Historische Leitzins-Senkung Sonderbonus für die Banken

Nicht mal mehr ein Prozent: Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf ein historisches Tief gesenkt. Der Konjunktur in den Krisenländern dürfte das kaum helfen, und auch bei den Unternehmen in Deutschland wächst die Angst vor den Krisenfolgen. Profitieren werden andere - die Banken.

Euro-Symbol vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Leitzins ist niedrig wie nie
dapd

Euro-Symbol vor der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Leitzins ist niedrig wie nie

Von und Ann-Kristin Mennen


Hamburg - Wenn sich eine Krise nach Deutschland einschleicht, dann merken es die Stahlkocher bei ThyssenKrupp zuerst. Zur Zeit gibt es diese Abschwungssignale wieder: Aufträge bleiben aus, die Produktion wird gedrosselt. ThyssenKrupp spricht bereits mit dem Betriebsrat über Kurzarbeit. "Als Früh-Zykliker spüren wir die Abschwächung traditionell als Erste", heißt es im Konzern. Auf dem Weltmarkt gibt es ein Überangebot an Stahl und wichtige Kunden aus der Fahrzeug- und Maschinenbauindustrie bestellen weniger.

Noch sind die Wachstumszahlen und der Arbeitsmarkt in Deutschland stabil, doch die Exportaufträge gehen zurück. In der Wirtschaft wächst die Sorge, dass die Euro-Krise auch die Bundesrepublik erfasst. "Wenn Unsicherheiten über die künftige Entwicklung da sind, dann werden Investitionen erst einmal angehalten oder verschoben. Diese Phase hat begonnen", sagte Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser der "Welt". "Früher oder später werden wir die Krise umso stärker spüren. Der Zeitpunkt rückt näher."

Auch die Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB) sehen angesichts der Euro-Krise wieder Handlungsbedarf. Erstmals seit Einführung des Euro 1999 senkte die Notenbank den Leitzins unter ein Prozent. Die Währungshüter verringerten den wichtigsten Zins von 1,0 auf 0,75 Prozent. Damit wird Geld für die Banken im Euro-Raum noch billiger.

"Die Zinssenkung entlastet die Banken in den Südländern"

Doch kann die Maßnahme der Notenbanker die deutsche Wirtschaft stützen und die Konjunktur in den Krisenländern ankurbeln? Experten sind skeptisch. "Ich sehe die Zinssenkung eher als Bankensubventionsprogramm. Man kauft Zeit und entlastet Institute - in der Hoffnung, dass sich einige noch gesundstoßen", sagt der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen. Besonders Krisenbanken haben die Möglichkeit genutzt, sich auf lange Dauer unbegrenzt Geld bei der Zentralbank zu leihen. Der Zinssatz dafür richtet sich nach dem aktuellen Leitzins. Wenn dieser sinkt, müssen auch die Banken weniger Zinsen an die EZB zahlen.

"Eine Zinssenkung hilft den Südländern, weil sie die Banken dort entlastet", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Besonders heikel ist die Lage in Spanien. Infolge der Immobilienkrise sitzen dort viele Institute auf faulen Krediten. Weil sie die Verluste nicht mehr durch Eigenkapital ausgleichen können, droht einigen Banken die Pleite. "Viele Haushalte in Spanien haben ihre Zinszahlungen an den Geldmarktzins gekoppelt. Wenn nun der Leitzins sinkt, können vielleicht einige Haushalte mehr ihre Kredite bedienen. Das wiederum hilft dann den Banken", sagt Schmieding.

Die fundamentalen Kapitalprobleme der Banken kann die EZB mit dem billigen Geld nicht lösen. Es geht wohl eher um das Signal: Wir stützen euch. Dementsprechend verhalten war die Reaktion der Anleger. Der Dax Chart zeigen zog kaum an.

Die EZB kann die Wirtschaft kaum noch steuern

Denn angesichts der desolaten Lage in den Krisenländern hat die Notenbank kaum noch Möglichkeiten, die Wirtschaftsentwicklung dort zu steuern. Infolge eines sinkenden Leitzinses bekommen eigentlich auch Unternehmen günstigere Kredite und werden zu Investitionen animiert. Doch dieser Mechanismus greift in der Krise nicht mehr.

"Ich glaube nicht, dass eine Zinssenkung einen großen Effekt auf die Wirtschaft in den südeuropäischen Krisenländern haben wird", sagt Ifo-Experte Carstensen. "Eine sanierungsbedürftige Bank in Spanien wird nur deshalb nicht mitten in der Rezession neue Kredite an Firmen vergeben."

Um die Wirtschaft in den Krisenländern anzukurbeln, fehle es an Vertrauen, sagt Berenberg-Chefvolkswirt Schmieding. "Derzeit ist der Wirkungskanal der Geldpolitik verstopft."

Somit dürfte auch die deutsche Wirtschaft kaum vom EZB-Entscheid profitieren. "Mit Blick auf Deutschland ist eine Zinssenkung absolut nicht notwendig", sagt Carstensen. Denn noch läuft die Konjunktur. Das Forschungsinstitut Kiel Economics rechnet für das laufende Jahr sogar mit einem Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt von zwei Prozent. Die starke Binnenkonjunktur, etwa beim Wohnungsbau, treibe das Wachstum, erklärt Carsten-Patrick Meier die optimistische Vorhersage.

Doch in Sicherheit wiegen darf sich die deutsche Wirtschaft nicht. Mehrere Forschungsinstitute haben ihre Prognose für das kommende Jahr gekappt. Kiel Economics rechnet für 2013 noch mit einer Wachstumsrate von einem Prozent - im Dezember hatten die Forscher noch 2,2 Prozent veranschlagt. "Deutschland wird sich der Euro-Krise nicht auf Dauer entziehen können", sagt Meier.

Ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone würde Deutschland hart treffen

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte die Bundesrepublik vor einem massiven Einbruch. Denn das deutsche Wirtschaftswachstum ist stark von Exporten abhängig. "Eine Verschärfung der Rezession in Europa und eine deutlich nachlassende Wachstumsdynamik in Südostasien würden Deutschland hart treffen", sagt Experte Carstensen.

Entscheidend für die deutsche Konjunktur sind zwei Aspekte:

  • Welche Weichen werden in der Euro-Krise gestellt, und wie schnell werden die Krisenländer stabilisiert?
  • Bleibt die Nachfrage aus wichtigen Exportländern wie China und USA stabil?

Um die Euro-Krise in den Griff zu bekommen, sehen Forscher die Politik am Zug. "Wir versuchen, bei unseren Prognosen eine Entwicklung zu beschreiben, die vernünftiges politisches und wirtschaftliches Handeln unterstellt", sagt Jörg Hinze vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Um die Krise zu bewältigen, sei eine rasche Umsetzung der im Fiskalpakt vereinbarten Strukturreformen notwendig. Sollte sich aber die Krise verschärfen oder die Euro-Zone gar auseinanderbrechen, sei auch eine Rezession in Deutschland nicht auszuschließen, sagen die HWWI-Forscher.

Wenigstens muss sich die EZB trotz Zinssenkung derzeit keine Sorgen über die Teuerung machen. "Die aktuelle Inflationsgefahr in der Euro-Zone ist angesichts der Rezession minimal, und auch in Deutschland ist in diesem Jahr keine rauschende Konjunktur zu erwarten", sagt Ifo-Experte Carstensen.

Prognosen zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts

Prognose für 2012 (in %) Prognose für 2013 (in %)
Gemeinschaftsprognose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute 0,9 2,0
Wirtschaftsweise (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) 0,8
Bundesregierung 0,7 1,6
Bundesbank 1,0 1,6
OECD 1,2 2,0
EU-Kommission 0,7 1,7
Internationaler Währungsfonds (IWF) 1,0 1,4
Ifo-Institut München 0,7 1,3
Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel 0,9 1,7
Institut für Wirtschaftsforschung Halle 1,3 2,2
Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) 1,1 2,0
Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) 1,0 1,5
Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln 1,25 2,0
Kiel Economics Research & Forecasting 2,0 1,0
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) 1,0 1,9
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) 0,6 0,3

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
traurigewelt 05.07.2012
1. optional
Endlich mal auf den Punkt gebracht: Die Maßnahmen sollen nur den Banken helfen, kein anderer Profitiert davon
benn01 05.07.2012
2. Da stellt sich die Frage....
Was macht der Michel, wenn er keine Zinsen mehr auf seine Bareinlagen bekommt? Vermutlich stockt er Lebensversicherungen auf bzw. schließt weitere Bausparverträge ab. "Ganz Schlaue" lassen sich vielleicht auch EU-Projektbonds oder EU-Zukunftsbonds mit 50 jähriger Laufzeit aufschwatzen. :->
wibo2 05.07.2012
3. Der Fluch der niedrigen Zinsen...
Zitat von traurigeweltEndlich mal auf den Punkt gebracht: Die Maßnahmen sollen nur den Banken helfen, kein anderer Profitiert davon
Von Gipfel zu Gipfel geht es weiter in Richtung Abgrund... Weil die EZB jetzt die Zinsen senkt, setzt sie sich dem Verdacht aus, dass sie doch nicht so unabhängig und allein der Preisstabilität verpflichtet ist, wie sie es sein sollte. Durch die Niedrigzinspolitik der EZB könnte ein künstlicher Boom angefacht werden, der am Ende schädlich ist, wenn die Blase platzt. Noch mehr Schulden, noch mehr Haftung für die Steuerzahler. Die Zombie Banken werden so nicht gerettet. Den Sparern geht es schlecht damit. Lebensversicherungen und Krankenversicherungen leiden unter niedrigen Zinsen.
jopeter 05.07.2012
4. Subventionen für Misswirtschaft
Wenn Zinsen der Notenbank niedriger als die Inflationsrate sind, dann legt die Notenbank drauf, das bedeutet, die Notenpresse läuft bereits auf Hochtouren, die Geldentwertung wird gefördert und genauso reagiert jetzt auch der Kapitalmarkt: der Eurokurs fällt unmittelbar auf den Zinschritt.
WillausD 05.07.2012
5. .....
Tja gut dass die Vorstaende der Banken nicht Spiegel lesen - sondern Golf, Yacht und Andere hochprozentige Zeitschriften/Anzeigen. Um das naechste Schnaepchen zu machen. Und somit ziehen diese noch mehr (mit 0.75%) Pleiten ueber uns. Da unser System ohne den Banken nicht weiter kommt muessten alle Vorstaende mit Ihrem Eigentum haftbar gemacht werden damit wir keine neue Finanzkriese erleben muessen.
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