Euro-Krise: EZB plant angeblich unbegrenztes Anleihenprogramm

Kauft die Europäische Zentralbank bald unbegrenzt Anleihen europäischer Krisenstaaten? Laut Agenturenberichten könnte sich der EZB-Rat am Donnerstag auf ein solches Programm einigen. Zugleich soll die Inflationsgefahr gedämpft werden.

EZB-Zentrale in Frankfurt: Warten auf den Tabubruch Zur Großansicht
dapd

EZB-Zentrale in Frankfurt: Warten auf den Tabubruch

Frankfurt am Main - Einen Tag vor der entscheidenden Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) zeichnet sich möglicherweise ein Kompromiss beim umstrittenen Anleihenkaufprogamm ab. Die EZB wolle in unbegrenztem Umfang Staatsanleihen von finanziell angeschlagenen Euro-Staaten kaufen, berichten die Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters unter Berufung auf namentlich nicht genannte EZB-Vertreter, die Einblick in die Planungen haben sollen.

Das zusätzliche Geld, das die Notenbank so in die Finanzmärkte pumpen würde, solle an anderer Stelle wieder abgezogen werden - ein Zugeständnis an die Kritiker.

Wie Bloomberg berichtet, werde das geplante Kaufprogramm möglicherweise unter dem Namen "Monetary Outright Transactions" laufen und sehe keine Veröffentlichung von Zinsschwellen vor, bei deren Überschreiten die Notenbank eingreifen würde.

Damit erhält das angekündigte Hilfsprogramm der EZB erste Konturen. Beschlossen ist jedoch noch nichts. Am Mittwochabend kommen die 22 Mitglieder des EZB-Rats zu einem informellen Abendessen zusammen, am Donnerstag folgt das offizielle Treffen. Anschließend will Notenbankpräsident Mario Draghi die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorstellen. Mehrere Ratsmitglieder sehen die Anleihenkäufe skeptisch. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ist sogar kategorisch dagegen.

Ein EZB-Sprecher wollte die Informationen der Nachrichtenagenturen nicht kommentieren und erklärte, es sei nicht zielführend, über noch nicht getroffene Entscheidungen zu berichten.

Zugeständnisse an die Kritiker

Bleibt es bei der geplanten Ausgestaltung des Programms, wäre dies ein Tabubruch für die EZB. Zwar hat die Notenbank schon in einem ersten Programm seit Mai 2010 Anleihen europäischer Krisenstaaten aufgekauft. Allerdings hat sie dabei stets den begrenzten Charakter der Eingriffe betont. Ein unbegrenztes Programm wäre also neu.

Als Zugeständnis an die internen Kritiker dürfte aber gewertet werden, dass die Notenbank das Geld, das sie für die Anleihenkäufe ausgibt, an anderer Stelle wieder aus dem Finanzkreislauf abziehen will. Das war zwar auch beim ersten Programm so, allerdings hatte EZB-Chef Draghi zuletzt angedeutet, man könnte bei künftigen Aktionen womöglich darauf verzichten.

Kritiker fürchten, dass eine Erhöhung der Geldmenge langfristig zu steigender Inflation führen könnte. Zudem werfen sie der EZB vor, mit dem Programm indirekt Staatsfinanzierung zu betreiben, die der Notenbank verboten ist. Um diesen Vorwurf abzuschwächen, will die Notenbank laut Bloomberg nur Anleihen mit kurzen Laufzeiten von ein bis drei Jahren aufkaufen.

Wie Reuters berichtet, wolle die EZB zudem ihren bevorzugten Gläubigerstatus bei Anleihekäufen aufgeben. Dies sei laut Notenbankern in der Beschlussvorlage zur Vorbereitung der Sitzung erwähnt, werde im EZB-Rat aber noch einmal diskutiert.

Bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr hatte die Notenbank die eigentlich notwendigen Abschreibungen auf die von ihr gehaltene Anleihen des Landes mit einem juristischen Trick vermieden. Seitdem war das Vertrauen privater Investoren in den Anleihenmarkt noch weiter gesunken.

An den Finanzmärkten wurde die Nachricht vom möglichen neuen EZB-Programm am Mittwoch positiv aufgenommen. Der Aktienindex Dax stieg leicht um 0,5 Prozent auf 6964 Punkte. "Das wäre eine gute Ankündigung", sagte Volkswirt Rainer Sartoris von der Bank HSBC Trinkaus. "Wenn die EZB ein Zeichen setzt, dass sie aggressiv in den Markt hineingehen wird, hätte das einen stabilisierenden Effekt." Der gleichzeitige Abzug von Geld aus dem Kreislauf habe für ihn nur einen symbolischen Charakter.

Mit den Anleihenkäufen will die EZB die Zinsen für italienische und spanische Staatsanleihen drücken. Das ist laut Experten auch dringend notwendig. Die Industrieländergruppe OECD etwa drängt die EZB zu einem Hilfseinsatz. OECD-Chef Angel Gurria verlangte am Mittwoch Unterstützung für Länder, die in Schwierigkeiten geraten sind. Ein Rettungsprogramm, das die EZB zur Bedingung für Anleihenkäufe macht, sei durchaus "eine Option" für Spanien, sagte Gurria im spanischen Rundfunk.

stk/dpa-AFX/Reuters

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1.
kimba2010 05.09.2012
Zitat von sysopKauft die Europäische Zentralbank bald unbegrenzt Anleihen europäischer Krisenstaaten? Laut Nachrichtenagentur Bloomberg könnte sich der EZB-Rat am Donnerstag auf ein solches Programm einigen. Zugleich soll die Inflationsgefahr gedämpft werden. EZB könnte unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,854126,00.html)
Das widerspricht sich ja, oder nicht? Wer unbegrenzt Anleihen kauft, muss das ja mit neuen Schulden machen, also neues Geld drucken.
2.
fortion 05.09.2012
Zitat von sysopKauft die Europäische Zentralbank bald unbegrenzt Anleihen europäischer Krisenstaaten? Laut Nachrichtenagentur Bloomberg könnte sich der EZB-Rat am Donnerstag auf ein solches Programm einigen. Zugleich soll die Inflationsgefahr gedämpft werden. EZB könnte unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,854126,00.html)
Hasta la vista Wohlstand, Sicherheit und Freiheit.
3. "..an anderer Stelle wieder aus dem Finanzkreislauf abziehen will."
spiekr 05.09.2012
das sind gleich 2 Fehler: 1. Die entzogene Liquidität fehlt der Realwirtschaft 2. Die aufgekauften Staatsanleihen verlieren ständig an Wert bis zum Totalausfall zu Lasten der Steuerzahler. Man stelle sich vor, die EZB besäße morgen alle griechischen Staatsanleihen und Griechenland hätte weniger Zinslast und auch sonst keinen Rückzahlungsstress. Was würde sich dadurch an der Exportfähigkeit dieses Landes ändern?
4. ...na dann
universaldillettant 05.09.2012
ist es egal was das Bundesverfassungsgericht am 12. 9 entscheidet. ESM oder nicht wir stehen vor einem fait accompli (vollendete Tatsachen).
5.
hxk 05.09.2012
Zitat von fortionHasta la vista Wohlstand, Sicherheit und Freiheit.
Das kann 5 bis 10 Jahre gut gehen, dann platz die Blase und mit ihr die ganze EU.
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