Studie zu Niedrigzinsen Draghi entlastet Eurostaaten in Billionenhöhe

Mit Strafzinsen und Anleihekäufen will EZB-Chef Mario Draghi die Zinsen noch weiter drücken. Eine Studie zeigt, wie viel Geld Staaten wie Italien oder Spanien durch diese Politik sparen. Es geht um mehr als eine Billion Euro.

EZB-Präsident Draghi
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Nächste Woche könnte es wieder einen Mario-Draghi-Moment geben: Am Donnerstag will der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) seine neuesten Waffen im Kampf gegen Wirtschaftsflaute und fallende Preise präsentieren.

Eine Ausweitung des laufenden Programms zum Aufkauf von Staatsanleihen könnte dabei sein, ebenso wie noch höhere Strafzinsen für Banken, die ihr Geld bei der EZB parken. Mit allen Mitteln will Draghi die Zinsen drücken und die Unternehmen dazu bringen, auf Pump zu investieren. Koste es, was es wolle.

Mit exakt diesen Worten - "whatever it takes" - hatte der EZB-Präsident im Sommer 2012 einen Pfad betreten, dem er bis heute folgt. Damals, mitten in der Eurokrise, kündigte Draghi erstmals in der Geschichte der EZB ein potenziell unbegrenztes Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen an. Es ging darum zu zeigen, dass die Zentralbank auch unkonventionelle Mittel nicht scheut - und dass sie solange Gebrauch davon machen wird, bis sie ihr Ziel erreicht hat. Es war der wohl größte Draghi-Moment.

In der Eurokrise hat die unkonventionelle Geldpolitik gewirkt. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen von Staaten wie Italien oder Spanien, die zuvor drastisch gestiegen waren, gingen wieder zurück. Mittlerweile liegen die Renditen auf zehnjährige Staatspapiere dieser Länder deutlich unter zwei Prozent. Wann immer diese Staaten neue Schulden aufnehmen, können sie dies also zu sehr günstigen Finanzierungsbedingungen tun (siehe Grafik).

Die Analysten der DZ Bank haben in einer neuen Studie versucht zu berechnen, wie viel Geld die Euroländer dadurch gespart haben - und noch sparen werden. Denn der größte Effekt für die Staatshaushalte dürfte erst in den kommenden Jahren eintreten, wenn alte, hochverzinste Anleihen auslaufen und durch neue Niedrigzinspapiere ersetzt werden.

Die Ergebnisse sind erstaunlich:

  • Allein der Staatshaushalt Italiens wurde von 2012 bis 2015 durch den sogenannten Draghi-Effekt um rund 53 Milliarden Euro entlastet. Sollten die Renditen der Staatsanleihen auf dem Niveau von Ende 2015 bleiben, würden sich die Entlastungen bis 2022 auf knapp 670 Milliarden Euro addieren.
  • Auch Spanien profitierte gewaltig vom Draghi-Effekt: Bis Ende 2015 betrug die Entlastung laut den Berechnungen rund 25 Milliarden Euro. Bis 2022 könnte sie sich auf bis zu 300 Milliarden Euro summieren.
  • Für Deutschland ist der Draghi-Effekt dagegen deutlich geringer: Bisher konnte Finanzminister Schäuble laut den Berechnungen nur rund 9,5 Milliarden Euro Zinszahlungen sparen. Bleiben die Zinsen aber dauerhaft so niedrig wie Ende 2015, würde die Entlastung bis 2022 auf knapp 88 Milliarden Euro anwachsen. Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick in den Staatshaushalt: Im Jahr 2011 waren dort noch 74 Milliarden Euro für Zinszahlungen reserviert. Im Jahr 2022 wären es nur noch knapp 13 Milliarden Euro.
  • Bei Frankreich beträgt die Entlastung laut Studie knapp bis 2015 knapp sieben Milliarden Euro. Bis 2022 könnten es bis zu 178 Milliarden Euro werden (siehe Grafik).

Wer profitiert von der Draghi-Dividende?
Zusammengenommen dürften allein die vier größten Eurostaaten Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien bis 2022 mehr als 1,2 Billionen Euro sparen - immer vorausgesetzt, die Zinsen bleiben auf dem Niveau von Ende 2015. Doch selbst wenn sie ab 2017 wieder leicht stiegen, läge die Entlastung für die Haushalte der vier Länder immer noch bei rund einer Billion Euro.

Der Blick auf Deutschland zeigt allerdings auch, wie schwierig die Draghi-Dividende zu berechnen ist. Denn anders als bei Krisenländern wie Spanien oder Italien fielen die Renditen für Bundesanleihen schon lange vor Draghis "Whatever it takes"-Rede. Das lag vor allem daran, dass Investoren in Zeiten von Finanz- und Eurokrise eine sichere Anlagemöglichkeit für ihr Geld suchten - und glaubten, diese in deutschen Staatsanleihen gefunden zu haben. Entsprechend sanken die Zinsen auf die Staatspapiere - und mit ihnen auch die Finanzierungskosten.

Die Autoren der DZ-Bank-Studie haben versucht, diesen Effekt vom Draghi-Effekt zu trennen. Die Gesamtersparnis durch sinkende Zinsen setzen sie für Deutschland denn auch viel höher an: Allein bis 2015 beziffern sie die Entlastung auf 36,5 Milliarden Euro, bis 2022 könnte sie sich auf rund 339 Milliarden Euro summieren. Nur ein relativ kleiner Teil davon geht allerdings laut ihren Berechnungen auf die Draghi-Dividende zurück (siehe oben).

Zusammengefasst: Seit EZB-Präsident Mario Draghi im Sommer 2012 ankündigte, den Euro mit unbegrenzten Anleihekäufen zu retten, müssen vor allem Staaten wie Italien und Spanien sehr viel weniger Zinsen auf ihre Staatsanleihen zahlen. Die DZ Bank hat ausgerechnet, dass die Entlastung für die Haushalte der Länder bis 2022 mehr als eine Billion Euro betragen könnte.



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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
tomxxx 04.03.2016
1. Was für ein Blödsinn!
Wenn man seriös arbeiten würde, müßte dieser Ersparnis auch das Ausfalle der Kapitalertragsteuer gegengerechnet werden (ob das der einzige Punkt ist, weiss ich nicht). Aber wenn nicht mal das gemacht wird, dann zeigt es sich, dass das reine Propaganda ist. Deutschland zum Beispiel hat 2 Billionen Schulden und 4 Billionen Privatvermögen. Würde es darauf noch Zinsen geben, müßten diese versteuert werden. Unterm Strich kann man bei Deutschland davon ausgehen, dass wir draufzahlen!
Freidenker10 04.03.2016
2.
Tolle Werbung fürs schuldenmachen! Sind die Schulden, neben den Banken nicht der Grund für die Krisen? Jetzt werden die Probleme mit neuen Schulden gelöst, wenn auch billiger und das soll die Lösung sein? Die Banken zocken weiter und die Staaten verschulden sich weiter, tolle Strategie!!!
curiosus_ 04.03.2016
3. Nun ja, das ...
... verwundert nur wenn man dem: "Mit allen Mitteln will Draghi die Zinsen drücken und die Unternehmen dazu bringen, auf Pump zu investieren. Koste es, was es wolle." Glauben schenkt. was ich noch nie getan habe. Der einzige Sinn und Zweck des Draghischen Aktionismus ist es, dass die Zinsen für Staatsanleihen der maroden €-Staaten erträglich bleiben. Insolvenzverschleppung (ich weiß, Staatsinsolvenz gibt es offiziell nicht) mittels unerlaubter Staatsfinanzierung durch die EZB. Unter dem Deckmäntelchen der Inflationsratensteigerung. Dazu wäre aber die Nachfrageseite zu pushen, nicht die Angebotsseite. Das dürfte wohl jedem halbwegs intelligenten Mitteleuropäer einleuchten. Worunter ich auch Draghi einsortiere.
rkinfo 04.03.2016
4. Zuviel Anlagevermögen mittlerweile vorhanden
Wo früher wenige langfristige Anlagen bei großen Staatsschulden nötig waren üben heute private Altersvorsorge bis Rücklagen von Firmen bis Krankenkassen Druck auf die Zinsen aus. Die Schuldenbremse und echter Abbau der Neuverschuldung wird die Lage noch verschlimmern. Die Politik macht dazu weiteren Unsinn wie 3.000 bzw. 5.000 € Zuschuss für E-Autos statt EZB/KfW Nullzinskredite für die Fahrzeuge zu geben. Selbst Sozialleistungen könnte man heute als Nullzins-Kredite geben und in den Folgejahren Tilgungsausfälle in die Staatshaushalte einfügen. Hohe Unternehmensgewinne bedeuten ebenfalls dass aus den Gewinnen und nicht Krediten neu investiert wird. Die Möglichkeiten der Zentralbank EZB ist angesichts dieser Schieflage nun erschöpft. Minuszins bedeutet, dass Banken echtes Barheld im Tresor stapeln müssen was incl. Versicherungsprämie günstiger ist als Minuszins. Aber die EZB muss dafür schnell extra Banknoten für Dauerlagerung drucken.
Neapolitaner 04.03.2016
5. Querfinanzierung aus Deutschland
Da die wesentliche Kapitalquelle der Eurozone Deutschland ist (sowohl bezüglich monetärem als auch realem Kapital) , sind diese 1,2 Billionen zu einem großen Teil von den deutschen Sparern zu erbringen. Woran auch sämtliche kapitalgedeckten Alterssicherungen (Riester-Rente etc.) betroffen sind. Eine faktisch durch die EZB erzwungene Umverteilung.
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