.
4. Oder kurz gesagt...
prisma-4d 12.03.2014
...von den Leuten das Geld nehmen die es haben (die Reichen stärker besteuern) und Sachen für Alle finanzieren (macht dann der Staat). Ein so sozialistischer Entwurf aus Brüssel? Der war doch nicht ernst gemeint! Da was die EU uns sagen will: das Geld von den Reichen (dem deutschen Steuerzahler) nehmen und Sachen für Alle finanzieren, in dem Fall für die ganze EU
5.
syracusa 12.03.2014
Zitat von auweiaWäre ja nicht schlecht, aber die Erlöse fallen doch mehrheitlich bei Privatleuten und Firmen an. Bauen DIE Strassen?
Nein, aber wenn man diese Gewinne angemessen besteuert, dann kann der Staat das erledigen. Wobei bei uns ja nicht unbedingt Straßen knapp sind, sondern eher die Schulen und Universitäten dringend mehr Geld brauchen.
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