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Auswertung von Terminkalendern: EZB-Spitzenkräfte trafen Finanzmanager vor wichtigen Beschlüssen

Vier Direktoriumsmitglieder der Europäischen Zentralbank haben sich laut "Financial Times" vor wichtigen Entscheidungen mit Vertretern der Finanzbranche getroffen. Wie heikel solche Gesprächsrunden sind, zeigt ein Fall aus dem Mai.

EZB-Gebäude inmitten der Bankenskyline von Frankfurt: Man kennt sich Zur Großansicht
DPA

EZB-Gebäude inmitten der Bankenskyline von Frankfurt: Man kennt sich

Für die Europäische Zentralbank war der Vorfall mehr als peinlich: Im Mai hatte sich EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré mit Vertretern von Hedgefonds und großen Banken wie Goldman Sachs und Citi zu einem Abendessen getroffen. Bei dieser Gelegenheit kündigte er an, dass die EZB einen Teil ihrer milliardenschweren Wertpapierkäufe vorziehen werde. Coeurés Rede veröffentlichte die EZB erst am nächsten Morgen. Doch schon während der Veranstaltung fiel der Eurokurs zum Dollar deutlich. Eine kleine Schar von Finanzmarktakteuren hatte einen zeitlichen Vorsprung vor allen anderen Marktteilnehmern bekommen.

Die EZB hatte einen "internen Prozessfehler" für die verspätete Veröffentlichung der Rede verantwortlich gemacht und als Reaktion Vorabinformationen für Journalisten abgeschafft.

Die Treffen mit Top-Entscheidern aus der Finanzbranche aber gibt es immer noch, wie die "Financial Times" berichtet (Artikel ist kostenpflichtig). Die Zeitung hat Einsicht in die Terminkalender der Mitglieder des EZB-Direktoriums verlangt. Im Zuge ihrer Recherche hat die "FT" laut ihrem Bericht mehrere Treffen von EZB-Führungsleuten mit Bankern und Hedgefonds-Managern vor wichtigen Terminen entdeckt.

Demnach trafen sich die Direktoriumsmitglieder Benoît Coeuré und Yves Mersch im September vergangenen Jahres mit Vertretern der Schweizer Großbank UBS Chart zeigen - einen Tag bevor der EZB-Rat als oberstes Beschlussorgan zu wichtigen Sitzungen zusammenkam.

EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré: Viele Treffen Zur Großansicht
REUTERS

EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré: Viele Treffen

Am 4. September 2014 traf Coeuré dann noch mit Vertretern der Großbank BNP Paribas zusammen - an diesem Tag verkündete die EZB überraschend, dass sie den Leitzins auf das Rekordtief von 0,05 Prozent senkt.

Am 5. März 2015 verkündete die EZB dann, dass sie am 9. März ihr Kaufprogramm für Staatsanleihen starten werde. Coeuré wiederum hatte laut "FT" Manager des Vermögensverwalters Black Rock getroffen - einen Tag bevor sich die Notenbanker trafen, um über die Details des Anleiheprogramms zu sprechen.

Dass ausgerechnet Coeuré so oft genannt wird, dürfte damit zusammenhängen, dass er im Direktorium für die Umsetzung der Geldpolitik an den Märkten zuständig ist.

Die Zeitung nennt noch ein weiteres Treffen von Notenbankern mit Finanzmanagern in diesem Jahr. Demnach trafen sich EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio und EZB-Chefvolkswirt Peter Praet am 23. Juni mit Vertretern des Hedgefonds Algebris. Das Heikle daran: Im Sommer 2015 konferierte der EZB-Rat täglich, um über Nothilfen für griechische Banken zu entscheiden. Die "FT" nennt weitere Termine von Praet mit Vertretern der BNP Paribas Chart zeigen und der Fondsgesellschaft Pimco.

EZB hält Treffen mit Finanzmanagern für enorm wichtig

Weder die EZB-Direktoriumsmitglieder noch die genannten Finanzunternehmen wollten sich laut "FT" zu dem Bericht äußern. Die Zeitung betont, es gebe keine Hinweise darauf, dass bei den Treffen EZB-Regeln gebrochen worden oder marktrelevante Informationen weitergegeben worden seien.

Ein EZB-Sprecher sagte, regelmäßige Treffen der EZB-Mitglieder mit Marktteilnehmern seien wichtig, um die Entscheidungen der Notenbank zu erklären. Es sei auch wichtig, die Finanzmärkte zu verstehen, denn dort würden Entscheidungen der EZB in die Realwirtschaft übertragen.

Die EZB-Regeln untersagen es den Top-Entscheidern der Notenbank, in der Woche vor wichtigen, lang angesetzten Sitzungen öffentlich über Finanzthemen zu sprechen. Auch in kleiner Runde dürften die Notenbanker nicht über marktrelevante Themen sprechen, betonte ein EZB-Sprecher.

Bald werden EZB-Chef Draghis Termine öffentlich

Vor wenigen Tagen hatte die Zentralbank angekündigt, sie werde ab Februar 2016 die Terminkalender ihrer Direktoriumsmitglieder veröffentlichen - also auch die von EZB-Chef Mario Draghi. Damit solle Transparenz gewährleistet werden. Die Kalender sollen rückblickend auf die drei vergangenen Monate veröffentlicht werden. Im Februar können dann also Termine ab November 2015 eingesehen werden. Künftige Termine der EZB-Banker bleiben unter Verschluss.

Die "FT" verwies auf Regeln der Bank of England. Demnach dürfen sich die Entscheidungsträger der britischen Notenbanker eine Woche vor wichtigen Beschlüssen nicht gegenüber Journalisten äußern und auch nicht mit anderen außenstehenden Interessengruppen über finanzpolitische Entscheidungen sprechen. Details über private Treffen von Führungskräften der Bank of England mit Personen aus der Finanzbranche veröffentliche die Notenbank aber nicht, hieß es.

mmq

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insgesamt 53 Beiträge
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1.
marthaimschnee 03.11.2015
Früher gab es mal Insiderhandel und Korruption und das gehörte zu den schwersten Straftaten. Gibt es heute auch noch, nur heute ist es systemrelevant.
2. Ein Treffen hier, ein Gefallen da
tutnet 03.11.2015
Der Korruption ist Tür und Tor geöffnet. Und sollte wirklich mal ein EZB-Manager seinen Job verlieren, findet er bestimmt einen besser bezahlten bei seinen alten Freunden.
3. glaubt hier wirklich noch einer
allradfamulus 03.11.2015
dass auch nur irgendetwas aus versehen passiert? Die großen Player wie GS haben Millionen investiert um die EZB und andere Bereiche zu infiltrieren und mit eigenen Leuten zu übernehmen, dazu die Lobbyarbeit. Da kann man jawohl erwarten, dass man Insider Infos bekommt, oder noch besser man die Entscheidungen für die EZB gleich selber trifft!!!! Aber was will man sich aufregen, das ist doch politisch alles so gewollt und unterstützt. Wie war das noch mit der Krähe ? Und man könnte garantiert den Bericht über die EZB durch andere ersetzen. z.B. Agrarwirtschaft und Monsanto usw.
4. mal wieder...
Motorkopf 03.11.2015
Ich möchte gerne wissen, wie viele Beweise es noch bedarf, um zu merken, dass wir nicht in einer Demokratie leben??? Hierzulande lästert man möglichst öffentlichkeitswirksam über die Oligarchien des Ostens - aber selber leben wir in ähnlichen Scheinrepubliken die von Finanz- und Industriebonzen geführt werden! Mal wieder ein Exempel, wie wenig es nutzt zu wählen. Es kommt immer so, wie es unsere Machthaber für richtig halten...und damit meine ich nicht diese Handpuppen im Reichstag, die von so ziemlich nichts mehr eine Ahnung, geschweige denn einen Plan haben.
5. .
karend 03.11.2015
Nichts überrascht mich mehr. So weit ist es schon. Wer glaubt, alles laufe noch mit rechten Dingen zu, ist nicht von dieser Welt. So oder so, einstehen müssen die, die für andere bürgen. Und das ist - der Dank gilt den Volksvertretern und den Wählern - u.a. Deutschland. Herr Sinna auf Focus: "Mit Steuergeldern ist die Krise nicht mehr zu lösen. Es geht ans Ersparte."
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Die Europäische Zentralbank
EZB
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die gemeinsame Währungsbehörde der Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion und bildet mit den nationalen Zentralbanken der EU-Staaten das Europäische System der Zentralbanken .
Europäischer Leitzins
Der von der Europäischen Zentralbank vorgegebene Leitzins legt fest, zu welchen Bedingungen sich Kreditinstitute Geld beschaffen und verleihen können.
Expansive Geldpolitik
Durch expansive Geldpolitik wird die verfügbare Geldmenge bei den Geschäftsbanken erhöht, um dadurch die Konjunktur anzukurbeln.
Geldwertstabilität
Ein Hauptziel der EZB ist die Geldwertstabilität , die vor allem mit Hilfe der Geldpolitik erreicht werden soll.

Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.


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