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Debatte um Mini-Zinsen der EZB: Draghi, der Sparerschreck 

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EZB-Präsident Draghi: "Um Gottes willen, dieser Italiener zerstört Deutschland" Zur Großansicht
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EZB-Präsident Draghi: "Um Gottes willen, dieser Italiener zerstört Deutschland"

Manche nennen es Enteignung: Auch 2014 müssen sich viele deutsche Sparer mit Mini-Zinsen unterhalb der Inflationsrate begnügen. Schuld daran ist aus ihrer Sicht die Europäische Zentralbank. Deren Chef Mario Draghi wehrt sich - was taugen seine Argumente?

Hamburg - Wenn es gegen die EZB geht, sind sich die Deutschen weitgehend einig: Die von Südeuropäern dominierte Notenbank huldigt der Inflation, rettet unerlaubterweise die Schuldenstaaten und straft die redlichen Sparer mit kaum messbaren Micker-Zinsen. EZB-Präsident Mario Draghi hat diese weitverbreitete Haltung im SPIEGEL-Gespräch schön zusammengefasst: "Um Gottes willen, dieser Italiener zerstört Deutschland."

Draghi will die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Er spricht von der "perversen Angst" der Deutschen, die immer das Schlechteste erwarteten. Selbst die Niedrigzinsen für Sparer will sich der Notenbankchef nicht ankreiden lassen.

"Das ist nicht die Schuld der EZB", sagte er im SPIEGEL-Gespräch. Die EZB könne nur die kurzfristigen Zinsen kontrollieren - auf die langfristigen, für die meisten Sparer relevanten Zinsen am Finanzmarkt, habe sie kaum Einfluss. Die seien in Deutschland nur deshalb so niedrig, weil das Land in der Euro-Krise als sicherer Hafen für Anleger gilt - und der Geldfluss aus dem Ausland nun mal die Zinsen im Inland drücke.

Ist Europas oberster Währungshüter also tatsächlich unschuldig an den Mini-Zinsen, die deutsche Sparer quälen? Oder versucht Draghi, die Verantwortung abzuwälzen?

Das spricht für Draghis These:

Richtig ist, dass die Europäische Zentralbank nur den Zinssatz vorgibt, zu dem sich Geschäftsbanken aus der ganzen Euro-Zone bei ihr Geld leihen können. In der Regel sind diese Kredite kurzfristige Geschäfte, meist für eine Woche. Der Satz liegt mittlerweile bei 0,25 Prozent - so niedrig wie nie zuvor. Die Sparzinsen passen sich entsprechend an, das heißt: sie sinken.

Dieser Effekt greift allerdings vor allem bei kurzen Zeiträumen, etwa bei Tagesgeldkonten. Hier hat die Niedrigzinspolitik der EZB zweifellos den größten Einfluss. Die langfristigen Zinsen sind dagegen schwerer zu kontrollieren. Sie hängen stark von anderen Faktoren ab, zum Beispiel von den Zukunftserwartungen der Investoren.

Richtig ist auch, dass die Zinsen für deutsche Sparer im europäischen Vergleich derzeit besonders niedrig sind. Wer sein Geld für zwei Jahre bei einer deutschen Bank festlegt, bekommt oft nur ein halbes Prozent. Auch fünfjährige Bundesanleihen werfen nur rund ein Prozent ab. Die Inflationsrate lag zuletzt aber bei 1,3 Prozent. Real verlieren die Anleger also Geld.

In anderen Ländern ist die Lage für Sparer längst nicht so dramatisch. In Italien oder Spanien etwa bieten die Banken für zweijährige Festgeldanlagen noch immer bis zu zwei Prozent Zinsen. Zehnjährige Staatsanleihen dieser Länder bringen Renditen von rund vier Prozent, doppelt so viel wie Bundesanleihen mit derselben Laufzeit.

Diese Diskrepanz ist zum einen damit zu erklären, dass viele Banken in Südeuropa das Geld der Sparer derzeit dringender brauchen als etwa deutsche Banken. Zum anderen vertrauen die Investoren eher darauf, dass der deutsche Staat seine Schulden zurückzahlt, als der italienische oder spanische. Viele Anleger haben ihr Geld nach Deutschland verschoben, weil sie Sicherheit suchen - und das drückt die Zinsen. Genau das hat Draghi angesprochen.

Der Effekt ist nicht neu, der Zinsabstand bei den Staatsanleihen war sogar schon einmal deutlich größer. Vor einem Jahr etwa brachten zehnjährige Bundesanleihen gerade mal 1,5 Prozent Rendite, Spanien musste für seine Staatspapiere mehr als fünf Prozent zahlen.

Dass die deutschen und die spanischen Renditen sich in den vergangenen zwölf Monaten angenähert haben, stützt Draghis These. Am Leitzins der EZB kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass die Bundesanleihen heute höhere Renditen abwerfen. Den Satz hat die Notenbank in diesem Zeitraum nämlich sogar gesenkt.

Die Entwicklung muss also andere Gründe haben. Die naheliegende Erklärung: Die zwischenzeitliche Beruhigung in der Euro-Krise hat die Geldströme in Europa wieder etwas umgelenkt, raus aus Deutschland, zurück in die Krisenländer. "Wenn die Politik es schafft, die Krise zu lösen, werden sich auch die langfristigen Zinsen in Europa wieder angleichen", sagt Joachim Scheide, Leiter des Prognose-Zentrums im Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW).

Das spricht gegen Draghis These:

Tut der deutsche Sparer-Stammtisch Draghi also tatsächlich Unrecht an? Nur bedingt, denn auch der Italiener macht es sich zu einfach. Die Behauptung, die EZB habe keinen Einfluss auf die langfristigen Zinsen, ist nicht ganz richtig. Tatsächlich hat die Notenbank in den vergangenen Jahren sogar ganz bewusst versucht, die Zinsen auf Staatsanleihen der Krisenländer zu drücken - und zwar mit großem Erfolg.

Im September 2012 kündigte Draghi persönlich ein unbegrenztes Programm zum Aufkauf von Staatspapiere gefährdeter Länder an. Schon seine bloßen Worte reichten aus, um die Renditen spanischer, italienischer und anderer Anleihen sinken zu lassen. "Die Ankündigung des Anleihekaufprogramms hat die Zinsen europaweit gedämpft", sagt IfW-Experte Scheide.

Weil die langfristigen Zinsen vor allem von den Erwartungen der Investoren abhängen, können Notenbanken diese langfristige Zinsentwicklung auch mit Vorhersagen beeinflussen. Genau das versucht die EZB. Seit etwa einem halben Jahr betont Draghi bei jeder Pressekonferenz, dass die Zinsen noch über einen sehr langen Zeitraum niedrig bleiben werden - ähnlich machen es seine Kollegen in den USA. Der Zweck der Übung ist klar: Die Investoren sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, dass die Zinsen bald wieder steigen könnten.

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insgesamt 94 Beiträge
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1. haha
hanfiey 03.01.2014
Das Geld was die EZB "gedruckt" hat drückt also die Zinsen und Draghi weiß von nix?
2. us zinsen steigen
klaus.mueller 03.01.2014
nur sind die Zinsen der 10jährigen in US seit Mai massiv gestiegen wenn auch nominal immer noch schmal. EZB und FED haben überhaupt keinen echten Hebel für die langfristigen Zinsen. Das Einzige was sie wirklich können ist die Zinsen der Liquiditätsähnlichen Tagesgeldkonten nahe Null zu drücken. Die langfristigen Zinsen werden weiter steigen und genau davor haben die Jungs Angst und versuchen es mit allerlei Psychotriciks oder gar Halbwahrheiten
3. optional
DocMoriarty 03.01.2014
Draghi tut das aus Sicht der 99% einzig richtige. Weiter so. Durch das Aufkaufen der Staatsanleihen werden diese Länder direkt von der EZB finanziert, nicht über den Umweg über Banken, was deren Zinslast und damit die Gefahr eines neuen Auflebens der Eurokrise dramatisch senkt. Und das komplett ohne daß der Steuerzahler dafür einstehen muß. Da ist der Nachteil niedrigerer Zinsen auf Sparguthaben komplett irrelevant, weil die paar Kröten Unterschied bei der Masse der Kleinsparer null Unterschied machen. Das stört bestenfalls größere Anleger und Versicherungen, was mir aber am Allerwertesten vorbeigeht.
4. Schwachsinn a LA Draghi
freiemeinungbo 03.01.2014
Die Banken brauchen kein Geld der Anleger und Zahlen daher auch nichts. Es dauert nicht mehr lange dann werden die Banken sogar Geld verlangen für die Anlage von den Anlegern! Immerhin kostet die Verwaltung. Und was machen die Banken mit dem kostenlosen Geld? Genau. Sie geben vollkommen überteuerte Kredite aus und gehen vor allem an den Märkten Zocken! Die Banken können zum Nulltarif aufnehmen und billiger ihr EK aufstocken. Und wer bezahlt es? Genau. Die Anleger der Staaten die ohnehin schon über dem Rettungsschirm bezahlten. Also doppelt.
5.
genlok 03.01.2014
Wer ist den heute noch Sparer, und wer behauptet dass ein Sparer sein Geld auf Sparkonten vermehren muss? Vielleicht ist eine Geldpolitik die eher die nicht sparenden die nichts haben bevorzugt, sozialer.
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