Milliardenprogramm der EZB Draghi verspricht zu viel

Am Montag startet die EZB ihr Mega-Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen. Damit stemmt sie sich gegen eine Deflation, also fallende Preise. Doch Zweifel sind erlaubt: Die Notenbanker laufen Gefahr, sich zu übernehmen.

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EZB-Präsident Draghi: Europas oberster Notenbanker will wieder eine Inflation Richtung zwei Prozent erreichen
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EZB-Präsident Draghi: Europas oberster Notenbanker will wieder eine Inflation Richtung zwei Prozent erreichen


Jetzt geht's los. Mario Draghis lang vorbereitete Aktion Anleihenkauf beginnt: Ab Montag ist die Europäische Zentralbank (EZB) an den Finanzmärkten aktiv, um Schuldtitel im Wert von 60 Milliarden Euro monatlich zu erstehen.

Mindestens bis Ende September 2016 soll das so weitergehen. Insgesamt wird die EZB dann mehr als eine Billion Euro ausgegeben haben. Der größte Teil dieser Gelder, rund 230 Milliarden Euro, dürfte auf deutsche Bundesanleihen entfallen. Dabei sind die Renditen schon jetzt extrem niedrig. Der Eurokurs hat massiv nachgegeben, das nützt insbesondere deutschen Exporteuren.

Warum also das Ganze? Die Gefahr besteht, dass sich die EZB mit diesem Programm übernimmt. Um nicht missverstanden zu werden: Mir geht es nicht darum, ob die EZB den vertraglich fixierten Auftrag der Notenbank überdehnt oder ob sie besser die Finger von Anleihen hochverschuldeter Staaten wie Portugal oder Italien lassen sollte. Außergewöhnliche Zeiten mögen ungewöhnliche Schritte rechtfertigen. Ich frage mich vielmehr, ob die EZB liefern kann, was Draghi verspricht - und das ist sehr viel. Und ob nicht dabei am Ende bloß ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Finanzmärkten herauskommt, das am Ende zum nächsten Crash führt.

Klingt simpel? Ist es aber nicht!

Draghis Versprechen lautet: Die EZB wird dafür sorgen, dass die Inflationsrate mittelfristig wieder auf knapp unter zwei Prozent steigt. Punkt. So hat er es vorigen Mittwoch noch mal im EU-Parlament erklärt: Das Aufkaufprogramm werde "auf jeden Fall" so lange andauern, bis eine "nachhaltige Anpassung" der Inflation an das Zwei-Prozent-Ziel erreicht sei.

Das mag simpel klingen, aber das ist es nicht. Derzeit gibt es im Euroraum deflationäre Tendenzen: Im Januar sanken die Verbraucherpreise um 0,6 Prozent im Jahresvergleich. Das billige Öl spielt dabei eine Rolle. Aber selbst wenn man Energie und Nahrungsmittel herausrechnet, liegt die gemessene Inflationsrate doch nur bei 0,5 Prozent - weit unterhalb der Zwei-Prozent-Marke.

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Erklär-Comic: Warum die EZB massenhaft Staatsanleihen kauft
Es stimmt schon: Niedrige oder sogar negative Inflationsraten sind problematisch, insbesondere weil die privaten und staatlichen Schulden im Euro-Raum so hoch sind; bei sinkenden Preisniveaus steigt der reale Wert der Verbindlichkeit immer weiter. Deshalb tritt die EZB nun aufs Gas.

Aber bringt das was? Ja, sagen die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte. Wenn die Notenbank Geld in die Wirtschaft drückte, stieg letztlich die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, so dass irgendwann auch deren Preise anzogen. Die Notenbank konnte am Ende die von ihr angepeilte Inflationsrate liefern. Entsprechend argumentiert Draghi: "Unsere Maßnahmen werden die wirtschaftlichen Aktivitäten unterstützen", so werde man eine "nachhaltige Rückkehr der Inflation" Richtung zwei Prozent erreichen, sagte er im EU-Parlament.

Ob diese Logik noch gilt, ist zweifelhaft. Überall in der westlichen Welt pumpen die Notenbanken Billionen in die Märkte. Aber die Inflationsraten fallen, vielerorts herrscht inzwischen Deflation.

Die Wirtschaft schrammt an der Nulllinie entlang

Prominentes Beispiel: die USA. Die Fed hat in den vergangenen Jahren eine Pionierrolle in Sachen quantitative easing gespielt. Rund viereinhalb Billionen Dollar Extra-Cash brachte sie unter die Anleger. Die Inflationsnorm von zwei Prozent hat sie dennoch nicht nachhaltig erreicht: Am Donnerstag dieser Woche meldeten die Washingtoner Statistiker sogar ein leichtes Sinken des Preisniveaus; selbst ohne Öl liegt die Inflationsrate bei nur anderthalb Prozent. Ganz ähnlich ergeht es Großbritannien (Inflationsrate im Januar: 0,3 Prozent), der Schweiz (-0,5 Prozent) oder Schweden (-0,2 Prozent).

Überall das gleiche Bild: Trotz Hyperaktivität der Notenbanken schrammt die Wirtschaft an der Inflationsnulllinie entlang oder unterschreitet sie sogar. Daraus zu schließen, jetzt müsse noch mehr Bares verteilt werden, ist nicht unbedingt einleuchtend.

Denn die Notenbanken sind mit deflationären Faktoren konfrontiert, die sie weder mit Geld noch mit guten Worten beeinflussen können:

  • Überkapazitäten: Die Güterpreise fallen, weil die weltweiten Produktionsmöglichkeiten durch die Globalisierung (China!) im vorigen Jahrzehnt extrem ausgeweitet worden sind.
  • Digitalisierung: Immer mehr Produkte wechseln aus der physischen Sphäre in die virtuelle. Meist ist ein massiver Preisverfall die Folge.
  • Schuldenüberhang: Der Boom der Nullerjahre hat überall auf der Welt Schulden in Rekordhöhe hinterlassen, die jetzt die finanziellen Spielräume der Bürger, Firmen und Staaten einengen. In einem solchen Umfeld zusätzliche Investitionen und Konsumausgaben mit einer superexpansiven Geldpolitik herauszukitzeln, ist schwierig, womöglich sogar falsch: Wer hohe Schulden hat, braucht nicht unbedingt noch weitere Kredite. Solange sich Regierungen und Banken um einen geordneten Schuldenabbau - mittels Insolvenzen und Abschreibungen - herumdrücken, wird sich an dieser Lage wenig ändern.

Die EZB übernimmt also letztlich Verantwortung für etwas, das sie nicht selbst beeinflussen kann. Wenn sie scheitert, bekommt sie die Schuld zugeschoben. Dazu kommt ein weiteres Risiko: Die EZB gewöhnt die Finanzmärkte an immer weiter steigende Dosen von Aufputschmitteln.

Anleger und Zocker preisen die nächsten Injektionen längst ein. Diese Woche hat die Bundesrepublik erstmals fünfjährige Staatsanleihen zu negativem Zins verkauft. Das ergibt nur Sinn, wenn Investoren erwarten, dass die Kurse dieser Anleihen noch höher steigen und so am Ende doch noch eine positive Rendite herausspringt.

Ergo: Die Anleiheblase wird immer größer - muss immer größer werden. Sobald sich ein Ausstieg der EZB aus dem Aufkaufprogramm ankündigt, droht die Blase zu platzen. Mit verheerenden Kollateralschäden.

Die EZB läuft Gefahr, zur Gefangenen ihrer eigenen Strategie zu werden. Letztlich können nur die Regierungen die Euro-Wirtschaft vor Deflation schützen. Aber die haben ja alle Hände voll damit zu tun, wieder mal eine kurzatmige Lösung für Griechenland zu finden.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Berlin - Versuch einer Offensive - Die Europäische Investitionsbank (EIB) versucht, "Impulse für Europa" zu setzen. Mit dabei: Werner Hoyer (EIB), Jean-Claude Juncker (EU-Kommission), Angela Merkel (Deutschland).

Luxemburg - Wider die Kreativität - Der Europäische Gerichtshof (EuGH) entscheidet, inwieweit Konzerne Verluste von einem Land ins andere transferieren können.

DONNERSTAG

Nikosia - Neues von Draghi - Der EZB-Rat tagt ausnahmsweise außerhalb Frankfurts, diesmal auf Zypern. EZB-Chef Draghi berichtet vom Verlauf der Sitzung in einer Pressekonferenz.

FREITAG

Riga - Tür an Tür mit Putin - An der Russland-Nato-Grenze treffen sich die EU-Außenminister. Auch ein Symbol in aufgeregten Zeiten.

SAMSTAG

Riad - Preisbrecher - Sigmar Gabriel besucht Saudi-Arabien, den maßgeblichen Inspirator des derzeitigen Ölpreisverfalls. Und reist dann in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Katar weiter.

SONNTAG

Tokio - Unter- statt aufgehende Sonne - Bundeskanzlerin Merkel reist nach Japan, wo sie besichtigen kann, was passiert, wenn eine Finanzkrise nahtlos in eine demografische Krise übergeht. Was das mit uns zu tun hat, lesen Sie hier.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
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kimmberlie67 01.03.2015
1. Fallende Preise hat das Orakel von Delvi
auch für Old Germany voraus gesagt. Und nun steigen die Preise in riesen Schritten. Also Herr Draghi Füße still halten. Aber es ist ja nicht ihr Geld was sie versenken.
carranza 01.03.2015
2. Fallende Preise?
Die wären begrüßenswert in Zeiten, wo der Nettowert von Löhnen und Gehältern schon seit Jahren fällt. Und der Euro fällt ebenfalls mal wieder im Vergleich zum Dollar und zum Schweizer Franken. Da wären fallende Preise doch mal ein willkommener Ausgleich für den Verbraucher, oder etwa nicht?
hansaeuropa 01.03.2015
3. lohnstückkosten
der entscheidende punkt wird aber nach wie vor von Zentralbanken, Politik und Presse nicht gesehen: die gesamtwirtschaftlichen lohnstückkosten sind entscheidend für die Entwicklung des Preisniveaus
marthaimschnee 01.03.2015
4.
Draghis Konzept hat einen grundlegenden Fehler: während bei all den anderen Krisen bisher die Kredite einfach zu teuer waren, und man der Wirtschaft so mit der Flutung von Geld durch ein Senken der Zinssätze entgegenkommen konnte, geht das hier einfach nicht mehr, die Zinssätze sind am Ende angekommen. Man kann also sagen, dort wo vorher das Angebot zu schlecht war, fehlt heute ganz einfach die Nachfrage. Und das läßt sich nicht kurzfristig lösen, sondern nur, indem man langsfristig eine Perspektive schafft, in die es sich zu investieren lohnt. Dummerweise regiert in Europa die - eben deswegen längst gescheiterte - Ideologie, daß die Nachfrageseite irrelevant wäre. Fail! EPIC FAIL, wie es so schön heißt.
hubertrudnick1 01.03.2015
5. Sofort stoppen
Kann man so einen Spieler denn nicht stoppen, darf ein Mann/Hasardeur über unsere Steuern verfügen? In was für einer Demokratie leben wir eigentlich, dass solche Leute so viel Macht bekommen können? Werden wir in Europa schon total von der Finanzmafia regiert, warum wehrt sich keiner dagegen, warum ducken sich alle Politiker so einfach da weg, geht ihnen das schon alles nichts mehr an?
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