Vitor Constancio: EZB-Vize befeuert Spekulationen über Zinssenkung

EZB-Chef Draghi (li.), Vize Constancio (Archivbild): "Der Inflation gilt das Hauptaugenmerk" Zur Großansicht
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EZB-Chef Draghi (li.), Vize Constancio (Archivbild): "Der Inflation gilt das Hauptaugenmerk"

Am 2. Mai entscheiden die Währungshüter der Europäischen Zentralbank, ob sie den Leitzins weiter senken. Schon jetzt hat EZB-Vize Constancio neue Spekulationen darüber genährt: Ein solcher Schritt sei "stets eine Möglichkeit".

Frankfurt/Hamburg - Eine Zinssenkung könnte die Konjunkturerholung befeuern. Doch zuletzt sprach sich der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) Anfang April gegen einen derartigen Schritt aus. Jetzt aber hat EZB-Vizechef Vitor Constancio neue Spekulationen über eine baldige Zinssenkung im Kampf gegen die Rezession genährt.

Eine solche Entscheidung sei "stets eine Möglichkeit", sagte der Stellvertreter von EZB-Präsident Mario Draghi am Montag der Finanzagentur MNI. Die Jahresteuerung gehe "ziemlich deutlich" nach unten. "Und das ist natürlich ein wichtiger Faktor für uns, da der Inflation das Hauptaugenmerk gilt." Gleichzeitig sende die Wirtschaft weiterhin "Signale der Schwäche".

Nach Ansicht von EZB-Direktor Benoît Coeure hat es seit der jüngsten EZB-Zinssitzung Anfang April allerdings keine Anzeichen einer Erholung gegeben. "Wir werden alle verfügbaren Zahlen bewerten, wenn wir uns in Bratislava treffen", sagte der Geldpolitiker in Wien mit Blick auf die auswärtige Zinssitzung der EZB am 2. Mai in der slowakischen Hauptstadt. Dann werden die Währungshüter über die Zinssenkung entscheiden.

Der Euro gab nach der Äußerung leicht nach, da sie von den Märkten als weiterer Fingerzeig für eine geldpolitische Lockerung gewertet wurde. Am Nachmittag stand die Gemeinschaftswährung bei 1,3033 US-Dollar und damit etwas tiefer als am frühen Morgen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Referenzkurs gegen Mittag auf 1,3037 (Freitag: 1,3115) Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,7671 (0,7625) Euro.

"Wir haben nur noch wenig Munition übrig"

Konjunkturdaten vom US-Häusermarkt beeindruckten Investoren ebenso wenig wie das Verbrauchervertrauen der Eurozone. Vor der Veröffentlichung der Einkaufsmanager-Umfragen im Währungsraum am Dienstag bleiben Anleger in Deckung. Die Zahlen seien "enorm wichtig", kommentierten die Analysten der Commerzbank. Sollte das Barometer entgegen der Erwartungen der meisten Experten weiter fallen, dürften die Spekulationen über eine nahende Zinssenkung der EZB zunehmen. Das könnte den Euro kräftig unter Druck bringen.

Der niederländische Notenbankchef Klaas Knot mahnte jedoch, nichts zu überstürzen: "Wir haben nur noch wenig Munition übrig und müssen uns daher fragen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist", sagte das EZB-Ratsmitglied in Washington laut Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Bundesbankchef Jens Weidmann hatte jüngst gewarnt, Erwartungen an eine geldpolitische Lockerung sollten nicht "überdreht werden".

Im März war die Inflation so gering wie seit August 2010 nicht mehr. Mit 1,7 Prozent lag die Jahresteuerung deutlich unter der Zielmarke von knapp 2,0 Prozent, bei der die EZB Preisstabilität gewährleistet sieht. Angesichts des gedämpften Preisdrucks dürfte die EZB also Spielraum für eine geldpolitische Lockerung haben.

bos/Reuters/dpa

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1. Es ist gelungen
Europa! 22.04.2013
Zitat von sysopDPAAm 2. Mai entscheiden die Währungshüter der Europäischen Zentralbank, ob sie den Leitzins weiter senken. Schon jetzt hat EZB-Vize Constancio neue Spekulationen darüber genährt: Ein solcher Schritt sei "stets eine Möglichkeit". http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ezb-vize-vitor-constancio-befeuert-spekulationen-ueber-zinssenkung-a-895880.html
Die schwarz-gelbe Koalition hat in ihrem Sparwahn die Konjunktur abgewürgt. 1, 7 % Inflation. Jetzt geht's uns bald wie den Japanern, die verzweifelt darum kämpfen, die Deflation zu beenden. Die Leute mit den Hundert-Mark-Scheinen unter der Matratze machen die Wirtschaft fertig.
2. Nicht gut
Progressor 22.04.2013
Bei einem Leitzins von 1 % hat die EZB zunehmend Schwierigkeiten Geld in den Realmarkt zu drücken, wie die Herauslage der Tender über eine Billion Euro vor einem Jahr drastisch vor Augen geführt haben. Letztes Jahr wurde die Geldmenge um 4,6 % erhöht. Heraus kam ein Wachstum von -0,6 % und eine Inflationsrate von 1,7 % (Quelle: Eurostat). Wir nähern uns in der Eurozone einer Liquiditätsfalle. Wenn da noch eine Deflation dazu kommen sollte, ist es aus.
3. Deflationsbekämpfung
Flugor 22.04.2013
Zitat von ProgressorBei einem Leitzins von 1 % hat die EZB zunehmend Schwierigkeiten Geld in den Realmarkt zu drücken, wie die Herauslage der Tender über eine Billion Euro vor einem Jahr drastisch vor Augen geführt haben. Letztes Jahr wurde die Geldmenge um 4,6 % erhöht. Heraus kam ein Wachstum von -0,6 % und eine Inflationsrate von 1,7 % (Quelle: Eurostat). Wir nähern uns in der Eurozone einer Liquiditätsfalle. Wenn da noch eine Deflation dazu kommen sollte, ist es aus.
Deflation bekämpft man, indem die Geldumlaufgeschwindigkeit erhöht: Man erhöht also massiv die Steuern auf Gewinne/hohe Einkommen, versperrt den Fluchtweg der Steueroasen und stellt sicher dass Investitionen in _neue_ Dinge problemlos jene Steuer zu umgehen vermögen. Eventuelle staatliche Mehreinnahmen lenkt man in Infrastruktur (besser geschlossene Rohstoffkreisläufe, bessere Bildung/KiTa) und vermeidet diesen "wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht"-Ansatz. Also nix Betreuungsgeld und Kindergeld, sondern kostenlose KiTas, Schulen, Universitäten und Finanzierung der Rente anhand der Struktur des Volkseinkommens, etc. Der Liquiditätsfalle zu entkommen ist nicht schwer, wenn man die diese verursachende Mathematik beachtet.
4. Die Inflationsraten sind zu niedrig, weil das Inflationsziel nicht stimmt
ebehrens 23.04.2013
Weder Zinssenkungen noch die Aufblähung der Geldmenge durch den Kauf von Staatsanleihen bringen den erhofften Nachfrageschub. Dieser hängt vor allem von einer Erhöhung des Inflationsziels ab. Höhere Inflationsraten, die die Notenbank ankündigt ("unter, aber nahe 5%), sind wirkungsvoller als geringfügige Senkungen des nominalen Leitzinses, weil sie das kurzfristige Zinsniveau real betrachtet tief in den negativen Bereich drücken und damit die Strukturkurve der Realzinsen steil machen. – Ebenso verpuffen Ausweitungen der Geldmenge, wenn die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes wegen zu geringer Inflationserwartungen ständig weiter sinkt. Die Inflationserwartungen müssen so hoch sein, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes stabil bleibt. Dann wirken Änderungen der Geldmenge erst zuverlässig in die gewünschte Richtung. Die Krise der Staatsfinanzen in vielen Euro-Ländern ist nur zu bewältigen, wenn die Steuereinnahmen wieder steigen. Dies setzt einen raschen Konjunkturaufschwung in diesen Ländern voraus, der durch Ausweitung der Staatsnachfrage nicht mehr bewirkt werden kann. Strukturreformen bleiben wünschenswert, wirken aber erst nach Jahren. Also bleiben geldpolitische Konjunkturimpulse neuer Art die einzige Chance. Die Notenbanken vieler Länder hatten den Mut, die Geldbasis auszuweiten. Sie sollten einsehen, dass diese Politik gescheitert ist, weil sie selbst gleichzeitig hartnäckig an ihren zu niedrigen Inflationszielen festhielten. Die Fed macht seit Ende 2012 Lockerungsübungen. Die EZB hat schon vor 10 Jahren ihr Inflationsziel beziffert. Die Fed hat dies bis vor kurzem verweigert, ist dem Beispiel aber Anfang 2012 gefolgt. Es wird Zeit für eine Evaluation des EZB-Inflationsziels. Die Arbeitslosigkeit ist im Euro-Raum viel höher als in den USA, die fast immer höhere Inflationsraten hatten als der Euro-Raum. Höhere Inflationsraten verändern das Verhalten aller Bezieher von Geldeinkommen: Sie entscheiden unverzüglich, ob sie konsumieren oder sparen und wenn sie sparen, gehen sie wegen der Sorge um negative Realzinsen bei kurzfristiger Anlage gleich in den mittel- und langfristigen Anlagebereich oder sogar in Sachanlagen. Die Sparer ersparen den Banken die Sorge um die Fristentransformation und trocknen damit die Spekulationskassen aus. Eckhard Behrens, Heidelberg www.EBehrens.de www.humane-wirtschaft.de www.sffo.de
5.
uezegei 23.04.2013
Zitat von FlugorDeflation bekämpft man, indem die Geldumlaufgeschwindigkeit erhöht: Man erhöht also massiv die Steuern auf Gewinne/hohe Einkommen, versperrt den Fluchtweg der Steueroasen und stellt sicher dass Investitionen in _neue_ Dinge problemlos jene Steuer zu umgehen vermögen. Eventuelle staatliche Mehreinnahmen lenkt man in Infrastruktur (besser geschlossene Rohstoffkreisläufe, bessere Bildung/KiTa) und vermeidet diesen "wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht"-Ansatz. Also nix Betreuungsgeld und Kindergeld, sondern kostenlose KiTas, Schulen, Universitäten und Finanzierung der Rente anhand der Struktur des Volkseinkommens, etc. Der Liquiditätsfalle zu entkommen ist nicht schwer, wenn man die diese verursachende Mathematik beachtet.
UM GOTTES WILLEN! Mit so einem kommunistischen Teufelszeug dürfen Sie den "Eliten" doch nicht kommen... Vorsichtig, die sind sonst noch in der Lage, Sie in die Klappse zu stecken.
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.