Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

EZB-Ratssitzung: Europas Notenbanker beschließen Minuszinsen

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Sparer werden bestraft Zur Großansicht
REUTERS

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Sparer werden bestraft

Die Europäische Zentralbank sendet ein radikales Signal an die Märkte: Die Notenbanker senken den Einlagenzins für Banken auf minus 0,1 Prozent und den Leitzins auf das Rekordtief von 0,15 Prozent. Außerdem kündigte die EZB weitere unkonventionelle Maßnahmen an.

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Leitzins auf ein Rekordtief gesenkt und erstmals einen negativen Einlagensatz beschlossen. Angesichts der zuletzt sehr niedrigen Inflationsrate wird der Zins, zu dem sich die Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen können, um 0,10 Punkte auf 0,15 Prozent gesenkt, wie die EZB am Donnerstag nach ihrer Ratssitzung in Frankfurt mitteilte.

Der Einlagensatz, zu dem Banken kurzfristig Geld bei der Notenbank parken können, wird erstmals in den negativen Bereich gedrückt. Er sinkt von bisher null Prozent auf minus 0,10 Prozent. Der Zins für kurzfristige Ausleihungen bei der Notenbank vermindert sich von 0,75 auf 0,40 Prozent.

EZB-Chef Mario Draghi wird die geldpolitischen Entscheidungen am Nachmittag erläutern, die Bank kündigte bereits weitere unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen an. Als wahrscheinlich gelten konditionierte Geldspritzen für die Banken, eine Aussetzung der Liquiditätsabschöpfung aus ehemaligen Anleihekäufen sowie eine Verlängerung der Vollzuteilung im Geschäft mit den Banken. Als entscheidend für die Marktreaktion gilt vor allem, wie sich Draghi zu der Möglichkeit breitangelegter Wertpapierkäufe äußern wird.

Mit dem Maßnahmenpaket reagieren die Notenbanker auf die seit Monaten sehr niedrige Inflation im Euro-Raum. Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und können so die Wirtschaft ankurbeln. Das stärkt in der Regel auch den Preisauftrieb.

Auch der negative Einlagenzins soll die Inflation antreiben: Er soll den Euro schwächen und so Importe verteuern. Zudem sollen Banken dazu gebracht werden, überschüssiges Geld nicht länger bei der EZB zu parken, sondern Verbrauchern und Unternehmen Kredite zu geben. Diese könnten investieren und so die Konjunktur beleben.

DIW-Chef lobt EZB-Entscheidung, warnt aber vor den Risiken

Im Mai war die Jahresteuerung im Euro-Raum auf 0,5 Prozent gesunken. Sie liegt damit deutlich unterhalb der Zielmarke der EZB von knapp unter 2,0 Prozent. "Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt", hatte Draghi erst in der vergangenen Woche gesagt. Der Grund: Der geringe Preisauftrieb schürt Sorgen vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise quer durch alle Warengruppen. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen und Anschaffungen in Erwartung weiter sinkender Preise hinauszögern. Das würde die ohnehin fragile Konjunkturerholung in Europa abwürgen.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, bezeichnete die Maßnahmen als symbolisch. "Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern maßgeblich verbessern, noch das Deflationsrisiko deutlich mindern", teilte Fratzscher mit. Er interpretiere die Entscheidungen aber "als Startsignal und Anfang einer neuen EZB-Strategie einer stärkeren geldpolitischen Expansion". Der DIW-Chef warnte aber auch vor den Risiken. Niedrigere Zinsen könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken.

Auch für Deutschland sei die weitere Lockerung der Geldpolitik, trotz großer Risiken, die richtige Entscheidung, weil eine Erholung der gesamten Euro-Zone und die Vermeidung einer Deflation gerade für die sehr offene deutsche Wirtschaft von enormer Bedeutung seien.

nck/dpa/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 237 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wäre
@de 05.06.2014
eine Idee mal langsam an einen Euro Ausstieg zu denken, weil was die machen ist einfach nur Wahnsinn in jeder Hinsicht.
2. Den MED-Staaten
ayberger 05.06.2014
wird billiges Geld völlig sinnlos hinterhergeworfen, daß sie gar nicht oder nicht sinnvoll einsetzenkönnen, weil sie ihre Hausaufgaben bisher nicht erledigt haben: REFORMEN!
3. ...
cato. 05.06.2014
Zitat von sysopREUTERSDie Europäische Zentralbank sendet ein radikales Signal an die Märkte: Die Währungshüter senken den Einlagenzins auf minus 0,1 Prozent und den Leitzins auf das Rekordtief von 0,15 Prozent. So sollen Unternehmen vor allem in Südeuropa wieder mehr Kredite bekommen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ezb-ratssitzung-a-973571.html
Also wird keine Bank ihr Geld mehr bei der EZB parken, sondern dieses schlicht und einfach in den eigenen Büchern parken oder entsteht dadurch für die Banken irgendein Nachteil den ich derzeit nicht sehe ? Warum das ein Anreiz sein soll Risiken einzugehen, die man vorher nicht eingehen wollte, sehe ich ehrlich gesagt nicht.
4.
Immanuel_Goldstein 05.06.2014
Zitat von sysopREUTERSDie Europäische Zentralbank sendet ein radikales Signal an die Märkte: Die Währungshüter senken den Einlagenzins auf minus 0,1 Prozent und den Leitzins auf das Rekordtief von 0,15 Prozent. So sollen Unternehmen vor allem in Südeuropa wieder mehr Kredite bekommen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ezb-ratssitzung-a-973571.html
Leute, Absurdität kennt keine Grenzen. Das ist eine offene Bankrotterklärung des Kapitalismus.
5. Oh je
ghauer 05.06.2014
da bin ich mal gespannt, was das mal wieder für den Otto Normalverbraucher bedeutet. Geldanlagen adé, Börsen drehen durch, Gold sinkt noch weiter, die Immobilienblase wird durch noch günstigere Kredite noch weiter aufgepustet. Wo führt das noch hin? Ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Geld machen soll. Vielleicht doch ein Mittelreihenhaus von 100qm für 500k EURO?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: